Ein Grundton der Beunruhigung

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Ein Grundton der Beunruhigung

Von Urs Meier, 09.10.2017

Die Malerei der Neuen Sachlichkeit aus der Zwischenkriegszeit ist als Stilrichtung heute wenig präsent. Das Museum Oskar Reinhart stellt sie nun auf den Prüfstand.

Eine der Folgen des Ersten Weltkriegs war die Destabilisierung im überlieferten Wertgefüge der westlichen Welt. Ein unvorstellbares Ausmass an Grausamkeit und Zerstörung war von kriegführenden Ländern verübt worden, die sich stolz als „Kulturnationen“ verstanden. In der Folge war das geistige Erbe der vorangegangenen Jahrhunderte in seiner Geltung als Basis der Gesellschaft schwer erschüttert.

Wichtige Strömungen der Kunst hatten das Beben frühzeitig angekündigt. Aufbrüche zu neuen Themen, Formen und Stilen hatten schon im „Fin de siècle“ begonnen und sich im frühen 20. Jahrhundert radikalisiert. In und nach der Katastrophe des grossen Kriegs sahen viele gerade auch die Kultur an einem Nullpunkt. In Musik, Schriftstellerei und bildender Kunst kam es zu radikalen Neuansätzen. Sie definieren bis heute die Spannweite künstlerischer Ausdrucksformen.

Seither ist in der bildenden Kunst die Ästhetik des Abbildens aufgebrochen durch Reflexion und Abstraktion. Die einst selbstverständlich gebotene naturalistische Malweise steht nun neben expressiven und konstruktiven Stilen. Neue Medien wie Ready Mades und Installationen haben die bildnerischen Mittel erweitert. Seit hundert Jahren bewegt sich das visuelle Gestalten in einem entgrenzten Raum des Vorstellbaren, wie dies in ähnlicher Weise auch etwa in den Naturwissenschaften der Fall ist.

In der Nähe des Surrealismus

Die in der Zwischenkriegszeit entstandene Malerei der „Neuen Sachlichkeit“ wird oft als Gegenbewegung zu diesen modernen Aufbrüchen gesehen, als ein Zurück zur figurativen, die Natur abbildenden Kunst. Die Ausstellung „Neu. Sachlich. Schweiz.“ im Museum Oskar Reinhart gibt Gelegenheit, diese Einschätzung zu überprüfen. In der Tat ist eine neue Bewertung und Einordnung fällig. Eine Überblicksschau der Schweizer Neusachlichen hat es seit vierzig Jahren nicht mehr und in dieser konsequenten Ausrichtung noch gar nie gegeben.

Konsequent zu sein bei Erfassung und Abgrenzung der Neuen Sachlichkeit ist allerdings schwierig. Die unter diesem Label gezeigten Künstler (ja, es sind alles Männer) haben sich nie als Gruppe formiert und ihr Verständnis von Malerei nicht selber formuliert. Gemeinsam ist ihnen das Figurative, das altmeisterlich Handwerkliche, der Hang zum Linearen und Überdeutlichen, auch zum Nüchternen und Kühlen.

Die Bildthemen sind vorzugsweise unspektakulär, oft in biedermeierlich anmutender Weise alltäglich und privat. Bei einzelnen Exponenten zeigen sich Naturschwärmereien und Heimatidyllen, die man nur mit wohlwollend historischer Einfühlung noch goutiert. Bei Porträts und Stillleben hingegen vermögen etliche der neusachlichen Bilder unmittelbar anzusprechen.

Die Malweise ist meist ganz auf das Dargestellte ausgerichtet, ohne symbolische Aufladung. Doch ebendiese Fokussierung auf das rein Dingliche erzeugt fliessende Grenzen zum Surrealismus oder Magischen Realismus auf der einen und zur Naiven Malerei auf der anderen Seite. Manchmal, etwa bei Niklaus Stoecklin oder Adolf Dietrich, scheinen gar alle drei Stilrichtungen – die neusachliche, surreale und naive – zu verschmelzen. Auch expressionistische Sichtweisen sind einem Stoecklin nicht fremd, wie sein frühes Selbstporträt beweist (Abbildung ganz oben). In seinem Œuvre hat er, der unter den in Winterthur gezeigten Künstlern wohl prominenteste Neusachliche, die Variationsbreite dieses Stils bei Motiven und Malweisen am vollständigsten abgedeckt.

Schon in der Treppenhalle des Reinhartmuseums begegnet man dem grossformatigen Stoecklin-Werk von 1940 „Die neue Zeit / Chemiebild“. Es reiht am unteren Bildrand ein Arsenal von Laborapparaturen auf. Sie stehen als surreales Arrangement vor einem fast bildfüllenden Fenster, hinter dem ein schwefelgelber Himmel nach oben ins Blau changiert und ein paar Sterne erkennen lässt. Das Chemie-Thema ist durchaus nicht klar von alchimistischen Visionen abgegrenzt. Virtuos gemalt, zeigt das Bild auch Stoecklins phänomenales Talent als Grafiker. Das Reinhartmuseum dokumentiert mit einer Reihe von Plakaten die Fruchtbarkeit des neusachlichen Stils gerade auch für die angewandte Kunst eindrücklich.

