Dumm gelaufen

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Dumm gelaufen

Von Stephan Wehowsky, 06.03.2018

In seinem Buch „Träumer“ schildert Volker Weidermann die Münchner Räterepublik. Dichter und Denker hatten damals die besten Ideen und sind jämmerlich gescheitert.

Der Erste Weltkrieg hatte mit seinem katastrophalen Verlauf und der vernichtenden Niederlage Deutschlands ein politisches Klima geschaffen, in dem für kurze Zeit die Möglichkeit einer ganz neuen politischen Ordnung aufleuchtete. Das war die Stunde der Schriftsteller. Sie sahen die Chance, ihre Ideale zu verwirklichen.

Hautnahe Beschreibung

Der Bestsellerautor Volker Weidermann schildert die damalige Stimmung hautnah. In München gärte es. Ende 1918 war der König von Bayern gestürzt worden, und es hatten sich revolutionäre Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Aber es war völlig unklar, wie es weitergehen sollte.

In dieser Situation gelang es dem Journalisten Kurt Eisner, während einer Massenversammlung auf der Münchner Theresienwiese die Stimmung zu erfassen und zu artikulieren. Schlagartig wurde er als neuer revolutionärer Führer angesehen und im Bayerischen Landtag zum ersten Ministerpräsidenten der bayerischen Republik bestimmt.

Aber die Euphorie hielt nicht lange an. Schnell stellte sich heraus, dass Eisner mit seinen wunderbaren Reden zwar die Zuhörer geradezu berauschen konnte, aber er hatte weder politische Konzepte noch geeignete Mitarbeiter. Gegner allerdings gab es zuhauf. Sie reichten von den Kommunisten bis in das Bürgertum. Ende Februar 1919 wollte Eisner seinen Rücktritt erklären. Auf dem Weg in den Landtag wurde er von Anton Graf von Arco auf Valley erschossen.

Geldtheorie

Diese äusseren Umstände und Abläufe wären heute kaum noch von Interesse, wenn Volker Weidermann nicht einen vielstimmigen Chor, der aus den damaligen Poeten und Denkern bestand, zum Klingen bringen würde. Da gab es den Anarchisten Gustav Landauer, den Antimilitaristen Erich Mühsam, den Geldtheoretiker Silvio Gesell und die zahllosen Lebensreformer, die damals zum Teil am Monte Verità bei Ascona lebten und von sich Reden machten. Diesen stand wiederum Hermann Hesse nahe, aber auch Rainer Maria Rilke besuchte politische Versammlungen in den Theatern und den Bierkellern von München und war davon schwer beeindruckt.

Auch Thomas Mann hatte für diese Bewegung, zu der ja auch Oskar Maria Graf gehörte, am Anfang durchaus Sympathien, auch wenn er am 13. April 1919 – nach dem Scheitern der Räterepublik – in seinem Tagebuch zu dem Urteil kam: „Ich hasse die verantwortungslosen Verwirklicher, die den Geist kompromittieren, wie die Burschen, die für diesmal abgewirtschaftet haben. Ich hätte nichts dagegen, wenn man sie als Schädlinge erschösse, was man aber zu thun sich hüten wird.“

Scheitern an der Realität

Tatsächlich kam es bei der Niederwerfung der Münchner Räterepublik zu Massakern, die einige Hundert Opfer forderten. Wodurch aber hatten die „Verwirklicher“ den „Geist kompromittiert“? Während Thomas Mann diese Notiz niederschrieb, hatte er die Arbeit an seinem „Zauberberg“ wieder aufgenommen: eine einzige riesige Diskussion. Schon 1918 hatte er Gustav Landauers „Aufruf zum Sozialismus“ gelesen und war davon beeindruckt. Mit Hermann Hesse war er befreundet und Oskar Maria Graf begegnete er zumindest mit Wohlwollen und Sympathie.

Ohne sich auf Thomas Mann zu kaprizieren, arbeitet Volker Weidermann in sorgfältigen Beobachtungen heraus, warum der politische Traum der Dichter und Denker in der Realität zum Scheitern verurteilt war: Sie wollten Politik machen, ohne durch die lästigen Fragen nach der konkreten Umsetzung belästigt zu werden. Sie lehnten jede Unterstützung durch „Bürokratie“ ab. Landauer wollte alle Schulen radikal umbauen, und zwar sofort, aber er hatte keine Idee, wie das in der Praxis funktionieren sollte.

