Ein philosophisches Gespür für Schnee

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Ein philosophisches Gespür für Schnee

Von Eduard Kaeser, 04.12.2017

Was Schnee ist, meint jeder zu wissen. Aber wissen wir es wirklich? Die Eskimos haben ganz verschiedene Ausdrücke dafür. Das ist verwirrend, aber ein schöner Ausgangspunkt für eine philosophische Betrachtung.

Der Anthropologe Franz Boas wurde zu Beginn des letzten Jahrhunderts durch das Konzept der „Eskimosprache“ bekannt, mit dem er die Ansicht vertrat, die Inuit verfügten über 50 verschiedene Ausdrücke für Schnee.

Kulturrelativismus

Diese Ansicht, so umstritten sie bis heute ist, war sozusagen der Keim des modernen Kulturrelativismus, der Idee, dass verschiedene Kulturen und Ethnien ihre eigenen spezifischen Weltverständnisse entwickeln. Einen vorläufigen Höhepunkt verzeichnete diese Vorstellung in den 1940er Jahren dank der Studien des Linguisten Benjamin Lee Whorf über indianische Sprachen.

Sein Werk „Sprache, Denken, Wirklichkeit“, das erst postum publiziert wurde, gilt als Klassiker der Sprachethnologie und des Relativismus. Die Postmoderne der 1990er Jahre radikalisierte diesen Relativismus philosophisch, indem sie jeder Weltsicht das Recht auf „ihre“ Geltung einräumte. Daraus hat sich in letzter Zeit ein Vulgärrelativismus entwickelt, der offenkundig genug in der allgegenwärtigen Debatte um Fake News und alternative Fakten schwelt.

Die Krise der Wahrheit

Wir haben es hier mit einem dornigen philosophischen Problem zu tun, und Schnee eignet sich sehr gut als Anschauungsobjekt dafür. Bezeichnen wir es schlagzeilenpflichtig als Krise der Wahrheit. Gemäss einer weitverbreiteten Intuition bedeutet Wahrheit Übereinstimmung mit den Tatsachen. Zur Exemplifizierung dieser sogenannten Korrespondenztheorie der Wahrheit dient in philosophischen Kreisen gern der Beispielsatz „Schnee ist weiss“. Die Aussage „Schnee ist weiss“ ist genau dann wahr, wenn Schnee weiss ist.

Auf Anhieb klingt das recht unverfänglich, ja trivial. Aber der Satz ist ein philosophisches Tellereisen. So könnte der Inuit fragen: Von welchem Schnee redest du? Vom Abend- oder Morgenschnee, vom fallenden oder driftenden Schnee, vom Schnee, der auf meiner Kappe liegt, vom Schnee, der mit schwarzer Asche bedeckt ist? Linguisten charakterisieren die Sprachen der Inuit als polysynthetisch. Wendungen, für die wir mehrere Wörter brauchen, können sie in einen einzigen Ausdruck fassen. Angenommen, in einer Inuitsprache existieren Ausdrücke für Schnee-im-Abendrot, Schnee-im-Iglu-bei-Tag und Schnee-auf-dem-Asche-liegt. Im ersten Fall wäre also der Schnee rötlich, im zweiten bläulich, im dritten grau.

Sich im Kreis drehen

„Halt, halt!“, ruft man mir jetzt zu, du musst unterscheiden zwischen Schnee als Stoff „an sich“ und Schnee in seinen zahlreichen Erscheinungsformen. Es gibt den physikalischen Schnee und es gibt den sinnlichen Schnee. Ich frage zurück: Muss ich unterscheiden? Wer sagt denn, dass ich das muss? Hier beginnt das Problem nun wirklich stachlig zu werden. Im Physik- und Chemieunterricht lernen wir, dass Schnee „im Grunde“ aus Wassermolekülen besteht, die sich in zahlreichen kristallinen Konstellationen anordnen können. Für Menschen mit „westlicher“ Bildung ist diese Sicht beinahe kanonisch. Und warum? Weil die Wirklichkeit so ist, hört man dann oft. Aber diese Antwort dreht sich natürlich im Kreis. Warum ist die Wirklichkeit so? Weil Physik und Chemie sagen, sie sei so.

