Düstere Wolken am Hindukusch

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Düstere Wolken am Hindukusch

Von Arnold Hottinger, 26.03.2018

Die Politik des Nation Building hat in Afghanistan nur eine Bauruine zurückgelassen, die noch vollends einzustürzen droht.

Am 28. Februar dieses Jahres hat Präsident Ashraf Ghani einen Plan für Verhandlungen und Friedensgespräche mit den Taliban vorgelegt, der diesen weiter entgegenkommt als alle vorausgegangenen Verhandlungsvorschläge. Dies geschah im Rahmen einer Grosskonferenz in Kabul, an der 21 Staaten beteiligt waren. Der Präsident erklärte, die Taliban könnten sich, wenn es zu einem Frieden käme, als Partei an der afghanischen Politik beteiligen. Er deutete an, dass in den erhofften Friedensverhandlungen mit den Taliban sogar die gegenwärtige Verfassung Afghanistans modifiziert werden könnte.

Die Führung der Taliban lehnte den Friedensvorschlag noch am gleichen Tag ab. Sie erklärte, sie sei bereit, mit den Amerikanern über deren Abzug aus Afghanistan zu verhandeln. Mit der gegenwärtigen Regierung, „Knechten der amerikanischen Besetzungsmacht“, gedenke sie jedoch nicht zu sprechen.

Gibt es gesprächsbereite Taliban?

Es gab jedoch Stimmen angeblicher Fachleute, welche meinten, einige der Taliban-Anführer seien bereit, auf das Gesprächsangebot und die damit verbundenen Friedenspläne einzugehen. Sie begründeten diesen Optimismus damit, dass unter den Taliban nach den bedeutenden Verlusten, die ihnen besonders die Luftangriffe der Amerikaner zufügten, die„Realisten“ an Einfluss gewännen. Diese seien bereit, auf eine Friedenslösung einzugehen.

Doch diese Theorien sind Wunschdenken. Fast einen Monat nach dem Angebot des afghanischen Präsidenten ist noch keinerlei Kontakt mit verhandlungsbereiten Randgruppen der Taliban zustandegekommen. Die Kämpfe an den Fronten dauern an, und die Bombenanschläge in den Städten Afghanistans nehmen nicht ab. Die Selbstmordbomben scheinen allerdings in erster Linie Werk des IS zu sein, der von den Taliban und der Regierung bekämpft wird, sich aber dennoch hat halten und weiter ausbreiten können.

Kein Ende der Kämpfe

Die Taliban kämpfen eher um Gebiete in aussenliegenden Provinzen, wie zur Zeit Fariab im Nordwesten Afghanistans, wo zeitweise die Provinzhauptstadt Maimana bedroht war, und in der seit Jahren umkämpften Nachbarprovinz Kunduz. Sowie auch im Süden um Helmand, das Hauptzentrum der afghanischen Opiumproduktion. Das Opiumgeschäft wächst jedes Jahr. Es ist bekanntlich die wichtigste Geldquelle der Taliban.

Es dürfte zutreffen, dass die Taliban durch die verschärfte Aktivität aus der Luft hohe Verluste erleiden. Doch man muss auch daran erinnern, dass bei den vermehrten Luftangriffen unvermeidlich auch die zivilen Opfer zunehmen. Dies hilft den Taliban, weil es die lokale Bevölkerung in ihre Arme treibt.

Die zwei Gesichter der „Nationalen Einheitsregierung“

Es sind jedoch nicht nur die andauernden und eher zunehmenden  Kampfhandlungen, welche die Lage in Afghanistan als bedenklich erscheinen lassen. Es ist mehr noch die innenpolitische Lage in den rund zwei Dritteln des Landes, die von der Regierung mit amerikanischer und Nato-Unterstützung gehalten werden.

Die inneren Spannungen haben zugenommen, seitdem die Doppelregierung, offiziell „Nationale Einheitsregierung“ genannt, im Jahr 2014 mit amerikanischer Nachhilfe zustande kam. Die Amerikaner mussten schlichtend eingreifen, weil der Streit über die Präsidentschaftswahlen das Land in einen Bürgerkrieg zu treiben drohte. In jüngster Zeit wurden diese Spannungen zwischen den beiden Flügeln der „Einheitsregierung“ dadurch verschärft, dass „noch dieses Jahr“ Neuwahlen stattfinden sollen. Das afghanische Neujahr hat soeben mit dem Frühlingsanfang begonnen.

