Die verrückteste Weihnacht des letzten Jahrhunderts

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Die verrückteste Weihnacht des letzten Jahrhunderts

Von Joerg Thalmann, Brüssel - 25.12.2013

Viele Länder Europas bereiten sich in einer intensiven Erinnerungsarbeit auf das Gedenken eines Ereignisses vor, das vor hundert Jahren stattgefunden hat: Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914.

Vier Monate nach Kriegsausbruch später geschah etwas Einmaliges in der von Kriegen wimmelnden Geschichte der Menschheit: Eine Verbrüderung von Feinden mitten im Krieg. Von einfachen Soldaten, welche der Weihnachtstag zur friedlichen Begegnung mit ihren Gegnern inspirierte. Nur für eine Nacht, die Weihnachtsnacht. Tags darauf verboten das die höheren Offiziere mit strengsten Befehlen und bis zur Hinrichtung von Widerstrebenden.

Eine lange verschwiegene Episode

Die Episode wurde, weil sie nicht zum heroisch-tragischen Bild jenes Kriegs passte, jahrzehntelang verschwiegen. Erst seit fünfzehn Jahren ist sie dank neugierigen Historikern und Familien-Erinnerungen unter dem Namen „Trève de Noël“ wieder aufgetaucht. Dieses Friedenszeugnis einfacher Soldaten während einer einzigen Nacht inspiriert heute, hundert Jahre nach dem grauenhaftesten Krieg Europas Pazifisten und Proeuropäer, an die Möglichkeit zu glauben, Frieden unter jahrtausendelang verfeindeten Völkern sei möglich, wie das die EG-Idee seit 1950 zwei Generationen lang bewiesen hat.

Weinachts-Waffenstillstand in Flandern

„Trève de Noël“, das ist „der Weihnachts-Waffenstillstand“. Er fand in Flandern statt, einer der schrecklichsten Fronten jenes Kriegs. (Es gab auch, nicht zu vergessen, die Ostfront, wo die Deutschen die Russen angriffen, davon soll hier nicht die Rede sein.) Im Westen waren die deutschen Truppen ab der Kriegserklärung des 3.August ungestüm über die französischen und belgischen Grenzen vorgestossen, vier Monate lang. Im Norden gelang es den Alliierten im letzten Moment, sie zu stoppen. Wie an der ganzen Front von Basel bis an die Nordsee. Von da an versuchten die Feinde vier Jahre lang da und dort einen Durchbruch zu erzielen, aber sie eroberten jeweils nur ein paar Kilometer oder wurden zurückgeworfen.

Von 1914 bis 1918 verkrampften sich die Generäle und Regierungen beider Seiten einer erstarrten Frontlinie entlang in die aussichtslose Hoffnung auf Geländegewinne aus den Schützengräben heraus. Den Zoll bezahlten die sich gegenseitig abschlachtenden und in ihren Schützengräben vermodernden „Landser“ und „Poilus.

Nutzlose Schlächtereien

Im Norden, in Flandern konnten die Engländer die Deutschen Ende November 1914 30 Kilometer vor dem Ärmelkanal aufhalten und in die militärisch sterilen Schützengräben zwingen. Sie behielten den Zipfel Flanderns, der den Deutschen den Zugang zur Küste des Ärmelkanals verwehrte. Damit begannen auch hier die vier grässlichen Jahre des ersten Weltkriegs, wo sich die Feinde an einer fast tausend Kilometer langen Frontlinie kaum 100 Meter voneinander in Schützengräben gegenüberlagen und von ihren Offizieren immer wieder zum Sturm hinaus aufs offene Feld befohlen wurden. Wo sie lebende Zielscheiben waren, welche die feindlichen Maschinengewehre zu tausenden hinmetzelten. Der Erfolg war die Eroberung von ein paar hundert Metern, wo sie neue Gräben gruben.

Verdun, Ypern, Giftgas

Anstatt, wie alle überzeugt waren, an Weihnachten zu Hause den Sieg feiern zu können, blieben die Deutschen wie auch ihre Gegner im Schlamm dieser tranchées vier Jahre lang nass und dreckig kleben. 1918 war die Hälfte gefallen, die meisten anderen kehrten kriegsversehrt in die Heimat zurück, an Krücken mit einem Bein oder einem psychologischen Knacks für ihr Leben lang.

