E. M. Forster – nicht nur ein grossartiger Autor

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E. M. Forster – nicht nur ein grossartiger Autor

Von Alexis Schwarzenbach, 27.09.2010

Von Alexis Schwarzenbach Eine neue Biographie beleuchtet das Leben des britischen Schriftstellers E. M. Forster. Die Amerikanerin Wendy Moffat rückt seine Homosexualität in den Mittelpunkt. Zu recht.

Biographien sind Knochenarbeit. Im Fall des Schriftstellers E. M. Forster, Autor von Howards End, Room with A View und A Passage to India, gilt dies ganz besonders, denn Forster hat verfügt, dass von seinem Nachlass keine mechanischen Reproduktionen hergestellt werden dürfen. Statt Fotokopien seines auf mehrere Bibliotheken in England und den USA verteilten Nachlasses bestellen zu können, müssen sich Forscherinnen und Forscher vor Ort begeben und jeden Brief, jedes Tagebuch und jede Fotografie in die Hand nehmen und auf ihren biographischen Gehalt prüfen.

Die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Wendy Moffat hat sich die nötige Zeit genommen und in zehn Jahren ein beeindruckendes Buch geschrieben. Statt wie frühere Biographen fokussiert sie nicht auf die relativ kurze, produktive Schaffenszeit zwischen 1905 und 1924, in der alle sechs Romane des Autors entstanden sind, sondern widmet ihre Aufmerksamkeit auch den späteren Jahrzehnten – Forster starb erst 1970, mit 91 Jahren. Sein Verstummen als Romanschriftsteller nach der Publikation von A Passage to India 1924 deutet Moffat als logische Folge von Forsters Homosexualität, die sie denn auch in den Mittelpunkt ihrer Darstellung rückt.

Literarisches Verstummen

Zwar vergisst die Autorin zu erwähnen, dass es sich Forster ab den 1920er Jahren dank des kommerziellen Erfolgs seiner Romane und einiger Erbschaften leisten konnte, nicht mehr zu publizieren. Doch hat Wendy Moffat zweifellos Recht, wenn sie die zahlreichen Selbstzeugnisse des Autors in Bezug auf sein literarisches Verstummen ernst nimmt. Besonders in seinem bis vor kurzem nicht zugänglichen „verschlossenen Tagebuch“ verweist Forster immer wieder darauf, dass er die Texte, die ihm wirklich am Herzen lagen, nicht veröffentlichen konnte. “I should have been a more famous writer if I had written or rather published more,” notiert er sich 1964, “but sex has prevented the latter.”

Da die männliche Homosexualität in Grossbritannien bis in die 1960er Jahre hinein kriminalisiert war, hielt der 1879 geborene Schriftsteller seine schwulen Texte zeitlebens für „unpublizierbar“, allen voran den bereits vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen Roman Maurice. Die erste homosexuelle Liebesgeschichte mit Happy End erschien folglich erst 1971, ein Jahr nach Forsters Tod. Es ist ein zentrales Anliegen von Moffats neuer Biographie zu zeigen, wie E. M. Forster in dem halben Jahrhundert nach der Niederschrift seiner schwulen Utopie ständig versuchte, das Glück von Maurice Hall und Alec Scudder in seinem Privatleben Realität werden zu lassen.

Erste Liebe in Alexandrien

Seine ersten sexuellen Erfahrungen machte Forster während des Ersten Weltkriegs in Ägypten. In Alexandrien arbeitete er für das Rote Kreuz und verliebte sich in den etwa siebzehnjährigen Tramkontrolleur Mohamed el Adl. Nach dessen frühen Tod stürzt sich der nach England zurückgekehrte Forster in zahlreiche Affären mit jüngeren Männern aus der Arbeiterschicht. Trotzdem bleibt er immer auf der Suche nach Mr. Right, der ihm schliesslich 1930 in Form des Polizisten Bob Buckingham begegnet. Auch wenn die Beziehung zu dem über zwanzig Jahre jüngeren, verheirateten Buckingham alles andere als konfliktfrei verlief, war sie für Forster die Erfüllung eines hartnäckig verfolgten Lebenstraums.

Wie schon zuvor bei seiner Beziehung zu Mohammed el Abd war es Forster ein grosses Anliegen, Bob Buckingham in seinen Freundeskreis zu integrieren. Moffat zeigt dies nicht nur anhand von Briefen und Tagebucheinträgen, sondern auch indem sie die Fotos analysiert, die Forster von sich und seinem Geliebten herstellen liess. Denn wie für andere Homosexuelle seiner Generation war das fotografische Bild auch für E. M. Forster ein zentrales Mittel zur Festigung der eigenen Identität. Meine Urgrossmutter Renée Schwarzenbach-Wille (1883–1959) legte ganze Fotoalben an, in denen sie nur Aufnahmen von sich und ihrer langjährigen Geliebten Emmy Krüger aufnahm.

Fotografische Zweisamkeit

Die schönsten Passagen von Moffats Buch berichten von Forsters Stolz, als er englischen Freunden aus Alexandrien eine Fotografie Mohameds schickt, der sich einmal auch in der Rot-Kreuz Uniform seines britischen Geliebten ablichten liess. Oder wie er sich, Jahrzehnte später, in New York zusammen mit Bob Buckingham vom Modefotografen George Platt-Lynes porträtieren lässt. Die Aufnahmen des ansonsten extrem unfotogenen Schriftstellers, den der Historiker des Bloomsbury-Kreises, Lytton Strachtey, abschätzig „die graue Maus“ nannte, zählen zu den besten, die von E. M. Forster je gemacht wurden. Bob sieht auf den Aufnahmen aus wie ein Filmstar und Morgan wie der Mann, dessen vielleicht grösster Roman sein Leben war.

Wendy Moffat, E. M. Forster. A New Life, 416 Seiten, Bloomsbury: London 2010, ca. 40 Franken

Kommentare

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Das tönt ja wie Aerchologie! Das sich Schwule noch outen müssen? Warum outen sich Zeitgenossen(innen ) nicht als frustrierte mit Botox und Antiaging behandelte konsumfixierte sexbesessene, die Jugendliche beneiden aber der amerikanischen Sexinquisition zum Opfer gefallen sind? Ist doch auch wiedernatürliches Verhalten oder?

Vielen Dank für diese aufschlussreiche Besprechung, die endlich wieder mal hervor holt, was alles in Trümmern von Totschweigen begraben war. (P.T. - schwuler Buchhändler seit 1977)

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