Die Strasse der Schmuggler

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Die Strasse der Schmuggler

Von Peter Philipp, 04.08.2019

Die Konflikte im Persischen Golf sind nicht allein durch eine politische Brille zu betrachten. Denn vielfach geht es um Schmuggel.

Wie ein Sprecher der iranischen Revolutionsgarden am Sonntag bekannt gab, hat Iran vor wenigen Tagen einen „ausländischen“ Tanker aufgebracht, mit dem angeblich Öl und Ölprodukte wie Benzin aus Iran in arabische Anliegerstaaten des Persischen Golfs geschmuggelt werden sollten. Detailliertere Angaben folgten dann im Laufe des Tages nur tröpfchenweise. Es entstand der Eindruck, dass die jüngsten Spannungen in der Region sich hier einem neuen Höhepunkt entgegenbewegten.

Die Konflikte in der Strasse von Hormus am Zugang zum Persischen Golf haben im Juli begonnen. Sie haben zu heftigen gegenseitigen Schuldzuweisungen zwischen den USA und Großbritannien einerseits und Iran andererseits geführt, zu internationaler – besonders EU-europäischer – Ratlosigkeit und zu den ernstesten Spannungen in der Region seit langem.

Schuldzuweisungen

Iran wird ohne zweifelsfreien Beweis vorgeworfen, schon vor Wochen Anschläge auf verschiedene Frachtschiffe im Golf verübt zu haben, bevor Iran am 14. und 19. Juli zwei Tanker festsetzte: der eine unter britischer, der zweite unter panamaischer Flagge. Besonders um das britische Schiff entspann sich heftiger Streit. Zuvor hatteGroßbritannien auf Anraten Washingtons bei Gibraltar einen iranischen Tanker aufgebracht, der trotz EU-Embargos angeblich Öl nach Syrien transportieren sollte. Beweise hierfür liegen bisher nicht vor.

Das zweite Schiff aber kam erst jetzt wieder ins Gespräch. Dies könnte aber vielleicht etwas mehr Licht in die gesamte Situation bringen: Der Besatzung des Frachters „Riah“ wirft der Iran nämlich auch Schmuggel vor, so wie dem zunächst anonymen Frachter jetzt. Benzinschmuggel von einem der größten Erdölproduzenten der Welt zu den Nachbarn, die selbst über sehr ergiebige Vorkommen verfügen? So merkwürdig dies klingen mag: Das hat es in den zurückliegenden Jahrzehnten immer wieder gegeben. Die Hauptgründe lagen darin, dass der Öl- und Benzinpreis in Iran lange sehr niedrig war und dass die Einkünfte aus dem offiziellen Export in den Kassen des Regimes verschwanden und ihr Verbleib nicht aufgedeckt werden konnte oder sollte – wenn von dem Geld nämlich die Machthaber selbst und ihr Umfeld profitierten.

Lange Zeit gelang es auch einfachen Schmugglern, hiervon zu profitieren, indem sie Benzin in Nachbarländer brachten, wo der Preis weit höher war als in Iran. Teheran ergriff im Laufe der Zeit Gegenmassnahmen, indem es den Umfang von Benzinkäufen einschränkte. Hiervon waren jene „großen Dealer“ aber nicht betroffen, die – mit den entsprechenden Beziehungen – ihr Geschäft in grossem Umfang betrieben und weiterhin betreiben. Der Bevölkerung blieben solche Dinge natürlich nicht verborgen, und es häuften sich Beschwerden, dass Dinge exportiert würden, die dann auf dem heimischen Markt knapp würden oder völlig fehlten. Darunter auch Benzin.

Schwierige Gemengelage

Es ist ein offenes Geheimnis, dass am grossen Geschäft auch Angehörige der Kreise beteiligt sind, die eigentlich für Recht und Ordnung sorgen und zum Beispiel den Schmuggel unterbinden sollten. Hier schliesst sichder Kreis: Revolutionswächter bringen ein Schmugglerschiff auf, das vielleicht im Auftrag von „Kollegen“ unterwegs ist. Es wundert nicht, dass offizielle und ausführliche Erklärungen zu solchen Dingen nicht leicht über die Lippen der Verantwortlichen kommen. Gleichzeitig gibt es Grund zur Hoffnung, dass solche Widersprüche letztlich dazu führen werden, Schmuggel, Korruption und anderen Auswüchsen Einhalt zu gebieten, die natürlich keine iranische Erfindung sind, denen in letzter Zeit aber immer öfter von offizieller Seite offen der Kampf angesagt wird.

Das ist kurz- bis mittelfristig ein guter Grund für das Ausland, die Vorgänge am und im Persischen Golf differenzierter als durch die Schwarz-Weiss-Optik der amerikanischen Brille zu beobachten und zu beurteilen. Natürlich gibt es keine Garantie dafür, aber die Hoffnung nicht aufzugeben ist sicher besser als immer gleich die Kriegstrommeln zu rühren.

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