Meister der Porträtkunst

Eindrucksvoll sind die Beweise malerischen Könnens auch bei – neben Stoecklin – zwei weiteren Baslern: Theodor Barth und Fritz Paravicini. Von Barth sind packende (Selbst-)Porträts und ein artistisches Arrangement von Glaskugeln zu bewundern, die sich gegenseitig kompliziert reflektieren und den malenden Künstler im weissen Handwerkerkittel mehrfach spiegeln. Paravicini wiederum setzt mit nicht minder ausgefeilter Technik ein einfaches Tintenfass hinreissend in Szene.

Fritz Paravicini (1896–1934): Tintenfass, 1931, Öl auf Leinwand, 27x32 cm, Sammlung Peter Suter, Foto: SIK-ISEA (Philipp Hitz)
Fritz Paravicini (1896–1934): Tintenfass, 1931, Öl auf Leinwand, 27x32 cm, Sammlung Peter Suter, Foto: SIK-ISEA (Philipp Hitz)

Als herausragender Porträtist fällt Fritz Schmid auf. Er hat Männer aus Zürichs Unterwelt gemalt und gezeichnet. Sein 1925 entstandenes Ölbild „Bildnis von Heinrich M.“ könnte neben Porträts von Hodler oder van Gogh bestehen. Seine drei grossformatigen Bleistift-Porträts aus dem gleichen Jahr (die Bildnisse von Walter Sch., Horst H. und Emil K.) zeigen verschlossene, misstrauische junge Männer, die er im Obdachlosenasyl angetroffen und mit eindringlichem menschlichem Interesse dargestellt hat. Schmids Zeichnungen zählen zu den Spitzenwerken der Ausstellung. 

Den Saal mit Zeichnungen und Grafiken der Neusachlichen sollte man sich ohnehin nicht entgehen lassen. Es scheinen hier verstärkt auch soziale Themen auf, die bei der – angesichts der gesellschaftlichen Realitäten der Zwischenkriegszeit – im übrigen erstaunlich „unpolitischen“ Tendenz der neusachlichen Malerei sonst fast ganz ausfallen.

Fritz Schmid (1898–1979): Bildnis von Heinrich M., um 1925, Öl auf Leinwand, 54x45,5 cm, Privatbesitz, Foto: SIK-ISEA Zürich
Fritz Schmid (1898–1979): Bildnis von Heinrich M., um 1925, Öl auf Leinwand, 54x45,5 cm, Privatbesitz, Foto: SIK-ISEA Zürich

Zu den Schweizer Vertretern der Neuen Sachlichkeit zählen auch eine Handvoll Romands, so die Brüder François und Aimé Barraud, Théophile Robert und Charles Humbert. Es ist zu spüren, dass sie an anderen Vorbildern als die Deutschschweizer, etwa am französischen Realismus und der Ingres-Schule, orientiert sind. Auch Einflüsse von Cézanne, Rousseau Le Douanier, Léger und anderen Franzosen sind erkennbar. Was Neusachliche beider Landesteile verbindet, das sind die Hochschätzung des Handwerklichen und die Referenzen auf Bildkonventionen sowohl der Gotik wie des niederländischen Golden Age.

Die rund hundert Werke der Winterthurer Ausstellung erschliessen die Vielgestaltigkeit der Schweizer Neuen Sachlichkeit, von der selbst Kunstinteressierte in der Regel nur punktuelle Kenntnisse haben. Die Schau hält Entdeckungen bereit. Sie zeigt eine Stilrichtung, die in bewusster Abwendung von den modernen Hauptströmungen ihrer Zeit eine eigenständige Antwort gab auf die kulturelle Verunsicherung. Die Neusachlichen nehmen zwar Bezug auf ältere und jüngere Traditionen der Malkunst, aber sie tun es als Exponenten ihrer Zeit. Die Irritationen einer in den Grundfesten erschütterten Welt vibrieren auch in ihren auf den ersten Blick konventionellen Bildern, und zwar selbst da, wo es den Malern rein um Kunst im Sinne der Kunstfertigkeit zu gehen scheint. Einzelne von ihnen malten wohl in diesem Sinne „naiv“; die meisten Vertreter der Neuen Sachlichkeit jedoch waren dem Störenden und Beunruhigenden, das wie ein Grundton im Zeitempfinden rumorte, immer wieder bewusst auf der Spur.

Museum Oskar Reinhart, Winterthur: Neu. Sachlich. Schweiz. Bis 14. Januar 2018

Zur Ausstellung ist ein wissenschaftlicher Katalog erschienen mit lesenswerten Beiträgen der Kuratoren Andrea Lutz und David Schmidhauser.

Kommentare

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Da gibt es noch eine Kunst, die Ihre!
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