Die Raffgierige und ihre Erbin

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Die Raffgierige und ihre Erbin

Von Bernard Imhasly, Bombay - 06.03.2017

Nicht nur in den USA hat die Realität die Fiktion überholt. Auch in Indien gleichen politische Karrieren oft einem Bollywood-Potboiler. Nur: die Wirklichkeit kommt noch bizarrer daher.

Es gehört zur diplomatischen Courtoisie, dass ein Botschafter bei einem Provinzbesuch auch dem jeweiligen Chefminister einen Höflichkeitsbesuch abstattet. Dies gilt gerade für ein demokratisches Land wie Indien, dessen föderale Struktur jedem Bundesstaat beträchtliche Macht einräumt. Als Jean-Pierre Zehnder, damals Schweizer Botschafter in Indien, 1992 den indischen Bundesstaat Tamil Nadu besuchte, wurde er von J. Jayalalitha empfangen, deren AIADMK-Partei soeben an die Macht gekommen war.

Er übergab ihr eine Schachtel Schweizer Pralinées, die sie mit der säuerlichen Bemerkung verdankte: „Ich dachte, die Schweiz ist berühmt für ihre Uhren.“ Er habe dies bejaht, erzählte mir Zehnder später: „You are right, Madam Chief Minister. But we are also famous for our chocolates.“

Aus dem Parlament gefegt

Vier Jahre später zeigte Jayalalitha, was Freigebigkeit bedeutete. Für die Hochzeit des Neffen ihrer engen Freundin V. K.Sasikala hatte die unverheiratete Politikerin die Hauptstadt in ein Blumenmeer verwandelt, mit mehreren hundert Triumphbögen und haushohen Porträts des Brautpaars. Die mehreren tausend Gäste hatten besondere Einladungskarten erhalten: Die Herren eine Thali-Schüssel aus getriebenem Silber, mit eingeritztem Festdatum; die Damen einen Seidensari, in den die Namen des Brautpaars eingewoben waren.

Das krasse Breittreten von so viel Prunk war selbst den AIADMK-Wählern zu viel. Zwar erwarteten sie Filmi Masala von ihren Politikern, waren doch Jayalalitha wie auch ihr Kontrahent Karunanidhi aus der lokalen Filmindustrie (‚Mollywood’) hervorgegangen. In den Wahlen von 1996 wurde die AIADMK aus dem Parlament gefegt. Karunanidhi strengte eine Korruptionsklage gegen JJ an. Das Belastungsmaterial enthielt Geschenke wie 23 Kilogramm Gold- und 1165 Kilogramm Silberschmuck.

Auch 91 Uhren waren dabei. Der Schweizer Botschafter mochte sich taub gestellt haben, doch Jayalalithaas säuerliche Bemerkung hatte ihre Höflinge vermutlich hellhörig gemacht. Künftige Besucher wurden wohl auf Ammas Schwäche für stämmige Männer-Uhren made in Switzerland aufmerksam gemacht.

Üppige Wahlgeschenke

Noch bevor der Korruptionsprozess beendet werden konnte – Verzögerungstaktik ist eine Kernkompetenz indischer Strafverteidiger – wurde Jayalalithaa wiedergewählt. Sie war überzeugt, dass sie ihren Sieg der astrologisch günstigen Verlängerung der Zahl der Buchstaben in ihrem Namen verdankte. Zwar musste sie ihren Chefposten dann für kurze Zeit aufgeben und wanderte zusammen mit Sasikala und deren Familienangehörigen ins Bangalore Central Jail. Doch in einem Appellationsverfahren wurde sie „mangels Beweisen“ freigesprochen und kehrte im Triumph nach Chennai (Madras) zurück.

Inzwischen kannte sie die Risiken und stellte ihre Raffgier weniger krass zur Schau. Und sie sicherte sich Sympathien mit üppigen Wahlgeschenken. Ammas Füllhorn schüttete Hunderttausende Saris, Mixer, Tischventilatoren, Fahrräder aus. Als sie 2011 nach einer weiteren Legislaturperiode in der Opposition wiedergewählt wurde, verfiel sie auf die Idee, ihre Mutterrolle – Amma heisst Mutter – zu einer Konsummarke für Billigprodukte zu verwenden: In ganz Tamil Nadu schossen Amma-Kantinen hoch, und billiges Amma-Salz überschwemmte die Märkte sowie Amma-Trinkwasser, Amma-Zement, Amma-Ziegel.

Dramatischer Niedergang

Jayalalithaa stellte sicher, dass ihre Alleinmacht auch symbolisch zum Ausdruck kam. Bei öffentlichen Auftritten streckten sich die – meist männlichen – Minister oft in voller Länge vor ihr aus. War sie abwesend oder im Gefängnis, verneigten sie sich vor ihrem Sessel. Ihr Stellvertreter begnügte sich mit einem Stuhl und einer gebührend tieferen Sitzlage. Es war mehr als blosse Unterwerfungssymbolik. Jeder Minister holte sich – vor laufenden Kameras – Instruktionen in ihrer abgedunkelten Residenz, bevor er sie dem Parlament vorlegte.

Die Beamten hielt sie über ihre Chief Secretary – meist eine Kaderfrau – am Zügel. Dieser autokratische Arbeitsstil gab Tamil Nadu paradoxerweise den Ruf einer effizient geführten Administration. Lange war der Staat eine Lieblingsdestination für ausländisches Kapital. Erst als die Verschuldung dank den extravaganten Wahlgeschenken beängstigende Ausmasse annahm (sie liegt heute bei umgerechnet 40 Mia. $ – ein Landesrekord), begann ein dramatischer Niedergang.

