Die Subjektivität der Fledermaus

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Die Subjektivität der Fledermaus

Von Stephan Wehowsky, 04.11.2015

Der Physiker und Essayist Eduard Kaeser zeigt, dass der Mensch mehr Gesellschaft hat, als er glaubt. Er wird von "artfremden Subjekten" begleitet: Tieren, Pflanzen und Maschinen.

Der Blick des Menschen auf das Tier ist gebrochen. Mal sieht er ein Wesen, das ihm ähnlich ist, mal einen blossen Automaten. Der Verdacht liegt nahe, dass dahinter eine gehörige Portion Opportunismus steckt. Das Haustier wird verzärtelt, der Umgang mit Nutztieren oder Schädlingen kennt keine Skrupel. Allenfalls gibt es minimale Schutzbestimmungen wie die Regeln für eine artgerechte Tierhaltung.

Die sprachliche Brücke

Der Fokus des Essays von Eduard Kaeser liegt aber nicht auf dieser ethischen Schizophrenie. Als Wissenschaftler gräbt er tiefer und beschreibt ein Dilemma: Zum Wesen des Menschen gehört es, dass er sich Freiheit und Subjektivität zuschreibt. Mittels der Sprache kann er darüber Auskunft geben. Menschen können sich untereinander „verstehen“.

Mit dem Tier ist es völlig anders. Wir können zwar mit ihm kommunizieren, und es stellt sich immer wieder das Gefühl ein, dass sich ein wechselseitiges Verständnis herstellt. Aber aus wissenschaftlicher Sicht kommt sofort der Einwand, dass es sich hierbei bloss um Projektionen handelt, denn niemand kann ernsthaft behaupten, sich wirklich in ein Tier hineinversetzen zu können. Denn der Mensch ist ein Mensch, und das Tier ist ein Tier.

Das Tier als Subjekt

Wie gehen Wissenschaftler vor? Sie beschreiben und analysieren, was sich beobachten und beschreiben lässt. Das sind physiologische Merkmale und Verhaltensmuster. Was ein Tier jeweils „will“ oder „empfindet“, entzieht sich dem wissenschaftlichen Blick. Diese Kategorien sind allein dem Menschen zugänglich, und wenn er sie auf das Tier anwendet, so wird ein strenger Wissenschaftler einwenden, dass es sich hierbei bloss um Projektionen menschlicher Eigenschaften auf das Tier handele.

Aus der Sicht des Wissenschaftlers ist das Tier ein Automat, aus anderen Perspektiven erscheint es als irgendwie beseelt, aber das lässt sich wissenschaftlich nicht erhärten. In Anlehnung an Jakob von Uexküll und Konrad Lorenz schlägt Eduard Kaeser vor, das Dilemma zu umgehen, indem das Tier als ein Subjekt anerkannt wird, das sich in seiner Umwelt orientiert, auch wenn wir nicht genau wissen können, wie das im einzelnen genau geschieht.

Mehr als ein Gegenstand

Der Philosoph Thomas Nagel hat dafür die berühmte Frage gestellt: „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ Mit dieser Frage bringt er die Notwendigkeit auf den Punkt, anzuerkennen, dass jedes Tier eine eigene Perspektive hat, auch wenn wir diese Perspektive nicht kennen, weil sie nicht die unsrige ist. Das bedeutet: „Der Tierforscher hat ein Subjekt vor sich, nicht bloss einen Gegenstand.“

Die Perspektive auf das Tier als Subjekt bietet also keinen Freibrief für eine vermenschlichende Deutung der Tiere. Es wird lediglich beobachtet, wie sie sich in ihrer Umwelt orientieren und verhalten. Dabei gibt es Muster, die uns als Menschen vertraut zu sein scheinen: Tiere „suchen“ Nahrung, sie „tarnen“ sich, sie „täuschen“ Artgenossen oder zeigen „Angst“.

Merkmale der Subjektivität

Die neuere Ethologie, also die Verhaltensforschung oder Verhaltensbiologie, hat fünf Merkmale für die Subjektivität der Tiere hervorgehoben:

- Auch das Tier versetzt sich in ein anderes;

- auch das Tier hat Absichten;

- auch das Tier hat Emotionen;

- auch das Tier verhält sich individuell;

- auch das Tier hat eine Geschichte.

