Die Macht der Bilder

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Die Macht der Bilder

Von Heiner Hug, 25.01.2018

Vor 50 Jahren beginnt die „Tet-Offensive“, eine der blutigsten Episoden des Vietnamkrieges. Ein deutscher Fotograf dokumentiert sie und löst einen radikalen Umschwung der öffentlichen Meinung aus.

Am 30. Januar 1968 greifen 80’000 nordvietnamesische Kämpfer über 100 amerikanische und südvietnamesische Stellungen an.

500’000 amerikanische Soldaten sind in Südvietnam stationiert. Sie und die südvietnamesische Armee sind von der Offensive völlig überrascht.

Der Grossangriff geht als „Tet-Offensive“ in die Geschichte ein. Sie dauert bis zum 23. September 1968. Der Name „Tet“ bezieht sich auf das vietnamesische Neujahrsfest „Tết Nguyên Đán“, das am 31. Januar stattfindet.

Der deutsche Fotograf Horst Faas ist seit Anfang an dabei. Die amerikanische Nachrichten- und Fotoagentur „Associated Press“ (AP) hatte den 29-Jährigen schon 1962 in den damals intensiver werdenden Vietnamkrieg geschickt.

Saigon 1965: Vor der amerikanischen Botschaft explodierten mehrere Bomben. (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)
Saigon 1965: Vor der amerikanischen Botschaft explodierten mehrere Bomben. (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)

19. März 1964: Ein Vater zeigt amerikanischen Soldaten vorwurfsvoll seinen Sohn, der bei einem US-Angriff ums Leben kam. (Foto: AP/Horst Faas)
19. März 1964: Ein Vater zeigt amerikanischen Soldaten vorwurfsvoll seinen Sohn, der bei einem US-Angriff ums Leben kam. (Foto: AP/Horst Faas)

4. November 1964: Amerikanische Helikopter setzen auf einem Friedhof bei Mo Cay südvietnamesische Soldaten als Verstärkung ab. Bei schweren Kämpfen gegen eine starke Einheit des Vietcong hatten die Südvietnamesen bei Mo Cay erhebliche Verluste erlitten. (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)
4. November 1964: Amerikanische Helikopter setzen auf einem Friedhof bei Mo Cay südvietnamesische Soldaten als Verstärkung ab. Bei schweren Kämpfen gegen eine starke Einheit des Vietcong hatten die Südvietnamesen bei Mo Cay erhebliche Verluste erlitten. (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)

1965: Amerikanische Helikopter sekundieren nordwestlich von Saigon, nahe der Grenze zu Kambodscha einen Vorstoss südvietnamesischer Soldaten. (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)
1965: Amerikanische Helikopter sekundieren nordwestlich von Saigon, nahe der Grenze zu Kambodscha einen Vorstoss südvietnamesischer Soldaten. (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)

27. November 1965: Gefallene amerikanische und südvietnamesische Soldaten auf einer Michelin-Gummiplantage 55 Kilometer nordöstlich von Saigon. (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)
27. November 1965: Gefallene amerikanische und südvietnamesische Soldaten auf einer Michelin-Gummiplantage 55 Kilometer nordöstlich von Saigon. (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)

Für seine „mutige und engagierte Berichterstattung“ wird Horst Faas schon 1965 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Doch seine teils schrecklichen Bilder werden von der amerikanischen Öffentlichkeit zunächst nur am Rande wahrgenommen. Es herrscht Kalter Krieg. Die Mehrheit der Amerikaner billigt das amerikanische Vorgehen gegen „die aggressiven nordvietnamesischen Kommunisten“, die das nicht-kommunistische Südvietnam erobern wollen.

Südvietnamesische Frauen suchen in einem verschlammten Kanal 25 Kilometer westlich von Saigon Schutz vor einem Angriff des Vietcong. (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)
Südvietnamesische Frauen suchen in einem verschlammten Kanal 25 Kilometer westlich von Saigon Schutz vor einem Angriff des Vietcong. (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)

Die Tet-Offensive vor 50 Jahren bringt dann die Wende. Zwar ist der Grossangriff für die Nordvietnamesen ein militärisches Fiasko. Der Vietcong wird in die Knie gezwungen und kampfunfähig. Er verliert bis zu 100’000 Kämpfer; das ist etwa die Hälfte des Gesamtbestandes.

Propagandistisch jedoch ist die Tet-Offensive für die Nordvietnamesen ein Grosserfolg. Viele Jahre vor Francis Ford Coppolas Film „Apocalypse Now“ tragen die Bilder von Horst Faas wesentlich dazu bei, dass die öffentliche Meinung Ende der Sechszigerjahre kippt.

Die Zuschauerinnen und Zuschauer in den USA erfahren plötzlich, dass sich die Amerikaner schlimmster Kriegsverbrechen schuldig machen. Und der Westen muss auch zur Kenntnis nehmen, dass die Nordvietnamesen keineswegs demoralisiert sind, wie es die amerikanische Propaganda weismachen will. Es gelingt den nordvietnamesischen Kämpfern immer wieder – trotz amerikanischer Grosspräsenz – auch im Süden zuzuschlagen. Die Verluste der Amerikaner steigen und steigen.

1968: Amerikanische Marinesoldaten während der Tet-Offensive (Foto: AP/Horst Faas)
1968: Amerikanische Marinesoldaten während der Tet-Offensive (Foto: AP/Horst Faas)

April 1969: Eine Frau findet die Leiche ihres Mannes, der mit 47 andern in einem Massengrab nahe von Hué verscharrt worden war. Dies ist wohl das berühmteste Foto von Horst Faas. (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)
April 1969: Eine Frau findet die Leiche ihres Mannes, der mit 47 andern in einem Massengrab nahe von Hué verscharrt worden war. Dies ist wohl das berühmteste Foto von Horst Faas. (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)

Die Tet-Offensive ist ein Meilenstein im Vietnamkrieg. Sie löst die ersten grossen Anti-Kriegsdemonstrationen aus. Die Amerikaner beginnen einzusehen, dass sie den Krieg nicht gewinnen können. Es dauert noch sieben Jahre bis er beendet wir.

Die Fotos von Horst Faas (Bild) werden in den Sechzigerjahren zu Ikonen der Anti-Kriegsbewegung. Für die nordvietnamesische Propaganda sind sie ein Geschenk. Faas lebt in Saigon mit seiner Frau Ursula. Beide teilen sich ein Jahr lang ein Haus mit David Halberstam, dem legendären Kriegsreporter der „New York Times“. Halberstam sagt, Faas sei „der Journalist in der Geschichte, der die meisten Kampfhandlungen begleitet hat“. Der deutsche Fotografie-Professor Michael Ebert sagte einst dem „Spiegel“: „Seine Bilder sind keine heroischen Schlachtgemälde. Sie zeigen die Welt ungeschminkt und den Krieg so brutal und abscheulich, wie er ist.“ Später erhält Faas einen zweiten Pulitzerpreis für ein Bild von einem Massaker in Bangladesh.

Doch Faas wird nicht nur mit zwei eigenen Pulitzerpreisen geehrt: Er hat auch wesentlichen Anteil an zwei weiteren.

So besteht er als AP-Bürochef in Vietnam darauf, dass – gegen hartnäckigen Widerstand aus Washington – ein Foto des Amerikaners Eddie Adams veröffentlicht wird. Es zeigt, wie ein vietnamesischer Polizeichef auf offener Strasse einen angeblichen Vietcong hinrichtet. Das Bild löst nicht nur in den USA einen Sturm der Entrüstung aus. Adams wird später einem Pulitzerpreis ausgezeichnet.

(Foto: Keystone/AP/Eddie Adams)
(Foto: Keystone/AP/Eddie Adams)

Faas sorgt als verantwortlicher AP-Chef in Saigon auch dafür, dass ein Bild veröffentlicht wird, dass zu einem der berühmtesten Kriegsfotos werden sollte. Es zeigt die Flucht der neunjährigen Kim Phuc Phan vor einem Napalmangriff am 8. Juni 1972. Aufgenommen wird die Szene im südvietnamesischen Dorf Trảng Bàng vom vietnamesisch-amerikanischen Fotografen Nick Nick Út. Die Verantwortlichen von AP in den USA wollten das Bild wegen des nackten Mädchens nicht veröffentlichen. Faas setzt sich über die Direktiven hinweg und lässt das Bild publizieren. Nick Út erhält dafür 1973 den Pulitzerpreis.

(Foto: Keystone/AP/Nick Nick Út)
(Foto: Keystone/AP/Nick Nick Út)

Diese Bilder, die plötzlich um die Welt gehen, erschüttern die Weltöffentlichkeit. Die Fotos von Horst Faas zeigen auch immer wieder, dass die USA mit Napalm und dem Entlaubungsmittel Agent Orange Krieg führen. Folge ist ein radikaler Umschwung der öffentlichen Meinung. Horst Faas hat wesentlich dazu beigetragen, dass der für die USA längst verlorene Krieg nicht noch weiter in die Länge gezogen wurde.

Amerikanische Kriegsgefangene in einem Lager in Hanoi (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)
Amerikanische Kriegsgefangene in einem Lager in Hanoi (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)

8. Mai 1972: Kinder fahren mit ihren Eltern auf dem Nachhauseweg im Dorf An Ninh in der Provinz Nghia an 15 getöteten Vietcong-Kämpfern vorbei. (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)
8. Mai 1972: Kinder fahren mit ihren Eltern auf dem Nachhauseweg im Dorf An Ninh in der Provinz Nghia an 15 getöteten Vietcong-Kämpfern vorbei. (Foto: Keystone/AP/Horst Faas)

Bei einem Korrespondententreffen in Hanoi zieht sich Faas 2005 eine Infektion zu. Seine Beine sind ab jetzt gelähmt. Er stirbt am 10. Mai 2012 mit 79 Jahren.

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Nordvietnam befand sich in der kommunistischen Einflusszone, Südvietnam in der westlichen. Ziel der Amerikaner im Kalten Krieg war es, Südvietnam vor dem Kommunismus zu bewahren. Das gelang nicht. Heute ist ganz Vietnam vereint und ein kapitalistischer Tigerstaat – von den USA gelobt und hofiert.

Insgesamt starben im Vietnamkrieg – je nach Schätzung – zwischen vier und fünf Millionen Menschen, davon 58’000 amerikanische Soldaten. Auf einem Transparent bei einer Anti-Kriegsdemonstration in Washington hiess es: „My son was killed in Vietnam. What for?“

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Eindrücklich und bedrückend - die unvergessenen Bilder in Schwarz Weiss aus dem Vietnam Krieg! Dass Krieg doch immer wieder möglich ist, erschüttert.

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