Die vielen Auslöser der Gewalt

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Die vielen Auslöser der Gewalt

Von Christian Wyler, 29.07.2020

In den letzten Wochen eskalierten die Konflikte auf verschiedenen Ebenen: Konfessionen, Stämme, Parteien, Städte und Regionen stehen sich unversöhnlich gegenüber.

Versuche, an ein Waffenstillstandsabkommen anzuschliessen, werden skeptisch beurteilt. Doch anstatt den Krieg auf ein Konfessionsschema zu reduzieren, ist es nützlich, die Mehr-Ebenen-Ordnung selbst in den Blick zu nehmen.

Der Krieg hat das Paradies erreicht. Die Insel Soqotra, 352 Kilometer vor der jemenitischen Küste gelegen, ist so isoliert, dass sich die Pflanzen- und Tierwelt hier auf einzigartige Weise entwickeln konnte. Die gesamte Inselgruppe wurde von der Unesco denn auch zum Weltnaturerbe erklärt.

Selbst der Krieg, der den Jemen seit 2013 verheert, konnte die Abgeschiedenheit der Insel lange nicht überwinden. Ende Juni ist nun aber der Konflikt auch auf Soqotra angekommen. Kämpfer des STC (Southern Transitional Council), der sich für die Unabhängigkeit des Südjemens einsetzt, haben die Kontrolle über den Hauptort Hadibu übernommen. Mansur Hadi, amtierender, wenn auch nur noch mit begrenzter Herrschaft ausgestatteter Präsident des Jemens, spricht von einem Putsch.

STC und Hadi-treue Truppen werden beide durch die internationale, durch Saudi-Arabien geführte Koalition für den Kampf gegen die Huthis unterstützt. Die vermeintlichen Verbündeten geraten aber aufgrund der Sezession des STC immer wieder in Konflikt. Am 29. Juli wurde nun bekannt, dass die STC-Führung dem Riad-Abkommen von 2019 zustimme, künftig von ihren Unabhängigkeitsbestrebungen absehe und die Krise so beigelegt sei. Die Tragfähigkeit dieses Abkommens wird sich allerdings noch weisen müssen – die Spaltung des Jemens in einen Nord- und einen Südteil hat in den letzten Jahren erneut an Bedeutung gewonnen.

Der Jemen – ein Chaos?

Die Unabhängigkeitsbestrebungen im Süden sind das Resultat der sozialen Sezession und Fragmentierung sowie der damit verbundenen lokalen Grenzziehungen, die den Krieg um die Herrschaftsordnung im Jemen gegenwärtig prägen. Schiiten gegen Sunniten, Norden gegen Süden, Islamisten gegen Salafisten, die ultraislamischen Kampfbünde al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP) und der IS bilden ein Geflecht von Oppositionen, deren Grenzen sich oft überlappen und durchschneiden. Dazu sind mit Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten auf der einen und Iran auf der anderen Seite die militärischen Schwergewichte der Region involviert. Es ist zur Gewohnheit geworden, diese Ordnungsmuster nicht nur zur Erklärung von Konflikten und Allianzen heranzuziehen, sondern sie auch gegeneinander auszuspielen. (Beispielsweise, wenn darauf verwiesen wird, eigentlich gehe es gar nicht um einen konfessionellen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten, eigentlich gehe es um die Nord-Süd-Spaltung und so weiter.) Doch warum ist die Orientierung an diesen verschiedenen Ordnungen unter den beteiligten Akteuren so dominant und was macht einige Ordnungen erfolgreicher als andere?

Die schiitischen Huthis zeigten in den vergangenen Jahren, dass sie ihre Allianzen durchaus opportunistisch eingehen und auch Sunniten als Partner in Betracht gezogen werden. Die Annahme ist denn auch falsch, dass, wenn von der Konfessionalisierung des Jemens gesprochen wird, ein Konflikt zwischen Schia und Sunna aufgrund religiöser Dogmen und Auslegungen stattfinde oder den Konflikt ausgelöst habe. Vielmehr ist die Konfessionalisierung der Huthis als Schiiten eine Form, Repräsentation und Patronage zu organisieren. Eine eigentliche Konfliktursache ist im Jemen nicht auszumachen. Vielmehr müssen wir von einem Konfliktpluralismus ausgehen.

