Dürfen wir uns 100% leisten?

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Dürfen wir uns 100% leisten?

Von Max Winiger, 10.08.2020

In Zusammenhang mit Covid-19 ist es inzwischen kaum noch möglich, auch nur ansatzweise vernünftig über das Thema, Fakten, Learnings und die Zukunft zu debattieren oder schon nur laut darüber nachzudenken.

Wer es dennoch tut, ist entweder ein Ignorant, Opportunist, Querulant oder hat nicht begriffen, worum es geht.

  • Fakt Nummer eins: Das Coronavirus ist gefährlicher als die bisherigen Grippeviren.
     
  • Fakt Nummer zwei: An einer Covid-19-Infektion kann man sterben.
     
  • Fakt Nummer drei: Man kann auch an einer Grippeinfektion sterben.
     
  • Fakt Nummer vier: Im Vergleich zu den fünf letzten Jahren sind bisher (per Ende Juli 2020) in der Schweiz nicht mehr Menschen gestorben, weder in der Gesamtbevölkerung noch in der Altersgruppe 65-jährig und älter. Darin sind alle Todesfälle in Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion inbegriffen.
     
  • Fakt Nummer fünf: Das Schweizer Gesundheitssystem kann nicht mit den Systemen anderer Länder verglichen werden. Unser Gesundheitssystem ist eines der besten weltweit. Die medizinische Grundversorgung ist top. Im Vergleich zu anderen Ländern liegt die Sterblichkeit hospitalisierter Covid-19-Patienten signifikant tiefer.
     
  • Fakt Nummer sechs: Es gibt keine zertifizierten, internationalen Standards für den Vergleich der Fallzahlen. Es darf im Gegenteil angenommen werden, dass die Zahlen nicht immer stimmen, vor allem nicht auf vergleichbaren Grundlagen basieren und entsprechende «Listen» vermehrt politisch und nicht medizinisch begründet und motiviert sind.
     
  • Fakt Nummer sieben: Mehr als neun von zehn Infizierten überstehen eine Covid-19-Infektion ohne wesentliche gesundheitliche Probleme, die meisten ohne wesentliche Symptome.

Zwischen Phase eins und zwei

In Zusammenhang mit der Corona-Situation in der Schweiz stecken wir ja zurzeit zwischen zwei Phasen: die akute, exponentiell sich verschlechternde Phase darf wohl als beendet bezeichnet werden. Die ergriffenen Massnahmen haben dies ermöglicht.

Die nächste kritische Phase wird beginnen, wenn wir uns wetterbedingt wieder vermehrt vor allem in Räumen aufhalten, Menschen an Grippe erkranken, entsprechend husten und niesen. Wir wissen nicht, wie sich dann die Fallzahlen entwickeln werden.

Danach folgt dann irgendwann die dritte Phase: ein Impfstoff ist verfügbar. Wird es ein Impfobligatorium geben? Werden wir dokumentieren müssen, geimpft zu sein? Muss zuhause/draussen bleiben, wer eine Impfung ablehnt? Werden Nicht-Geimpfte entlassen werden, geächtet?

Zu Beginn der Pandemie rechneten besorgte Menschen vor, dass in der Schweiz 80’000 Menschen sterben, wenn die Sterblichkeit nach einer Covid-19-Infektion 1% beträgt und alle Menschen in der Schweiz infiziert sind. Wir wissen bis heute nicht genau, wie hoch die Letalität aufgrund einer Covid-19-Infektion ist. Aktuelle Schätzungen gehen von einem Wert zwischen 0,3 und 0,7% aus. Hauptproblem: Fallzahlen dokumentieren nur die Anzahl Infektionen aufgrund von Messungen. Tatsächlich gibt es viel mehr Fälle, in denen Menschen eine Infektion symptomlos überstanden haben.

