Die Zeiten der Leichenfledderei sind vorbei

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Die Zeiten der Leichenfledderei sind vorbei

Von Ali Sadrzadeh, 23.04.2018

Viele Iraner ziehen eine direkte Verbindung zwischen ihrer täglichen Misere und dem Krieg in Syrien. Immer, wenn es in iranischen Städten zu Unruhen kommt, ruft die Menge: „Lasst Syrien, denkt an uns!“

Viele Trauerfeiern für in Syrien Gefallene finden deshalb inzwischen praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Revolutionsgarden und die Basidji, die Paramilitärs, bleiben dabei mit gutem Grund lieber unter sich.

„Wir sind durch die Trauer am Leben“ (“ما به عزا داری زنده ایم „). Dieser Satz ist fast vierzig Jahre alt. Er stammt vom Gründer der Islamischen Republik Iran, Ayatollah Ruhollah Khomeini. Und er ist nicht bloss ein einfacher Satz, sondern ein ganzes Programm: das Fundament, auf dem der Propagandaapparat des Gottesstaates errichtet ist.

Laut Lachen verboten

Der Satz war und ist prägend für die Kultur-, die Innen- und die Aussenpolitik des Iran. Er sollte identitätsstiftend und mobilisierend wirken. Und das hat funktioniert.

Als Khomeini diesen Satz aussprach, war der iranisch-irakische Krieg gerade einen Monat alt. Es war der Beginn einer Zeit, in der täglich immer mehr Leichen der Gefallenen dieses Krieges in entlegenen Städten und Dörfern eintrafen. Doch deren Begräbnisse, die Trauermärsche, die Prozessionen der Klagenden sollten nicht Schwäche, sondern Standhaftigkeit demonstrieren. Der Totenfeiern sollten Demonstrationen gemeinsamer Widerstands-, Kampf- und Opferbreitschaft sein.

Und man konnte reichlich üben. Mehrere hunderttausend Mal, landesweit, acht Jahre lang. Das Land sollte zwar trauern, aber stets bereit für den Märtyrertod sein. Sonst wäre es nicht widerstandsfähig. Und alles, was diese besondere und ernsthafte Traurigkeit in Frage stellte, musste deshalb aus der Öffentlichkeit verschwinden: Musik, Tanz, sogar lautes Lachen; kurzum alles, was Freude macht.

Eine Trauerkultur für die Ewigkeit

Die schiitische Religion ist eine Trauerreligion. Sie bietet genug Anlässe dazu: Jahr für Jahr muss man elf Imame beweinen, die alle von Feinden ermordet worden sein sollen. Der zwölfte und letzte Imam verschwand in der „grossen Verborgenheit“. An der Spitze dieser Märtyrer steht Hossein, der dritte Imam, dessen Schrein in der irakischen Stadt Kerbela alljährlich das Ziel mehrerer Millionen Pilger ist. Um Hossein, سیدالشهدا, den Herrn aller Märtyrer, der in einer blutigen und brutalen Schlacht ermordet wurde, trauert man jedes Jahr sogar zwei Monate lang.

Selbstgeisselung mit Schlamm für Hussein, den dritten Imam der Schiiten
Selbstgeisselung mit Schlamm für Hussein, den dritten Imam der Schiiten

Und bei all diesen zahlreichen Trauerzeremonien bleibt man keineswegs nur der Vergangenheit verhaftet. Die Trauertage finden ihre Entsprechungen im Jetzt und Heute; die Islamische Republik verleiht den historischen Ereignissen einen neuen, aktuellen Sinn – ein Update.

Blutroter Faden durch 1’400 Jahre

Denn bei den Trauerfeiern für die Gefallenen der Gegenwart ziehen die Prediger und Propagandisten stets einen blutroten Faden des Märtyrertods durch die vierzehnhundert Jahre lange schiitische Geschichte. Und alle starben und sterben demnach immer noch für ein- und dieselbe Wahrheit. Selbst die Schlachtfelder dieses Martyriums haben sich kaum verändert: Sie liegen, wie in den vergangenen Jahrhunderten, weiterhin im Irak und in Syrien.

Wie viele Iraner im aktuellen syrischen Krieg tatsächlich getötet wurden, darüber gibt es keine offizielle Statistik. Man muss einzelne Meldungen aus unterschiedlichen Quellen zusammenzählen, um auf eine genaue Zahl zu kommen. Namen und Zahlen geben die Behörden nur dann bekannt, wenn sich unter den Gefallenen hohe Offiziere der Revolutionsgarden befinden.