Geld ohne Zinsen

Silvio Gesell wiederum wollte gleich ein ganz neues Geldsystem einführen, weil er erkannt zu haben glaubte, dass Zinsen die Wurzel des Kapitalismus seien und der Kapitalismus das Grundübel der Zeit darstelle. Er schrieb deswegen auch gleich an Lenin, aber sein Brief kam ungeöffnet zurück. Dafür schickte Lenin jede Menge Funktionäre nach München, die wiederum nichts mit den Idealisten und Anarchisten am Hut hatten.

Eine Pointe: Die Theorie von Silvio Gesell, die er 1916 im Selbstverlag unter dem Titel „Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ herausgebracht hatte, nimmt sich heute wie eine der vielen Spinnereien aus, die damals im Umlauf waren, etwa die Idee, die Menschheit durch Vegetarismus oder den Verzicht auf Kaffee und Alkohol zu retten. Aber die Idee der negativen Zinsen, die den Kern der Geldtheorie von Silvio Gesell ausmachte, wurde von John Maynard Keynes durchaus anerkannt. Und 2014, notiert Weidermann, hat das Direktoriumsmitglied der Eurpäischen Zentralbank, Benoît Coeuré, seinen Kollegen in einem Vortrag erklärt, dass die Ideen des damaligen „Volksbeauftragten für Finanzen der Münchner Räterepublik“ heute durchaus von Interesse seien.

Roman und Realität

Weidermann schildert aber auch, dass die politisierenden Intellektuellen nicht frei von Anmassung und autoritärem Gehabe waren und in Einzelfällen auch nicht vor Gewalt zurückschreckten. Wenn Landauer durch die Gänge eilte, schrie er: „Hier kommt Landauer“, und während der Niederwerfung der Räterepublik durch die sogenannten „Weissen Truppen“ kam es auch zu einem Massaker auf Seiten der Anhänger des Rätesystems.

Das unlösbare Rätsel aber, das Volker Weidermann mit seinem Buch aufgibt, besteht im jämmerlichen Scheitern der Dichter. Wie kommt es, dass Autoren von hellsichtigen Gesellschaftsromanen und Zeitkritiken nicht fähig sind, das simpelste Einmaleins der Politik anzuwenden? Weidermann schildert, dass ihre Naivität und politische Unfähigkeit direkt proportional zum guten Willen und zur Überzeugungskraft stehen, mit der diese Dichter zumindest zeitweilig ihre Zeitgenossen begeistern.

Was ist der Geist?

Was sind Romane und andere literarische Produkte wert, wenn ihre Urheber in der politischen Realität, so sie dort überhaupt je ankommen, nicht mehr sind als eine Krabbelgruppe im Kindergarten? Etwas anders gewendet hat der ehemalige Redenschreiber von Willy Brandt, Klaus Harpprecht, diese Frage schon in den 1980er Jahren in Bezug auf die Ausübung von Macht von Intellektuellen gestellt. Als Beispiel nahm er Georg Forster, einen der hoch geachteten Intellektuellen zur Goethezeit (1). Im Gefolge der französischen Revolution wollte Forster in Mainz eine Republik errichten. Diese gute Absicht endete im Terror und Despotismus, was Georg Forster die Verachtung seiner ehemaligen intellektuellen Bewunderer, darunter Goethe, eintrug.

Und Ernst Toller? Wie durch ein Wunder entging er 1919 seiner Verhaftung. Danach schrieb er Theaterstücke mit zeitkritischem Inhalt, die auf zahlreichen deutschen Bühnen aufgeführt wurden. Er wurde sogar zu Vortragsreisen in die USA eingeladen. Am 21. Mai 1939 hatte er einen Auftritt in New York. Am nächsten Tag erhängte er sich in seinem Zimmer im Hotel Mayflower.

Was ist der Geist, der stets das Gute will, aber am besten gar nicht erst aus der Haustür kommt? Volker Weidermann gibt auf diese Frage keine Antwort; sie gibt es wohl auch nicht. Dafür hat er ein höchst lesenswertes Buch geschrieben, spannend und berührend.

Volker Weidermann: Träumer. Als die Dichter die Macht übernahmen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2017. 288 Seiten.

(1) Klaus Harpprecht: Georg Forster oder die Liebe zur Welt. Rowohlt, Hamburg 1987.

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