0,7% wären immer noch 56’000 Todesfälle, hochgerechnet auf die Gesamtbevölkerung der Schweiz. Eine unverantwortlich hohe Zahl. Warum haben wir aber bis dato insgesamt nicht mehr Todesfälle in der Schweiz im Verhältnis zur Bevölkerung als in den letzten fünf Jahren, auch nicht in der Altersgruppe der 65-jährigen und älteren Menschen? Mit ein Grund dürften die ergriffenen Massnahmen sein: die Alten wurden weggesperrt, wir arbeiteten und arbeiten im Home Office. Wir umarmen uns nicht mehr, wir tanzen nicht mehr, es gibt keine Grossanlässe mehr, zuerst zwei Meter dann 1,5 Meter Mindestabstand (in Österreich gilt 1 Meter). Und so weiter.

Der Mensch ist ein soziales Wesen

Kennen Sie Vilfredo Frederico Pareto? Der italienische Soziologe (1848 bis 1923) gilt als Vertreter der Lausanner Schule der volkswirtschaftlichen Neoklassik. Nach ihm ist das Paretoprinzip benannt, heute bekannt als die 80/20-Regel. Sie besagt, das zur Erreichung von 80% eines Ergebnisses 20% Energie aufgewendet werden müssen. Zur Erreichung der letzten 20% sind 80% der Energie nötig.

Wir bezahlen einen wahnsinnig hohen Preis dafür, diese Pandemie zu überstehen. In der Phase eins (Lockdown) war das sicher richtig und vernünftig und wurde von der Gesellschaft getragen.

Doch nun müssen wir die 80/20-Regel zumindest thematisieren. Denn wir werden im Herbst nicht nur mehr hustende und niesende Menschen erleben, sondern Entlassungen und verzweifelte Menschen sehen. Und wir sind alle gefangen in einer Entwicklung, die wir nur partiell beeinflussen können. Aufgrund der internationalen Vernetzung, der politischen Verhältnisse in den Ländern, wirtschaftlicher und machtspezifischer Interessen sind wir längst in einer Situation angelangt, die nur noch am Rande mit der eigentlichen Virus-Infektion zu tun hat. Und als exportorientiertes Land können wir es uns nicht leisten, international schlecht dazustehen. Es genügt, die Schweiz auf die «Länderliste» zu setzen, und wir stehen unter Zugzwang. Die Fallzahlen müssen runter!

Könnte die Schweiz zum Vorbild werden für andere Gesellschaften? Könnten wir zeigen, dass es möglich ist, die Lebensqualität wieder höher zu gewichten, unser Gesellschaftsleben zu normalisieren? Können wir Kultur, Austausch, sozialer Interaktion mehr Raum geben? Oder müssen wir 100% Schutz anstreben, auch wenn der Aufwand riesig ist, die absehbaren Langzeitschäden materiell und vor allem gesellschaftlich enorm sind, unabsehbar? Der Mensch ist ein soziales Wesen. Können wir es uns leisten, ab März 2020 unser Sozialleben dermassen umzustellen? Haben wir die Energie, die letzten 20% mit aller Konsequenz durchzuziehen?

Jede Krise geht vorbei

Der Epidemiologe Marcel Salathé glaubt, dass auch diese Krise vorbeigehe (Interview im «Blick» vom 10. August). Jede Krise geht vorbei. Das war schon immer so. Aber so wie wohl die meisten Unternehmer, Künstler, Angestellte, Eltern, allein erziehende Mütter und Väter, Menschen auf dem Arbeitsmarkt sich den Kopf zerbrechen, wie sie diese Krise überhaupt überstehen, so frage auch ich mich unter Berufung auf die 80/20-Regel und unter Berufung auf den gesunden Menschenverstand, ob wir uns ein 100%-Szenario leisten können, mit Blick auf unsere Verantwortung gegenüber künftigen Generationen, den Menschen in Alters- und Pflegeheimen, unsere Lebensqualität und Wohlfahrt.

Salathé freut sich im Interview auf die Party danach. Mir ist nicht nach Party zumute. Weder heute noch nach der Krise. Ich bleibe weiterhin gespannt zu sehen, was wir daraus lernen. Bis jetzt ist die Ausbeute aus meiner Sicht gering. Vor allem verhärten sich die Fronten, die Aggressivität nimmt zu, Egoismus dominiert zusehends.