Wer wird der nächste Präsident?

Die bevorstehenden Wahlen bewirken, dass beide politischen Hauptkräfte, die in der „Einheitsregierung“ zusammengeschlossen sind, gegeneinander arbeiten, um sich Vorteile für das bevorstehende grosse Ringen zu verschaffen. Präsident Ashraf Ghani wird versuchen, ein zweites Mandat zu erlangen. Er ist bemüht, seine Gemeinschaft, in Afghanistan sagt man: seine „Ethnie“, die der Paschtunen, hinter sich zu scharen. Ob sein gegenwärtiger Mitregent und Gegenspieler, Dr. Abdullah Abdullah, gegen ihn antreten wird, ist noch ungewiss. Doch steht fest, dass die zweitgrösste „Ethnie“ der Tadschiken dem Anspruch Ghanis entgegentreten und ihren eigenen Kandidaten ins Rennen schicken wird.

Die Tadschiken sind in einer eigenen Partei zusammengeschlossen, der Jamiat-e-Islami (Islamische Gemeinschaft), während die Paschtunen aus zahlreichen rivalisierenden Gruppen bestehen, die sich jedoch erfahrungsgemäss für die Stichwahl zusammenfinden, um einen Paschtunen in die herrschende Position des Präsidenten zu bringen und zu vermeiden, dass diese einem Tadschiken zufällt.

Natürlich haben auch die anderen der 21 afghanischen Ethnien ihre Parteien, jeweils mehrere oder eine führende. Die beiden Grossen, Paschtunen und Tadschiken, sind darauf angewiesen, Bündnisse mit ihnen abzuschliessen, um die Mehrheit zu erlangen. Die Bündnisse verlangen Versprechen und Zugeständnisse an die vielen möglichen Partner, natürlich entsprechend der Stimmenzahl, die ein jeder von ihnen zu mobilisieren vermag.

Schwanken zwischen Partnerschaft und Rivalität

Es ist leicht zu verstehen, dass die beiden Pole der „Einheitsregierung“ nun im Zeichen der bevorstehenden Wahlen gegeneinander antreten. Die „Einheitsregierung“ war in den vergangenen Jahren immer innerlich gespalten, weil ihre beiden Oberhäupter, „Präsident“ Ghani und „Chef der Exekutive“ Abdullah, gegeneinander um die Entscheidungsmacht rangen. In den vergangenen vier Jahren hatte der Präsident mehr Macht ausgeübt als der „Exekutivchef“, obwohl in der Theorie und nach der bestehenden Übereinkunft beide gleichberechtigt nebeneinander stehen und wirken sollten.

Die Position Dr. Abdullahs innerhalb seiner Partei ist geschwächt, weil diese ihm vorwirft, dem Präsidenten gegenüber zu nachgiebig gewesen zu sein. Der Präsident vermochte eine grössere Zahl von Anhängern in führende Positionen zu bringen als der CE (Chief Executive), wie man den Titel Abdullahs abkürzt. Die Parteigänger Abdullahs sind darüber enttäuscht, und dies ist der Grund, weshalb noch nicht feststeht, ob er nochmals Kandidat der (tadschikischen) Jamiat-e-Islami sein wird oder ob ein anderes unter den Parteioberhäuptern zum Zuge kommt oder gar mehrere konkurrierende unter ihnen.

Wie rasch kommen die Wahlen?

Ebenfalls ungewiss bleibt, ob die Wahlen wirklich noch „dieses (afghanische) Jahr“ durchgeführt werden können. Das Verlangen danach ist allgemein. Doch das Hindernis ist die Organisation dieser Wahlen. Kabul hat gelobt zu vermeiden, was bisher bei allen Wahlen geschah, nämlich dass beide Seiten einander wegen Wahlfälschungen anklagten und dass die Vermutung massiver Wahlfälschungen auf beiden Seiten mehr als bloss wahrscheinlich war.

