Ein neues, ein besseres Italien schaffen

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Ein neues, ein besseres Italien schaffen

Von Heiner Hug, 01.03.2013

Enza Blundo, eine sympathische Frau, ist Mitglied von Beppe Grillos Bewegung «Cinque stelle». Jetzt ist sie in den Senat gewählt worden. Doch sie wusste nicht, wie viele Senatoren es gibt.

Die 48-Jährige aus den Abruzzen erzielte ein Glanzergebnis. Sie war Primarlehrerin und hat fünf Kinder. Jetzt zieht sie in den vornehmen Palazzo Madama in Rom ein. Dort tagt der italienische Senat mit all den noblen und altgedienten Senatori. Zwei Journalisten der RAI-Radiosendung «Un giorno da pecora» nahmen die Frisch-Gewählte in die Zange. «Wie viele Senatoren gibt es?», fragte einer. Nervös wippte Enza Blundo auf dem Stuhl hin und her. «300», sagt sie nach längerem Zögern. Leicht daneben. Es gibt 315.

«Und wie viele Abgeordnete gibt es in der Abgeordnetenkammer?» Antwort: «500 oder 600». Es gibt 630.

Niemand ist so verhasst wie die Politiker

Enza Blundo ist eine von 54 Grillini, die in den Senat gewählt wurden. «Grillini» (die kleinen Grillen) werden die Anhänger von Beppe Grillo genannt. Dazu kommen 108 «grillinische» Abgeordnete der grossen Kammer. Ein Erdrutsch-Ergebnis. Jeder vierte Italiener hat für Beppe Grillos «Movimento cinque stelle» gestimmt. Vor drei Jahren hat der Lockenkopf aus Nervi bei Genua seine Bewegung aus dem Boden gestampft. Heute ist sie die stärkste Einzelpartei. Ohne das Internet wäre diese Mobilisierung nicht möglich gewesen.

Grillo, der Schreihals, wirkt nicht immer sympathisch. Oft gibt er sich arg überheblich. Die Politiker und Journalisten bezeichnet er als «Faschisten, von denen ich mir nicht einmal den A. lecken lassen will.» Er poltert und schreit um sich – und trifft bei den Italienern einen Nerv.

Niemand ist in Italien so verhasst wie die Politiker. Sie gelten als eigensüchtig und aufgeblasen. Und viele sind es. Kein Politiker auf der Welt ist so gut bezahlt und hat so viele Privilegien wie der in Italien. Sie gelten als Hamster im Hamsterrad, stets in Bewegung, aber ohne Nutzen. Für das Land tun die wenigsten etwas. «Inzest-Kaste, die ihre Privilegien verteidigt», sagt Grillo. Laut einer Umfrage des Corriere della sera haben nicht einmal zwei Prozent der Italiener Vertrauen in die Politiker.

Ruhige, intelligente Menschen

Dann kam Beppe Grillo, und die Wut auf die Politik hat sich entladen. Zehntausende jubeln ihm zu. In Rom waren es letzte Woche hunderttausend.

Doch Grillo steht mit seinem Geschrei einsam auf den Podien. Die Basis jubelt, aber sie schreit nicht. Natürlich gibt es auch im Fussvolk der Bewegung schreiende Hetzer wie Grillo. Aber viele Grillini sind ruhige, intelligente Menschen, die aufrichtig ein neues, ein besseres Italien schaffen möchten. Menschen, die verzweifelt sind, weil sich nie etwas tut in diesem Land. Menschen, die genug haben von der Korruption, den Skandalen, den Lügen der Politiker – sie, denen das Land egal ist, die mit Blaulicht über die Strassen flitzen, die teuersten Restaurants besuchen und dann im Parlament einschlafen.

Die meisten der Grillini meinen es ernst. Ihr Wille zu einem Neuanfang eint sie. Doch ausser dieser Klammer haben sie wenig gemeinsam. Keine Bewegung ist so heterogen wie sie. Jeder Grillino hat wohl seine eigene Philosophie, seine eigene Vorstellung, wie alles besser werden könnte.

«Flower Power», «Gutmenschen»

Viele haben erst jetzt begonnen, sich mit der Politik und ihren Möglichkeiten zu befassen. Nie hätten sie sich erträumt, einer Bewegung anzugehören, die plötzlich politisches Gewicht hat.

Nie hätten sie sich erträumt, plötzlich Senatorin oder Abgeordneter zu sein.

Spricht man mit ihnen, vor allem mit den Jungen, spürt man einen fröhlichen Enthusiasmus. Natürlich werden sie von den etablierten Kommentatoren und Politikern in die naive Ecke gestellt. «Vor einem halben Jahr wusste er noch nicht, was ein Senator ist, heute ist er einer», spottet ein Aktivist einer grossen Partei. «Gutmenschen» seien sie, «Flower Power», «Hippies», «Träumer», «Basisdemokraten». Und vor allem: der harten Politik nicht gewachsen.

Das sind sie sicher nicht, oder noch nicht. Ihr Erfolg kam so überraschend, dass sie fast erschraken. Jetzt müssen sie sich zuerst einmal organisieren.

