Die Würde der Erde

Stephan Wehowsky's picture

Die Würde der Erde

Von Stephan Wehowsky, 18.08.2020

Andreas Iten erinnert im Zwiegespräch mit grossen Denkern an die Grundlagen unseres Lebens.

Das Coronavirus ist in den Augen von Andreas Iten eine letzte Mahnung. Der Mensch hat die Natur schon mehr als genug misshandelt, und jetzt erinnert sie ihn daran, wie wenig dazu gehört, um von jetzt auf gleich das gesellschaftliche Leben lahmzulegen. Was bedroht uns nach Corona? Natürlich die Klimakatastrophe, schreibt Iten.

Terrasophie

Andreas Iten war im Kanton Zug 20 Jahre lang Regierungsrat und danach von 1986 bis 1998 Ständerat. Seitdem ist er mit zahlreichen Büchern und anderen Publikationen hervorgetreten. Wenn er jetzt darüber schreibt, dass ein Umdenken notwendig ist, spielen dabei im Hintergrund ganz sicher auch seine Erfahrungen im politischen Leben und vorher als Pädagoge eine Rolle. Was er denkt und schreibt, ist nicht im luftleeren Raum einer rein intellektuellen Existenz entstanden. Er hat Boden unter den Füssen.

Deswegen kann man seinen kurzen Essay auch wie die Rede eines erfahrenen Politikers lesen. Die Mahnung, dass wir uns neu orientieren sollten, also eine Weisheit der Erde – Terrasophie – entwickeln sollten, ist nur der Auftakt zu einer Reihe von Gedanken, die dem Leser grossen Gewinn bringen. Denn Andreas Iten hat sich, wie so viele andere auch, im Zeichen des Appells, zu Hause zu bleiben, in seine Wohnung in Unterägeri zurückgezogen und dabei seine reichhaltige Bibliothek konsultiert.

Heideggers Isolation

Irgendetwas ist in der europäischen Geistesgeschichte entgleist, so dass unser gegenwärtiger Lebensstil entstand, der ganz auf Wissenschaft und Technik setzt und den Blick auf die Erde mit ihrer reichhaltigen Natur verstellt. Wir konsumieren die Welt, aber uns fehlt der Sinn für die Wahrnehmung ihrer natürlichen Vielfalt und ihrem Anspruch, diese Vielfalt zu erhalten. Indem wir die natürliche Welt ausbeuten, ruinieren wir nicht nur die Natur, sondern auch unsere Seelen.

Im Blick auf Martin Heidegger gelingt Andreas Iten eine einprägsame Skizze. Martin Heidegger, der grosse Denker des „Seins“, müsste eigentlich eine ganz besondere Beziehung zur Natur haben. Aber genau die hatte er nicht. Andreas Iten erinnert an eine Affäre, die zu den seltsamsten der europäischen Geistesgeschichte gehört. Denn Heidegger hatte eine junge Studentin, eine Jüdin, die vor den Nationalsozialisten nach Amerika fliehen musste und die zu einer der Kronzeugen des intellektuellen Widerstands gegen jede Art des Totalitarismus werden sollte. Sie hiess Hannah Arendt. Sie liebte Heidegger, obwohl dieser auf seinen verschlungenen und schummrigen Denkpfaden dem Nationalsozialismus allzu nahe kam.

Die Liebe zwischen den beiden dauerte auch nach dem 2. Weltkrieg an. Er aber konnte sich nie zu dieser grossen Liebe bekennen. Es sei, so Iten, seine abgehobene, sterile und damit naturfeindliche Philosophie gewesen, die ihm die Liebe verstellte. – Im Rückblick fragt man sich ohnehin, ob Heidegger nicht ebenso überschätzt wurde wie sein Zeitgenosse Ernst Jünger und ob Hannah Arendt nicht auch etwas zu viel Bewunderung entgegengebracht wurde.

