Die Reise zum Eis der Welt

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Die Reise zum Eis der Welt

Von Niklaus Oberholzer, 06.09.2020

Weit über zwei Stunden dauert der Film „Towards No Earthly Pole“ des 33-jährigen Westschweizers Julian Charrière: Eine Sinfonie über Gletscher und Eisberge, wo immer es sie gibt in der Welt.

Der Aufwand war riesig und die ganze Aktion dauerte mehrere Jahre: Die Film-Crew reiste für „Towards No Earthly Pole“ mehr als um die halbe Welt, weit in den Norden, weit in den Süden, dazwischen in die zentralen Alpen. Julian Charrière und seine zahlreichen Helfer reisten mit zwei Drohnen. Eine trug einen Scheinwerfer, dessen Licht über die nächtliche Landschaft der Eisberge, Gletscher und Bergbäche streifte und hier hoheitsvolle, da bizarre Formen aus dem Dunkel holte. Die zweite Drohne trug die Kamera, welche diese Bilder festhielt.

Aus Julian Charrières Film „Towards No Earthly Pole“. 2019.
Aus Julian Charrières Film „Towards No Earthly Pole“. 2019.

Gefordertes Publikum

Zu Hause begann das höchst komplizierte Bearbeiten des Materials. Nun bilden die sich überlagernden Bilder der Eislandschaften eine sich in stetem Fluss wandelnde Einheit. Der Rhythmus ist ruhig-gemächlich. Doch plötzlich bäumt sich das Geschehen dramatisch auf, etwa wenn sich riesige Brocken aus Eisbergen lösen und laut krachend ins Meer stürzen, oder wenn Bäche und Flüsse anschwellen und über Felsen tosen. Hoch elaboriert ist auch die Tonspur, die das Brummen der Drohnen mit den Geräuschen und Klängen der Landschaft, der Wellen des Meers zum Beispiel oder des Windes, mischt – mit dem Ergebnis einer musikalischen Steigerung der Bildwirkung. Der Film wird als Installation gezeigt: Im riesigen dunklen Saal kommt man sich verloren vor. Man findet sich nur allmählich und mit dem Gewöhnen des Auges an das spärliche Licht zurecht. Ungewohnt knirscht es unter den Füssen, da der Boden mit Körnern von Erdöl-Bitumen belegt ist. Das Publikum ist gefordert. Sitzgelegenheit fehlen. Es ist nicht anzunehmen, dass viele Leute die ganzen 144 Minuten ausharren.

Tausende Flugkilometer

Das Erleben von „Towards No Earthly Pole“ ist beeindruckend – auch wenn sich Kritik meldet: Offensichtlich geht es Charrière und seiner Crew um Veränderungen im Klima-Geschehen. Das ergibt sich auch aus den anderen Werken, die Charrière in Aarau zeigt. Doch ist dieser enorme Aufwand mit Tausenden von Flugkilometern in entlegenste Regionen der Welt, der allen Forderungen heutiger Klima-Bewegungen und allen durchaus ernsthaften Bedenken von Wissenschaftern aus aller Welt widerspricht, ökologisch zu rechtfertigen? Charrière weiss um den Widerspruch. Er müsse mit ihm leben, sagte er gegenüber einer Journalistin mit entwaffnendem Lächeln. Ich selber weiss, dass solche Kritik auch auf mich zurückfallen kann, denn auch ich – und mit mir sehr viele andere – habe  Grönland oder Spitzbergen bereist, wenn auch weit weniger intensiv. Ganz grundsätzlich muss sich ein Tourismus mit Übersee-Destinationen mit dem Vorwurf unökologischen Verhaltens auseinandersetzen. Das gilt auch für den Kultur-Tourismus, ob es sich um Orchester-Tourneen von Festival zu Festival handelt oder um Kunstschätze, die rund um den Erdball geflogen werden.

„Star“ der jungen Schweizer Kunst

Julian Charrière kommt aus der Schule von Ólafur Elíasson, der an der Berliner Universität der Künste lehrt. Bei ihm schloss er seine Ausbildung mit dem Meisterschüler-Diplom ab. Elíassons Studio in Berlin ist nicht ein Künstler-Atelier im herkömmlichen Sinn, sondern ein Unternehmen mit rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, welche die multimedialen Rauminstallationen entwickeln. Ökologische Selbstbefragung soll da ein Thema sein, doch die Zeiten der bescheidenen Interventionen Elíassons sind seit längerem vorbei. 