Nach den umstrittenen Wahlen von 2014 versprachen die Politiker und die ausländischen Mentoren der Wahlen, der nächste Durchgang werde zu hundert Prozent sauber sein. Zu diesem Zweck sollten die afghanischen Wähler mit elektronischen Ausweiskarten ausgestattet werden. Alle Versuche der Fälschung sollten so vereitelt werden. Die Karten wurden vorbereitet und importiert – auf Kosten der ausländischen Partner. Der Präsident und seine Gemahlin erhielten die Karten bereits. Doch an die Bevölkerung sind sie noch nicht verteilt. Ob es je dazu kommen wird, kann man sich fragen angesichts der vielfältigen Streitereien, die über die Karten, den Wahlmodus und die Wahlaufsicht ausgebrochen sind.

Wer ist „Afghane“?

Am seltsamsten muten den Aussenstehenden die bitteren Diskussionen darüber an, was auf den elektronischen Karten stehen soll und was nicht. Ist es möglich, all ihre Inhaber gemeinsam als „Afghanen“ zu bezeichnen? Soll auch die „Ethnizität“ der Inhaber auf den Karten verzeichnet werden? Die Zugehörigkeit zu der sunnitischen oder der schiitischen Branche des Islams? Der Begriff „Afghane“ stösst auf Ablehnung, weil er für die meisten Bewohner des Landes identisch ist mit dem Begriff „Paschtune“. Dies geht auf die Geschichte des Landes zurück, das als Reich der Paschtunen gegründet wurde und das bis heute so gut wie immer (es gab ein paar Rebellionsversuche) von paschtunischen Königen oder Präsidenten regiert worden ist.

Die Tadschiken und die Usbeken, die Turkmenen und die Hazaras, sowie alle anderen Minoritäten sind daher der Ansicht, sie seien keine „Afghanen“, und sie wollen es auch nicht sein. Sie wollen nicht, dass dieser nach ihrer Meinung verfälschende Begriff auf den elektronischen Karten steht.

Der Präsident hatte ursprünglich versprochen, dass die Einwände der anderen Ethnien berücksichtigt würden. Doch er scheint seine Meinung geändert zu haben. Auf den bisher produzierten Karten steht „Afghane“, und der Präsident hat auf die Verfassung verwiesen, in der in der Tat alle Bewohner Afghanistans als Afghanen angesprochen werden.

Der Kollege und Gegenspieler des Präsidenten, Abdullah Abdullah, hat öffentlich gewarnt, wenn die Bezeichnung „Afghane“ gegen den Willen  der Bevölkerungsmehrheit durchgedrückt werde, wisse man nicht, was noch geschehen könnte. Die Paschtunen bilden die relative, aber nicht die absolute Mehrheit unter den Ethnien der Landesbevölkerung.

Wer leitet die Wahlkommission?

Das ist nur einer der Streitpunkte. Ein anderer dreht sich um die „Hohe Wahlkommission“ und besonders um deren Vorsitz. Dies ist leichter verständlich als die Frage der „Afghanen“. Die Kommission hat die Wahlen zu organisieren und zu beaufsichtigen. Sie sollte verhindern, dass es erneut zu massiven Wahlfälschungen kommt.

Doch wer immer sie dominiert, der wird verdächtigt, dass er für seine Seite, welche das immer sein mag, schummeln wird. Elektronische Karten hin oder her, es wird Möglichkeiten geben, die eigene Seite zu fördern und die Gegner zu schädigen. Zum Beispiel indem man die Karten an die „richtigen“ Leute verteilt und sie den Gegnern vorenthält. Von Stimmenkauf gar nicht zu reden. Wer die Kontrollkommission beherrscht, bestimmt weitgehend den Ausgang der Wahlen.

Ein neues Wahlsystem?

Eine weitere Front ist soeben aufgebrochen. 21 der 71 beim Innenministerium registrierten Parteien des Landes haben sich auf die Forderung geeinigt, das Wahlrecht müsse verändert werden. Sie wünschen eine Abstimmung aufgrund von Parteilisten, nicht wie bisher aufgrund individueller Kandidaturen. Unter den 21 sind einige der grössten Parteien.

Die 50, die sich dagegen stellen, sind der Ansicht, es sei jedenfalls zu spät, um den Wahlmodus jetzt noch zu verändern. Viele dieser kleinen Parteien bestehen aus einem in seinem geographischen Umkreis einflussreichen Mann samt Sippe und Klienten. Listen auf der Grundlage von weiter gefassten Wahlkreisen könnten es erleichtern, solche lokalen Machthaber zu überstimmen, was diese natürlich verhindern wollen.