Die Schiitisierung der Huthis

Die Huthis entstanden als zaiditische Milizen in den 1990er Jahren im Norden des Jemens. Sie richteten sich gegen die Diskriminierung durch die Zentralregierung in Sanaa und gegen die Verbreitung konservativer, besonders wahhabitischer Islamdeutungen. Bei den Zaiditen handelt es sich um eine schiitische Religionsgemeinschaft. Allerdings unterscheiden sie sich in ihrer Theologie wie auch in rituellen Praktiken deutlich von der sogenannten Zwölferschia, die beispielsweise im Iran, im Irak und im Libanon verbreitet ist.

Die Zaiditen sind in einem vielschichtigen Geflecht aus familiären und weiteren lokalen Bindungen organisiert – auch die Huthis sind nach der al-Huthi-Familie benannt, die eine führende Position innehat. Die Selbstbezeichnung der Huthis als «Ansar Allah» (Helfer Gottes), die seit 2003 genutzt wird, zeigte bereits früh den Anspruch, eine Hegemonie über diese komplexen zaiditischen Machtstrukturen zu erlangen.

Ab 2004 kam es zu einer Reihe von militärischen Konflikten zwischen den Huthis und der Regierung in Sanaa. Dabei organisierten und inszenierten sich die Huthis zunehmend im Stil der libanesischen Hizbullah als Widerstandsbewegung (Muqāwama). Dieser «Widerstand» richtet sich dabei, zumindest rhetorisch, gegen die USA und Israel (bzw. «die Juden»), wobei Saudi-Arabien und die Regierung weiterer arabischer Staaten aufgrund der Zusammenarbeit mit den USA ebenfalls diesem Block zugeordnet wurden. Nicht nur die Rhetorik, auch die Ästhetik der Huthis wurde seither ihrem libanesischen Vorbild und den iranischen Revolutionsgarden nachempfunden. Dadurch wurden sie Teil einer schiitischen Allianz, die mit Iran und der Hizbullah in der Region einen wichtigen Machtfaktor darstellt. Diese Schiitisierung der zaiditischen Huthis zeigte sich auch auf anderen Ebenen. So führten sie die im Jemen zuvor grösstenteils unbekannten ʿAshura-Feierlichkeiten ein, die in der Zwölferschia eine wichtige Rolle spielen.

Sich als «Schiiten» zu begreifen, bedeutete für die Huthis somit, innerzaiditische Rivalitäten zu durchbrechen und einen Bezug zu einem übergeordneten, regionalen Konflikt herzustellen. Die Schiitisierung der Huthis wurde aber auch von deren Gegnern betrieben. So nutzte die jemenitische Regierung das internationale Feindbild Iran, um die Huthis zu delegitimieren, indem sie diese als Handlanger Teherans denunzierten. Dieses Vorgehen spielte auch für Saudi-Arabien zur Rechtfertigung des eigenen militärischen Vorgehens gegen die Huthis ab 2015 eine wichtige Rolle. Die Einschreibung der Huthis in eine internationale schiitische Allianz sollte die Parteinahme für Hadi rechtfertigen und den Militäreinsatz als Selbstverteidigung gegenüber einer iranischen Aggression darstellen.

Die Frage nach der tatsächlichen iranischen Unterstützung für die Huthis wird unterschiedlich beantwortet. Am wahrscheinlichsten scheint heute, dass diese Hilfe zwar vorhanden war, aber erst im Verlauf des Krieges zu einem relevanten Faktor geworden ist. Die intensivste Zusammenarbeit hat lange auf Beratungsebene stattgefunden, wo Hizbullah und Iran aufgrund ihrer Unterstützung wohl tatsächlich einen grossen Einfluss ausübten. Sichtbar ist Irans Unterstützung vor allem im militärischen Bereich: Drohnen und ballistische Raketen, mit denen die Huthis regelmässig Ziele in Saudi-Arabien angreifen, haben entscheidend zur Stabilisierung der Herrschaft der Huthis trotz der andauernden Bombardierung durch die Luftstreitkräfte der «Koalition» geführt. Dass es sich hierbei aber nicht um eine zwingende Allianz aufgrund konfessioneller Gemeinsamkeiten handelt, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass Iran zwischen 2007 und 2013 auch sezessionistische Bewegungen von sunnitischen Bevölkerungsgruppen im Süden unterstützt hat.

Die Konfessionalisierung und ihre Grenzen

Die Schiitisierung der Huthis wurde somit von ihnen selber wie durch gegnerische Akteure im In- und Ausland vorangetrieben – sei es als tatsächliche Anpassung an die Zwölferschia, sei es als Vorwurf, um sie zu delegitimieren. Auch wenn strategische Überlegungen sicher Teil des Prozesses waren, wäre es verfehlt, all diese Eigenschaften der Konfessionalisierung einer bewussten Strategie der beteiligten Akteure zuzuschreiben. Weder ist die Konfessionalisierung ein Produkt primordialer Identitäten noch ist sie rein instrumentalistisch erfolgt. Vielmehr integrierte dieser Prozess unterschiedliche Konfliktlinien und gesellschaftliche Entwicklungen. Die Bedeutung des zaiditischen Islams, die Vernachlässigung und Ausgrenzung der nördlich von Sanaa gelegenen Gebiete durch die Regierung, die Konfrontation mit verschiedenen im erweiterten Sinn islamistischen Strömungen und schliesslich die Integration in einen Konflikt zwischen regionalen Grossmächten – all das wird durch die Orientierung an den Kategorien Schia und Sunna erfasst. Die Orientierung an Konfession ist also mit den Entwicklungen im nördlichen Jemen und den dortigen Akteuren verbunden, ohne aber ursprünglich auf inkompatiblen religiösen Dogmen oder dergleichen zu basieren, was oft unter der Bezeichnung «Konfessionalismus» verstanden wird. Die heutige gegenseitige Verteufelung (tatsächlich werden die Huthis in Propagandamaterialien oft als «Teufelsanbeter» verschrien) ist daher ein Produkt des Konflikts, nicht dessen Ausgangspunkt.

Die fehlende Sunna

So wirkmächtig die konfessionelle Deutung des Konflikts auch sein mag, sind ihr doch auch Grenzen gesetzt. So sind die Huthis zwar stärkste Kraft im Norden, aber eben auch Teil einer Allianz – und dieser gehören wiederum auch Sunniten an. Die Huthis bezeichnen ihre Gegner denn auch nicht als «Sunniten», wie das bei einer kompletten Konfessionalisierung zu erwarten wäre. Wenn konfessionelle Bezüge hergestellt werden sollen, werden die Gegner als Terroristen oder Wahhabiten bezeichnet (in Anlehnung an die dominante Islam-Auslegung in Saudi-Arabien). Die Konfessionalisierung der Sunna mit der Herausbildung einer allgemein akzeptierten sunnitischen Repräsentation, Symbolordnung und Autorität, die der Verankerung der «Sunna» als Konfession in der Bevölkerung, die sich damit identifiziert und ihre Vorstellungs- und Lebenswelten danach ausgerichtet hätte, hat bisher nicht stattgefunden. Dabei handelt es sich um ein Phänomen, das auch in anderen Teilen des Nahen und Mittleren Ostens erkennbar ist: «Die» Sunna, als sich selber so bezeichnender Block, gibt es kaum. Sunnitisch-Sein ist so nur Teil einer pluralen Ordnung von Zugehörigkeiten.

«Süden» als Zugehörigkeit

Auch der südliche Separatismus des STC hat eine Entwicklung durchgemacht, der an diejenige der Huthis erinnert. Die aktuelle Stärke verdankt der STC zu grossen Teilen der Unterstützung durch die Vereinigten Arabischen Emirate, die ihn als Gegenkraft zur islamistischen Islah-Partei sehen. Der Islah war nach den Protesten 2011 zu einem zentralen Machtfaktor geworden und galt als Vertreterin der Anliegen der Demonstranten. Sie unterstützt mit ihren Milizen Mansur Hadi. Allerdings gilt die Partei als jemenitischer Ableger der Muslimbrüder, gegen die die Emirate in der gesamten Region vorgehen. Dieses politische Ziel ist offenbar so bedeutsam, dass die Emirate sogar bereit sind, die Anti-Huthi-Koalition mit internen Kämpfen zu schwächen. Doch analog zu dem, was zu den Huthis gesagt wurde, sollte auch der STC nicht als reine Marionette emiratischer Politik gesehen werden.