Aber wir stehen ja erst vor Phase zwei.

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Man sollte sich ein Beispiel an dem Verhalten der Hotellerie, der Gaststätten und der einheimischen Bevölkerung in Norditalien nehmen. Es wird sehr genau auf Mundschutz im Hotel, in Geschäften und auf der Strasse geachtet. Weiterhin sind die Bereitstellung von Desinfektionsmitteln und mancherorts sogar Temperaturmessung bei der Ankunft geübte Praxis. Die Italiener sind sehr diszipliniert, denn sie haben erfahren, wie hart Covid-19 zuschlagen kann.

Dürfen wir uns 100% leisten ?
Ich schlage Herrn Winiger vor eine Person die ihm sehr nahe steht und bis jetzt glücklich gelebt hat , aber an Corona erkrankt ist , zu fragen .
Mal plaudert so gemütlich darüber dass man ja so oder so mal sterben muss , wenige Leute gehen freiwillig .
Jetzt plötzlich wäre man froh dass viele Menschen bei Corona
auf eine Behandlung verzichten würden , es kostet ja nur !
Viele Mediziner versuchten aber vor Corona alten Menschen zu verwehren mit EXIT zu gehen , ihr Eid ! Aber jetzt wäre es richtig.
Tja , was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.

Es gibt noch weitere - kaum breiter publizierte - Fakten:

Im Gegensatz zur saisonalen Grippe (oder - noch extremer - Mumps) stecken die meisten Infizierten andere kaum an. Zehn bis zwanzig Prozent der Infizierten ("Superspreader") sind jedoch Quelle von 80% aller Infektionen.
Deshalb bringt es leider wenig Nutzen, möglichst ALLE Personen aufzuspüren, die mit einer infizierten Person "engeren" Kontakt hatten und sie ausnahmslos in Quarantäne zu setzen. Viel wichtiger wäre, diese "Superspreader" frühzeitig zu isolieren - man erkennt sie leider aber nur im Nachhinein.

Ansteckend wirken - insbesondere Superspreader - nicht Personen an sich sondern die Umstände des Kontakts zu diesen Personen, etwa:
- Stundenlanger Kontakt, oft bei geringem Abstand, im selben Haushalt vor allem in geschlossenen Räumen (Familien, WGs, private Feiern ... aber auch Arbeitsplätze)
- Laute Unterhaltung in dicht besetzten geschlossenen Räumen mit relativ wenig Frischluftzufuhr
Viel weniger Ansteckungsrisiko gibt es typischerweise
- in Fussgängerzonen, auf Wanderwegen, auf Badiwiesen
- in eher locker besetzten Supermärkten
- im öV bei viel Frischluftzufuhr und auf offenen Decks von Schiffen

Weitere Fakten sollten eigentlich beschaffbar sein - sind es aber bisher nicht, z.B.:

Wie viele Prozent jener Personen, welche wegen eines "engeren" Kontakts mit einer infizierten Person in Quarantäne waren wurden im Verlauf der Quarantäne positiv getestet?

Wie viele Prozent jener Personen, welche in Quarantäne mussten, da sie sich an einem Ort (z.B. Club) aufhielten, an dem am selben Tag auch eine infizierte Person war, wurden im Verlauf der Quarantäne positiv getestet?

Wie viele Prozent jener Personen, welche in Quarantäne mussten, da sie aus einer "Risikoregion" einreisten, wurden im Verlauf der Quarantäne positiv getestet?

Erst dann könnte abgeschätzt werden, inwieweit solche "Präventivquarantänen" sozial und wirtschaftlich vertretbar sind.
Es kann ja nicht jede potentiell gefährliche Person isoliert werden. In vielen anderen Bereichen akzeptieren wir ja auch "Restrisiken".

