„Duell der letzten Chance“

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„Duell der letzten Chance“

Von Heiner Hug, 23.10.2020

Gelang es Trump, der in Meinungsumfragen arg schwächelt, das Steuer herumzureissen?

„Trump needs a comeback tonight“, titelte CNN im Vorfeld dieser zweiten Debatte zwischen Trump und Biden. Gelang ihm dies? Eher nicht.

Im Vergleich zum ersten chaotischen Duell verlief diese letzte Debatte zwischen dem Präsidenten und dem früheren Vizepräsidenten fast schon gesittet. Trump hatte Anweisung seiner Berater erhalten, Biden nicht ins Wort zu fallen. Daran hielt er sich. Sein flegelhafter Auftritt während der ersten Debatte hatte sich als kontraproduktiv erwiesen. „Trump hat sich diesmal nicht selbst lichterloh in Brand gesteckt“, kommentierte CNN-Moderator Jake Tapper nach dem Gespräch.

Für Trump war es die letzte Möglichkeit, anderthalb Wochen vor der Wahl seinen Rückstand wettzumachen. In den meisten Meinungsumfragen liegt der Präsident zum Teil deutlich zurück.

„Der Präsident hat gelogen wie Pinocchio“

Trump wirkte angespannt und unruhig. Immer wieder wippte er mit den Schultern und dem Kopf hin und her. Biden hingegen war die Ruhe selbst. Mehrmals blickte er direkt in die Kamera, so als ob er zum Volk spräche. Diesen Trick hatten schon Kennedy und Clinton angewendet – und wurden gewählt. Nur zwei-, dreimal verhaspelte sich Biden kurz. Die Angriffe Trumps quittierte er mit einem sanften Lächeln.

Das 90-minütige Duell fand in der Belmont-Universität in Nashville, Tennessee, statt. Viel Neues bot es nicht. Es offenbarte einmal mehr die total verschiedenen Visionen der beiden Kandidaten. Trump blieb sich treu. „Der Präsident hat gelogen wie Pinocchio“, erklärte der CNN-Mann Jake Tapper.

Moderiert wurde das Duell von der erfahrenen NBC-Journalistin Kristen Welker. Sie leitete das Gespräch professionell und ruhig. Keinem der beiden Kandidaten musste sie das Mikrofon abstellen. Welker berichtet als NBC-Korrespondentin aus dem Weissen Haus. Schon vor dem Duell war sie von Trump angegriffen worden. Er bezeichnete sie als „fürchterlich“ und „total parteiisch“. Dann, während des Duells, sagte Trump plötzlich zu ihr: „Sie machen einen sehr guten Job.“

„Er hat keinen Plan“

Erstes Thema der Debatte war die Corona-Krise. Biden warf Trump vor, bei der Bekämpfung der Pandemie total versagt zu haben. Es sei „tragisch“, wie der Präsident auf die Krise reagiert habe. „Wir gehen in einen dunklen Winter“, sagt Biden und erinnert an die mehr als 200’000 Toten. Trump habe die Gefahr der Pandemie bewusst heruntergespielt. „Er hat keinen Plan, wie man die Krise in den Griff bekommt.“

Trump hingegen lobt sein Krisenmanagement. Ohne ihn hätte es 700’000 Tote gegeben. „Wir müssen lernen, damit (mit der Pandemie) zu leben“, sagte Trump. Biden erwiderte: „Learning to live with it? Come on! We're dying with it.“ Trump stellte in Aussicht, dass es bald eine Impfung geben werde. Und: „99,9 Prozent der Infizierten werden wieder gesund.“

„Biden will ein sozialistisches Gesundheitswesen“

Der Präsident warf Biden vor, er wolle ein „sozialistisches Gesundheitswesen“ einführen. Antwort Biden: „Er ist ein verwirrter Mensch. Er weiss nicht, gegen wen er antritt.“ Er, Biden, habe einen klaren Plan. Er wolle eine „public option“ in Obamacare einführen. Dies wäre für arme Menschen, die nicht für Medicare qualifiziert sind. Er wolle kein „sozialistisches Gesundheitswesen“ und sprach sich für die Beibehaltung privater Krankenversicherungen aus. Eine gute Gesundheitsversorgung solle nicht nur ein Privileg aller Amerikaner sein, sondern ein Recht, betonte Biden.

Nächstes Thema: Rassismus: Trump behauptete, er sei „der am wenigsten rassistische Mensch in diesem Raum“. „Niemand hat mehr für Schwarze getan als Donald Trump“, sagte Donald Trump. Biden quittierte diesen Satz mit einem erstaunten Gesichtsausdruck.

„Die Börse bricht nach Bidens Wahl zusammen“

Der frühere Vizepräsident attackierte Trump schliesslich frontal, weil er fast keine Steuern bezahlt habe. Trump gab die erstaunliche Antwort, dass er im Voraus Millionen Steuern bezahlt habe.

Biden griff auch die Aussenpolitik Trumps an. Der Flirt mit Kim Jong-un habe dazu geführt, dass Nordkorea heute stärker sei als früher und jetzt sogar die Kapazität habe, die USA anzugreifen.

Hart auf hart ging es beim Thema Umweltpolitik zu. „Ich liebe die Umwelt“, sagte Trump. Er wiederholte seinen Standpunkt, er wolle nicht mit drastischen Umweltauflagen die Wirtschaft zerstören. Windkraftwerke würden Vögel töten, sagte er. Biden hingegen sagte, dass mit sauberer Energie Millionen neuer Arbeitsplätze geschaffen werden könnten. Trump bezeichnete Bidens Wirtschaftspläne als Desaster; die Börse würde nach seiner Wahl zusammenbrechen. Und aus heiterem Himmel bezeichnete der Präsident seinen Herausforderer als „korrupt“.

„Es geht um Würde, Ehre und Anstand“

Biden liess mehrmals erkennen, dass er als Präsident mit den Republikanern zusammenarbeiten werde – dies im Gegensatz zu den Republikanern, die sich weigerten, während der Obama-Jahre mit den Demokraten Lösungen zu finden.

Schlusswort von Biden: „Ich werde alle repräsentieren, unabhängig davon, ob Sie mich gewählt haben.“ Die Wirtschaft könne wachsen, man könne den systemischen Rassismus bekämpfen und saubere Energie produzieren. Bei diesen Wahlen gehe es um „Würde, Ehre und Anstand“.

Nach dem Gespräch trat First Lady Melania auf die Bühne und stellte sich kurz neben Trump. Auch Bidens Frau betrat die Bühne; sie umarmte ihren Mann. Alle trugen eine Maske – ausser Trump. Einen Handschlag zwischen den beiden Kontrahenten gab es nicht.

CNN: Biden gewinnt das Duell

Laut einer ersten Umfrage von CNN hat Biden den Schlagabtausch gewonnen. 53 Prozent der Befragten sehen den demokratischen Herausforderer als Sieger des Duells. 39 Prozent sagen, Trump sei überzeugender gewesen.

Landesweit liegt Trump in den Meinungsumfragen 10 Prozent hinter Biden zurück (Stand: Donnerstag). Laut dem renommierten Demoskopen Nate Silver vom Institut „FiveThiry Eight“ kommt Biden heute auf 52,2 Prozent der Stimmen; Trump auf 42,2.

Wichtiger als dieses landesweite Ergebnis sind die Erhebungen in den wichtigen Battleground-Bundesstaaten, vor allem in Wisconsin, Michigan, Pennsylvania, North Carolina, Florida, Iowa und Arizona. In all diesen Bundesstaaten führt Biden teils klar, teils knapp.

Vorteil Biden

In Wisconsin, Michigan und Pennsylvania könnten die Wahlen entschieden werden. Diese drei Staaten hatte Trump vor vier Jahren äusserst knapp gewonnen. In Wisconsin führt Biden laut dem Umfrage-Aggregat „Real Clear Politics“ mit 4,6 Prozent. Der Präsident hat jedoch in den letzten Tagen zugelegt. Auch in Pennsylvania liegt Biden mit 4,9 Prozent vorn. Auch dort hat Trump in den letzten zehn Tagen leicht Boden gutgemacht. Michigan hingegen scheint fest in demokratischer Hand. Biden führt dort mit 7,8 Prozent; Tendenz steigend.

Würde Biden in Wisconsin, Michigan und Pennsylvania gewinnen, wäre er wohl der nächste Präsident. Im wichtigen Staat Florida hat Biden in den letzten Tagen wieder zugelegt und führt zurzeit mit 2,1 Prozent. In Iowa und North Carolina führt Biden ganz knapp; die Umfrageergebnisse liegen jedoch in vielen Staaten innerhalt der Fehlermarge von +/- 3 Prozent.

„Grenzenloser Narzissmus, chronisches Chaos“

Trump musste in den letzten Tagen verschiedene Rückschläge hinnehmen. Dazu gehört, dass die auflagenstärkste amerikanische Zeitung, „USA Today“ sich für die Wahl Bidens ausgesprochen hat. Es ist das erste Mal, dass sich das Blatt explizit mit einer Empfehlung in einen Wahlkampf mischt. Das Land sei mit Trump gefährlich vom Kurs abgekommen, schrieb USA Today. „Biden ist ein würdiges Gegengift zu Trumps grenzenlosem Narzissmus und chronischem Chaos.“

Schlimmer noch wiegt, dass Trump die Wahlkampf-Spender davonlaufen. Der Präsident verfügt plötzlich über sehr viel weniger Geld für seine Wahlwerbung als Joe Biden – normalerweise ein schlechtes Zeichen für einen Kandidaten. Trump musste Tausende Fernseh-Spots streichen, weil ihm das Geld dazu fehlt. Laut der New York Times verfügt Biden zurzeit über drei Mal mehr Geld für den Wahlkampf als Trump.

Trump hat jetzt noch zwölf Tage Zeit, um seinen Rückstand aufzuholen.

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Von Heiner Hug, aktualisiert - 29.10.2020

Wenn es J. Biden nicht gelingt, D. Trump wirkungsvoll etwas entgegenzusetzen oder er sich in der Diskussion verheddert, dann dürfte die Sache für ihn gelaufen sein. Da nützt dann auch der schönste Goebbels-Vergleich nichts. Mittlerweile müsste doch auch den Demokraten klar sein, dass die ewige Verteufelung von D. Trump sich irgendwann abnutzt.

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