Diktatoren auf dem Julier

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Diktatoren auf dem Julier

Von Andreas Doepfner, 07.10.2017

Im roten Theaterturm auf der Passhöhe bringt Origen Giovanni Netzers neues Musiktanzdrama „Herodes“ heraus. Die Lieder schrieb der russische Komponist Dmitri Schostakowitsch.

Der erste Oktoberschnee auf dem Julierpass, ein frühes Wintermärchen für eine Besucherin, die noch nie Schnee gesehen hat. Am Abend zuvor ein milder Herbstabend im Vollmondlicht. Im Theaterturm auf der Passhöhe die eiskalte Saga der Diktatoren, einst und jetzt, am Beispiel des historischen Judenkönigs Herodes, als Bühnenspielbuch mit Musik und Tanz geschrieben und inszeniert vom Intendanten des Origen Festival Cultural, Giovanni Netzer.

Bühnenbild für die Welt

Die Kraft des roten Turms springt bei der Anfahrt auf beiden Seiten des Passes ins Auge, von Norden im letzten Moment, von Süden in längerer Gerade. Es ist ein Wehrturm für Graubünden, ein Wahrzeichen der innovativen Schweiz. Seine Gewalt ist noch nicht erkannt. Sie hat sich am „Herodes“-Premierenabend ein erstes Mal entfaltet. Der rote Turm ist das Bühnenbild unserer Welt, in Schönheit wie in Grausamkeit.

Eine von Kitsch befreite Weihnachtsgeschichte zu Musik von Schostakowitsch, hat Netzer vor wenigen Monaten versprochen. „Herodes“ ist als Stück und Inszenierung die erste Uraufführung auf der Passhöhe zwischen Surses und Engadin. Der vieleckige hölzerne Turm mit den hohen Bogenfenstern ist dreissig Meter hoch. Der Boden seiner Dachterrasse mit der herrlichen Aussicht bringt die Passhöhe von 2284 auf 2313 Meter über Meer. Das hat mit Sicherheit kein anderer Theaterbau geschafft – einen Pass höher zu machen, als er schon ist, dazu einen aus der Antike, mit Säulenstümpfen eines römischen Heiligtums zu beiden Seiten der Passhöhe. Im kleinen antiken Heiligtum aus Stein opferten die Händler den Göttern des Wegs und der Reise. Der moderne Holzbau dient den Musen des Theaters, von Gesang, Tanz, Musik. Doch unumschränkter Regent ist der donnernde Göttervater Zeus – der Turm ist nicht nur berauschend, er ist gewaltig.

Wann war gemässigt moderne Musik zuletzt am Berg zu hören? Wer hat schon einen Flügel in ein Theater in eine wilde Landschaft gestellt? Das edle Instrument ist geschützt von Uffers massiver Savogniner Schreinerarbeit aus Holz der Alpen; diese ist sorgsam für die Gefahren da oben berechnet von Walter Bieler in Bonaduz, als Ganzes entworfen und in Dutzenden Modellen gebaut von Origens Intendant Giovanni Netzer. Alena Sojer entlockt dem Flügel Lieder des Russen Dmitri Schostakowitsch, der Emotionen auszudrücken weiss, selbst den Diktator Stalin jahrzehntelang im Nacken hatte. Die Origen-Pianistin spielt bestimmt und sanft, wunderbar fliessend im Fortissimo wie Pianissimo – und doch gab es längere Momente an dem Premierenabend, in denen die Musik beinah versank, weil das Geschehen auf der kreisrunden Bühne den Atem raubte.

Shakespearsches Königsdrama

Die beklemmende Geschichte des historischen Herodes, der vier Jahre vor Christi Geburt starb, der also nicht der Befehlsgeber für den Bethlehemitischen Kindermord gewesen war, für den ihn die Legendentradition des Abendlands verdammt. Herodes war ein krankhaft brutaler Machtmensch, der sich nicht scheute, seine Familienmitglieder zum Tode zu verurteilen und die von Rom bestätigten Urteile auszuführen. Diesen Tiefpunkt einer Herrscherlaufbahn zeigt Netzer. Wie er in seiner Einführung sagte, ist das Stück zur Parabel auf heutige Diktatoren im gleichen geographischen Raum wie der antike Herodes von Roms Gnaden geworden. Ohne dass Netzer Namen nannte, kann die Terrormiliz IS, kann ein Asad in Syrien mit Putin als Drahtzieher gemeint sein, Herrschaftssysteme, denen das Auslöschen ganzer Städte und ihrer Bevölkerung egal ist.

Dieses Shakespeare-ähnliche Königsdrama auf der Julierpasshöhe beginnt mit einem Kostüm: Ein überlanger Prunkmantel schreitet frühlingshaft leuchtend, oben ein bärtiges, blond gelocktes Haupt. Es ist unverkennbar die Hauptfigur Herodes, verkörpert in völlig glaubhafter Bosheit und Brutalität vom Tenor Martin Mairinger, dem liebenswürdig-sanften Niederösterreicher, der noch im Sommer sagte, der diktatorische Bösewicht liege ihm so gar nicht.

