Die Mühen der Bischöfe mit der Demokratie

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Die Mühen der Bischöfe mit der Demokratie

Von Klara Obermüller, 28.08.2013

Ein Vademecum will das Verhältnis von katholischer Kirche und staatskirchenrechtlichen Körperschaften neu regeln und beschwört mit seinen Forderungen den massiven Protest von Seelsorgern und kirchlicher Basis herauf.

Dass der römischen Zentrale die für die Schweiz typischen Parallelstrukturen der demokratisch verankerten kantonalen Körperschaften ein Dorn im Auge sind, weiss man spätestens seit dem Streit um den unter fragwürdigen Bedingungen ins Amt gehievten Churer Bischof Wolfgang Haas.

Katze aus dem Sack

Damals war der Protest von Seiten der Kirchgemeinden und der römisch-katholischen Zentralkommission so weit gegangen, dass dem Bischof der Geldhahn zugedreht und das für die Diözese bestimmte Geld auf einem Sperrkonto eingefroren wurde. Der Schock über dieses Vorgehen, das schliesslich zur Versetzung des missliebigen Bischofs geführt hatte, sitzt in Chur noch immer tief und darf auch den übrigen Diözesen als eindrückliche Warnung gelten.

Schon lange mehrten sich deshalb die Anzeichen, dass die Bischöfe, allen voran derjenige von Chur, versuchen würden, diesem Dualismus ein Ende zu setzen. Nun hat die Schweizerische Bischofskonferenz dieser Tage die Katze aus dem Sack gelassen und – einstimmig, wie es heisst – ein Papier verabschiedet, welches das Verhältnis zwischen den kanonisch-hierarchischen und den staatlich-demokratischen Strukturen auf eine neue Basis stellen soll. Es nennt sich „Vademecum für die Zusammenarbeit von katholischer Kirche und staatkirchenrechtlichen Körperschaften in der Schweiz“ und hält vor allem zwei Dinge fest:

  1. Dass die staatskirchenrechtlichen Kantonalorganisationen und Kirchgemeinden sich nicht mehr als Kirche bezeichnen dürfen und nur dann überhaupt legitim sind, wenn sie sich helfend und unterstützend den Diözesen unterordnen.
  2. Dass die Volkswahl des Pfarrers auf Zeit im Gegensatz zur unbefristeten kanonischen Ernennung durch den Bischof steht und demzufolge einen unzulässigen Eingriff in die Religionsfreiheit darstellt.

Liest man das der Römisch-katholischen Zentralkommission ohne vorherige Konsultation zugestellte Papier genau, merkt man schnell, worum es den Bischöfen bei ihren Ausführungen zu Terminologie und Funktion der Körperschaften auf der einen, der Pfarrwahl auf der andern Seite wirklich geht: nämlich um Machterhalt und um Geld.

Mitsprache der Basis

Dass in der Schweiz, anders zum Beispiel als in Deutschland, die Kirchgemeinden und kantonalen Körperschaften und nicht die Diözesen über die Finanzmittel verfügen – das ist es, was die Schweizer Bischöfe ebenso ärgert wie die Tatsache, dass die Basis bei der Wahl von Pfarrern und Gemeindeleitern ein kräftiges Wort mitzureden hat. Wie hier Abhilfe geschaffen werden soll, ist ebenfalls klar:

  1. Es soll die Zusammenarbeit zwischen katholischer Kirche und Körperschaften so geregelt werden, dass „der Bischofskonferenz eine verlässliche finanzielle Basis für die Erfüllung ihrer Aufgaben auf gesamtschweizerischer Ebene gewährleistet“ ist.
  2. Es sollen, um dem Bischof freie Hand bei der Verleihung von Pfarreien zu geben, „alle Vorschlags-, Ernennungs- und Vorbehaltsrechte abgeschafft werden“.

Beide Forderungen gehen weit über Fragen der Terminologie oder des Wahlprozedere hinaus und stellen einen massiven Eingriff in das demokratische Selbstverständnis einer schweizerischen Landeskirche dar. Dass die römische Zentrale hier ihre Hand im Spiel hat und Bischof Vitus Huonder und sein Generalvikar Martin Grichting als treibende Kraft hinter dem Papier stehen, daran besteht kein Zweifel.

Streben nach unbegrenzter Machtbefugnis

Seit langem schon warten diese Kreise darauf, das demokratische System der katholischen Kirche Schweiz aus den Angeln zu heben. Die bevorstehenden Abstimmungen über die Befreiung juristischer Personen von der Kirchensteuer in den Kantonen Zürich und Graubünden bieten ihnen gewissermassen die Steilvorlage dazu.