Wer soll den Wahlmodus festlegen? Der Präsident, der CE, das Parlament, die Hohe Wahlkommission? – Das Parlament (Unterhaus) hätte seit zwei Jahren erneuert werden sollen, doch es kam nicht dazu. Das alte tagt immer noch. Der gegenwärtig bestehende Wahltermin für das Unterhaus ist der 7. Juli 2018.

Macht der Warlords

Präsident Ashraf Ghani hat sich gegenüber seinem Kollegen und Rivalen Abdullah weitgehend durchgesetzt. Doch das bedeutet nicht, dass er den Teil seines Landes unangefochten regiert, der sich in der Hand der Anti-Taliban-Kräfte befindet. Er muss mit den Machthabern aus der Zeit vor dem Eingriff von 2001 der Amerikaner rechnen. Von ihnen sind, ausser den Taliban, lokale Machthaber übrig geblieben, die man „Warlords“ zu nennen pflegt. Manche von ihnen wurden von den Taliban vertrieben, als diese nach 1998 beinahe das ganze Land unter ihre Herrschaft gebracht hatten. Diese Vertriebenen sind dann mit den Amerikanern 2001 zurückgekehrt. Die Amerikaner haben sich ihrer bedient, um mit relativ wenigen eigenen Truppen die Taliban „zu besiegen“ und aus dem Land nach Pakistan abzudrängen.

Ein Warlord ist immer dadurch definiert, dass er seine eigenen Söldner besitzt, die er zu versorgen hat und die ihm dazu dienen, „seine“ Bevölkerung zu beherrschen. Die Gelder, die er dazu benötigt, muss er aus der von ihm beherrschten Bevölkerung einsammeln oder erpressen.

Die Stadt Herat befand sich geraume Zeit in der Hand des Warlords Ismail Khan. Dieser, ein Tadschike, kämpfte im Rahmen der Jamiat-e-Islami, zu der er noch heute gehört, gegen die Russen. Nach deren Abzug im Jahr 1988 beherrschte er Herat, die grosse Stadt des afghanischen Westens. Er führte ein autoritäres Regime, gestützt auf seine eigenen Sicherheitskräfte. Doch er vermochte die Stadt erfolgreich wiederaufzubauen. Er kämpfte später gegen die Taliban, die sich schliesslich als ihm überlegen erwiesen, weil sie von Pakistan militärisch unterstützt und von Saudi-Arabien finanziert wurden. Eine Zeit lang war er ihr Gefangener, konnte aber später entkommen.*

Ismail Khan musste vor den Taliban nach Persien fliehen. Doch mit den Amerikanern kam er 2001 zurück und wurde erneut Warlord in Herat, wo er wiederum autoritär, aber erfolgreich regierte. 2004 stiess er mit Präsident Karzai zusammen. Karzai entsandte Truppen der regulären afghanischen Streitkräfte, um Ismail Khan aus dem Bereich seiner Hausmacht in Herat zu entfernen. Es kam zu Kämpfen, und Ismail Khan sah sich gezwungen, Herat einem von Karzai ernannten Gouverneur zu überlassen und selbst nach Kabul zu ziehen.

Als Kompensation machte ihn Karzai zum Minister für Energie und  Elektrizität. Doch der Nachfolger Karzais, Präsident Ashraf Ghani, entzog ihm diesen Posten. Ghani versuchte „junge Technokraten“ an Stelle der „alten Widerstandskämpfer“ als Minister einzusetzen. Dadurch hoffte er auch die Korruption zu bekämpfen.

Wer soll und kann führen im Land?

Ismail Khan besitzt nach wie vor Einfluss in Herat, doch er muss in Kabul leben. Er bleibt ein gewichtiges Mitglied der Jamiat-e-Islami, ist aber ein bitterer Kritiker der „Einheitsregierung“ sowie der Amerikaner und Ghanis und gleichzeitig natürlich auch ein Feind der Taliban. Seiner Ansicht nach geht alles schlecht in Afghanistan, weil das Land unter fremder, nämlich amerikanischer „Besetzung“ steht, und weil die Amerikaner Leute an die Macht gebracht haben, die im Interesse der Amerikaner regieren, nicht der Afghanen. Ismail Khan sagt solchen Figuren die Fähigkeit und Erfahrung ab, die zum Lenken der Afghanen vonnöten seien.

