Die Kunst des fotografischen Porträts

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Die Kunst des fotografischen Porträts

Von Stephan Wehowsky, 06.11.2014

Barbara Klemm und Stefan Moses in einer gemeinsamen Ausstellung in Duisburg

Es gibt im Werk von Barbara Klemm einige Ikonen, Bilder, die wieder und wieder gezeigt werden. Eines davon stammt aus früher Zeit, von 1968. Ihr Vater, der Maler Fritz Klemm, steht am Fenster, blickt auf die Strasse und kehrt der Fotografin den Rücken zu.

Im Grunde ist das ein merkwürdiges Bild, denn es ist ein Porträt - ohne den Regeln der Porträtfotografie zu folgen. Und doch enthält es so vieles von der Beziehung der Tochter zu ihrem Vater und von der Persönlichkeit dieses Mannes.

Andy Warhol, Frankfurt am Main 1981 ©Barbara Klemm
Andy Warhol, Frankfurt am Main 1981 ©Barbara Klemm

Ein anderes Bild, das wieder und wieder gezeigt wird und auch für die Einladungen und Werbematerialien der Ausstellung im Museum Küppersmühle in Duisburg ausgewählt worden ist, zeigt Andy Warhol 1981 vor dem berühmten Goethebild von Tischbein. Der Gesichtsausdruck von Warhol wirkt irgendwie introvertiert oder schon leicht missmutig. Der Schärfepunkt des Bildes liegt auf der Kleidung und den Händen, nicht auf dem Gesicht, das auf diese Weise mit seiner leichten Unschärfe eine Verbindung mit dem Gemälde im Hintergrund eingeht. Dadurch entsteht eine Faszination, die dieses Bild so einzigartig macht.

Der Ritterschlag

Barbara Klemm hat vier Jahrzehnte als Redaktionsfotografin für die Frankfurter Allgemeine Zeitung gearbeitet. Bei der Eröffnung der Ausstellung am 23. Oktober hat Mathias Döpfner, Chef des Springer Konzerns, daran erinnert, wie er selbst als junger Volontär die damals schon berühmte Fotografin kennen und schätzen lernte. Als zum ersten Mal ein Artikel von ihm mit einem Bild von ihr versehen wurde, war das wie ein Ritterschlag.

Louvre, Paris 1987 ©Barbara Klemm
Louvre, Paris 1987 ©Barbara Klemm

Klemms Lebenswerk ist umfangreich und vielfältig. Vor einem Jahr gab es im Martin-Gropius-Bau in Berlin eine grosse Retrospektive, und in diesen Tagen wird eine weitere Ausstellung in Paris eröffnet. Es ist geradezu ein Geniestreich, Klemms Bilder in Duisburg zusammen mit Stefan Moses zu zeigen. Denn die beiden verbindet nicht nur ihre grosse Kunst.

Die Porträts

Der 11 Jahre ältere Stefan Moses, Jahrgang 1928, hat sich einen Namen mit seinen Reportagen für den Stern und die Fotografenagentur Magnum gemacht. Er wurde vielfach ausgezeichnet und ist seit 1994 Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Ganz ähnlich wie bei Barbara Klemm ist sein Werk umfangreich und vielfältig, wobei die Porträtfotografie eine entscheidende Rolle spielt.

Meret Oppenheim, Künstlerin, Bern (Detail) 1982 ©Stefan Moses
Meret Oppenheim, Künstlerin, Bern (Detail) 1982 ©Stefan Moses

In den Porträts hat man nun den direkten Vergleich zwischen diesen beiden Fotografen, die beide mit ihren Arbeiten zu den wichtigsten Chronisten der deutschen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg geworden sind. Stefan Moses hat einen Teil der Nazizeit in Zwangsarbeitslagern verbracht. Sein Bild einer Gruppe von Überlebenden im „Jüdischen Seniorenstift“, 1964, das in Duisburg zu sehen ist, hat wohl auch deswegen eine ganz spezifische Intensität. Überhaupt hat er immer wieder ehemalige Emigranten porträtiert. Auch davon werden im Museum Küppersmühle einige Bilder gezeigt.

