Die Schlacht um Aden

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Die Schlacht um Aden

Von Arnold Hottinger, 01.02.2018

In Aden, der grossen Hafenstadt am südlichsten Zipfel von Jemen, sind Kämpfe ausgebrochen. Eine vorläufige Bilanz zeigt, dass die Kräfte des sogenannten „Sicherheitsgürtels“ gewonnen haben und nun die Hafenstadt beherrschen.

In diesem Ringen, zumindest in seiner ersten Runde, sind die besiegten Gegner die Truppen Abd Rabbo Mansour Hadis, des international anerkannten, aber im saudischen Exil lebenden Präsidenten von Jemen.

Der „Sicherheitsgürtel“ ist ein komplexes Compositum. Er wurde
organisiert, finanziert und bewaffnet von den Vereinigten Arabischen
Emiraten (VAE) mit dem Zweck, Ruhe und Ordnung für die Hafenstadt und ihren Flughafen wieder herzustellen und zu gewährleisten. Die Mannschaften des „Security Belts“ sind Jemeniten der südlichen Landesteile, die unter ihren eigenen Offizieren dienen.

Zurück zum eigenen Staat

Diese Mannschaften und ihre Offiziere haben eine politische Ausrichtung: Sie sind „Separatisten“, das heisst, sie fordern eine Abtrennung des jemenitischen Südens mit seiner Hauptstadt Aden von der Jemenitischen Republik, entweder auf föderaler Basis oder als unabhängigen Staat.

Südjemen war im Gegensatz zu Nordjemen zuerst eine britische Kolonie bis 1978 und dann ein unabhängiger Staat, eine Volksrepublik, unterstützt von der Sowjetunion bis 1990. Erst damals und mit einem späteren Krieg (1994) um die Frage von Anschluss oder Lostrennung wurde Südjemen zur Jemenitischen Republik (mit der Hauptstadt Sanaa) geschlagen.

Viele Südländer, wahrscheinlich die überragende Mehrzahl von ihnen,
fühlen sich als vom Norden unterdrückt. Sie klagen darüber, dass sie
vom Norden als zweitklassige Bürger behandelt würden, und weisen darauf hin, dass ihre Armee aufgelöst wurde und so gut wie alle Staatsbeamten vom Norden ernannt werden und aus dem Norden kommen. Auch in anderen Belangen fühlen sie sich vernachlässigt und diskriminierend behandelt.

Front der Südländer gegen die Huthis

Als die Huthis – nordjemenitischer und zaiditischer Religionszugehörigkeit – einen grossen Vorstoss von Norden nach Süden unternahmen, Sanaa eroberten und besetzten und dann im folgenden Jahr bis an die Tore Adens vorstiessen, setzten die Südländer sich zur Wehr. Sie sind Sunniten. Und die Huthis waren ihnen doppelt verhasst, als Nordjemeniten, die sie beherrschen wollten, und als Zaiditen, die beanspruchten, dies im Namen einer Islamvariante zu tun, die ein Gegner ihrer sunnitischen Zugehörigkeit ist.

Zurückgewonnen durch die Feinde der Huthis

Damals, am 25. März 2015, begann Saudi-Arabien seine Bombenkampagne gegen die Huthis, die bis heute andauert und ganz Nordjemen zerstört. Gleichzeitig landeten Schiffe und Fallschirmtruppen der Emirate in Aden, um zu verhindern, dass die Hafenstadt ganz in die Hände der Huthis falle und um mit der Rückeroberung Jemens vom Süden her zu beginnen.

Diese Rückeroberung geschah im Namen des von den Huthis
vertriebenen, aber international anerkannten Präsidenten al-Hadi und
mit der Hilfe von jemenitischen Truppen und Milizen, die auf seiner
Seite kämpften. Sie war in Südjemen ein Erfolg, während sie in
Nordjemen stockte und nicht wirklich vorankam. Der Grund war die
lokale Bevölkerung. Die Südjemeniten unterstützten die Anhänger Hadis und seine ausländischen Freunde und Sponsoren, die Saudis und die VAE, die beiden aktivsten Golfmächte, die in Jemen intervenierten, um Hadi an die Macht zurückzubringen.