Ismail Khan spricht davon, dass „wir“ wieder zur Macht zurückkehren müssen, wenn das Land vorangebracht werden solle. Mit dem „Wir“ meint er die Generation und den Regierungsstil der alten Kämpfer gegen die Russen, die sich nach deren Abzug und vor der weitgehenden Machtergreifung der Taliban zwischen 1988 und 1998  als Warlords hatten etablieren können.

Viele dieser Lokalmachthaber sind übrig geblieben, weil sie grosse Vermögen angesammelt haben und über solide Stützen in ihren Hausmachtgebieten verfügen. Manche stehen weiterhin mehr oder weniger nominell im Dienst der Regierung von Kabul. Andere sind von Ghani aus ihren Positionen entfernt und durch „junge Technokraten“, die auch Bürokraten sein können, ersetzt worden. Es gibt sie auch, meist auf kleinere Hausmachtgebiete beschränkt, im Bereich der paschtunischen Städte und Stämme.

Dostum, Herr der Usbeken

Einer der gewichtigsten dieser Warlords ist der Usbeke, Abdul Rashid Dostum. Er beherrscht und finanziert eine usbekische Miliz, die ihm treu ergeben ist. Die Usbeken sind eine bedeutende turkophone Minderheit im Nordwesten Afghanistans. Die Geschichte Dostums kann hier nur in den grossen Zügen wiedergegeben werden. Sie ist eng verbunden mit der ganzen Geschichte Afghanistans seit der sowjetischen Invasion von  Weihnachten 1979. Dostum begann als Milizenführer unter der Aufsicht der Sowjetarmee. Seine usbekischen Einheiten umfassten zeitweise bis zu 20’000 Mann. Sie waren die einzige pro-sowjetische Miliz, die ohne Leitung und Aufsicht der russischen Truppen operieren konnte.

Nach dem Abzug der Russen kehrte sich Dostum von Mohammed Nadschibullah ab, dem früheren Geheimdienstchef, den die Russen als ihren Nachfolger in Kabul eingesetzt hatten, und ergriff 1992 Partei für Ahmed Schah Masoud, den militärischen Chef der Jamiat-e-Islami und afghanischen Nationalhelden, welcher später, am 9. September 2001, durch Abgesandte Bin Ladens ermordet wurde. Der Positionswechsel Dostums trug entscheidend zum Sturz Nadschibullahs bei.

Als Kabul darauf im Ringen zwischen Hekmatyar, Dostum und Masoud fast völlig zerstört wurde, verliess Dostum die Stadt mit seinen Truppen und gründete seinen eigenen Machtbereich in den usbekischen Gebieten im Nordwesten Afghanistans und angrenzenden Provinzen mit eigener Währung und Airline sowie der Hauptstadt Mazar-e-Sharif. Er wurde von Usbekistan unterstützt und erhielt auch russische Hilfe. Er unterstützte anfänglich die Taliban, doch als diese 1996 Kabul eroberten und Mazar-e-Sharif bedrohten, wurde er ihr Feind und ist es seither geblieben.

Die Taliban eroberten Mazar-e-Sharif, weil ein Unterführer Dostums zu ihnen überlief. Doch wurden sie wieder aus der Stadt vertrieben, als der gleiche Unterführer sich gegen sie wandte. Ein Jahr später kamen sie zurück und nahmen Rache an ihren Feinden. Dieses Hin und Her war mit Kriegsverbrechen und Massenmord verbunden.

Dostum musste vor den Taliban in die Türkei fliehen. Er kehrte kurz vor  dem amerikanischen Angriff auf die Taliban (2001) nach Afghanistan zurück, um gegen die Taliban zu kämpfen. Damals stand er in dem Bündnis, das „Nordallianz“ genannt wurde. Dieses schloss Dostum, Ahmed Shah Masud und den Hazara-Kämpfer Karim Khalili zusammen und erhielt Unterstützung aus dem benachbarten Usbekistan sowie auch, etwas diskreter, aus Moskau. Khalili wurde gleichzeitig auch von der iranischen Revolutionswächern unterstützt.