Den Sinnen folgen

Was aber muss geschehen, um sich nicht wie Martin Heidegger von der Natur zu isolieren? Andreas Iten bietet eine Lösung an, die ihrerseits nicht wieder aus einem höchst komplexen Gedankengebäude besteht. Vielmehr geht es um etwas ganz Einfaches: Lernt wieder, Euren Sinnen zu folgen! Dabei bezieht er sich auf Michel Serres, der ein Werk mit dem Titel „Die fünf Sinne“ verfasst hat.

Zentral sind der Tastsinn und vor allem der Geschmack. Diese Sinne lassen sich aber nur entwickeln, wenn man seine Zunge im Zaum hält, also das ständige Geplapper stoppt. Michel Serres ist dies in einem antiken Theater in Epidauros gelungen. In aller Frühe setzte er sich dort hin und schwieg. Nach einigen Stunden geschah das, wofür diese Kultstätte berühmt ist: die antiken Götter stiegen herab und brachten ihm Heilung. Diese Götter sind nicht christlich, und deswegen spricht sich Andreas Iten in Anlehnung an Michel Serres für ein modernes Heidentum aus.

Der magische Moment, der Michel Serres gefangen nahm, fand ein abruptes Ende, denn es geschah das, was an solchen Orten regelmässig geschieht: eine Touristengruppe tauchte auf und zerstörte mit ihrem Lärm den Zauber. Dieses Bild ist der stärkste Ausdruck für das, was Andreas Iten in seinem Essay zum Ausdruck bringen will. Unser gedankenloses selbstbezogenes Gerede mit all den ebenso gedankenlosen Gewohnheiten entfremdet uns von der Natur und führt letzten Endes zu ihrer Zerstörung und unserem Untergang.

Andreas Iten, Terrasophie. Plädoyer für ein sinnliches Naturverständnis, Essay. 63 Seiten. Bucher Verlag, 2000

Die "Rede eines erfahrenen Politikers" der er zweifellos ist, erschöpft sich hoffentlich nicht in der "Mahnung, dass wir uns neu orientieren sollten, also eine Weisheit der Erde – Terrasophie – entwickeln sollten", denn was wir "sollten", die Hoffnung auf den "neuen Menschen", der tut was er sollte, ist ein geschichtlich gut belegter naiver revolutionärer Wunsch. Ich habe nichts gegen gute Predigten, aber von einem erfahrenen Exekutivpolitiker wünschte ich mir auch die Identifikation der Schwachstellen unseres demokratischen Systems und konkrete Vorschläge zu seiner Reparatur, denn die schönste "Terrasophie" muss sich am Ende im Machtgefüge des Alltags bewähren, oder "wir" träumen weiter.

Herr Diethelm, ich empfinde das auch so.
Abgelegt!
Irgendwo in uns ist alles abgelegt, all die Erinnerungen und das Erlebte. Das Zirpen der Zikaden, der Duft in der Nähe der Meere. Ob Pinien, Föhren oder Arven, der Geruch weckt augenblickliche Aufmerksamkeit. Sehnsucht kommt auf, Vergangenes betritt sozusagen von Backstage her die Bühne. Griechenland beispielsweise, beim Orakel von Delphi kommt einem Pythia in den Sinn und man fragt sich welches Gas sie damals benebelte und welches uns heutzutage verwirrt. Ein Besuch in Avenches und wir befinden uns in der Römerzeit. Vor über 2000 Jahren spielte man jedoch schon „Nünistei“, in Stein gemeißelt und gefunden in Israel. Beim Rhone-Gletscher dann, ja da staunen wir, die letzte Eiszeit ging vor ca. 20`000 Jahren zu Ende und wie dünner der Gletscher wurde, umso schneller schmolz er, ungefähr so, wie wir es von unserm Tiefkühlfach her kennen. Wir sind eben Teil der Natur und leben immer noch in der Morgendämmerung, fast schon wach, aber nicht so ganz. Wir begreifen immer noch nicht, Natur ist eine K&K Monarchie, sie hat letztlich immer das Sagen. Vielleicht sind wir zu überheblich und ein bisschen zu arrogant geworden. Man bedenke, es gibt eine relative Gesundheit, aber zehntausende verschiedene Krankheiten. Der Weg ist das Ziel und „Wake up“ bleibt Hoffnung und wirkliches Ziel. …cathari

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren