„Du Migrant – Ich König“

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„Du Migrant – Ich König“

Von Cyrill Dankwardt, 01.07.2019

Die Migranten zeigen uns die Realität, vor der wir uns im „Erfolgsmodell Schweiz“ nur allzu gerne verstecken. Zeit für einen Augenschein.

Journal21.ch will die Jungen vermehrt zu Wort kommen lassen. In der Rubrik „Jugend schreibt“ nehmen Schülerinnen und Schüler des Zürcher Realgymnasiums Rämibühl regelmässig Stellung zu aktuellen Themen.

Cyrill Dankwardt ist 16 Jahre alt und lebt in Zürich. Er besucht die vierte Klasse des Realgymnasiums Rämibühl und interessiert sich unter anderem für Geschichte und Politik.

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Die Vorzüge der Drittweltländer lassen sich kaum verneinen. Wo Armut herrscht, kämpft man ums tägliche Brot, nicht um Rechte. Perfekte Bedingungen für das Fördern von Rohstoffen und Mineralien oder die Billigproduktion. Über die Folgen dieser Ausbeutung aber schauen wir gerne hinweg, die geographische Entfernung macht’s möglich.

In der Schweiz ist die Situation anders. Die Schweiz ist ein reiches Land und auch politisch geht es uns gut. Menschen- und Kinderrechte geniessen innerhalb unserer Grenzen hohen Rückhalt und werden dementsprechend auch bedingungslos durchgesetzt. Im weltweiten Vergleich Luxus, nicht Normalität.

Der Begriff „Erfolgskonzept Schweiz“ hat sich mittlerweile schon fast eingebürgert: Menschen sind stolz darauf, Teil der Schweiz zu sein. In diesem Denken wird die Geburt in einen Staat, in eine Gesellschaft als Leistung gesehen und Privilegien als gegeben betrachtet, wenn nicht sogar schon als Eigenverdienst.

Und es steigt uns zu Kopf. Die Schweizer Bürger sitzen auf dem Thron und bestimmen, wem Schutz gewährt wird und wem nicht. Wer vor Krieg und Verfolgung flieht, dem wird zähneknirschend Schutz geboten und er wird dazu in eine Asylunterkunft eingesperrt und gedemütigt. Nur solange sich die Menschen vor den Königinnen und Königen verneigen, sind sich die Herrschenden ihrer Macht und Übermacht bewusst.

Wehe aber denjenigen, die keine Verfolgung, keinen Krieg nachweisen können. Für Hungernde bietet der überquellende Esstisch nicht den mickrigsten Krümel. Muss man als Schweizer doch erst im Duden nachschlagen, was „Hunger“ bedeutet. Und selbst dann: Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.

Nein, stattdessen müssen sie als Sündenbock herhalten. Gewisse Parteien sind noch so erpicht darauf, ihnen alle Schuld der Welt in die Schuhe zu schieben: Diskriminierung und Gewalt gegen unsere Frauen, Drogen für unsere Kinder. Sogar für den Klimawandel machen sie die Flüchtlinge und Migranten alleinig und persönlich verantwortlich – Als ob alles Übel in der Schweiz nur zugewandert sei.

Dabei tragen die Migranten die Verantwortung nur zurück zu den Industriestaaten, deren Reichtum auf den Schultern eben der Entwicklungsländer fusst. Während man früher noch Tausende Kilometer von den Folgen der Ausbeutung getrennt war, so stehen sie plötzlich an der Grenze. Die Migranten zeigen uns die Realität, vor welcher wir uns am liebsten verstecken würden. Und natürlich könnten wir uns hinter Mauern verstecken, Migranten abschieben oder gleich im Mittelmeer ertrinken lassen. So könnten wir weiterhin im Glauben leben, die Mineralien in unseren Smartphones wachsen im Berner Oberland an Apfelbäumen und der Kakao bei Lindt im Hinterhof. Oder aber wir anerkennen, dass es so etwas wie Menschenrechte gibt und dass sie universell sind.

