Digital oder dialogisch?

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Digital oder dialogisch?

Von Carl Bossard, 19.03.2017

Internet und Big Data verändern das Lernen radikal. Gehört darum dem digitalen Studenten die Zukunft?, fragte kürzlich die FAZ und fügte bei: Das wäre beängstigend. Ein Klärungsversuch.

Längst haben die Digitaltechniken unsere Lebenswelt besetzt. Der Computer, das Internet, die Sozialen Medien lassen sich nicht mehr wegdenken. Die Digitaltechniken sind in nahezu alle Lebensbereiche vorgedrungen; sie bestimmen unseren Alltag. Ohne Wenn und Aber. Wir alle benutzen sie. Ein Zurück gibt es nicht.

Die Digitaltechniken dominieren den Alltag

Das digitale Panoptikum von Internet, Smartphone und Google Glass bestimmt auch die Lebenswelt der Jugendlichen – und verändert das Unterrichten. Der Schul- und Lernalltag digitalisiert sich. Das hat Folgen.

Blind, berauscht und benommen darf man die Konsequenzen nicht hinnehmen. Sie sind abzuschätzen und zu bedenken. Doch „zu Ende denken ist ein hartes Los“, schrieb der ehemalige Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Bankgesellschaft SBG, Dr. Robert Holzach. [1] Weiterdenken und das Gesetz der unbeabsichtigten Nebenwirkungen [2] ausloten, das ist bei einem so radikalen Paradigmenwechsel wie der digitalen Bildungsrevolution zwingend.

„Online-Bildung wird die Welt verändern“

Der selbstbestimmte Student lernt online und debattiert im E-Forum! Der Schlachtruf erfasste fast alles. 2012 waren Massive Open Online Courses MOOCs der Hype der Saison und wurden als grösste Revolution seit dem Buchdruck und der Schulpflicht gefeiert. Die New York Times rief „Das Jahr des Mooc“ aus.

Die Digitaltechniken machen es aus der Sicht vieler möglich: Bildung für alle über MOOCs, persönlich zugeschnittenes Lernen, Big Data für die Studienberatung sowie Computerspiele statt Zeugnisse bei der Jobbewerbung – ein kleiner Ausschnitt dessen, was unsere Welt zurzeit revolutioniert. Darin liege die Zukunft des Lernens. Und diese Zukunft komme wie ein Tsunami auf uns zu. Orwell realisiere, wovon Humboldt träumte: Er demokratisiere die Bildung und mache sie für alle zugänglich. Es gebe sie nun wie Anzüge von der Stange: als Massenware. Davon sind die Bildungsexperten Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt der deutschen Bertelsmann Stiftung überzeugt. [3]

Der virtuelle Tutor als Lehrer der Zukunft

Die beiden Protagonisten gehen gar noch weiter: Der neueste Wurf der digitalen Bildung ist nicht mehr der kollektive MOOC, sondern der virtuelle Tutor. Er beschult Schülerinnen und Studenten sowie lebenslang Lernende persönlich – und zwar über ihre gesamte Bildungsvita. Notwendig dazu sind bloss Strom, WLAN und ein Tablet.

Das geht so: Ein Schüler erhält täglich den auf ihn zugeschnittenen Lehrplan; ein Rechenzentrum erstellt ihn über Nacht. Die Lernsoftware ermittelt für jeden Studenten die optimalen Fächer und überwacht seine Arbeitsschritte. Algorithmen analysieren seine Lernfortschritte und übermitteln ihm Feedbacks, erkennen seine Fehler und zeigen Lösungswege. Dazu gehören auch die voraussichtlichen Abschlussnoten. Ein Konzern lässt den gleichen Studenten in einem virtuellen Restaurant Sushi servieren. Das Computerspiel sagt seinen Berufserfolg vorher.

So verlaufe die digitale Zukunft des Lernens, maschinengesteuert und individualisiert, prognostizieren Jörg Dräger und Ralph Müller-Eiselt in ihrer Publikation.

Umstrittener Hightech-Einsatz im Klassenzimmer

Der Zeitgeist spricht darum von Bildung 4.0: Lernen und Bildung lassen sich vollständig an Medien und Technik binden – und damit an digitale Lernfabriken, in denen ein unbestechlicher Algorithmus seines pädagogischen Amtes waltet. Digitales statt Analoges, zuverlässige Hightech statt Mängelwesen Mensch. Das ist der eine Standpunkt, der digitale – und damit die Zukunft, wenn man den Silicon Valley-Digitalisten und den beiden Bertelsmann-Experten vertraut.

Dieser Position diametral gegenüber steht die andere Ansicht, die dialogische: „Ich wehre mich heftig gegen den Glauben, dass man technologische Hilfsmittel braucht, um Kindern Grammatik beizubringen“, sagt Alan Eagle, Mitarbeiter bei Google im kalifornischen Silicon Valley und Vater zweier Kinder. Er selber hat ständig mit neuen Technologien zu tun; doch seine Kinder im Alter von elf und 13 Jahren können noch kaum mit Google umgehen. „Die Idee, dass eine iPad-App meinen Kindern besser lesen oder Arithmetik beibringen können soll, ist lächerlich“, so Eagle. [4]

Die Macht der Konzerne

Digital oder dialogisch? Beim Unterrichten gilt kein Entweder-oder. Es vermag zwar das schulische Hightech-Labor und die technikfreie Waldschule zu unterscheiden. Doch solches Polaritätsdenken verkennt, dass Lehren und Lernen stets eine Disziplin des Sowohl-als-auch sind.

Umso ärgerlich es ist, dass Industrien und Internetkonzerne, unterstützt von kantonalen Bildungsverantwortlichen, mit aller Macht die Digitalisierung der Schulen vorantreiben und den Unterricht einseitig auf digitale Lehrmittel und Methoden umstellen – mit weitgehend unkritischer Begleitung von Medien und Öffentlichkeit. Wer will schon der schönen neuen Welt 4.0 mit Skepsis begegnen? Er gälte als hoffnungslos hinterwäldlerisch.

Jede bedeutsame Einsicht will gedanklich erarbeitet sein

Doch der forcierte Aufbau technologischer Lehr- und Lernstrukturen verkennt, ja negiert die humanen und sozialen Dimensionen des Lehrens und Lernens. Vergessen gehen Persönlichkeit und Dialog. Und unterschätzt wird die Tatsache, dass Menschen sich daran gewöhnen, das zu tun, was die Digitaltechnik-Maschinen ihnen vorsagen. Dazu kommt die Kontrolle via Netz und Big Data Mining. Digitale Bildung macht den Lerner gläsern; im Netz hinterlässt er unauslöschliche Spuren.

Der heutige Unterricht kommt nicht ohne moderne Medien aus – das steht ausser Zweifel. Das Lernen darf jedoch nicht allein von der Digitaltechnik determiniert sein. Jede Einsicht von Bedeutung will gedanklich erarbeitet sein. Das erspart uns keine Maschine. Die vital präsente Lehrerin, der fachlich überzeugende Dozent behalten darum ihren Platz im Unterrichtsraum. Die Effektwerte entspringen ihrem Unterricht und aus dem persönlichen Kontakt. Auf sie und ihr Wirken kommt es an. Das zeigen alle Resultate der umfangreichen John Hattie-Studie ebenso wie die Forschungsergebnisse der Neurobiologen Gerhard Roth und Joachim Bauer. Und aus der eigenen Schulzeit wissen wir es alle.

Lernt der Mensch digital?

Der Konfettiregen an Informationen und die vielen Daten-Halden fördern nicht unbedingt das Verständnis und die Erkenntnis; das gehört zu den Merkwürdigkeiten moderner Medien. Und keine empirische Studie kann nachweisen, dass der frühzeitige Einsatz elektronischer Medien dies bewirken würde und positive Effekte hätte. Im Gegenteil: Es sind Personen, die uns zu Verstehenden machen. [5] Im analogen Dialog und sokratischen Diskurs. Bildung ist immer und notwendig an Individuen gebunden. [6]

„Der Glaube, dass Bildung durch ein Computerprogramm ersetzt werden kann, ist ein Mythos. Der menschliche Kontakt und das Mentoring machen den entscheidenden Unterschied bei den Lernergebnissen aus“, [7] sagt der deutsche IT-Forscher Sebastian Thrun. Er weiss, wovon er redet; er lehrt als Professor für Künstliche Intelligenz an der Stanford University.

Bildung braucht Beziehung

Thruns Aussage basiert auf einem pädagogischen Wissen, das Vertrauen und Beziehung als Basis des Lernens sieht. Diese Einsicht erschliesst sich aus den Ergebnissen empirischer Lernforschung. Sie postulieren auch für digitale Technik und neue Medien das didaktische Prinzip: Unterrichten ist Beziehungsarbeit und damit ein intersubjektives Geschehen zwischen Lehrenden und Lernenden. Tablets und Smartphones bleiben dabei normale Lernhilfsmaterielien wie Bleistift oder Gummi. [8] Sie sind Mittel, aber nicht Ziel.

[1]  Robert Holzach (1987), Gedachtes und Nach-Gedachtes. Anmerkungen für die Freunde. Weinfelden: Wolfau-Druck Rudolf Mühlemann, S. 22.

[2] Eduard Spranger (1962), Das Gesetz der ungewollten Nebenwirkungen in der Erziehung. Heidelberg: Quelle & Meyer.

[3] Jörg Dräger, Ralph Müller-Eiselt (2015), Die digitale Bildungsrevolution. Der radikale Wandel des Lernens und wie wir ihn gestalten können. München: Deutsche Verlags-Anstalt. Der eine ist Vorstand, der andere Bildungsexperte der Bertelsmann-Stiftung.

[4] http://www.pressetext.com/news/20111024003; der ganze Beitrag: http://futur-iii.de/2015/11/24/mit-smartphone-und-wlan-lernt-man-besser-ihre-telekom/

[5] Vgl. Gerhard Roth (2011), Bildung braucht Persönlichkeit. Wie Lernen gelingt. Stuttgart: Klett-Cotta, s. 287ff.

[6] Peter Bieri (2010), Wie wäre es, gebildet zu sein? In: Lessing Hans-Ulrich/Steenblock Volker (Hg.), „Was den Menschen eigentlich zum Menschen macht …“. Klassische Texte einer Philosophie der Bildung. Freiburg im Breisgau: Verlag Karl Alber, S. 205ff.

[7] Ralf Lankau (2014), Ohne Dozenten geht es nicht, in: DIE ZEIT, 9.1.2014, S. 61.

[8] Vgl. Anja Burri, Die perfekte Lehrerin, in: NZZaS, 12.3.2017, S. 23.

Kommentare

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Ein guter Bericht, danke.
Stanford IT-Forscher Thrun bringt es auf den Punkt. Nur wird unser Bildungssystem leider von Halbwissenden geführt und von Viertelwissenden abgenickt. Die Situation ist fatal. Und keiner wagt es, dagegen anzukämpfen. Leidtragende sind die Schülerinnen und Schüler, der Staat und die Wirtschaft. Ich bin seit vielen Jahren mit der ostasiatischen Lernmethodik vertraut und weiss, dass die Musterschüler bestenfalls guter, europäischer Durchschnitt wären. Viel lernen und digital lernen sind Utopien und Mythen einer technikgläubigen Gesellschaft. Auf den Lehrer/Dozenten/Instruktor kommt es an, ob die Auszubildenden etwas begreifen oder nicht. Die Digitalisierung hat ihren Zenith bereits überschritten. Weniger ist mehr, weil es um Menschen und ihr Gehirn geht. Dass Bertelsmann-Experten eine andere Sicht haben müssen, liegt auf der Hand. Ich persönlich würde den Kindern das Smartphone verbieten und sie erst mit 15 Jahren gezielt und intensiv auf dem Computer ausbilden. Das dauert keine sechs Monate. Der Zeit- und Aufmerksamkeitsgewinn wären enorm. Computer vermitteln bloss Information; sie schaffen kein Wissen. Wikipedia und Google sind nichts anderes als Bücher.

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