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USA

Wie alles begann

2. Juni 2026
Rolf App
Der Sommer der Revolution

Am 4.Juli feiern die USA die 250. Wiederkehr jenes Moments, in dem sich die britischen Kolonien vom Mutterland abgekoppelt haben. Wie dieser «Sommer der Revolution» verlief, und welchen Zufällen die USA ihre Entstehung verdanken, das beschreibt Joseph J. Ellis in seinem neuen Buch.

Den Antrag hat der Staatskongress von Virginia gestellt, er verlangt, «dass diese Vereinigten Kolonien freie und unabhängige Staaten sind und von Rechts wegen sein sollen». Der Kontinentalkongress, die Zusammenkunft von Delegierten der dreizehn britischen Kolonien in Nordamerika, reicht ihn am 15.Mai 1776 weiter an seine Mitglieder, die ihn zum Teil weitergeben an Städte und Gemeinden. Das von dort eintreffende Echo ist noch gespalten. «Sollte der ehrenwerte Kongress die Kolonien zu ihrer Sicherheit für unabhängig von Grossbritannien erklären, so erklären die Einwohner von Ashby feierlich, ihn in dieser Sache mit ihrem Leben und Gut zu unterstützen», tönt es aus Massachusetts. Aber aus Pennsylvania und New York sind abweichende Stimmen zu hören, dort haben die Loyalisten noch die Oberhand.
 

Joseph Ellis

Dennoch kommt jetzt ein politischer Prozess in Gang, der noch im Jahr zuvor für undenkbar gehalten worden ist, und den Joseph J. Ellis (Foto: Verlag C.H. Beck) in «1776 – Der Sommer der Revolution» beschreibt: Aus der Rebellion gegen die britischen Steuergesetze wird in einem bis 1783 dauernden Krieg die Unabhängigkeit jenes Staatswesens hervorgehen, das heute als USA eine Weltmacht ist. Und während die Briten eine riesige Armee auf ihre Schiffe verladen, und sich eine bunt zusammengewürfelte Truppe unter dem Kommando des Generals Washington bereit macht, ihr entgegenzutreten, macht sich der Kontinentalkongress bereit, am 4. Juli in einer feierlichen Erklärung diese Unabhängigkeit zu begründen – vor bald 250 Jahren also. 

«Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit»

Thomas Jefferson hat die Erklärung entworfen, ein Ausschuss hat sie redigiert, der Kongress hat sie ausgiebig diskutiert, sich dabei allerdings nur mit jenen Passagen befasst, welche die Verfehlungen des englischen Königs Georg III. auflisten. Nahezu unbemerkt passieren jene Sätze, die heute als die wichtigsten Worte der amerikanischen Geschichte gelten: «Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen worden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräusserlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit. Dass zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten.»

Allerdings ist das sich jetzt formierende Staatswesen bis heute weit davon entfernt, seinen eigenen Idealen zu entsprechen. Als sich eine Kommission trifft, um über eine künftige Verfassung zu beraten, legt sie diese Aufgabe rasch wieder beiseite. Denn schon allein die im Süden verbreitete, im Norden aber verpönte Sklaverei reisst einen tiefen Graben zwischen die Rebellierenden. Und auch die Kompetenzen einer Zentralregierung sind hoch umstritten. Schliesslich: Wenn alle Menschen gleich erschaffen worden sind, welche Rechte sollen dann die Schwarzen haben? Oder, wie die scharfsichtige Abigail Adams ihrem Mann John zu bedenken gibt, dem späteren zweiten Präsidenten der USA, die Frauen, die auch kein Stimmrecht haben sollen?

George Washington hat seine Zweifel

Freilich hat für den Kontinentalkongress und die Politiker in den Einzelstaaten anderes Vorrang. John Adams zum Beispiel muss sich hauptsächlich um die Beschaffung von Gewehren und Munition kümmern, was schwierig genug ist. Er weiss: Trotz gelegentlicher Erfolge gegen die britischen Truppen besteht wenig Anlass zu Optimismus. Auch George Washington selbst schreibt im Januar an einen Bekannten: «Ich habe oft gedacht, wie viel glücklicher ich gewesen wäre, wenn ich, statt unter solchen Umständen ein Kommando anzunehmen, meine Muskete geschultert und einfacher Soldat geworden wäre oder mich in die Wildnis zurückgezogen und in einem Wigwam gelebt hätte.»

