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Kommentar 21

Die Komplexitätsfalle

31. Oktober 2016
Stephan Wehowsky
Die Möglichkeit, dass Gesellschaften vor unlösbaren Problemen stehen könnten, gehört nicht zu den Grundannahmen der Demokratietheorie.

Denn die demokratische Willensbildung basiert auf der Annahme, dass es für alle Probleme Lösungswege gibt, über die man mit vernünftigen Argumenten streiten kann. Dazu zählt die Regel, dass persönliche Angriffe und Affekte zu unterbleiben haben. In Deutschland gibt es den Straftatbestand der Volksverhetzung.

Politische Kontroversen werden in den Medien auch emotional geführt. Die Strategien für Wahlkämpfe orientieren sich an den Gesetzen des Marketings. Aber ebenso, wie auch für die aggressivste Werbung immer dann die Stunde der Wahrheit schlägt, wenn es um die tatsächliche Qualität von Produkten und Dienstleistungen geht, wussten alle Parteien und Politiker, dass sie irgendwann Rechenschaft ablegen müssen.

Jetzt aber haben Affekte diese Mechanismen zertrümmert. Ob es sich um hasserfüllte Parteien und Splittergruppen innerhalb Europas handelt, ob um das Auftreten radikalnationalistischer Regierungen oder um den sogenannten Wahlkampf in einem der Mutterländer der Demokratie jenseits des Atlantiks: Es wird allein auf Wir-Gefühle gesetzt. Wer nach konkreten Lösungswegen fragt, ist ein Verräter.

Für diese katastrophale Entwicklung werden diverse Erklärungen angeboten, die alle etwas Richtiges enthalten: wirtschaftlicher Niedergang ganzer Regionen, Arroganz und Skrupellosigkeit der jeweiligen politischen Eliten, weltweite ruinöse Preiskämpfe. Betrachtet man aber jedes einzelne Problem für sich und versucht, Lösungswege zu erkennen, sieht man sofort, dass damit an anderer Stelle neue Probleme verschärft auftreten. Die Gesellschaften zappeln in Netzen der Komplexität. Kein Wunder, dass Affekte buchstäblich zum letzten Schrei geworden sind.

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