Wenn es ihnen gelingt, das gut austarierte Verhältnis von Kirche und Staat in der Schweiz auszuhebeln und die Flüsse der Kirchensteuern auf ihre Mühlen zu lenken, dann haben sie endlich erreicht, wovon sie angesichts renitenter Kirchgemeinden, aufmüpfiger Seelsorger und mündig gewordener Gläubigen seit langem träumen: Unabhängigkeit von staatlicher Kontrolle, unbeschränkte Machtbefugnis im eigenen Haus und die nötigen Mittel, ihrer Autorität Nachachtung zu verschaffen.

Wer die Abschaffung der Steuerpflicht befürwortet und die Trennung von Kirche und Staat vorantreibt, sollte sich deshalb gut überlegen, wem er mit seinen Postulaten in die Hände arbeiten will.     

Kommentare

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Der Heilige Thomas von Aquin lehrte, dass die Liebe darin bestehe, dass man den anderen in seinem Ansichsein respektiere. Unsere Bischöfe respektieren die Gläubigen nicht, indem sie immer noch in absolutistischer Manier den Gläubigen kirchliche Vorgesetzte aufzwingen, die die Gläubigen nicht wollen und die die Voraussetzungen an eine Vorgesetzten-Funktion nicht erfüllten. Für unsere Bischöfe sind die Gläubigen keine Träger von Würde, die es zu respektieren gilt, sond diesen wird mit klerikaler Autorität befohlen. Ich bezweifle, ob die Bischofkonferenz ihren Führungsauftrag wahrnimmt, indem sie die Klärung dieser Fragen an eine Arbeitsgruppe delegiert, die kirchlich rechtsaussen Positionen vertritt und wenn sie anschliessend deren Elaborat kommentarlos annimmt und verbreitet. Wir wollen als Gläubige als Träger von Würde respektiert werden. Wenn die Bischöfen die Gläubigen nicht lieben, benötigen wir andere Bischöfe.

Ich zitiere den Abt von Markstein, Peter von Sury (2012, gem. KIPA):
"Der Bischof hat eine zentrale Stellung. Er ist Pontifex, das heisst Brückenbauer; er muss eine integrierende Persönlichkeit sein. Wir erfahren leider immer wieder das Gegenteil, wie jetzt im Bistum Chur. Dort ist der Bischof offensichtlich nicht ein Brückenbauer, sondern ein Spaltpilz. Es ist in jeder Hinsicht verheerend, wenn ein Bischof spaltend wirkt. Aus meiner Sicht ist er in einem solchen Fall moralisch verpflichtet, sein Amt niederzulegen. Das Gleiche gilt auch für einen Abt oder einen Pfarrer. Wenn ein Pfarrer seine Gemeinde spaltet, zerstört er einen Teil der Kirche. Es geht dabei nicht um die Schuld. Es gibt einfach Situationen, wo jemand spaltend wirkt, vielleicht sogar ohne es zu wollen."
Ich schliesse mich dieser Meinung voll an. Wenn eine grosse Anzahl katholischer Gläubiger beharrlich und vehement den Rücktritt von Bischof Huonder fordert, wird es der Obrigkeit schwer, diesem Ruf nicht zu folgen.

Korrigenda: Es sollte "Mariastein" heissen, nicht Markstein.

Gratuliere, Klara Obermüller, für Ihre klaren Worte. Ich vermisse eigentlich nur den öffentlichen Aufschrei der breiten Basis der Gläubigen, den vehementen Protest und die ultimative Forderung, dass der Churer Bischof - da Spaltpilz - abgesetzt werden muss.
Die Synode sollte - als Zeichen, dass es so nicht geht, dem Churer Bischof den Geldhahn zudrehen.

Das Vademecum trägt eindeutig die Handschrift von Generalvikar Martin Grichtig, der Mitglied der Fachkommission war. Schade, die Bischöfe von Basel, St. Gallen und Freiburg sollten eigentlich schon lange gemerkt haben welche Ziele der Bischof von Chur und sein Generalvikar Grichting verfolgen. Wo liegen denn die grossen Probleme? Haben die Kantonalkirchen den Bischöfen ihre Befugnisse je beschnitten, oder ihre Rechte bestritten? Röschenz ist möglich, mit oder ohne Pfarrwahlrecht der Kirchgemeinde, wenn die Gläubigen loyal hinter ihrem Seelsorger stehen.