Manchmal wurde von den Generalstäben beider Seiten eine Grossoffensive befohlen, die aber auch nur ein paar Kilometer eroberte und welche die Namen dieser nutzlosen Schlächtereien mit Hunderttausenden von Gefallenen ins europäische Gedächtnis eingrub: Verdun, die Schlachten an Marne und Somme, und das flämische Ypern, wo im April 1915 die Deutschen erstmals in der Geschichte Giftgas versprühten, um die Gegner aus den Schützengräben zu zwingen und abknallen zu können.

„Stille Nacht“ aus den Schützengräben

Vier Monate vorher hatten die gleichen Deutschen unweit von Ypern ein unwahrscheinliches Zeugnis der Menschlichkeit einfacher Soldaten ausgelöst. Sie lagen in ihren Schützengräben einigen Belgiern und vor allem den Briten gegenüber, die mitsamt Truppen ihrer Kolonien, den Iren, Neuseeländern und allen anderen, hierher geeilt waren, um den Deutschen den Vorstoss an die Küste des Ärmelkanals zu verwehren, von wo es nur noch ein kleiner Sprung übers Meer nach England gewesen wäre.

Und dann geschah ein Wunder. Die Deutschen feierten wie ihre Gegner Weihnachten in ihren Gräben mit kleinen Geschenken von Staat und König und ihren Familien und einem etwas besseren Essen als der üblichen Suppe mit einer Fleischkonserve. Man zündete kleine Christbäumchen an. Ihre Kerzen weckten ein Weihnachtsgefühl. Das Gefühl, dass in dieser Nacht eigentlich Frieden herrschen müsste.

Und sie begannen den Gegnern ein paar Worte in ihre Gräben hinüberzurufen – zuerst provozierende, dann scherzende und schliesslich freundschaftliche Worte. Und aus den gegnerischen Gräben kamen ebenso unkriegerische Antworten! Auf französisch oder englisch, niemand verstand sich, aber das spielte keine Rolle. Dann erklang aus dem deutschen Graben im Chor die Melodie „Stille Nacht“, und es antwortete der englische Graben mit dem gleichen, in ganz Europa bekannten „Stille Nacht“.

 Foto im „Daily Mirror“

Dann wagten sich einige, auch das sollen zuerst Deutsche gewesen sein, mit brennenden Kerzchen aus ihrem Graben hinauf aufs Feld  Nur ein paar Meter, Zögern und Angst waren noch da. Doch gegenüber sahen sie ebenfalls einige Gestalten. Beide zogen Kameraden mit, machten einige Schritte auf den Feind zu... und alle begegneten sich in der Mitte! Dort scherzten sie miteinander, obwohl kaum einer die Sprache des anderen verstand und – mit dem Wort, das für die höheren Offiziere und heimischen Kriegsideologen zum Schreckwort wurde – fraternisierten.

Der „Daily Mirror“ publizierte eine Foto, wie fünfundzwanzig Deutsche, Briten, Neuseeländer und Belgier nebeneinanderstehen und in die Kamera lächeln wie Kriegskameraden, in ihren Uniformen und Wintermänteln, der deutsche Spitzhelm neben der britischen Mütze und einem belgischen Offizierskäppi. Und nachher fand ein Fussballmatch statt! Wer gewann ist nicht bekannt.

Am Morgen wird wieder geschossen

Die in den Gräben kommandierenden Leutnants machten das mit oder duldeten es. Als aber tags darauf die höheren Offiziere davon erfuhren, wurden sie wütend. Verboten solches unter strengsten Androhungen für allezeit. Straften die Leutnants mit Degradierung und liessen die weiterhin rebellierenden Soldaten hinrichten. Dennoch gab es noch drei Jahre der ganzen Front entlang ähnliche Episoden, aber viel ängstlicher und kürzer, tastend ein paar Minuten lang.

Und die fraternisierenden Soldaten der flämischen Weihnachtsnacht 1914 schossen sich unter dem strengen Befehl von Majoren und Generälen ab dem nächsten Morgen wieder gegenseitig zu Tode. Und vier Monate später öffneten die Deutschen die Flaschen mit dem Senfgas und sprühten es über die gegnerischen Schützengräben.
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Die Informationen zu dieser Episode entnehme ich der Lizenzarbeit einer belgischen Bekannten, die in der Gegend von Ypern wohnt und sich neben einem europäisch-politologischen Studium zur Führerin in den dortigen Kriegsmuseen ausgebildet hat. Ihre Arbeit enthält noch viele packende Details mehr aus jener Weihnachtsnacht:
Alice Leeuwerck : Les fraternisations de  Noël 1914 sur le front de Ouest, particulièrement entre Dixmuide et Armentières. Travail réalisé dans le cadre du cours de M. Devroey, « Questions d’histoire comparée d’Europe » Juin 2013
Université Libre de Bruxelles – Institut des Études européennes.