Denn auch der STC verfügt über einen integrativen Aspekt. Die jemenitischen Gegner der Huthis sind zwar darin vereint, dass sie deren Machtzuwachs ablehnen, darüber hinaus finden sich aber sehr unterschiedliche Positionen. Da wären zunächst die verschiedenen Bezüge, die auf eine islamische Ordnung gemacht werden. Islamisten, Salafisten und ultraislamische Kampfbünde verfügen hier über unterschiedliche Visionen, wie die Gesellschaft zu gestalten sei, was auch zu bewaffneten Auseinandersetzungen geführt hat. Darüber hinaus unterscheiden sich aber auch die Vorstellungen, wie der nationale Bezug künftig aussehen soll. Mansur Hadi, selber aus dem Süden stammend, vertritt immer noch die Position eines vereinten Jemen und sieht sich als Repräsentant (bzw. Anführer) einer Zentralregierung. Der Begriff «Süden» dagegen verweist auf die fest verankerte Unterscheidung der beiden Landesteile inklusive der Selbstwahrnehmung, wonach der Süden der eigentliche Erbe des antikolonialen Kampfes sei. Zudem vermag der Begriff eine lokalen Streitigkeiten übergeordnete Einheit zu repräsentieren, wobei über die Emirate auch eine Integration in die regionalen Machtstrukturen erfolgt. Der STC beansprucht, den «Süden» zu vertreten, und sichert sich gleichzeitig die Unterstützung der Emirate.

Machtteilung unausweichlich?

«Schia» und «Süden» sind also Zugehörigkeiten, die unterschiedliche Konfliktlinien zu integrieren vermögen. Sie bilden Grundlagen für Repräsentationsordnungen und dadurch für Patronage-Systeme. Ihre aktuelle Hegemonie erhalten sie dadurch, dass sie sich gegenwärtig zu ergänzen vermögen, da die von den Huthis kontrollierten Gebiete grob dem alten Nordjemen entsprechen. Bei ihrer Machtübernahme auf Soqotra sollen die Kämpfer des STC auch konfessionalistische Anti-Huthi-Propaganda verbreitet haben. Umgekehrt haben in den Monaten davor die Huthis den STC positiv hervorgehoben und den gemeinsamen «Kampf gegen den Terrorismus» beschworen (womit wohl auch das Vorgehen gegen die Islah-Partei gemeint ist). Hier Ablehnung, da Unterstützung – der Widerspruch ergibt Sinn: Für den STC überlappen sich Huthis und Norden, die Ablehnung stärkt den südlichen Separatismus. Für die Huthis bedeutet ein unabhängiger Süden, dass der Anspruch Hadis und der Islah-Partei auf den gesamten Jemen geschwächt wird.

Konfessionalisierung und südlicher Separatismus konvergieren in der faktischen Nord-Süd-Spaltung, was diese Grenze weiter stabilisieren wird. Das zeigt sich auch an Vorschlägen für künftige Friedensverhandlungen. So empfiehlt die Organisation International Crisis Group, die bisherigen Verhandlungen zwischen Regierung und Huthis um Akteure zu erweitern, die an Bedeutung gewonnen haben – gemeint ist damit insbesondere der STC. Offen bleibt, wie eine solche Machtteilung die im Jemen bestehende, oft situative Mehr-Ebenen-Ordnung in eine Konfliktlösung zu integrieren vermag. Es ist zweifelhaft, dass diese Kompetenz den Entscheidungsträgern in Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten zur Verfügung steht.

Damit zeigt sich eine Konsequenz der beschriebenen Zugehörigkeitsorientierungen: Die Akteure haben ein grosses Interesse daran, die geschaffenen Repräsentationsordnungen und Patronagesysteme aufrecht zu erhalten. Dadurch werden Friedensverhandlungen weniger zu Bemühungen, bestehende Konflikte aufzulösen, sondern tendieren dazu, eine Machtbalance zu schaffen. Die unterschiedlichen Akteure werden auf diese Weise eingebunden und können dadurch ihre errungene Position wahren. Aktuell scheint es wahrscheinlich, dass ein solches System über die Schaffung weitgehend autonomer Regionen erreicht werden könnte. Nur wenn das nicht gelingt, könnte eine tatsächliche Spaltung des Jemens in unabhängige Staaten zu einer Option werden.

Die Machtübernahme des STC auf Soqotra und auch die anhaltenden Gefechte auf dem Festland zwischen STC und Hadi-treuen Truppen sind somit nicht nur Ausdruck des Ringens um eine südliche Autonomie, sondern wahrscheinlich auch Vorboten eines Machtkampfs um die Vorherrschaft innerhalb einer sich abzeichnenden autonomen Region im Süden.

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