Die Zeitung als Beigabe

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Die Zeitung als Beigabe

Von Heiner Hug, Rom - 31.07.2020

Viele Zeitungsnamen sind wenig originell. Doch da gibt es eine Ausnahme.

Fast alle Zeitungen heissen gleich, fast immer bezieht sich der Titel auf den Ort des Erscheinens: St. Galler Tagblatt, Neue Zürcher Zeitung, Schaffhauser Nachrichten, Basler Zeitung, Journal de Genève, Corriere del Ticino, Grenchener Tagblatt, Walliser Bote, Frankfurter Rundschau, Journal de Genève, Bote der Urschweiz, Gibraltar Chronicle, Washington Post, New York Times. Und so weiter.

Oder die Blätter heissen: Welt, Le Monde, Il Mondo, El Mundo, Zeit, le Temps, Il Tempo. Und so weiter.

Aussergewöhnlich und charakteristisch ist das alles nicht. Aber nicht der Name der Zeitung soll ja aussergewöhnlich sein, sondern deren Inhalt.

Eine Zeitung jedoch trägt seit langem einen ganz besonderen, aussergewöhnlichen Namen. Und diese Zeitung stammt aus Italien.

Seit dem Jahr 1885 wird in Bologna „Il Resto del Carlino“ publiziert. Sie ist die älteste noch existierende Zeitung in der Emilia-Romagna.

Der Carlino war im späten Mittelalter eine Münze, die in weiten Teilen des politisch zersplitterten italienischen Territoriums verwendet wurde, vor allem im untergegangenen Kirchenstaat. Namensgeber des Carlino, der seit dem 13. Jahrhundert im Umlauf war, ist  Carlo d’Angiò (König Karl I. von Anjou), der König von Sizilien.

Mit der Vereinigung und der Gründung Italiens im Jahr 1861 wurde der Carlino zwar von der Lira abgelöst. Doch im Volksmund wurde die Zehn-Lire-Münze noch bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein Carlino genannt. 

Eine Zigarre kostete acht Rappen. Wer mit einem Carlino zahlte, kriegte also vom Händler als Herausgeld zwei Lire.

Die Zeitung, die 1885 gegründet wurde, kostete zwei Lire. Die Zeitungsgründer hatten die Idee, den Verkauf der Zigarren und der Zeitung zu kombinieren und im „Multipack“ anzubieten. Für einen Carlino, also für eine Zehn-Lire-Münze, kriegte man eine Zigarre und dazu noch, als „Rest des Carlino“, eine Tageszeitung.

Es war eine Win-win-Idee: Der Verkäufer verkaufte – so quasi nebenbei – noch eine Zeitung. Und die Zeitung wurde – so quasi nebenbei – mit der Zigarre gekauft. Die Auflage stieg jedenfalls schnell.

Die Idee war ursprünglich in Florenz entstanden: Dort hiess die Zeitung „Il Resto del Sigaro“ (Der Rest der Zigarre). In Florenz hielt sich die Zeitung nicht lange. Doch die Idee wurde von vier jungen Journalisten nach Bologna exportiert, wo sie schnell Furore machte.

Die jungen Zeitungsleute waren zwar feurige Journalisten, aber schlechte Manager. Das Blatt drohte einzugehen. Dann wurde es von Amilcare Zamorani gerettet und auf einen demokratischen Linkskurs gebracht. Schnell wurde „Il Resto del Carlino“ zur grössten Bologneser Zeitung.

Nach der Machtergreifung Mussolinis wurde die Zeitung auf einen strammen faschistischen Kurs gebracht. Heute ist „Il Resto del Carlino“, die siebtgrösste italienische Zeitung, eher bürgerlich orientiert.

Sie wird nach eigenen Angaben täglich (Print und Online) von über einer Million Leserinnen und Lesern konsumiert. Zigarren als Beigabe gibt es nicht.

Kommentare

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Lieber Heiner, das ist ein sehr charmanter Beitrag! Danke vielmal.
Mit herzlichem Sommergruss, ganz ohne Zigarre,
Paul und Regine

Schöne Geschichte- ein richtiges Guezli am frühen Morgen.

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