Weiter im Norden waren Bevölkerung, Stammesmilizen und Soldaten in
Bezug auf die Huthis gespalten. Mindestens Teile der Bevölkerung und
der Bewaffneten hielten zu ihnen, und das war der Hauptgrund, weshalb die Rückeroberung Jemens und die Widereinsetzung Hadis im Süden erfolgreich war, weiter im Norden jedoch nicht vorankam.

Die Huthis mussten sich aus dem Süden zurückziehen, und Hadi erklärte Aden zu seiner provisorischen Hauptstadt und zum Sitz seiner Regierung bis zu der Zeit, in der er in der eigentlichen Haupstadt der Republik Jemen, in Sanaa, einziehen werde.

Weder die Huthis noch Sanaa!

Doch die Südländer sahen das nicht so. Nachdem sie sich eingesetzt
hatten, um die Huthis loszuwerden, wollten sie nicht erneut unter
die Herrschaft des Nordens kommen, sondern frei werden, entweder durch Autonomie oder durch volle Loslösung ihres Landesteils. Die VAE taten viel, um das Leben in der Hafenstadt wiederherzustellen und um Ruhe und Ordnung in ihr zu gewährleisten. Sie sorgten zum Beispiel dafür, dass die zerschlagene Wasserversorgung und die Abwasserentsorgung der Hafenstadt wieder zu funktionieren begannen. Das war wichtig wegen der Cholera, die sich auf Grund von verschmutztem Wasser ausbreitet.

Um die Sicherheit, zuerst von Flughafen und Hafen, später auch für die
ganze Stadt zu gewährleisten errichteten die Emirate den erwähnten
Sicherheitsgürtel. Als Waffenträger dienten darin die südjemenitischen Milizen, die zuvor mit ihren Offizieren gegen die Huthis gekämpft hatten.

Angesehene Politiker der südlichen sogenannten „Bewegung“ (Haraka) – eine Bewegung, die auf Autonomie oder Unabhängigkeit abzielt – wurden auch als die ersten Mitarbeiter und Bürokraten der lokalen Behörden eingestellt, nachdem sie mitgeholfen hatten, die Huthis zurückzuschlagen. Die Finanzierung der Sicherheitstruppe kam in erster Linie aus den Emiraten. Dort verfügt man über viel Geld, aber über wenig einheimische Bürger, die als Truppen oder Verwalter in einem von den Emiraten eingenommenen Gebiet verwendet werden können.


Hadi-Anhänger gegen die südlichen „Separatisten“

Im Verlauf des vergangenen Jahres kam es dann zu Spannungen zwischen den Ministern und Spitzenbeamten, die von Hadi als Funktionäre und Machthaber der Jemenitischen Republik in Aden wirkten, und den führenden Vertretern der Südjemeniten in den Milizen und Lokalverwaltungen, die nach der Entfernung der Huthis eingestellt und im Wesentlichen von den Emiraten gestützt und finanziert wurden.

Ende April dieses Jahres entliess Präsident Hadi abrupt den Gouverneur des Bezirks von Aden, General Aidarus al-Zubaidi, der im Januar zuvor von ihm eingesetzt worden war.

Der General ist einer der bekanntesten Vorkämpfer der „Bewegung“ der
südlichen Separatisten. Nach seiner Absetzung gründete er den
Vorläufigen Südlichen Übergangsrat (engl. abgekürzt STC für „Southern Transitory Council“), und zahlreiche Milizenführer, manche in einflussreichen Positionen in den Provinzen des Hinterlandes von Aden, schlossen sich dem Rat an. Grosse Massen von Südjemeniten
demonstrierten mehrmals, sobald der Rat zu derartigen Aktionen
aufrief, für den Rat und für seine Ziele, einen eigenen Staat für die Südjemeniten zu errichten. Die Flagge des erhofften südlichen Staates ist in Aden überall zu sehen.

Polizeikräfte gegen die südlichen Separatisten

Die Polizeikräfte des Innenministeriums Hadis und die
Sicherheitsdienste des von Hadi ernannten Ministerpräsidenten, Ahmed
Abu Dagher, der manchmal in Aden und manchmal in Riad residiert,
schritten gegen die Demonstranten ein, die sie Separatisten schelten.
Der Sicherheitsgürtel, den die VAE aufgestellt hat und finanziert,
sympathisiert mit dem Südlichen Übergangsrat und seinem Ziel.