Ein Wunder ist geschehen!
Nach 4 Jahrzehnten Indokrination der Gläubigen sind die Offiziellen unserer Kirche endlich aufgewacht. Herzlichen Dank

Der vorletzte Paragraf leicht umformuliert und an die "Landeskirche" adressiert:
"Wenn es ihnen gelingt, das bestehende Verhältnis von Kirche und Staat in der Schweiz auf unbestimmte Zeit fortzuschreiben und die (Über-)Flüsse der Kirchensteuern wieterhin auf ihre Mühlen zu lenken, dann haben sie erreicht, wovon sie angesichts glaubenstreuer Bischöfe, eifriger Seelsorger und romtreuer Gläubigen seit langem träumen: Unabhängigkeit vom kirchlichen Lehramt, unbeschränkte Machtbefugnis im eigenen Haus und die nötigen Mittel, ihren Ideen Nachachtung zu verschaffen."

Ich dachte immer, der Bischof von Chur sei der Reaktionäre. Nun muss ich feststellen, dass ihn offenbar alle (ALLE!) anderen Schweizer Bischöfe stützen. Warum fragen die Journalistinnen und Journalisten bei diesen nicht nach, wieso sie das Papier (und Huonder) stützen? Sie müssen doch wissen, dass sie einen Grossteil von Klerus und Volk brüskieren! Was ist denn in Bischof Gmür und Bischof Büchel gefahren?

In der Schweiz findet das religiöse Leben immer weniger innerhalb der landeskirchlichen Monopole statt. Jedes Jahr verlassen 1-2% der Mitglieder die Landskirchen - d.h. seit 1990 dürfte sich die Mitgliederzahl halbiert haben. Laut SNF Studie nehmen ca. 5% der Kirchenmitglieder am Leben ihrer Kirchgemeinden teil. Und diese sind mehrheitlich im Pensionsalter. All diese Realitäten überholen das System der Landeskirchen... Und obendrein: Schon die Begrifflichkeit im Artikel "typische Doppelstruktur" macht es augenfällig: wozu braucht es die Strukturen gleich doppelt? Niemand würde heute diese Landeskirche gründen. Dazu benachteiligt das Steuerprivileg viele andere Religionen, Weltanschauungen und Hilfsorganisationen.

Die Protestantin Klara Obermüller verstösst mit ihrem Beitrag erneut massiv gegen die Religionsfreiheit in der Schweiz. Sie beschimpft die katholischen Bischöfe der Schweiz, dass es diesen nur um Machterhalt und Geld geht. Frau Obermüller stösst sich offenbar daran, dass die Bischöfe mit dem Grundsatzpapier die theologischen Verfehlungen der "katholischen" staatlichen Körperschaften korrigieren möchten, und dass sie die katholischen Gläubigen vor den irreführenden Namen dieser Körperschaften schützen möchte. Diese Körperschaften sind nämlich keine Kirche, sie können z.B. keine Sakramente spenden. Mit diesem Grundsatzpapier tun die Bischöfe deshalb genau das, was jeder katholische Gläubige erwartet. Frau Obermüller erhofft offenbar, dass sich die katholische Kirche wie die protestantische / evangelische Kirche zersplittern soll in hunderte von lokalen Einzelkirchen, mit hunderten von Glaubensvorstellungen und langsamem Zerfall des christilichen Glaubens (CH: Pfarrerin welche nicht mehr an Gott glaubt, D: Definition der Familie welche nichts mehr mit der Bibel zu tun hat). Frau Obermüllers Angriffe gegen die römisch-katholische Kirche der Schweiz wirken abstossend.
Marquard Imfeld, Binningen

Lieber braver, katholischer (Kirchen)- Soldat
Es ist rührend zu sehen, wie Sie sich berufen fühlen, sich als Fels vor die kritisierten Bischöfe hinzustellen und die Autorin anzuklagen, die Religionsfreiheit zu verletzen.
Mich würde interessieren, wie Sie diese angebliche Verletzung begründen. Könnte es sein, dass Sie selbst genau das tun, was sie anderen vorwerfen ?
Wir leben hier in der Schweiz und haben das Recht auf freie Rede, oder etwa nicht ?

Der Machthunger der Kirche ist die zweite Ermordung Jesus.

seid nicht so blöd wie die Deutschen und lasst euch nicht auch noch von den Kirchen abzocken!

Belogen werden reicht doch schon.

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