 „Schwarzweiss ist mir Farbe genug“

Die auffälligste formale Übereinstimmung der beiden Fotografen liegt darin, dass sie sich ganz auf die Schwarzweissfotografie konzentrieren. Von Barbara Klemm gibt es den schönen Satz: „Schwarzweiss ist mir Farbe genug.“ Und auch bei Stefan Moses kann man sich nicht vorstellen, was durch Farbe gewonnen werden sollte. Er hat die Ausdruckskraft der Schwarzweissfotografie souverän bis zum Äussersten gesteigert.

Miroslaw Balka, Biennale Venedig 2005 ©Barbara Klemm
Miroslaw Balka, Biennale Venedig 2005 ©Barbara Klemm

Der auffälligste formale Unterschied zwischen den beiden liegt in der Ausstellung darin, dass Barbara Klemm hier stets die gleichen Bildformate im Bereich von 30 x 40 cm wählt, während Stefan Moses wechselnde Formate, die zum Teil deutlich darüber hinausgehen, verwendet. Die Bilder von Barbara Klemm hängen in äusserster Strenge nebeneinander, während bei Moses auch die Anordnungen variieren.

Intensiver Dialog

Der Effekt ist stark. Man könnte bei Barbara Klemm vom Understatement sprechen. Ihre Bilder müssen in der Gleichförmigkeit der Präsentation allein aufgrund ihrer Qualität den Weg zum Betrachter finden, während bei Moses die Variationen diesen Prozess erleichtern. Es ist interessant, dass bei der Eröffnungsveranstaltung davon die Rede war, wie sehr Barbara Klemm zunächst gezögert hat, ihre Bilder in den hohen und grossen Räumen der Küppersmühle zu zeigen. Am Ende aber hat sich auch für sie erwiesen, dass ihre Bilder in ihrer strengen Anordnung auch die grossen Räume zu füllen vermögen.

Man kann die Bilder der beiden Fotografen, die sich auch persönlich nahestehen, als einen höchst intensiven Dialog, geradezu als ein Zwiegespräch betrachten. Es gibt einzelne Künstler, die von beiden zum Teil sogar im selben Jahr porträtiert wurden. Da erkennt man ganz deutlich die unterschiedlichen Sichtweisen. Moses ist, zum Beispiel bei Meret Oppenheim, direkter, fast möchte man sagen: plakativer. Barbara Klemm ist stiller.

Willy Brandt, Politiker, Siebengebirge 1984 ©Stefan Moses
Willy Brandt, Politiker, Siebengebirge 1984 ©Stefan Moses

Aber man wird kaum einfache Formeln finden. Würde man zum Beispiel sagen, dass Barbara Klemm mehr die Beobachterin ist, die mit ihrer Kamera eher diskret auf den optimalen Ausdruck hinarbeitet, während Moses der Fotograf ist, der inszeniert, der zum Teil eigene Szenarien baut und die Porträtierten mit seiner unnachahmlichen Menschenfreundlichkeit aus sich herauslockt, dann trifft das zwar etwas Richtiges, aber es ist nur halb richtig.

Präzise Vorbereitung

Richtig ist, dass man von Barbara Klemm kein Bild finden wird, für das sie wie Stefan Moses ein grosses Tuch wie eine Minibühne verwendet. Und sie geht auch nicht - wie Stefan Moses - für die Porträts in einen Wald. Aber das heisst nicht, dass nicht auch sie inszeniert. Denn bevor sie zu einem Fototermin geht, bereitet sie sich sorgfältig vor und beschäftigt sich intensiv mit dem Werk der jeweiligen Künstler. Dabei dürfte ihr Mann, der hochgebildete Psychoanalytiker Leo Hilbert, eine nicht unbeträchtliche Rolle spielen. Beide verfolgen das politische und kulturelle Leben mit höchstem Interesse.