Die Auseinandersetzung mit den Engländern hat sich einige Zeit aufgeschaukelt. Zunächst durch jene Zölle und Abgaben, die das durch Kriege hoch verschuldete Grossbritannien seinen Untertanen auferlegt, ohne sie zu fragen. Vor allem in den Neuengland-Staaten führt das zu einem wachsenden Widerstand. Der dann in immer mehr wilde Scharmützel und sogar Schlachten mündet. 1774 verhängt die britische Regierung das Kriegsrecht über Massachusetts, im April 1775 befehlen ihre Kommandeure zum ersten Mal, amerikanische Milizen anzugreifen. Das Scharmützel bei den Dörfern Lexington und Concord zeigt bereits die Rücksichtslosigkeit beider Seiten, gemässigte Stimmen werden jetzt in die Minderheit gedrängt. 

Grossangriff bei New York

Jetzt rüstet Grossbritannien zum grossen Gefecht und schickt eine – für diese Zeit – enorme Streitmacht los, die, wenn man nach Zahl, Bewaffnung und Ausbildung der Truppen geht, den Kräften der rebellierenden Kolonien massiv überlegen ist. Allerdings hat der dafür zuständige Lord George Germain seine Bedenken. Er weiss, dass er einer Macht gegenübersteht, die für ihre eigene Sache kämpft, und die das riesige Terrain bestens kennt. In einem sich lange hinziehenden Krieg werden die Engländer Nachschubprobleme bekommen. Also kommt es darauf an, die Amerikaner in einer Art Blitzkrieg zu besiegen.

New York ist der Ort, wo die Briten landen und ihre imposante Flotte patrouillieren lassen. Dort haben jetzt die Brüder Howe militärisch das Sagen, der eine, William, an Land, der andere, Richard, zur See. Dort hat sich auch George Washington mit seinen Truppen verschanzt. Was ein Fehler ist, wie er schon bald erkennt. Denn im Prinzip sitzt er in einer Falle – noch dazu in einer, die sein Vorhaben nur widerwillig unterstützt. Denn die New Yorker stehen stärker auf der britischen als auf der amerikanischen Seite. Ausserdem kursieren im Kontinentalkongress derart übertriebene Zahlen über die eigenen Truppenbestände, dass die Einzelstaaten stark bremsen bei ihrer Unterstützung des Krieges. Sie verlassen sich darauf, diese nach Bedarf mit ihren allerdings militärisch unerfahrenen Milizen zu verstärken.

Guerillaaktionen statt offener Schlacht

Allerdings: Auch die Briten machen Fehler. Die Brüder Howe warten zu lange zu; sie verfolgen eine vorsichtige Strategie, und lassen die Chance fahren, die Kontinentalarmee in einem Schlag zu vernichten. Eine erste Schlacht auf Long Island gewinnen sie noch, dann aber stoppen die Briten ihren Angriff, während in dichtem Nebel «Washington einen der brillantesten taktischen Rückzüge in der Militärgeschichte zustande bringt», wie Joseph J. Ellis anerkennend vermerkt. 

Allerdings sitzt er jetzt in Manhattan in der Falle, während die Brüder Howe glauben, alles verlaufe für sie nach Plan. Doch in Harlem erleiden ihre Truppen eine erste Niederlage, Washington aber nutzt die Gelegenheit, mit seinen Truppen nach Norden zu entweichen. Er hat erkannt, «dass es nicht sein Ziel war, den Krieg zu gewinnen, sondern, ihn nicht zu verlieren». Für die Zukunft setzt er auf Guerillaaktionen, und als 1778 die Franzosen auf ihrer Seite in den Krieg eingreifen, zeichnet sich langsam eine Wende ab.    

Joseph J. Ellis: 1776 – Der Sommer der Revolution, Verlag C.H.Beck, München 2026, 249 Seiten.

Der Sommer der Revolution

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