Korrupte Praktiken

Amma konnte es dennoch nicht lassen, ihr Imelda-Syndrom auszuleben; aber sie tat es diskret. Die Sasikala-Familie stellte sicher, dass alle Deals über sie liefen; nichts durfte an Ammas langen und fliessenden Gewändern hängen bleiben. In den Medien kamen zwar immer wieder dubiose Landkäufe zur Sprache – eine schöne Tee-Plantage in den Nilgiris etwa, deren schottischer Besitzer zum Verkauf gezwungen wurde, als Jayalalitha ihr Auge darauf geworfen hatte.

Doch das Blut korrupter Praktiken wollte sich nicht von den Händen waschen lassen, selbst als sie politischen Ballast abwarf und sich vom Sasikala-Clan trennte. Die alten Korruptionsvorwürfe holten Jayalalithaa wieder ein, und vor zwei Jahren wurde sie schuldig befunden und verurteilt. Sie musste sich – begleitet von einem kilometerlangen Autokonvoi – den Gefängnisbehörden in Bangalore stellen.

Regierungssitz im Gefängnis

Wiederum wurde die Besucherzelle im Central Jail des Nachbarstaats zum temporären Regierungssitz Tamil Nadus. Minister mieteten sich in Bangalore ein, um die kurz bemessene Besuchszeit zu nutzen und dann mit Ammas Segen nach Chennai zurück zu eilen.

Schliesslich erlaubte ihr ein Berufungsverfahren beim Obersten Gericht, in den Poes Garden zurückzukehren. Die gemeinsame Haftzeit mit Sasikala und deren Verwandten hatte zudem geholfen, die alte Freundschaft wieder zu erneuern. Als Jayalalithaa, zermürbt von der leidigen Justizaffäre, im September letzten Jahres in ein Privatspital eingeliefert wurde, war Sasikala an ihrer Seite.

Herzversagen

Doch „Arbeitserschöpfung“ und „Unwohlsein“ der ersten Krankenhaus-Communiqués wollten sich nicht vertreiben lassen. Je länger der Spitalaufenthalt dauerte, desto wilder wurden die Spekulationen, umso mehr als kein Foto und keine Wortmeldung der geliebten Mutter an die Öffentlichkeit drang. War sie vielleicht bereits tot? Vergiftet? War sie nach Singapur geschafft worden, oder in eine Luxusklinik in London?

Plötzlich kam dann am 5. Dezember die Todesnachricht: Amma war einem Herzversagen erlegen. Doch statt die Gerüchtewelle zu beenden, rollte eine neue an. Wer würde ihr nachfolgen? War der Tod verschwiegen worden, um Sasikala Zeit zu geben, sich als Ammas Erbin zu positionieren?

Gekidnappte Abgeordnete

Es machte den Anschein, als sei bloss eine neue Filmrolle eingelegt worden, bevor das Finale begann. Sasikala wurde wieder in die Partei aufgenommen, zur Generalsekretärin gewählt, Sohn und Neffe waren wieder gehorsame „primary members“. Es fehlte nur noch ihre Wahl zur Chefministerin im Parlament von Chennai. Doch plötzlich meldete sich Widerstand: O. Panneerselvan, früher jeweils der gefügige Ersatz-Chief Minister, meldete sich als ihr rechtmässiger Erbe.

Um die AIADMK-Abgeordneten bei der Stange zu halten, lud Sasikala sie zu einem politischen Treffen ein, entführte sie dann mit Bussen in ein Hotel 50 Kilometer ausserhalb von Chennai, ohne Ersatzkleider und Rasierzeug. Das Golden Bay Resort, ebenfalls eine Amma-Immobilie, ist an drei Seiten vom Meer abgeschirmt, so dass sich die vierte leicht bewachen liess, um eine Flucht zu verhindern. Nur zweien gelang sie: Ein Abgeordneter tarnte sich als Jogger, ein anderer als Gärtner. Die Mobilfunkverbindungen wurden gekappt, und Schneider wurden herbeigeholt, um den Gekidnappten Hemden und Mundus – Hüftttücher – zu schneiden.

Vier Jahre Haft

Sasikala musste rasch handeln. Täglich wurde das endgültige Urteil des Obersten Gerichts im Disproportionate Assets Case erwartet, und ihr Astrologe ahnte Schlimmes. Wenn es ihr gelänge, in einer Vertrauensabstimmung zur Chefministerin gewählt zu werden, würde dies ihre Macht zementieren, selbst wenn das Gericht sie dann doch verurteilte.

Doch Sasikala hatte ihre Rechnung ohne den Gouverneur gemacht, der die Zentralregierung in Delhi vertritt. Er muss die Vertrauensabstimmung durchwinken. Und er zögerte – und zögerte so lange, bis das Gerichtsurteil aus Delhi eintraf: Vier Jahre Haft für Sasikala. Statt zum Parlament machte sich ihr Konvoi nach Bangalore auf. Unterwegs hielt sie bei der Begräbnisstätte von Amma an, um ihren Segen einzuholen. Draussen skandierten derweil ihre Anhänger „Amma Chinnamma“. Chinnamma bedeutet ‚Mutters jüngere Schwester’, also Thronfolgerin. Oder vielleicht Sippenhaft.

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Kommentare

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Welch köstliches Mutter Sittenbild; wenn schon dann alles und wenn nicht mehr, dann halt Knast für alle :-)

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