Bei ihrem Grossonkel logierten 1914 einige deutsche Soldaten. Bei ihrem Abmarsch an die Front haben sie ihm zum Abschied ein paar bayrische Würste in den Küchenschrank gelegt.

Kommentare

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Anfangs (1915) wurde noch nicht Senfgas verwendet, sondern einfach Chlor (Chlorgas).

Übrigens ev. doch etwas hyperaktiv unsere Medienöffentlichkeit, wenn wir jetzt schon eine Vorschau auf die kommende (100-Jahre) Nachschau machen, nicht...? ;-)

"Die ehrlichsten und sinnvollsten Weihnacht des letzten Jahrtausends."

1984 erschien das Buch CHRISTMAS TRUCE von Malcolm Brown & Shirley Seaton, 2001 illustriert neu aufgelegt von Pan Books. Es ist das vielleicht letzte Zeugnis dafür, wie am Vorweihnachtsabend die Friedenssehnsucht eine kleine Weile über Machtpolitik triumphierte. Das Buch ist voll von bewegenden Erzählungen über sich begegnende "Feinde", oft in Gang gebracht durch das Lied "Stille Nacht, heilige Nacht". Nach erstem Zögern stieg man aus den Gräben und was sich dann abspielte war und ist wohl einmalig in der Geschichte der Menschen. So zeigt ein deutscher Soldat einer Gruppe von Tommies ein Bild mit drei Frauen. Ein britischer Sergeant schaute es lange an und sagte: "when the war is over, I would like to marry your eldest daughter, she is beautiful." Der Soldat war entzückt, denn die 'eldest daughter' war seine Frau und die Mutter seiner beiden Töchter... Unzählige 'Souvernirs' wurden ausgetauscht - Pickelhauben, Liederbücher, Karabiner (!), Zigaretten, ein schottisches Hochlandregiment tauschte mit den gegenüberliegenden Bayern corned beef gegen Bier. Da der Boden auch am 25. noch hart gefroren war, traf man sich wieder im no man's land für gemeinsame Feldgottesdienste, Fussballspiele, tea parties etc. Bis fliegende Standgerichte den Geist von Weihnacht erschossen...

Die andere Meinung! Meinung? Das Wort mein kommt darin vor und ung. Aber was zum Teufel ist ung? Ein Besserwisser behauptet, es sei halt seine Mein…ung. Was will mein besser wissen als die, die andere ungen haben? Kriege entstehen demnach in der Mehrzahl aus ungen, aus sturen unveränderbaren ungen. Ungen verhandelbar zu machen wäre demnach sicherlich gefragt. Gegen Krankheiten setzten wir mit Erfolg Medikamente ein. Welches Medikament könnte nun schlechte ungen heilen? Kompromisse vielleicht? Kompromisse wie es die Schweiz seit langem einsetzt um den Frieden zu sichern. Wer recht hat zeigt die Zukunft, also weiss niemand wer wirklich recht hat. Darum Kompromisse als Lösung? NOBELPREIS! Das ist es! Das Zauberwort vom Zauberberg Schweiz heisst KOMPROMISSE eingehen (engl. Win-Win) Bedingt jedoch die Fähigkeit zu verhandeln, bedingt zudem ein ausgeprägtes Verantwortung und Fingerspitzengefühl. Millionen gesunder Söhnen und Väter, Frauen und Kinder würden weiterleben…..cathari

Danke für diese Erinnerung!
Wie Sie selber schreiben, war das aber "etwas Einmaliges in der von Kriegen wimmelnden Geschichte der Menschheit". Ab 1915 haben die Kommandanten solches Fraternisieren überall entschieden bekämpft. Zudem wandelte sich die Graben-Front zwischen "Nachbarn mit anderer Feltpostleitzahl" wegen der mörderischen Artillerie und Maschinengewehre zunehmend in kilometertiefe Kampfzonen mit dezentriert herumirrenden Infanteriezügen und Hinterhalte legenden Maschinengewehrschützen.

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