Wer sagt, „was ist“ und „wie es ist“?

Genau auf diese neuralgische Stelle legt der Relativist den Finger: Es geht nicht um Physik und Chemie, sondern um den Begriff der Wirklichkeit. Die Naturwissenschaften nehmen einfach das Mandat in Anspruch, für „die“ Wirklichkeit zu sprechen. Dabei handelt es sich auch „nur“ um eine Weltsicht, zwar um eine auf vielen Gebieten bewährte, aber nicht um eine, die den andern zu sagen habe, was sei. Warum spricht denn der Inuit, wenn er den Ausdruck Schnee-im-Abendrot verwendet, nicht auch von etwas Wirklichem, von etwas vielleicht, das meiner Aufmerksamkeit entgeht oder unter dem Mikroskop nicht zum Vorschein kommt? So lenkt Abendschnee vielleicht die Aufmerksamkeit weniger auf die Substanz Schnee als vielmehr auf den Zeitpunkt des Niederschlags und womöglich ist dieser Zeitpunkt mit besonderen Sitten und Bräuchen verbunden. Wir sind uns gewohnt, zu unterscheiden zwischen Schnee, wie er sich unter dem Mikroskop zeigt und dem ganzen kulturellen „Drumherum“. Und wenn es sich für den Inuit gerade umgekehrt verhielte?

Anmassende Universalisierung

An diesem Argument des Relativisten ist durchaus etwas dran. Es gibt die Tendenz der anmassenden Universalisierung, wie man sie nennen könnte. Man erklärt die Sprache, Ideen, Gepflogenheiten einer bestimmten Kultur oder Nation zur allgemeinverbindlichen Währung im Austausch der Menschen unterschiedlichster Art. Schon im 18. Jahrhundert trat der französische Schriftsteller Antoine de Rivarol auf den Plan mit seinem Buch „Über die Universalität der französischen Sprache“ (1783), worin er mit einiger Dreistigkeit dekretierte: „Was nicht klar ist, ist nicht Französisch. Was nicht klar ist, bleibt Englisch, Italienisch, Griechisch oder Latein.“ Oder man erinnert sich an den Witz über den französischen Sprachforscher desselben Jahrhunderts, der meinte, die Wörter „pain“, „sitos“, bread“, „Brot“ seien willkürliche Zeichen. Das französische „pain“ würde sich von den andern aber dadurch unterscheiden, dass das, was „pain“ bezeichne, auch wirklich pain sei.

„Die“ Natur gibt es nicht

Es geht nicht (nur) um die Franzosen. Anmassende Universalisierung findet sich eben auch etwa in den Naturwissenschaften, im angeführten Beispiel des Anspruchs auf die einzige massgebende Deutung des Schnees. Dieser Anspruch ist selber „westlicher“ Abkunft. Er gründet in der Absicht der naturphilosophischen Pioniere des 17. Jahrhunderts, das Studium der Natur auf das Fundament einer soliden materialistischen Weltansicht zu stellen. Der grosse Physiker und Chemiker Robert Boyle, Wegbereiter dieser Ansicht, sprach denn auch von der Materie als von „one catholick or universal matter common to all bodies“ („eine umfassende oder universelle Materie, die allen Körpern gemeinsam ist“).

Gemäss dieser Sicht hat die Materie ein paar sogenannt primäre Eigenschaften, die ihr „an sich“ zukommen. Ein Schneeball „hat“ z. B. Masse, geometrische Gestalt, Geschwindigkeit als primäre Merkmale. Seine Kälte, Anfühlbarkeit, sein rötliches Erscheinen im Abendlicht sind sekundäre Eigenschaften, die „nur“ für uns Menschen existieren. Das war zu Boyles Zeit nicht anmassend, sondern ein vielversprechendes neues Forschungsprogramm, das es gegen die alte Buchgelehrsamkeit durchzusetzen galt. Erst die grandiosen Erfolge dieses Programms haben in den nachfolgenden Jahrhunderten zur anmassenden Universalisierung verleitet, die Naturwissenschaften allein würden uns sagen, was „die“ Natur sei.

Schnee-Aufmerksamkeiten

Wahrscheinlich tut man am besten daran, das ganze Problem philosophisch zu entschärfen und anders in Angriff zu nehmen. Die Differenzen in unseren Sprachen betreffen quasi Unterschiede der Wahrnehmungskörnung. Eine Sprache mag feinkörniger sein, was Schnee angeht, grobkörniger, was Sand angeht. Und dies wiederum mag vom kulturellen Hintergrund abhängen. Aber das heisst nicht, dass die Sprecher dieser Sprachen von völlig verschiedenen Dingen reden oder sich gar in disparaten Welten befinden. Man braucht übrigens nicht zu den Inuit zu reisen. Man rede mit einem Indigenen aus den Bergen. Es kann vorkommen, dass er von Neuschnee, Altschnee, Wildschnee, Pappschnee, Sulzschnee, Warmschnee, Filzschnee, Faulschnee, Wildharsch, Bruchharsch, Griesel, Firnspiegel spricht ... Es handelt sich um unterschiedliche Sensibilitäten für eine Sache: Schnee-Aufmerksamkeiten, so wie es Wasser-, Holz-, Stein- und was weiss ich für Aufmerksamkeiten gibt. Sie halten unseren Weltzugang reich und lebendig, sprich: poetisch. Es gibt den Schnee des Physikers und es gibt den Schnee des Poeten. Manchmal ist es wichtig zu wissen, dass Schnee eine bestimmte kristalline Struktur hat, und manchmal ist es ebenso wichtig zu wissen, dass Schnee eine beruhigende Wirkung auf die Seele hat.

Die Macht, recht zu haben

Es gibt den universalistischen und den relativistischen Impuls in uns. Wir sollten letzteren trotz der gegenwärtigen Auswüche in den sozialen Medien nüchternen Auges betrachten. Im Grunde richtet er sich nicht gegen den Universalismus, sondern gegen den Besitzanspruch auf Wahrheit oder Geltung; gegen das Ausmerzen von alternativen Sichtweisen; gegen die „terribles simplificateurs“ angesichts heutiger komplexer Realitäten. All dies spricht mitnichten gegen Wahrheit als regulative Idee in der Forschung und in der demokratischen Debatte. Wir können uns an ihr anders orientieren. Wenn wir in der Sackgasse des So-ist-es-für-mich-und-so-ist-es-für-dich stecken, dann gibt es zwei Auswege. Entweder hat einer recht und der andere nicht. Diese binäre Situation ist charakteristisch für die Logik, nicht für das Leben. Hier gilt eher: Keiner hat „wirklich“ recht. Wir kennen das von Lessings Ringparabel her.

In diesem Fall gibt es wieder zwei Möglichkeiten: Der eine hat Macht, der andere nicht. Dann kann die Perspektive des einen die Perspektive des andern verdrängen oder unterdrücken, quasi zur „Sperrspektive“ für den andern werden. Vermehrung von Perspektiven hat deshalb etwas Befreiendes. Sie kann ein Gespräch fördern, das nicht vom Gedanken beherrscht ist: Einer bleibt am Ende als Sieger übrig, alle anderen auf der Strecke! – Genau das bedeutet es, ein philosophisches Gespür für Schnee zu entwickeln. Und hat man dieses Gespür erst einmal entwickelt, lässt es sich nicht nur auf Schnee anwenden.