Gedichte von Kostümen

Dieses Rilkegedicht von Mantel wird unter der Lichttechnik von Jorge Bompadre zum Herbst und Winter des Lebens. Die magischen Kostüme sind vom St. Galler Designer Martin Leuthold auf jede der Figuren nicht nur zugeschnitten, sondern sie scheinen aus deren Lebensumständen kreiert (ausgeführt von Deniz Ayfer Ümsu und Lucia Netzer).

Das spricht besonders deutlich aus jenen von Herodes' zwei Gattinnen, den Origen-Tänzerinnen Riikka Läser und Bonnie Paskas: die erste Königsgattin, durch die Scheidung verhärmt, unterwürfig im schlichten, jedoch elegant geschürzten Silberlilakleid; die zweite, erhabene, ihrer Sache sichere Fürstin im Ballkleid mit gebauchter Schleppe, das bald weissgolden, dann rötlich, plötzlich smaragdfarbig schimmert. Beide kämpfen um den Thron für ihre ungleichen Söhne, der ältere in schmelzendem Tenor gesungen von Maximilian Vogler, der ungebärdige jüngere auf Messers Schneide getanzt von Torry Trautmann.

Alle gegen alle im brachialen Finale lassen nur die graue Eminenz Salome aus, den herrlichen Sopran Sybille Diethelms, der klagend verstummt. Salome verschwindet in ihrem rätselhaft schlichten Kostüm – die Drahtzieherin des Dramas kann gehn. Nur Herodes macht geisterhaft die Runde, ganz nah dem „Parkett“ im doppelten Amphitheater. Die Toten entschweben, auf der langsam hochgezogenen Bühne liegend – in elysische Gefilde? Salome und Herodes, die beiden Überlebenden: mit oder ohne Gewissensbisse? Das bleibt dem Weiterdenken des Publikums überlassen, das indes etwas gar rasch den Postautos zustrebt.

Die Dramatik der Bewegungssprache, die Giovanni Netzer über die Jahre für seine Inszenierungen entwickelt hat, lässt bei keinem und keiner der Darstellenden zu wünschen übrig. Auch die als Stimmkünstler weniger bewegungsfreudigen Sänger sind in „Herodes“ neue Meister darin geworden: das langjährige Ensemblemitglied, Sybille Diethelm, der erst seit drei Jahren für Origen wirkende Martin Mairinger sowie der erst in Konzerten geübte Origen-Neuling Maximilian Vogler haben sich zu überzeugenden Bewegungskünstlern entwickelt.

Reinhartring vor zehn Jahren

Es ist zehn Jahre her, seit Giovanni Netzer die höchste Auszeichnung der Schweiz für Theaterleistungen erhalten hat. Der damalige Bündner Kulturminister Stefan Engler würdigte das Ereignis im August 2007 mit folgenden Worten (die Inszenierung in jener Sommersaison war mehrsprachig dem Thema David–Goliath gewidmet): „Manchmal gewinnen auch die Kleinen. Giovanni Netzer hat als David des Theaterolymps in seiner Steinschleuder die Steine des jungen Davids: Professionalität, Hingabe, Hartnäckigkeit, Feinsinn und Gespür.“ Der heutige Ständerat Engel würdigte damals die staatstragende Bedeutung der Verleihung an einen Rätoromanen, der damit zwar kein Goliath werde, sich indes mit Goliath verbünden werde. Dem ist wenig beizufügen. Nur sind die Bündnisse mit privaten Goliaths etwas einfacher zu schliessen als mit Gemeinden und Kantonen.

Fototermin am Turm

Es ist schon klar, dass der Julierturm gemäss Vertrag mit 14 kantonalen Ämtern während vier Jahren in Betrieb sein wird. Die von Walter Bieler für viele Eventualitäten geplante Bündner Zimmermannsarbeit hat indessen eine weit längere Lebensdauer von mindstens zehn Jahren oder mehr. Es verwundert nicht, dass die „Schweizerische Schreinerzeitung“, aber auch internationale Architekturzeitschriften sich des Turms angenommen haben.

Ein Architekturtext in der österreichischen Qualitätszeitung „Der Standard“ bewegte jüngst einen Motorradfahrer aus Tirol, der gern über Schweizer Alpenpässe kurvt, „endlich wieder einmal über den Julier zu fahren“, wie er sagt. Er hat vom Goldfinger-Kleinturm aus den Torre reichlich fotografiert. Das tun seit dem Sommer manche Touristen, die sich aufstellen wie vor dem Schiefen Turm von Pisa, um sich gegenseitig abzulichten.

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