Auch der 1987 geborene Charrière arbeitet im Team mit Spezialisten. Sein Erfolg wächst. Er erhielt Preise und  Auszeichnungen und hatte Einzelausstellungen im In- und Ausland. Ebenso zeigte er Arbeiten in wichtigen Gruppenausstellungen in Paris, Karlsruhe, Aarhus, Frankfurt, an der Biennale Venedig, in Lyon. Die Ausstellung in Aarau war, in geänderter Form, zuvor im MASI in Lugano zu sehen und sie soll im kommenden Jahr in die USA weiterreisen. Charrière ist wohl der erfolgreichste Schweizer Künstler seines Alters. Er wird als „Star“ der jungen Schweizer Kunst gehandelt. Er kann, dank weitreichender Galeriebeziehungen, logistisch aufwändige Projekte realisieren, in denen er sich seinen bevorzugten Themen widmet – dem Reisen, dem Klima, den Spannungen zwischen Natur und Kultur. Er geht mit Energie an Grenzen jeder Art. Seine Arbeiten setzt er einem dichten Bedeutungsnetz aus, das naturwissenschaftliche Erkenntnisse, Erdgeschichtliches, Historisches in gleicher Weise umfasst wie das sinnliche Erleben der Welt, in der er sich bewegt. Charrière kommt dabei vom Hundertsten ins Tausendste und führt einem Publikum ein eigentliches Konglomerat an vielschichtigen Themen vor, die miteinander eng verknüpft sind, aber doch ins Unübersichtliche auszuufern drohen.  

Enorme Zeitspannen

So steigt er auf einen Eisberg der Arktis und setzt einen Bunsenbrenner an, um menschliches Unvermögen gegenüber Naturgewalten zu demonstrieren und dokumentiert die absurde Aktion fotografisch. Er taucht Pflanzen, die bereits in der rund 100 Millionen Jahre zurückliegenden Kreidezeit existierten, in flüssigen Stickstoff, der sie schockgefriert, und setzt die erstarrten exotischen Schönheiten in eine verglaste Tiefgefriertruhe. Unschwer stellen wir uns vor, dass sie, unterbricht man den Energiezufluss, sofort jämmerlich verwelken. So überspielt der Künstler virtuos enorme Zeitspannen der Erdgeschichte. Er schmilzt Handys und anderes elektronisches Gerät im Hochofen und  präsentiert das Konglomerat Seltener Metalle in der Vitrine.

Julian Charrière: Tropisme. Schockgefrorene Blume. 2014.
Copyright the artist; ProLitteris, Zürich, Photo by Jens Ziehe
Julian Charrière: Tropisme. Schockgefrorene Blume. 2014.
Copyright the artist; ProLitteris, Zürich, Photo by Jens Ziehe

Weissbraune Salzsteine bilden sechseckige Türme, in die Charrière transparente Behälter mit Lithium-Sole  einfügt. Die Sole braucht man für die Akkus elektronsicher Geräte. Salz und Sole stammen aus dem Salar de Uyuni in den bolivianischen Anden, wo sich das weltweit grösste Lithium-Vorkommen befindet. So macht der Künstler auf die Folgen des Abbaus auf die örtlichen ökologischen Gegebenheiten aufmerksam. Er sucht im Maggiatal nach Findlingen, die er in ornamentaler Anordnung durchbohrt. Die runden Bohrkerne legt er so aus, dass sich die Gesteinsbrocken auf ihnen fortbewegen liessen. Die Findlinge selber, Steine auf Wanderschaft, bezeugen, dass das Erdgeschehen stetig fortschreitet und dass es keinen Stillstand gibt. Die Bohrkerne, die zum Teil in Gold oder Silber gefasst sind, verweisen auf die ständigen Eingriffe des Menschen in die Natur und die Aneignung von gefundenen Rohstoffen durch die Menschen.

Julian Charrière: Not All Who Wander Are Lost. Marmor und verschiedene Metalle. 2019.
Julian Charrière: Not All Who Wander Are Lost. Marmor und verschiedene Metalle. 2019.

Unbändige Reiselust

Die Kartenbilder von zehn im Verlauf von 100 Jahren entstandenen Globen schliff Charrière ab. Die Globen hängen an der Decke, und unter ihnen sammeln sich, als kümmerliche Häufchen, die Weltbilder vergangener Zeiten: Ein Kommentar zur Globalisierung, die die Weltwirtschaft in Gang hält. Der aus Grönland hergeschaffte Schlitten, den mit Blei überzogene Kokosnüsse in Schieflage versetzen, will auf die Schwierigkeiten der Inuit-Kultur in unserer modernen Welt hinweisen, zitiert aber ebenso das grosse Thema einer unbändigen Reiselust. Dieser Themenkomplex steht auch als Motivation hinter dem Film „Towards No Earthly Pole“. Da spielt aber auch das Nachdenken über die grossen Arktis-Forscher und ihre teils verhängnisvollen Expeditionen mit – von John Franklin bis zu Knud Rasmussen.

Gemeinsam mit der Kuratorin Katrin Weilenmann bringt Julian Charrière die Werke in den Aarauer Museumsräumen in wechselvollem Spiel so zur Geltung, dass sich das Publikum mit dem an Konnotationen reichen Schaffen des Künstlers vertraut machen kann. Als skeptische Frage mag bleiben, ob sich mit weniger ausgreifenden Gesten und bescheidenerem Aufwand und mit stärkerer Ausrichtung der künstlerischen Energie nach innen nicht eine ebenso eindrückliche oder gar eine konzentriertere Wirkung erzielen liesse.

Aargauer Kunsthaus Aarau, bis 3. Januar. Eine Publikation erscheint im Oktober.

www.aargauerkunsthaus.ch

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