Die Minen von Sirte

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Die Minen von Sirte

Von Arnold Hottinger, 10.09.2016

Truppen der libyschen Einheitsregierung führen mit Unterstützung der US-Luftwaffe die Endoffensive gegen die IS-Hauptstadt in ihrem Land.

Die Kämpfer der libyschen Einheitsregierung, die seit gut drei Monaten im Kampf gegen den IS in der Stadt Sirte stehen, haben nach eigenen Angaben eine neue und letzte Offensive begonnen. Es gehe darum, das letzte Stadtviertel von Sirte, das der IS noch hält, zu säubern. Das Hauptquartier der Terroristen in Sirte ist bereits vor zwei Wochen gefallen, und Fayez al-Sarraj, der Chef der Einheitsregierung hat es mit einigen seiner Minister besucht.

Eine Stadt voller tödlicher Fallen

Das langsame Vorankommen der Offensive hat damit zu tun, dass die Terroristen die Stadt in dem Jahr, in dem sie dort die Macht ausübten, mit Sprengfallen gespickt haben. Es gibt viele Tausende davon. Sie müssen entschärft werden, bevor die geflohene Bevölkerung zurückkehren kann. Nach Schätzungen gehen zwischen 70 und 80 Prozent der Verluste, welche die angreifenden Truppen erlitten haben, auf solche Minen zurück. Die Verluste sind hoch: 520 der Kämpfer der Einheitsregierung sollen getötet worden sein, und die Zahl der Verwundeten beträgt über zweitausend.

Die Tretminen und Sprengfallen wurden mit einer teuflischen Erfindungsgabe installiert. Es gibt zum Beispiel im Sand versteckte sandfarbene Metallstreifen oder medizinische Spritzen, die über Draht mit grösseren Sprengkörpern verbunden sind. Wenn man darauf tritt, lösen sie Minen in der Nähe aus, die in einem Umkreis von fünfzig Metern Metallteile auswerfen.

Ähliche Sprengfallen sind an Fenstern und Türen verlassener Privatwohnungen angebracht. Bei anderen dienen Mobiltelephone zur Auslösung aus der Entfernung. Es gibt Lichterketten, die explodieren, wenn man sie unter Strom setzt oder auch nur von der Erde aufhebt. Die Kämpfer berichten von einigen Toyota-Pickups, welche die geflohenen IS-Leute zurückgelassen hätten. Natürlich wollten die Angreifer sie in Besitz nehmen. Sie kontrollierten sie, und sie schienen funktionsfähig und ungefährlich. Doch wenn man den Rückwärtsgang einschaltet, explodieren sie mit ihren Insassen.

Gefährlicher Job: Minenentschärfer

Die libyschen Militärs verfügen nur über wenige ausgebildete Minenentschärfer. Nach 2011 waren Fachleute der Internationalen Entschärfungsorganisation nach Libyen gekommen. Doch sie verliessen das Land 2014, als dort die Unruhen und inneren Kämpfe ausbrachen.

Einer der wenigen ausgebildeten Militäringenieure, die in Sirte arbeiten, berichtete der auf den Mittleren Osten spezialisierten Website, „Middle East Eye“, von seinem Team seien fünf Mitglieder gefallen, davon drei sehr erfahrene Mineningenieure. Nur zwei Ingenieure, die eine eigentliche Minenausbildung besässen, seien noch am Leben. Bisher hätten sie bereits vier grössere kontrollierte Explosionen in der Sandwüste ausserhalb von Sirte durchgeführt, wobei jedesmal gegen fünftausend entdeckte Explosivfallen zusammengetragen und zerstört worden seien. Die letzten zweihundert dieser Fallen, die sie auf diesem Weg entschärft hätten, seien in bloss fünf zivilen Wohnungen aufgefunden worden. Die kontrollierten Explosionen seien jeweils in der ganzen Stadt als Erschütterungen zu spüren.

Der Minenfachmann schätzte, es könne ein Jahr dauern, bis die Stadt soweit sicher sei, dass ihre Bewohner zurückkehren könnten. Er berichtete auch, einer der Kämpfer habe die Kopfkapseln von tausend brasilianischen Tretminen aufgefunden. Wenn man diese Minen legt, nimmt man die Kapseln ab, um sie zu entsichern. Es müssten sich daher mindestens tausend Minen im Sand der Küste vor Sirte eingegraben befinden.

Bevorstehendes Ende des IS in Sirte

Der letzte Stadtteil, in dem sich IS-Kämpfer befinden, soll nur ein Rechteck von einem auf anderthalb Kilometer ausmachen. Die amerikanische Luftwaffe hat seit dem 1. August in Sirte 108 Luftangriffe durchgeführt. Die Kämpfer sagen, sie seien dankbar dafür. Die amerikanischen Flugzeuge hälfen dabei, Heckenschützen unschädlich zu machen, Suizid-Bombenlastwagen vor Erreichen ihrer Ziele zu treffen und die Mobilität der IS-Leute zu behindern.

Nach den gängigen Schätzungen sollen sich in Sirte anfänglich zwischen zwei- und fünftausend IS-Kämpfer befunden haben. Einige ihrer Einheiten hätten die Stadt verlassen. Viele seien gefallen. Gegenwärtig, so ein amerikanischer Sprecher, gebe es wohl nur noch gegen zweihundert in Häusern verschanzte IS-Kämpfer. Die Amerikaner und andere Nato-Länder haben inoffizielle Sondertruppen in Libyen. Sie helfen bei der Ausbildung der Libyer mit, sie dienen auch als Berater und markieren Ziele für ihre Luftwaffe.

Wenn Sirte endgültig fällt, bedeutet dies einen schweren Prestigeverlust für den IS. Im vergangenen Jahr gab es Spekulationen darüber, dass die Stadt der Führung des „Kalifates“ als Ausweichsposition dienen könne, wenn Raqqa und Mosul fallen sollten. Es gab auch phantasievolle Propaganda darüber, dass die Hafenstadt künftig als Ausgangsbasis für Raids über das Mittelmeer auf Europa dienen könnte. In diesem Zusammenhag war oftmals von Rom als Angriffsziel die Rede gewesen.

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