Uns bleiben im Grunde genommen zwei Möglichkeiten: Erstens, wir übernehmen Verantwortung im grossen Massstab und setzen die Menschenrechte auf dem gesamten Globus durch; was zum einen für ein Leichtgewicht wie die Schweiz nicht machbar wäre und zum anderen mehr an Kolonialismus und Missionierung erinnert. Die andere Option ist einfacher: Wir übernehmen die Verantwortung innerhalb unserer Grenzen. Wir verbieten Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen von unserem Staatsgebiet aus und wir betrachten Migranten ohne Seitenblick auf ihre Migrationsursache als das, was sie sind: Menschen.

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Verantwortlich für die Betreuung der jungen Journalistinnen und Journalisten von „Jugend schreibt“ ist der Deutsch- und Englischlehrer Remo Federer ([email protected]).

Weitere Informationen zum Zürcher Realgymnasium Rämibühl unter www.rgzh.ch  

Kommentare

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Es wird schwierig, sich als Gutmensch behaupten zu wollen, da der Mensch per se nie ganz böse und nie ganz gut sein kann. Ausnahmen, wie Soziopathen, existieren, aber diese werden immer in der Minderzahl bleiben. Kein Schweizer und keine Schweizerin ist ein Gutmensch. Punkt. Wenn auch Herr und Frau Schweizer es schaffen, sich eingestehen zu können, dass auch sie dunkle Seiten in sich tragen (Anm.: die Ära Schwarzenbach ist ein Schandfleck der CH Historie, die manche/r Bürger/in verdrängt...) und sie mit ihren Dämonen hadern, könnten sie dem Diskurs sachlicher begegnen. Denn seien wir ehrlich, wenn "Utopia" (egal aus welcher Perspektive betrachtet) Realität werden sollte, was würden die Anführer von "Utopia" mit Andersdenkenden, die es weiterhin und neu geben wird, machen? Was würden Andersdenkende mit den "alten" Anführern machen?

Mein Tipp als stolzer Nicht-Schweizer: lassen Sie sich spiegeln. Reflektieren Sie, egal welcher politischer Couleur Sie angehören, warum man so über Sie denkt: es besteht immer die Möglichkeit, auch wenn sie noch so klein sein mag, dass Sie im Unrecht sind. Erst dann hätten Sie sich von Ihrem Dogma gelöst, politisch, religiös, wirtschaftlich etc., das Sie daran hindert, endlich in Lösungen zu denken und kooperativ danach zu handeln. Denn Glauben hat niemanden wirklich weitergebracht. Die Offenlegung von Fakten hingegen schon. Ausser man will nur glauben und nicht wissen, weil man Angst hat, das Richtige zu finden und das "Alte" loslassen zu müssen.

PS: zweiter Tipp, hören Sie uns Ausländern mal in Ruhe zu. Lassen Sie Kritik zu. Das nennt sich "extrinsische Sicht". Wir sind mit 25% sowieso keine echte Minderheit mehr. Bei Fragen: einfach melden.

Schon früher haben mich Beiträge der 'Jung-Journalisten' gefreut,
aber heute nach der Lektüre von Cyrill Dankwardts "Du Migrant - Ich
König" MUSS ich ein Wort der Anerkennung und des Dankes schreiben.
So, wie ich die heutige Schweiz erlebe, erfüllt mich der
Artikel von Cyrill Dankwardt mit grosser Freude.
Sie haben meine volle Zustimmung!
Danke!

Lieber Cyrill, Sie verfügen über Logik, Sprachmacht, Menschlichkeit und ein Umfeld, das Sie fördert: Tragen Sie dankbar zu diesen Privilegien Sorge und hören Sie niemals auf, sich Gehör zu verschaffen. Ihre jugendliche Stimme ist eine Wohltat in diesen Zeiten, in denen Menschen für Menschlichkeit verurteilt werden.

Ich integrierter Ausländer:

Wenn mich ein Deutscher kritisiert, dann frage ich ihn, ob er ein echter Deutscher ist. Wenn er das bejaht, dann sage ich zu ihm, Du Ureinwohner von der deutschen Minderheit, schweig, bald hast Du in diesem Land sowieso nix zu sagen!

Danach sind die meisten sofort still und wirken nachdenklich.

Zu der Antifa kann ich alles sagen und es passiert nix. Die sagen zu mir wegen meinem starken Akzent, Du bist Ausländer, das ist erstmal gut. Keine Deutschen bedeutet keine Nazis.

