Die NZZ nach zwanzig schlimmen Jahren

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Die NZZ nach zwanzig schlimmen Jahren

Von Urs Meier, 13.03.2020

37 Jahre war Friedemann Bartu bei der NZZ. In seinem neuen Buch «Umbruch» erzählt er von Krisen und Kämpfen, von Feu sacré und Ernüchterung.

Wird heute ein Buch über die NZZ vorgelegt, so muss es Anamnese und Diagnose eines Krankheitsbildes liefern. Die je nachdem liebevoll oder spöttisch «Alte Tante» genannte Zeitung – mittlerweile ist sie zum Flaggschiff eines verzweigten Medienunternehmens geworden – wird im allgemeinen Umbruch der Branche heftig gebeutelt. Insofern ist ihre Krise auch das instruktive Fallbeispiel für ein Phänomen, das seit zwei Jahrzehnten die gesamte Medienwelt durcheinanderwirbelt.

Heile Journalistenwelt

Der Autor kam 1978 zur «Zürizitig», hat also lange genug in der heilen NZZ-Welt gelebt, um die ganze Brutalität der nach der Jahrtausendwende aufgekommenen Stürme ermessen zu können. Als Korrespondent und als Redaktor hat Bartu im Auslandressort noch eine vergleichsweise behäbige Medienszene gekannt. Bei der «Alten Tante» von der Falkenstrasse kultivierte man das Selbstverständnis eines exklusiven Clubs. Die Zeitung zehrte von ihrem historischen Nimbus und einem geradezu überirdischen Renommee. Üppige Werbeeinnahmen füllten die Kassen und ermöglichten neben einer heute fast unwirklich luxuriös erscheinenden Personalausstattung auch die Bildung eines fetten Reservepolsters. 

Bartu schildert diese heile Welt im Rückblick mit einiger Verwunderung. Die Ressorts waren Grafschaften, deren Fürsten sich nichts sagen liessen, und so mancher Sonderling konnte sich ungestört eine bequeme Nische einrichten. Doch die NZZ wäre nicht das bedeutende Blatt gewesen, hätten nicht zahlreiche von ihrem Beruf angefressene Journalisten die grossen Freiheiten dazu genutzt, ihr Bestes zu geben. Die männliche Form ist übrigens fast durchwegs korrekt: Die NZZ war, wie andere Medien auch, weitgehend eine Männerbastion. 

Bruchstelle im Schicksalsjahr 2001

Der Verfasser malt das Bild jener untergegangenen Welt der Selbstverständlichkeiten differenziert, facettenreich und um Fairness bemüht. Und er erzählt farbig und unterhaltend, doch ohne mit lauter gefälligen Histörchen Beifall zu erheischen.

Dazu ist das Thema zu ernst und gewichtig. Bartu ortet die Bruchstelle, die das Ende der heilen Welt herbeiführte, im Schicksalsjahr 2001, genauer: beim Grounding der Swissair. Der davon ausgelöste wirtschaftliche Schock riss wegen des jähen Werberückgangs auch die NZZ in den Strudel. 

Doch die finanziellen Verluste waren das kleinere Problem. Folgenreicher war der Umstand, dass der Kollaps der nationalen Airline jene freisinnige Elite in Politik und Wirtschaft entzauberte, mit der die NZZ aufs engste verbunden war – augenfällig in der Person Eric Honeggers, der als VR-Präsident der SAir Group und gleichzeitig als Präsident des NZZ-Verwaltungsrats amtete. Die tiefen Erschütterungen des Groundings führten sowohl zu einem Niedergang des Zürcher Freisinns wie zu einer nachhaltigen Entfremdung der NZZ von der FDP. Somit war auch bei der politischen Orientierung der Zeitung die Zeit der Selbstverständlichkeiten vorüber.

Bleierne Jahre

Neben diesem speziell die NZZ betreffenden Bruch hatte das Medienhaus nach der Jahrtausendwende zusätzlich eine Disruption zu verkraften, welche die ganze Branche traf: den Vormarsch von Digitalisierung und Internet. Das Letztere hatte allerdings eine wenig rühmliche Vorgeschichte in den 90er-Jahren. Bartu nennt sie im Blick auf eine Reihe verpasster Chancen und fataler Fehlentscheidungen «bleierne Jahre». 

Die mit zeitweise über 100 Mio. Franken gefüllte Kriegskasse wurde wegen der zögerlichen Haltung von Chefredaktor Bütler und des wenig unternehmerischen Geistes im Verwaltungsrat nicht für eine weitsichtige Unternehmenspolitik eingesetzt. Im Hause NZZ wurde viel diskutiert und wenig entschieden. Schliesslich steckte man viel Geld in die Übernahme von Regionalzeitungen in St. Gallen, Bern und Luzern. Diese Blätter mussten zum Teil dauerhaft von Zürich aus am Leben gehalten werden. Zudem wurde 2002, also eigentlich sehr spät, die Tochter «NZZ am Sonntag» lanciert, die – unter anderem wegen teurer und lähmender Doppelspurigkeiten – in der Anfangsphase für die Mutter eine weitere finanzielle Last bedeutete. Allerdings entwickelte sich die Tochter mit der Zeit zur florierenden und ertragsstarken Perle.