Hilfskraft der Amerikaner

Die Nordallianz verband sich mit den Amerikanern, als diese die Taliban angriffen. Mazar-e-Sharif wurde von Dostums Truppen zurückerobert. An einem Massaker an gefangenen Taliban-Truppen erklärte die westliche Presse Dostum als schuldig. – Im Jahr 2014 wurde Dostum als  Weggefährte Ashraf Ghanis zum Vizepräsidenten Afghanistans gewählt. Ghani war darauf angewiesen die Stimmen der Usbeken zu erhalten. Doch der „Vizepräsident“ stiess mit dem Präsidenten zusammen, als dieser versuchte, den Einfluss Dostums in den usbekischen Provinzen zurückzudämmen und dort seine eigenen Kandidaten als Gouverneure einzusetzen. Es kam zu einem Prozess gegen Dostum aufgrund der Klage eines seiner lokalen Rivalen, der erklärte, er sei von Dostum persönlich sexuell und durch Folter misshandelt worden.

Dostum, immer noch Vizepräsident, sah sich Anfang 2017 gezwungen, in die Türkei zu fliehen. Im Juni des gleichen Jahres scheint er versucht zu haben, nach Mazar-e-Scharif zurückzukehren, doch Kabul hinderte sein Flugzeug daran, dort zu landen. Man wollte ihn zwingen, in Kabul zu landen, doch es scheint, dass er statt dessen nach Ashgabad (Turkmenistan) weiterflog.

Nur, langjähriger Gouverneur in Mazar-e-Sharif

Der „Vizepräsident“ (ist er es noch?) steht gegenwärtig in einem politischen Bündnis mit Atta Mohammad Nur, dem langjährigen Gouverneur der Provinz Balkh (Hauptstadt Mazar-e-Sharif) und mit dem Hazara-Politiker und Warlord Mohammed Mohaqiq. Er ist nach wie vor Chef seiner eigenen Usbekenpartei Jombesh. Seine Anhänger sagen, er sei in Afghanistan der unvermeidliche „Königsmacher“. Noch nie sei in Afghanistan eine Person zur obersten Macht gekommen, die nicht durch seine Unterstützung die Macht erlangt habe.

Was seinen gegenwärtigen Verbündeten, Atta Mohammad Nur, betrifft, so wurde dieser, ebenfalls ein alter Kämpfer gegen die Sowjetarmee, 2004 von Präsident Karzai zum Gouverneur von Balkh ernannt. Er ist Tadschike und eine leitende Persönlichkeit in der Jamiat-e-Islami-Partei. Er war erfolgreich, indem er die Taliban aus seinem Machtbereich fernhielt, Balkh zu einer gewissen Blüte brachte und selbst dabei reich wurde.

Atta Mohammad Nur blieb Gouverneur, bis Ashraf Ghani im Januar 2018 versuchte, ihn abzusetzen. Er weigerte sich zurückzutreten und dem von Ghani bestimmten Nachfolger die Provinz zu übergeben. Ein Kriegszug gegen ihn hätte in erster Linie den Taliban genützt, deshalb verzichtete Ghani darauf, die afghanische Armee gegen ihn einzusetzen. Auch die Amerikaner betonten, eine friedliche Übereinkunft mit ihm müsse gefunden werden.

Herausforderer des Präsidenten Ghani

Nur behauptete, er habe Ghani ein Rücktrittsgesuch eingereicht. Doch dieses sei an Vorbedingungen geknüpft gewesen, die Ashraf nicht erfüllt habe, deshalb sei das Gesuch ungültig. Die Bedingungen betrafen die Machtbefugnisse der Jamiat-e-Islam-Partei, die ja nach dem Vertrag über die  „Nationale Einheitsregierung“ zusammen mit dem Präsidenten das Land hätte regieren sollen. Atta Mohammad Nur machte auch klar, dass er vorhabe, in den kommenden Wahlen als Gegenkandidat gegen Ashraf Ghani anzutreten. Er blieb auf seinem Posten, besuchte täglich sein Gouverneursbüro und drohte mit „Bürgerdemonstrationen“ und letztlich Gegengewalt, wenn versucht werde, ihn mit Gewalt zu entfernen.