Von den alten Profis an die Wand gefahren?

Am Tag nach ihrem grossen Sieg veranstalteten sie eine Pressekonferenz in einem Hotel im Römer Stadtzentrum. Um 14.00 Uhr hätte die Veranstaltung beginnen sollen. Einige strahlende Grillini standen hilflos herum. Wer soll auftreten, wer soll im Namen der Bewegung sprechen? Sie wussten es noch nicht, sie diskutierten, diskutierten sehr lange. Dann wurde ein Tisch hervorgeholt. Die Journalisten mussten sich akkreditieren. Wie geht das? Es ging dann irgendwie. Grosse Fernsehstationen waren gekommen. Es war schwierig zu unterscheiden, wer Journalist und wer Grillino war. Eine Reporterin einer ausländischen Fernsehstation wird von einer andern Reporterin gefragt, ob sie ihr ein Interview gebe. Warum? «Sie sind doch Grillo-Aktivistin.» – «Nein, ich bin Journalistin wie sie.»

Einen der Grillo-Aktivisten treffen wir am nächsten Tag in einem Café beim Bahnhof. Er ist einer von 8,2 Millionen Italienern, die für Grillo gestimmt haben. Er hat in Bologna und Rom studiert, ist 34 Jahre alt, ist Apotheker. Eine gepflegte Erscheinung. Er spricht ruhig in wohlformulierten Sätzen. Wie ein Kind freut er sich über den Sieg. «Haben sie nicht Angst, von den alten Profis an die Wand gefahren zu werden?» – «Nein, die alten Profis werden es versuchen, aber wir haben ihnen etwas voraus: die Begeisterung, die Kraft des Neuen. Die andern sind doch alle abgewirtschaftet.»

Noch braucht die Basis Grillo

«Was wollen sie erreichen? Grillo sagt doch zu allem Nein, Nein, Nein. Er will keine Koalition eingehen, keine Kompromisse machen. Da erreicht man doch nichts.» – Antwort: «Wir sagen nur zum verkrusteten Establishment nein, wir sagen Ja, dass der Beamtenapparat abgebaut wird, Ja zu einer richtigen Umweltpolitik, Ja zu einer radikalen Förderung des öffentlichen Verkehrs, Ja zu mehr Föderalismus innerhalb Italiens, Ja, dass die Löhne der Parlamentarier gekürzt werden.»

«Und Ja, dass Italien die Lira wieder einführt?» Er lächelt. «Das sagt Grillo, ich bin für die Beibehaltung des Euro. Wir gehören zu Europa.» Offenbar unterstützen viele in der Bewegung keineswegs alle Forderungen von Beppe Grillo.

Doch sie brauchen ihn. Er selbst sitzt nicht im Parlament, er liess sich gar nicht erst aufstellen. Aber er zieht die Fäden. Wie ein rabiater APO-Aktivist mischt er sich jetzt ins Gerangel um eine neue Regierung. Da weder die Linke noch die Rechte eine Mehrheit im Parlament eroberten, wird Grillo umworben wie die schönste Frau im Dorf. Noch folgt ihm die Basis.

«Die Piraten – diese Wohlstands-Lümmel»

Im Ausland werden die Grillini oft mit den deutschen Piraten verglichen. Doch von ihnen halten die Grillini wenig. Das sind «Wohlstands-Lümmel», sagt der Apotheker. «Die wollen nur Klamauk, wir wollen konstruktiv sein.» Was einem schwer fällt zu glauben, wenn man Grillos Tiraden hört.

Das Movimento hat noch keinerlei Strukturen. Hierarchie ist verpönt. Wie soll man sich organisieren? Wie kommunizieren die verschiedenen lokalen und regionalen Gruppen miteinander? «Das prüfen wir jetzt, das muss jetzt langsam wachsen.» Das wichtigste Mittel, um sich zu vernetzen und gemeinsam im Gespräch zu bleiben, wird das Internet sein.

Das phantastische Resultat der Grillini hat zwar die grossen Parteien aufgerüttelt. Doch schockiert sind sie nicht. Es wird viele Jahre dauern, bis die Bewegung wirklich gefährlich wird – wenn sie nicht schon vorher auseinanderbricht. Was geschieht, wenn die Grillini mit der kruden Realität konfrontiert werden: mit dem hartgesottenen Parteiapparat von Berlusconi zum Beispiel?

Bei den grossen Parteien und den Polit-Profis herrscht Gelassenheit. Die alten Hasen sind überzeugt: Wir werden die Grillini aussitzen.

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Sehr geehrter Herr Zalka, danke für den Hinweis. Das war ein blöder Verschreibfehler. Sorry. Ich hab es korrigiert. Beste Grüsse Heiner Hug

Ehm. Das Abgeordnetenhaus hat 630 Mitglieder (nicht 530). ;-)

Nun, da unterscheidet sich die Neo Politikerin nicht von Obama, der kannte die genaue Zahl der Staaten der USA in einem Interview auch nicht

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