Kriegsmonopol der Revolutionsgarden

Was die Islamische Republik in Syrien genau tut, wissen nur Eingeweihte und ausländische Geheimdienste. Die Berichterstattung darüber steht – wie alles, was der Iran in diesem Krieg tut – unter völliger Kontrolle der Revolutionsgarden.

Auch bei den Trauerzeremonien für die Gefallenen in der Heimat führen die Garden Regie. Sie bestimmen die propagandistischen Dimensionen der Begräbnisse. Inzwischen hat sich aber etwas Grundsätzliches verändert: Mit den Totenfeiern lässt sich keine Mobilisierung mehr erreichen.

Israel bestimmt Trauerfeier für Gefallene

Sie sollen daher nicht bombastisch sein – vor allem dann nicht, wenn die Getöteten israelischen Luftangriffen zum Opfer fielen. Am Sarg eines von Israel getöteten Gardisten muss sich selbst ein Prediger zügeln. Denn hier ist besondere Vorsicht geboten: Israel darf nicht zu übermächtig erscheinen. Zudem erzeugt übertriebene antiisraelische Propaganda am Sarg eines gefallenen Gardisten übersteigerte Rachegelüste – die man stillen müsste, aber nicht kann.

Deshalb finden die Totenzeremonien für in Syrien Gefallene manchmal praktisch als geschlossene Gesellschaften statt. Man bleibt unter sich, eine grosse Öffentlichkeit ist nicht nur politisch nicht opportun: Sie ist kontraproduktiv.

Wenige Stunden nach dem mutmasslichen Gasangriff in der syrischen Stadt Duma griffen am 8. April zwei Kampfjets ein Militärobjekt in der Provinz Homs an. Dass es zwei israelische F-15 waren, die den Stützpunkt vom libanesischen Luftraum aus mit acht Raketen beschossen, gilt inzwischen als sicher, obwohl israelische Behörden dazu – wie immer – schweigen. Doch dieser Luftangriff hatte weder mit dem Chemiewaffeneinsatz in Duma zu tun, noch hatte die israelische Armee explizit syrische Ziele im Visier. Die 14 Menschen, die bei dieser Attacke getötet wurden, waren mehrheitlich Iraner. Alle in diesem Gebäude arbeiteten für ein Militärprojekt unter der Regie der iranischen Revolutionsgarden. Das bestätigen westliche Quellen ebenso wie arabische. Offenbar waren hier Spezialisten der Revolutionsgarden mit dem Bau von Drohnen beschäftigt, was Israel als sehr bedrohlich betrachtet.

Nach dem Angriff erklärte Israels Verteidigungsminister Avigdor Lieberman, er wisse zwar nicht, „was genau geschehen ist oder wer angriff. Ich weiss allerdings eine Sache ganz sicher: Wir werden keine iranische Stationierung in Syrien zulassen. Koste es, was es wolle. Wir haben keine andere Wahl.“

Vier der sieben getöteten Iraner beim Angriff auf die syrische Luftwaffenbasis T4
Vier der sieben getöteten Iraner beim Angriff auf die syrische Luftwaffenbasis T4

Ausschluss der Öffentlichkeit

Einen Tag nach diesem Angriff meldeten iranische Medien sehr kurz den Tod von sieben Kämpfern in Syrien, zwei Tage später trafen deren Leichname ein. Doch die Totenfeiern für diese Gefallenen fanden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Handverlesene Gardisten und Paramilitärs waren unter sich.

Unter diesen sieben Gefallenen ragt einer heraus, über den man nicht völlig schweigen konnte und durfte: Lotfi Niasar, 34 Jahre alt, Offizier der Revolutionsgarden und Drohnen-Spezialist. Niasar stammte aus einer sehr einflussreichen Familie. Sein Vater ist ein mächtiger Geistlicher in Qom, dem Zentrum der schiitischen Gelehrsamkeit, und dort auch Chef des staatlichen Rundfunks und Fernsehens.

Wenn der Sohn eines so bedeutenden und tonangebenden Mullahs von der israelischen Armee in Syrien getötet wird, dann, so könnte man annehmen, müssten doch die Einpeitscher und Propagandisten alles in Bewegung setzen, um seine Totenfeier zur geistigen und physischen Mobilisierung gegen Israel zu nutzen. Doch weit gefehlt. Auch um diesen hochrangigen Offizier aus der mächtigen Familie machte man nicht viel Lärm. Die Todesmeldung war kurz und bei der Trauerfeier waren nur einige Dutzend geladene Gäste anwesend. Die Rede des Vaters war ein reiner Durchhalteappell.

Die Zeiten der Leichenfledderei sind offenbar vorbei. Mit aus Syrien zurückkehrenden Särgen lässt sich kein Blumentopf mehr gewinnen, kein politisches Geschäft mehr betreiben.

„Lasst Syrien in Ruhe“

Denn der Krieg in Syrien ist bei der Mehrheit der Iraner sehr unbeliebt. Syrien gleicht einem dunklen Terrain, wo niemand überblickt, wer dort was macht und warum. Man ahnt nur, dass die iranischen Revolutionsgarden dort in eine sehr teure Schlacht involviert sind. Teuer in jeder Hinsicht.

„Lasst Syrien in Ruhe, denkt an uns“ ( سوریه رو رها کن ، فکری بحال ما کن ). Auf Persisch reimen sich diese zwei Sätze zu einer melodischen Parole. Und den Slogan hört man in den letzten Wochen öfter. In Isfahan etwa protestieren Bauern aus der Umgebung gegen Wasserknappheit – seit mehreren Monaten und in aller Regelmässigkeit. Jedes Mal schreiten die Sicherheitskräften ein, Verletzte und Verhaftete gibt es immer, doch die Proteste wollen kein Ende nehmen, weil keine Lösung in Sicht ist. Einmal kamen die Demonstranten sogar zum Freitagsgebet und kehrten während des Gebets dem Vorbeter den Rücken. Dabei riefen sie: „Dem Feind den Rücken, dem Volk das Gesicht!“

Der Prediger hatte sich mit ihnen zunächst solidarisch gezeigt, das aber inzwischen öffentlich revidiert. Die Demonstrationen finden trotzdem statt. Und jedes Mal rufen sie: „Lasst Syrien …!“

Der Konflikt über den Wassermangel wird sich in den kommenden heissen Sommermonaten im ganzen Land weiter verschärfen. „In 335 Städten mit einer Bevölkerung von 35 Millionen“ werde es in diesem Sommer Spannungen wegen Wasserknappheit geben, sagte der iranische Energieminister Reza Ardekanian am vergangenen Sonntag zu Journalisten.

Etwa 600 Kilometer weiter südlich in der Stadt Kazerun in der Provinz Fars geht seit drei Wochen wöchentlich fast die gesamte Bevölkerung auf die Strasse, um gegen eine Gebietsreform zu protestieren. Auch hier ruft die Menge: „Lasst Syrien in Ruhe, denkt an uns!“

Denn viele Iraner glauben, ihre persönliche wirtschaftliche Misere habe irgendwie mit diesem Krieg zu tun.

Protest der Bauern in Isfahan
Protest der Bauern in Isfahan

Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

Nun ist dieser Krieg in eine neue Phase eingetreten – die Post-IS-Ära.

Die Zeit des Stellvertreterkriegs nähert sich dem Ende und der Streit darüber, welche ausländische Macht künftig in Syrien bleiben darf, hat begonnen. Und dieser Konflikt könnte für die Islamische Republik desaströs enden. Denn eine dauerhafte iranische Präsenz in Syrien will ausser der libanesischen Hisbollah niemand – nicht einmal der bisherige Verbündete Russland.

Am wenigsten Israel. Am Abend der Feierlichkeiten zum siebzigsten Geburtstag Israels redete Benjamin Netanjahu vor ausländischen Diplomaten Klartext: „Meine rote Linie ist überschritten, wenn der Iran dort auch nur ein Zelt aufschlägt. Der Iran muss dort nicht sein. Sie haben ein Ziel und deshalb sind sie dort. Und dieses Ziel ist nicht, Frieden zu schaffen oder die Bedürftigen mit Essen zu versorgen. Sie haben einen Grund – und was ist ihr Grund? Als nächstes kommt Israel. Also schützt Israel sich selbst.“

Doch ein direktes Kräftemessen mit Israel werden die Revolutionsgarden nicht wagen. Sie kennen die Kräfteverhältnisse zu gut. Israel ist immerhin eine Atommacht. Aber aufgeben und mit leeren Händen nach Hause zurückkehren können sie auch nicht.

Mit freundlicher Genehmigung Iran Journal

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