Zum Glück habe ich einen ausländischen Pass. Wenn der IS hier richtig aktiv wird und Sharia Police und Relligionswächter einführt. dann kann ich hier verschwinden.

Ja, Herr Ahmet, mit Ihrem Verhalten sind sie wohl kaum bei Ihren Gastgebern willkommen, denn Gastgeber haben " in diesem Land
sowieso nix zu sagen!" Sie bestätigen Sarrazins Buch :Feindliche Uebernahme..

unglaublich diese kraft in der sprache, und das mit 16 jahren. chapeau! diese einleuchtende logik kämpft einmal mehr gegen die derzeitige polititische verfassung unseres landes. ob ehrlichkeit immer noch am längsten währt?

Schon wieder ein Schüler dieses Gymnasiums, der meint wir Schweizer könnten ganz Afrika bei uns aufnehmen und uns versucht die Schuld für alles Elend und alle Kriege in der Welt unterzuschieben.
Er vergisst dabei, dass es Schweizer Bürger gibt die einfach anderer Meinung sind und das mit Recht. Wir können nicht unlimitiert Menschen aufnehmen, obwohl auch ich das möchte. Es tönt altmodisch, aber wir möchten unsere Kultur schützen und behalten. Wenn die halbe Welt bei uns am Tropf hängt geht unsere Kultur und Gesellschaft und die Art des Umgangs miteinander bachab.
Wollen wir wirklich Slums in unserem Land fördern? Millionen von Menschen die keine Ausbildung und keine Chance auf eine Arbeit haben?
Nein. Das kann nicht die Lösung sein. Denn am Ende dieser Entwicklung hätten wir einen Slum von Genf bis Rorschach mit einigen gesicherten Enklaven für die Reichen in den Bergen.
Also halten wir uns zurück in unserem Wahn, dass wir Schweizer alles Übel der Welt lösen könnten, wenn wir nur wollten.
Machen wir weiter mit Hilfen durch bestehende Organisationen im Rahmen unserer geografischen und demografischen Limitationen ohne in eine ebenso verachtenswerte fast religiöse Helfer-Arroganz zu verfallen.

@Karl Schmid: Es scheint mir, Sie hätten einen anderen Text gelesen als ich. Wo schreibt der Gymnasiast Ciryll Dankwardt, dass die Schweiz ganz Afrika aufnehmen soll?
Wo versucht er, der Schweiz alle Schuld und alles Elend der Kriege unterzuschieben?
Wo haben Sie gelesen, dass er 'vergessen' hat, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben können?
Eher scheint mir, Sie haben das vergessen, z. B. wenn Sie in der 'Wir-Form' schreiben: Wir möchten unsere Kultur behalten. Wenn Sie hier die Naturschönheit der Schweiz (und der Welt) meinen und für Naturschutz und gegen den Klimawandel einstehen, so bin ich mit Ihnen. Wenn Sie aber die Gleichgültigkeit gegenüber Menschen in Not meinen, so gilt Ihr 'wir' weder für mich noch für viele weitere Menschen guten Willens. Wenn Sie die Haltung des Rosinenpickens und der niederträchtigen Ausnutzung einseitiger Handelsbeziehungen meinen, so gilt Ihr übergriffiges 'wir' ebenfalls nicht für mich.
Dann verlieren Sie sich in apokalyptischen Aussagen wie 'ein Slum von Rorschach bis Genf'. Tatsache ist aber, dass von Genf bis Rorschach eine der wohlhabensten Regionen der Welt besteht, während es die wirklichen Slums in der dritte Welt und in Krisen- und Kriegsgebieten zu Hauf gibt.
Ich bin froh um alle (jungen) Menschen, welche sich für die Bewahrung der Schöpfung und die wirkungsvolle Bekämpfung der Armut und ungerechten Handelsbeziehungen einsetzten, die gegen die Waffen- und Kriegsindustrie sind, weil Kriege ausschliesslich Elend, Verwüstung und Fluchtbewegungen bewirken.
Die Schlussfolgerung von Cyrill trifft den Nagel auf den Kopf, man lese diese nocheinmal! Es macht Hoffnung, solch engagierte und selber-denkende Jugendliche zu sehen.

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