Um dem cognitiven Lockdown, den hier schon jemand praktiziert, etwas Wind aus den Segeln zu nehmen...
- Im Jahr 2019 sterben in der CH jeden Monat über 5000 Menschen. Die aktuellen Sterbestatistiken zeigen: es wird nicht mehr gestorben als früher. Das Massensterben bleibt aus.
- Im Feb/März 2020 wusste man verschiedenes nicht. Was weiss man heute mehr?
1) Die genaue Letalität von COVID 19 ist nicht bekannt, muss aber laufend nach unten korrigiert werden.
2) Die Behandlung von COVID 19 hat sich dramatisch gewandelt und verzeichnet eine deutlich höhere Erfolgsrate als zu Beginn der Pandemie. (Schwerpunkt eher auf Antiquagulation als auf Pneumonie Therapie, sparsamerer Gebrauch von aktiver Beatmung, Therapie des "Cytokine Sturms" etc.)
3) Wer hofft das Virus los zu werden muss man enttäuschen. Wir müssen lernen mit dem Virus zu leben. Die dadurch ausgelöste Krankheit zu behandeln und evtl. in 1-2 Jahren eine sicher Vaccine für Risikiogruppen. Der Versuch das Virus zurück in die Nichtexistenz zu drängen müsste mit diktatorischen Massnahmen einhergehen (Grenzschliessungen, massive Personenkontrollen, Reisebeschränkungen im Kleinen wie im Grossen, etc.) und das weltweit! Zum Glück eine Unmöglichkeit
4) Diverse aktuell noch hochgelobte Massnahmen sind bei wissenschaftlicher Betrachtung wirkungslos. Beispiel: Maskentragen im nichtmedizinischen Kontext. Beleg: CDC (Central for Desesase Control) Mai 2020: Nonpharmaceutical Measures for Pandemic Influenza in Nonhealthcare Settings—Personal Protective and Environmental Measures. Zusammengefasst: Maskentragen im nichtmedizinischen Kontext hat keinen substantiellen Effekt auf die Transmission der Infektion.

Es gäbe noch mehr, aber schon das Obige sollte reichen, dass jeder Gedanke an einen erneuten Lockdown nicht rational begründbar wäre.

Bliebt gsund

Danke für diesen klaren Artikel zum Covid-19-Szenario in der Schweiz. Gehe mit dem Autoren einig, dass wir uns die Einschränkungen mit dem Ziel einer 100% Covid-19-Sicherheit auf längere Zeit hinaus gesehen nicht leisten können.

Die Lockerung der Massnahmen auf eine «80%» Covid-19-Sicherheit zugunsten des sozialen Lebens der Menschen sowie für die Funktion der Wirtschaft finde ich ein angebrachter Gedankenanstoss.

Einzig schade finde ich, dass der Artikel quasi als Schlusswort eine negative Bilanz zieht zum aktuellen Umgang mit der Covid-Situation in der Schweiz. Auch wenn es negative Stimmen gibt (die leider oftmals eine grössere Plattform in den Medien haben, als die Stimmen die einfach schweigen oder sich positiv äussern) gibt sich aus meiner Sicht die grosse Mehrheit der Menschen in der Schweiz enorm Mühe vorsichtig zu sein und versucht mit den Einschränkungen so gut es geht und oft auch sehr kreativ, ein menschenwürdiges Leben zu leben.

Wird Zeit für den zweiten Lockdown bei den aktuellen Zahlen, sonst gerät die Pandemie in der Schweiz ausser Kontrolle.

"Aktuell" nimmt der gleitende 7-Tages-Schnitt der täglichen Neuinfektionen (nur dieser Wert ist unabhängig von den sytematischen wöchentlichen Schwankungen der - oft verzögert - eintreffenden Meldungen) wieder ab. Und die "Reproduktionszahl" ist wieder (31. Juli) kleiner als 1.0
Es gibt also keinerlei Grund zur Panik oder einem Lockdown.

Weiterhin aber gilt das "AHA":
A bstand
H andhygiene
A lltagsmaske, wenn der Abstand nicht eingehalten werden kann.

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