Inszenierung heisst bei Barbara Klemm aber etwas anderes als bei Stefan Moses. Sie arbeitet aus der Situation heraus und kreiert nicht eine völlig neue. Vielleicht geht sie wie mit Andy Warhol in ein Museum, und Thomas Bernhard zeigt sie, auf- und abschreitend, in einem grossen Raum. Aber die Inszenierungen sind bei ihr so diskret, dass sie nicht gleich als solche ins Auge springen.

Die Ostdeutschen

Moses soll, so wird gern gesagt, sogar lang verkrachte Ehepaare vor seiner Kamera noch zu einem Ausdruck der Gemeinsamkeit motivieren. Auf jeden Fall ist es geradezu unglaublich, wie er Menschen vor der Kamera zum „Sprechen“ bringt. 1989/90 hat er eine ganze Serie mit Ostdeutschen angefertigt. Einige Bilder davon sind in der Ausstellung grossformatig zu sehen. Man wird sie nicht mehr vergessen.

Fleischerin und Köchin, Cottbus ©Stefan Moses
Fleischerin und Köchin, Cottbus ©Stefan Moses

Eine andere Art der Inszenierung ist nicht nur besonders gelungen und eindrucksvoll, sondern zugleich auch eine humorvolle Philosophie der Fotografie. Stefan Moses hat dazu Spiegel aufgebaut, in dem sich die zu Porträtierenden selbst sehen. Sie halten einen Drahtauslöser in der Hand, mit dem sie die Kamera im Hintergrund dann auslösen können, wenn sie mit ihrem Ausdruck zufrieden sind. - Worin besteht also die Rolle des Fotografen? Der Auslöser ist nicht immer sein wichtigstes Werkzeug.

Philosophische Hintertreppe

Moses, der in München lebt, hat eine solche Serie später wiederholt und mit mehreren Spiegeln auch mit bekannten Münchnern gemacht. Jeder erscheint also mehrfach. Mit diesen und anderen Porträts ist ein Bildband entstanden, der den Titel trägt: „Jeder Mensch ist eine kleine Gesellschaft“. Dieses Zitat von Novalis bietet eine schöne philosophische Hintertreppe.

Beide Fotografen zeigen ihre Bilder auf Barytpapieren – bei Moses gibt es einige wenige Ausnahmen. Diese Baryt-Bilder haben einen ganz eigenen Tonwertumfang und Grautöne. Es gibt nichts, was dem gleichkäme. Deswegen lohnt der Besuch der Ausstellung, auch wenn der Katalog vorzüglich ist und es sonst nicht so viele Gründe gibt, ausgerechnet nach Duisburg zu fahren.

Der Katalog wurde bei der Eröffnung von Barbara Klemm – Stefan Moses musste aus Gesundheitsgründen in München bleiben, schickte aber per Fax ein launiges Grusswort – in wärmsten Worten gelobt. Da hat sie recht. Der Nimbus Verlag hat ihn sehr schön gestaltet. Am Anfang stehen ein paar Geschichten zu einzelnen Bildern von Alexander Kluge. Bald soll ein eigener Band mit Kluges Geschichten zu Bildern erscheinen. Das ist wieder ein schönes Projekt.

Der Verlag konnte nicht alle Bilder der grossen Ausstellung unterbringen – trotz des beachtlichen Umfangs des Bildbandes. Dafür aber finden sich zu den einzelnen porträtierten Künstlern kleine Biografien. Und so ist dieser Katalog vieles in Einem: Dokument der Ausstellung, Dokumentation zweier prägender Fotografen in Deutschland und eine Sammlung fotografischer Ikonen.

MKM Museum Küppersmühle für Moderne Kunst, Duisburg 
24. Oktober 2014 – 18. Januar 2015

Barbara Klemm, Stefan Moses: Barbara Klemm / Stefan Moses, 280 Seiten mit 238 Illustrationen, Nimbus.Kunst und Bücher, Zürich 2014

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