Schlimm aber war, dass um die Jahrtausendwende die Abwanderung der Rubrikeninserate ins Internet verschlafen und die angebotene Kooperation mit «ZEIT Reisen» – heute ein hoch profitabler Zweig des Hamburger Medienhauses – schnöde ausgeschlagen wurden. Bartu zu diesem unrühmlichen Kapitel: «Man machte an der Falkenstrasse immer nur kleine Schritte. Damit liess sich das Risiko begrenzen und gravierende oder gar fatale Fehler konnten so vermieden werden. Gleichzeitig verpasste man aber den Aufbruch.»

Verstolperter Einstieg in die digitale Welt

Mit dem Einstieg in die digitale Welt tat sich die NZZ schwer. Die Probleme waren schätzungsweise die gleichen wie fast überall in der Pressewelt. Es galt ein völlig neues Medium zu erkunden und publizistisch sinnvoll bespielen zu lernen. Technisch, gestalterisch und journalistisch bewegte man sich auf Neuland. Die Integration der Online-Sparte in die Print-Kultur harzte; von beiden Seiten gab es Unverständnis und Animositäten. Mit dem neuen Online-Journalismus hielt auch ein neuartiges Medienmanagement Einzug, das mit seinen sich ablösenden Rezepten – mal sollte «crossmedial», dann «konvergent» gearbeitet werden – vor allem für immer neue Umstrukturierungen und permanente Unruhe sorgte. 

Trotz eines zu Beginn couragierten Einstiegs in die Online-Welt geriet die NZZ nach mehreren von ziellosen Ambitionen geprägten Jahren digital ins Hintertreffen. Und auch wenn es dem Medienhaus mit der Zeit gelang, den Anschluss an die Entwicklung wieder zu finden, bleibt doch die Tatsache, dass die kommerziellen Erwartungen bis heute nicht erfüllt werden. Die «Gratis-Kultur» des Internets steht dem entgegen.

Was hingegen hervorragend funktioniert, das ist die Verlagerung der Werbung von Print ins Internet – bloss leider nicht zu den Medienverlagen, sondern zu den grossen Plattformen aus dem Silicon Valley. Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre, gingen der Zeitung mit dem Siegeszug von Online auch viele Abonnenten verloren. Zwischen 2009 und 2019 fiel deren Zahl von 144’000 auf 104’000 zurück; andere Zeitungen traf es noch heftiger. Die Folgen bei der NZZ und anderswo sind wiederholte Sparprogramme, die sehr stark auch die Redaktionen getroffen haben.

Instruktives Bild aus journalistischer Distanz

Friedemann Bartu zeichnet neben diesen Branchenproblemen auch die personellen Kämpfe in der NZZ nach und analysiert Verdienste und Versäumnisse des Führungspersonals und des Verwaltungsrats. Er tut es mit intimer Kenntnis und antrainierter journalistischer Distanz, ohne Schonung, aber auch ohne Häme und Besserwisserei.

Das Buch ist nicht nur eine instruktive Geschichte der letzten zwanzig Jahre der wichtigsten Zeitung der Schweiz. Es evoziert auch das Berufsbild des Journalisten, wie es sich vor dem gegenwärtigen grossen Umbruch darstellte. Damit gelingt es Bartu auch, nicht nur die enormen wirtschaftlichen und technischen Umwälzungen, sondern auch die Schocks und Zumutungen zu zeigen, mit welchen die einzelnen Betroffenen fertig zu werden hatten und immer noch haben.

Bartu ist bei seinem Ausblick vorsichtig. Das Buch endet nicht mit wohlfeil versöhnlichen Tönen, sondern nüchtern abwägend. Soviel immerhin wagt der Autor als Zukunftsperspektive festzuhalten: «Die NZZ hat beste Chancen, das unangefochtene publizistische Leitmedium, der liberale Leuchtturm der Schweiz zu sein und zu bleiben.»

Friedemann Bartu: Umbruch. Die Neue Zürcher Zeitung. Ein kritisches Porträt, Orell Füssli Verlag 2020, 285 S.

Kommentare

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Danke für den Hinweis. Ein Schwanengesang. Ich kenne keinen Schweizer unter 40 Jahren, der die NZZ liest. Nur Greise wie ich, die einst drei NZZ Blätter täglich in den Briefkasten (hinter der Haustür,nicht ausserhalb des Hauses) erhielten, bleiben diesem Relikt treu. Allein, die NZZ gibt es noch, nicht aber die parteipolitischen Blätter der Katholiken, Sozialisten und LDUnabhängigen. Warum studieren noch immer so viele Schweizer traditionelle Medienwissenschaft? Vielleicht weil der Staatsrundfunk (SRF) sichere Stellen in Aussicht stellt?

In China oder Nordkorea etwa gibt es Staatsrundfunk, nicht aber in der Schweiz.....

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