Seine Bewaffneten neigen dazu, die Demonstranten und Aktivisten des STC zu unterstützen. Zum Sicherheitsgürtel gehören neben dem Fussvolk aus Südjemen auch etliche Einheiten und Sondertruppen der VAE, zum Beispiel Tank- und Raketenspezialisten. Sie helfen den Bewaffneten des Sicherheitsgürtels, was ja auch ihre Aufgabe ist.

Zufall oder strategische Zielsetzung?

Dies hat zu Anklagen von Seiten der Anhänger Hadis und seiner
Regierung geführt, die behaupten, die VAE unterstütze die Separatisten
und – verallgemeinernd – zu der Behauptung, die VAE stünden hinter den südjemenitischen Separatisten. Während die Saudis ihrerseits Hadi und seine halb exilierte nationale Regierung stützen.

Es ist schwer zu beurteilen, ob in der Tat, die VAE darauf ausgehen,
die südliche Bewegung zu unterstützen und ob sie sich wirklich
absichtlich in der südlichen Frage Hadi und dessen Patron, Saudi-
Arabien, entgegenstellen. Die VAE sind ja in Bezug auf den Gesamtkrieg in Jemen gegen die Huthis die wichtigsten Bundesgenossen der Saudi.

Doch die Meinung, dass die VAE hinter den Südjemeniten und ihrer
Bewegung stünden, greift um sich. Sie wird verstärkt durch den
Umstand, dass es noch andere Reibungspunkte zwischen der VAE und Hadi gibt. Diese drehen sich hauptsächlich um die sogenannte Islah-Partei. Dies ist die jemenitische islamistische Gruppierung, die den Muslimbrüdern nahe steht. Ihre Kämpfer sind eine wichtige Stütze Hadis in seinem Krieg gegen die Huthis.

Die Muslimbrüder sind betonte Sunniten und stehen schon deshalb den zaiditischen Huthis feindlich gegenüber. Doch die Brüder und alles, was ihnen gleicht, sind rote Tücher für die VAE Regierung. Die Geheimdienste der VAE sind der Ansicht, die Muslimbrüder hätten versucht, die Regierung der VAE zu Fall zu bringen. Möglicherweise wirkt sich die Zusammenarbeit Hadis mit den Brüdern dahin aus, dass die VAE nun mit den Feinden Hadis in Südjemen zusammenwirkt.

Zusammenstoss zwischen Separatisten und Hadi-Kräften

In der vergangenen Woche war es soweit, dass der STC Zubaidis dem
Regierungschef Hadis in Aden, Ahmed Bin Dagher, ein Ultimatum stellte. Die südliche Dachorganisation forderte, der Regierungschef solle zurücktreten oder sie werde gegen ihn vorgehen. Zubaidi und die Seinen werfen dem Regierungschef vor, er sei zutiefst korrupt und nur darauf bedacht, die Südjemeniten auszubeuten. Dagher lehnte das Ultimatum ab und erklärte, er und seine Sicherheitskräfte hätten Aden fest in der Hand. Die Separatisten, so der Regierungschef, hätten einen
Staatsstreich gegen ihn geplant. Die Büros seines Regierungssitzes in
Aden wurden von den Bewaffneten des STC und des Sicherheitsgürtels
gestürmt.

Dagher sagte, er habe sie zurückerobert. Doch im Verlauf des
Montags verlor er sie erneut. Er wurde im Präsidentenpalast von Aden
belagert, der über dem Stadtteil „Crater“ auf einem Hügel liegt. Die
Kämpfer des Südlichen Rates stehen vor dem Palasttor. Doch bisher sind sie nicht eingedrungen, weil sich in dem Palast saudische Truppen
befinden, mit denen die Südjemeniten sich nicht anlegen wollen.

Von der Front gegen die Huthis zum Kampf gegen Hadi-Truppen

Die STC-Leute hatten Teile ihrer Milizen bei den Truppen Hadis stehen,
die von der südlichen und östlichen Wüste aus gegen die Huthis kämpfen – oder doch kämpfen sollten. Diese Truppen zogen sie ab nach Aden, um sie gegen die Einheiten dort einzusetzen, die Hadi und seiner Regierung in Aden die Treue hielten.