Eine Delegation der Jamiat-e-Islami wurde ernannt, die mit der Präsidentschaft und Ghani selbst über die Anliegen der Partei verhandeln sollte. Nach Monaten schien es plötzlich so weit zu sein, weil, wie es hiess, Atta Mohammad Nur selbst in parallelen Verhandlungen auf höherer Ebene mit dem Präsidenten eine Übereinkunft erreicht habe. Ein Nachfolger für Nur wurde bestimmt, der beiden Seiten genehm war, und Ghani soll noch weitere Konzessionen eingegangen sein, deren Tragweite ungeklärt blieb. Nur habe für seine Seite einen oder zwei Ministerposten zugesagt bekommen, behaupteten enttäuschte Mitglieder der Verhandlungskommission der Jamiat-e-Islami. Jedoch die meisten Anliegen der Partei seien unberücksichtigt geblieben.

Bauruine des „State Building“

Zusammenfassend ist festzuhalten: Ursprünglich hatten die Amerikaner versucht, einen demokratischen Staat Afghanistan aufzubauen, zentralisiert, mit einem Präsidenten, einem Parlament, mit Wahlen und einer Verfassung. Diese Zielsetzung entsprach den Ambitionen der amerikanischen „Neocons“, die damals unter Bush Junior,  Vizepräsident  Cheney und Verteidigungsminister Rumsfeld das Sagen hatten.

Doch das Nation Building erwies sich als schwieriger und auch teurer als erwartet. Nachdem das gleiche Bestreben im Irak spektakulär fehlgeschlagen war, war das Nation Building verpönt. Schon Obama und nach ihn Trump haben ihm abgeschworen. Für Afghanistan lautete die neue Strategie: die Taliban ermüden und ihnen Verluste beibringen, bis sie sich bereit zeigen, mit Kabul zu verhandeln und sich der dortigen Regierung zu unterstellen. Was das Nation Building betraf, blieb  Afghanistan eine Bauruine.

Die Taliban sind die ersten, welche die Schwächen der Bauruine kennen. Sie sagen sich, keineswegs ohne Grund, das dieses halbfertige Haus in sich zusammenstürzen werde, sobald die Amerikaner abzögen. Die Amerikaner alleine bilden das militärische und das finanzielle Gerüst, das einige Mauern der Bauruine zurzeit noch aufrecht erhält, jedoch ohne dass an dem Bauwerk weiter gearbeitet wird. Deshalb ist es das strategische Ziel der Taliban, die Amerikaner zu überdauern. Sie können sich dabei auf den Umstand stützen, dass sie in Pakistan über ein Zufluchtsgebiet verfügen, das ihnen bisher stets offen stand.

Im Hintergrund Pakistan

Unter Trump haben sich deshalb die Beziehungen zwischen den USA und Pakistan verschlechtert. Doch dies gereicht den Taliban eher zum Vorteil, weil dadurch Pakistan und die Taliban, beide zusammen,  Feinde der Amerikaner werden.

China arbeitet natürlich weiter daran, seine seit Jahren bestehende Position in Pakistan auszubauen. Iran, unter wachsender Bedrohung durch die USA, sieht sich gezwungen, Abstützung auf jener Seite zu suchen. Die Amerikaner sagen den Russen nach, diese hätten Verbindungen zu den Taliban aufgebaut und sie lieferten ihnen sogar Waffen. Wenn das ganz oder teilweise zutrifft, geht es den Russen wahrscheinlich darum, die Taliban zu stärken, weil sie den IS bekämpfen. Dieser hat pan-islamische Ambitionen, daher auch in Tschetschenien und Daghestan. Die Taliban dagegen beschränken sich auf Afghanistan.

Solange die Amerikaner in Afghanistan bleiben (militärische Kosten von 2001 bis Ende 2018: Minimalschätzung 841 Milliarden Dollar**)  dürften die Taliban nur kleine und langsame Fortschritte machen, vor allem wegen der Luftüberlegenheit ihrer Gegner. Die grössere Gefahr für Afghanistan liegt darin, dass die sich selbst überlassene Bauruine des demokratischen Afghanistan soweit in sich zusammenstürzt, dass sie das Gerüst, auf das sie sich bisher gestützt hatte, mit sich in den Abgrund reisst. Dies war der Fall in Südvietnam***, und es hat sich in abgeänderter aber vergleichbarer Form auch im Irak abgespielt. Sogar in Syrien kann man ein ähnliches Grundmuster erkennen.