Dabei stellt sich aber das Problem der neurobiologischen Sicht. Denn das, was wir als Absichten, Emotionen oder Motivationen kennen, versuchen Neurobiologen in den Abläufen in den Gehirnen oder Nervenbahnen nachzuvollziehen. Dadurch entsteht aber eine Differenz zwischen dem subjektiven Erleben und den wissenschaftlich erhobenen Daten. Entsprechend tobt seit Jahren eine Debatte um die Frage, ob der Mensch tatsächlich so frei ist, wie er meint.

Der beschränkte Blick

Kaeser verfolgt diese Diskussion und beendet sie mit einem Argument von Immanuel Kant: Wenn alles kausal bedingt sei, müsse es in der Kausalkette einen Anfang geben, dem keine Kausa vorausgeht. Mit anderen Worten: Die neurobiologischen Ergebnisse sind von grossem Interesse, aber sie sind nicht das einzig mögliche Erklärungsmodell für innerpsychische Vorgänge.

Überhaupt macht Kaeser darauf aufmerksam, dass die wissenschaftliche Methode sich immer auf bestimmte Aspekte beschränkt und andere ausblendet. Darauf beruht ihr immenser Erkenntnisfortschritt, aber darin liegt auch die Gefahr der strukturellen Blindheit. So kann das menschliche Subjekt ganz aus dem Blick geraten. Pointiert formuliert Kaeser: "Das moderne Studium des Geistes wird geleitet vom Blick auf niemand."

Vor diesem Hintergrund der selbstauferlegten Beschränkung moderner Wissenschaft weitet Kaeser den Blick und unternimmt die kühne Untersuchung der Frage, ob auch Pflanzen Subjekte mit quasi seelischen Qualitäten sind. Denn für ihn ist die Frage nicht einfach schon dadurch erledigt, dass man bei Pflanzen keine physiologischen Merkmale wie bei Tieren oder Menschen nachweisen kann. Immerhin haben Forscher wie Charles Darwin, aber auch Philosophen wie Ralph Waldo Emerson die Frage nach den Pflanzen als Subjekten ernsthaft erörtert. Auch Pflanzen können als Subjekte in ihrer Welt verstanden werden.

Das geheime Wissen der Roboter

Im letzten Teil seines Essays beschäftigt sich Kaeser mit der Frage, ob auch Computer oder Roboter als Subjekte betrachtet werden können. Dass solche Maschinen von Menschen für menschenähnlich gehalten werden können, hat Alan Turing mit seinem berühmten Turing-Test 1950 nachgewiesen. Nun aber fügt Kaeser eine Überlegung an, die die Summa seiner Analysen der Tier- und Pflanzensubjektivität ist:

Wenn wir in Tieren und Pflanzen „artfremde Subjekte“ erkennen können, so kann das auch für „intelligente“ Maschinen gelten. Denn dazu ist es nicht notwendig, dass das, was in ihnen abläuft, menschenähnlich ist. Kaeser hält es für möglich, dass Roboter zum Beispiel untereinander ganz anders kommunizieren und zu Schlussfolgerungen kommen, als Menschen sich das vorstellen können. Sie entwickeln sich quasi autonom weiter, und der Mensch kann die Abläufe nicht mehr nachvollziehen.

Intimer Umgang

Umgekehrt erleben wir täglich, wie geradezu intim der Umgang der Menschen mit ihren Maschinen und Maschinchen geworden ist. Zudem wird das Verhalten der Menschen mehr und mehr durch diese Maschinen geprägt. Sie sind, so liesse sich ergänzen, vielleicht nicht ihre Diener, aber ihre Bediener geworden.

Eduard Kaeser hat mit seinem Essay Klarheit in alte Fragen gebracht und eine brillante technisch-wissenschaftliche Gegenwartsanalyse vorgelegt. Das Buch ist in der Reihe „Schwabe Reflexe“ erschienen. Schon länger hat man den Eindruck, dass diese Reihe an die Stelle getreten ist, die lange Zeit von Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft eingenommen wurde.

Eduard Kaeser, Artfremde Subjekte. Subjektives Erleben bei Tieren, Pflanzen und Maschinen?, Schwabe reflexe 43, Schwabe AG, Verlag, Basel 

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