Als letzte der Pro-Hadi-Kräfte war dies das vierte Batallion der jemenitischen Präsidialgarde unter dem Kommando eines gewissen Makram Qubati. Sie waren in einem Militärlager etwas nördlich der Stadt einquartiert. Der Kommandant dieser Truppe hat erklärt, seine Leute seien von Einheiten angegriffen worden, die voll unter der Kontrolle der VAE standen und die von ihrer Armee Unterstützung erhalten hätten. Tanks seien von ihnen eingesetzt worden und Kriegsflugzeuge der VAE hätten über dem Lager gekreist.

Das Lager wurde von den Separatisten erobert, und ihre Flagge weht nun über ihm. Natürlich hat der überwundene Kommandant ein Interesse daran, den feindlichen „Überfall“, der seine Truppen besiegte, als möglichst überlegen zu schildern. Was man bei seinen Anschuldigungen gegenüber der VAE zu berücksichtigen hat.

Ehrgeizige Pläne der VAE

Dennoch herrscht der Eindruck vor, dass die VAE und die Saudis in
Südjemen unterschiedliche, ja entgegengesetzte Ziele verfolgen:
Unterstützung des STC durch die VAE und Hilfe für dessen Gegenspieler, Präsident Hadi, durch Saudi-Arabien. Dies obwohl natürlich die beiden, VAE und Saudi-Arabien, Verbündete sind im Krieg gegen die Huthis.

Ob das wirklich bedeutet, dass die VAE in Jemen ihre eigenen Ziele
verfolgen, ohne auf jene Riads Rücksicht zu nehmen, ist ungewiss.
Möglicherweise besteht ein Plan in Abu Dhabi, dem Süden mit Aden zur Unabhängigkeit zu verhelfen und dann als Schutzmacht Südjemens
aufzutreten. Das würde zusammenpassen mit den Schritten, die Abu Dhabi tatsächlich unternimmt, um an der Meerenge von Bab al-Mandeb, am Ausgang des Roten Meers, eine strategische Präsenz seiner Macht zu errichten, indem das schwerreiche Erdölland dort Militär- und Marinebasen aufbaut.

Dies geschieht auf der afrikanischen Seite durch Verträge in Berbera, Somaliland, und in Assab, Eritäa, und auf der jemenitischen durch Eroberung der Häfen der Küste: Shihr, Mukallah, Aden, Mukha und – noch von den Huthis beherrscht aber Ziel einer Offensive – Hodeida.

Ein Bruch zwischen VAE und Saudi-Arabien?

Die südlichen Separatisten des STC unter Zubaidi hatten eigene Truppen und Milizen – ebenfalls bewaffnet und entlohnt durch die VAE – an den südlichen und östlichen Kampfesfronten gegen die Huthis stehen. Dem Vernehmen nach haben sie diese – entweder ganz oder teilweise – von dort abgezogen und sie nach Aden gebracht, um dort gegen die Truppen und die Polizei des Regierungschefs von Präsident Hadi, Ahmed Bin Dagher, vorzugehen.

Man hat anzunehmen, dass die Saudis, die ihrerseits auf Hadi gesetzt haben und weiter setzen, das ungern sehen und es beinahe als einen Verrat an der gemeinsamen Sache, dem Krieg gegen die Huthis, empfinden könnten. Ob dies zu einem offenen Zwist zwischen den beiden wichtigsten Kräften der Anti-Huthi-Koalition führen wird, bleibt abzuwarten. Dagegen spricht, dass MbZ, Mohammed ben Zaid von Abu Dhabi, und MbS, Mohammed Ben Salman von Riad, beide mächtige und ehrgeizige Thronfolger in ihren Staaten, bisher eng zusammengearbeitet hatten und persönlich gute Freunde gewesen waren.

Nicht undenkbar ist, dass die Saudis sich bereits heute oder
vielleicht in der Zukunft bereit finden könnten, der VAE die Vormacht
in Südjemen zu überlassen und sich selbst auf Nordjemen zu konzentrieren. Schliesslich ist ja ihre Hauptsorge, die Präsenz der Huthis an ihrer Südgrenze, eine völlig nordjemenitische Angelegenheit. Die Saudis fürchten diese Präsenz, weil sie in den Huthis ein Instrument der iranischen Expansionspolitik sehen, die ihrer Ansicht nach ihr eigenes sunnitisches Königreich und mit ihm alle Sunniten der Arabischen Welt bedroht.

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