* Dostom war vorübergehend ein Gefanger der Taliban, konnte aber mit der Hilfe eines Doppelagenten, Abdul Razzak Hikmati, befreit werden. Dieser Hikmati ist für die Afghanen ein Held des Widerstands gegen die Taliban. Er ist 2003 nach Guantanamo eingeliefert worden und dort 2008 als Gefangener, anscheinend an Krebs, verstorben, ohne je verurteilt worden zu sein. Er wollte in Guantanamo Dostom als Entlastungszeugen anrufen. Doch seine amerikanischen Kerkermeister behaupteten, Dostom sei nicht auffindbar. Dostom selbst sagte aus, er habe mehrfach persönlich Präsident Karzai darum gebeten, den Amerikanern seine Bereitschaft, für Hikmati zu zeugen, zu übermitteln. Derartige Episoden machen die Bitterkeit Dostoms gegenüber den Amerikanern verständlich. Vgl. NYT vom 5. 2. 2008.

** Siehe die Zusammenstellung von CNN

*** Vgl. das neue Buch: Max Boot: The Road Not Taken. Head of Zeus, London 2018.

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Kommentare

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Wer je an das Propaganda-Wort vom "Nation-Building" geglaubt hat, ist sehr naiv. Wie naiv zeigte sich schon, als Bush behauptete der Krieg gegen Irak habe den Zweck "to restore democracy in Kuwait". Als ob es da irgendmal irgendeine Demokratie gegeben hätte... Faktisch hat die US-Kriegsmaschinerie bei Kosten von nun mehr 700 US-Dollars pro Jahr in den letzten Jahrzehnten zahlreiche "Nations" nachhaltig zerstört. Die betroffene und geschundene Zivilbevölkerung war den Worldwide-Warlords aus Washington dabei stets wurstegal. Und was die Weigerung des afghanischen "Widerstands" (so heisst der doch etwa in Mainstream-Medien bei den Anti-Assad-Kämpfern in Syrien...) angeht, mit den US-Strohmännern in Kabul zu verhandeln, stellt sich die Frage: Hätte De Gaulle denn mit dem Maréchal in Vichy verhandeln sollen?
N. Ramseyer, BERN

Wie soll ein "Nation Building" in der Region am Hindukusch gelingen, die von ethnischen, clan- und religiösen "Interessen" durchzogen ist und wo keine konkrete Vorstellung einer wie auch immer gearteten "Nation" innerhalb eines bestimmten Territoriums - zumindest im westlichen Sinne - besteht ? Im besten Fall könnte könnte eine von der UNO unterstützte Verwaltungszone entstehen, die den Menschen ein einigermassen gesichertes und zivilisiertes Leben ermöglicht. Doch auch davon ist man Lichtjahre entfernt.
Aber in der Nachbarschaft warten die Chinesen und die haben Zeit...

"solange die Amerikaner in Afghanistan bleiben", zu ergänzen ist: und die NATO, weil Artikel 5 immer noch gilt. Oder vereinfachend gesagt: entweder bekämpft man die Taliban in ihrer Heimat, oder die Taliban bekämpfen die offenen Gesellschaften. Diese zeigen Verteidigungsunlust und Ermüdungserscheinungen, siehe Deutschland.

Da wird nun indirekt wieder keck behauptet, die Taliban bedrohten Deutschland (wissen meist kaum wo Berlin ist und ist denen zu recht auch wurst!) und darum müsse dieses "am Hindukusch verteidigt werden" (Struck). Damit soll jeder noch so üble Besatzungs-Krieg weltweit propagandistisch als "Verteidigung" dargestellt werden. Und wer diesen Unfug durchschaut und als solchen bezeichnet, wird dann der Müdigkeit und "Verteidigungsunlust" bezichtigt. Nur ist "Verteidigung" nie lustig. Aber zum Glück selten nötig. Verteidigen tut sich ein angegriffenes Land (wie etwa damals Vietnam erfolgreich!) Punkt. Niklaus Ramseyer, BERN (Offizier aD in der neutralen Schweizer Verteidigungs-Armee)

Hört doch auf mit diesem Einmischen von aussen und lasst diese sturen Hitzköpfe in ihrem eigenen Saft schmoren. Schlimmer kann es kaum werden.

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