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Kommentare

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Eine wunderschöne Umschreibung einer faszinierenden Thematik. Danke.
Da ich mich seit vielen Jahren intensiv mit den kognitiven Vorgängen beschäftige und arbeite, die beim „Verstehen“ von Sprache stattfinden, kamen mir beim Lesen Ihrer Zeilen etliche Gedanken:
Bei der Wahrnehmung der Bedeutung eines Wortes oder Wortkette im Kontext scheint unser Gehirn definitorische und assoziative Daten aus dem Gehirn abzurufen.
Im Beispiel Schnee:
der definitorische Teil könnte sein:
kälter als 2°C, mikroskopische Kristallstruktur, besteht aus Süßwasser, kompressibel u.v.a. …
assoziative Komponenten könnten sein:
Reinheit, Weite, Viel, boreale Regionen, warme Kleidung erforderlich, Süßwasser trinkbar,
Niederschlag, Bodenschichten, rutschig, … u.v.a.

Das praktische dieser Herangehensweise:
der definitorische Teil ist die wissenschaftliche Seite eines Begriffes;
der assoziative ist die -sozusagen- ethonlogisch / regionale / subjektive Seite.
Und ... über die Rationalität einer subjektiven Wahrnehmung zu diskutieren, macht ja keinen Sinn. Da hat jeder seine.
Die Spanier sprichwörteln: Über Ansichten gibt es keine Vorschriften.
Klar:
Für einen Beduinen reicht bei Schnee das definitorische Wissen. Viele Assoziationen zu Schnee benötigt er zum Überleben nicht.
Anders sieht es bei Schnee und Eskimos oder Bewohnern hochalpiner Regionen aus.
Eine einzige Fehleinschätzung der Schneekonsistenz, und das darwinsche Selektionsprinzip kann zuschlagen. (je nachdem in welche Richtung man sich Verschätzt. Oben: Lawine; Unten: hat der andere halt Pech gehabt)
Bei Sand wird es evtl. genau anders herum sein. Sich in der Wüste mit verschiedensten Sandarten auszukennen ist überlebenswichtig.
Schlecht wenn man da nur mit 5 definitorischen Aspekten unterwegs ist.
Z.B. bestimmte Sandarten und giftige Tiere (Skorpione, Schlangen, usw) gehen miteinander einher. Bei Schnee denkt kein Eskimo an Skorpione oder Giftschlangen … Der Beduine schon, er ist in der Sandwüste und Schnee verscheucht diese Viecher nicht.
Fazit: das Verstehen von Sprache ist eine sehr persönliche Angelegenheit. Natürlich wird sie durch regionale Ideosinkrasie und Sprachraum stark geprägt.
Dabei kommt wieder die alte Erkenntnis auf, in Sinne des konstruktiven Dissenses:
was ist richtig/wer hat Recht/wer bestimmt was richtig ist.
Nur die erste Komponente ist wissensbasiert. Die anderen machtbasiert. Wahrheit findet man nur über die Erste. Und meistens nur definitorisch. Über Assoziazionen einigen sich Gleichgesinnte traditionell schnell.
Die anderen (Recht haben, bestimmen) sind Merkmale der Politik. Welcher Politiker braucht schon zu wissen was richtig ist?
Hat er die Mehrheit, und die Medien, hat er die Wahrheit gepachtet, wenn nicht, negiert er sie - vorteilhafterweise auch mit den Medien- , sollte der Mehrheitsbesitzer die Wahrheit ausnahmsweise mal benutzen müssen.
Die Vielfalt und Überlebensfähigkeit (~Intelligenz) von Menschen (und Tieren) liegt in deren Fähigkeit das Richtige für ihr lokales Umfeld zu erkennen und langfristig geschickter für sich zu nutzen als ihre „Futterkonkurrenten“. Dabei in wichtigen Aspekten an Politiker zu delegieren, hat sich traditionell sowohl linguistisch, als auch wohlergehenstechnisch als Fehler erwiesen: Für über 90% der Menschen auf dem Planeten, und -vor allem- für 100% von Natur und Tieren. Komplexität (im kybernetischen Sinne) nehmen wir über das Assoziative wahr, wenn ein Mismatch zur persönlichen Realitätswahrnehmung stattfindet.
Die nächste Eiszeit wird’s schon richten … insofern hat Schnee eindeutig mehr Gewicht für den Planeten als Sand. Assoziativ gesehen.

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