Die Sprache der Zahlen

Urs Meier's picture

Die Sprache der Zahlen

Von Urs Meier, 24.04.2020

Bei globalen Bedrohungen kehrt das Mediensystem zu seinen Ursprüngen zurück: Zahlen übernehmen die Hauptrolle.

Das Rechnen ist kulturgeschichtlich älter als das Schreiben. Als vor 6000 Jahren in Mesopotamien die Sumerer und Akkader die ersten Keilschriftzeichen in Tontäfelchen pressten, ging es um Listen mit Zahlen: landwirtschaftliche Produktion und Regulierung der Bewässerungsanlagen, aber auch Handel, Steuern, Kredite oder Zinsen liessen sich so festhalten. Rechenoperationen waren demnach schon geläufig, als erstmals ein Aufschreibsystem erfunden wurde.

Allerdings steckte das wahre Potential der Schrift nicht in den Listen und Zahlen. Zur grössten menschheitsgeschichtlichen Umwälzung wurde die Erfindung der Schrift erst mit dem Jahrtausende später einsetzenden Festhalten und Überliefern längerer Texte. So bekamen als Erstes Gesetze und Verträge, Regierungserlasse und Chroniken eine objektive Form. Sie verlieh den Inhalten eine von der Anwesenheit autorisierter Sprecher unabhängige Geltung. Von diesen Anfängen bis zur Schaffung einer Sphäre frei flottierender Informationen, wie wir sie kennen, war es da noch ein weiter Weg; doch die Tür zum Universum der Texte war aufgestossen.

In der Medienwelt unserer Tage besteht «Text» aus einem Gewebe – einer Textur – von Schrift, Bild und Ton. Das «Lesen» der Medien wiederum beruht daher nicht allein auf Schriftverstehen, sondern auf Deutung und Einordnung multimedialer Informationen. Aus der Masse der Medienangebote auszuwählen und sich auf die einströmenden vielförmigen Informationen einen Reim zu machen, erfordert ein ganzes Bündel von Kompetenzen, derer sich die Mediennutzer meist unbewusst bedienen. Dabei wissen sie, dass Inhalte durch Absichten und Meinungen von Urhebern wie von Vermittlern, aber auch von ihnen selbst als Empfängern gefiltert, beeinflusst und allenfalls verfälscht werden können.

Geht es um die Information über globale Bedrohungen – Wirtschaftskrisen, Klimaveränderung oder jetzt die Corona-Pandemie –, so kehrt das Mediensystem gewissermassen zu seinen Ursprüngen zurück: Zahlen übernehmen die Hauptrolle. Welthandel, Makroökonomie, Finanzen, Wirtschaftspolitik zeigen sich vorwiegend in Form aggregierter Zahlen. Von der Klimakrise wissen wir primär aufgrund von Statistiken und Trendrechnungen, deren Grundlagen nur mit einem Arsenal von Spezialkenntnissen aus diversen naturwissenschaftlichen und mathematischen Disziplinen zu verstehen sind. Informationen über Corona kommen nicht aus ohne tägliche Flut von Zahlen und Diagrammen. Wir hören von Ansteckungs- und Durchseuchungsgraden, von Reproduktions- und Mortalitätsraten, ausserdem von Zahlen belegter und freier Intensivpflegebetten, Erkrankungsanteilen beim medizinischen Personal, Anzahlen durchgeführter Tests pro Tag und vielem mehr. Präsentiert werden die Daten national und gerne auch in internationalen Vergleichen, aufbereitet in Diagrammen mit bunten Säulen und Kurven.

Zahlenangaben haben den Nimbus der Objektivität. Man ist es aus Erfahrung gewohnt, dass man sie nachzählen, nachprüfen, nachrechnen kann – oder (zumindest im Prinzip) könnte. Den Quantifizierungen grossräumiger Phänomene allgemein und besonders auch den Corona-Zahlen hingegen fehlt diese Art der Anschaulichkeit und Verlässlichkeit. Corona-Daten werden nicht konsequent mit gleichen Kriterien und auf gleiche Art erhoben, schon gar nicht länderübergreifend. Die Fristen von der Erfassung zur Verarbeitung sind unterschiedlich lang, was zu weiteren Verzerrungen führt. Hinzu kommt das Problem, dass Länderdaten auch deshalb nicht ohne weiteres vergleichbar sind, weil sie nicht alle zweifelsfrei als glaubwürdig gelten können. 

Dargestellt werden die statistisch verarbeiteten Zahlen aber dennoch als feste Grössen, deren Anmutung von Objektivität und Präzision die unsichere Faktenbasis vergessen macht. Die aufbereiteten Daten transportieren die unausgesprochene Botschaft, man überblicke das Geschehen und wisse genau Bescheid. Vor allem die grafisch perfekten farbigen Diagramme reden eine Sprache der Sicherheit, von der man nicht weiss, wieviel sie mit der Wirklichkeit des weltweiten Seuchenverlaufs zu tun hat.

Die aufgeklärte Skepsis, die wir als Mediennutzer uns zumeist als Kompetenz angeeignet haben, müssen wir im Blick auf Zahlen und Diagramme wohl erst noch lernen. Die Sprache, die sie reden, ist genauso kritisch zu lesen und sorgfältig zu deuten wie alle sonstigen Medieninhalte.

Die Zahlengläubigkeit zeitigt auch eigenartige Auslegungen. Wie steigerte doch ein deutscher Komiker den Begriff "Lüge"? Lüge, Meineid, Statistik.

Genau, die "Zahlen" sind nicht per se glaubwürdig. Wie sagte doch der Münchner Komiker vor 120 Jahren : Die Steigerung von Lüge ist: Lüge, Meineid, Statistik.

Ich habe soeben den nachstehenden Artikel von Helmut Scheben kommentiert. Er könnte auch hier stehen:)

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren