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Vor 80 Jahren

Das Ende einer tausendjährigen Dynastie

1. Juni 2026
Heiner Hug
Privatkapelle, Quirinal-Palast, Rom
Privatkapelle, Quirinal-Palast, Rom (PD)

Hier in seiner Privatkapelle im Römer Quirinal-Palast kniete der König nieder und flehte um göttlichen Beistand. Noch hoffte er auf ein Wunder. Doch das Wunder blieb aus. Während er da kniete, wurden im ganzen Land Millionen Stimmzettel verteilt. Das war am 2. Juni 1946 – vor 80 Jahren.

Bei der Abstimmung ging es um die Frage, ob Italien eine Monarchie bleiben oder eine Republik werden sollte. Fast 25 Millionen Italiener waren wahlberechtigt, darunter erstmals auch Frauen.

König Umberto II. ahnte, was da kommen könnte. Aus purer Verzweiflung hatte er sich in den Wochen vor der Abstimmung in den Schoss des Vatikans geworfen. Und der Vatikan spielte mit und warb dafür, dass Italien eine Monarchie bleiben würde.

Umberto II.
König Umberto II. gibt am 2. Juni 1946 seine Stimme ab. (PD)

Rückblende

Auch während der faschistischen Zeit und Mussolinis 22-jähriger Herrschaft war Italien offiziell eine Monarchie. Der Duce konnte mit dem Könighaus gut leben, vor allem, weil sich die Monarchen dem Gewaltherrscher völlig unterwarfen. Als der Krieg verloren war, danke König Vittorio Emanuele III. ab, um die Dynastie zu erhalten. Jetzt wurde sein Sohn, Umberto II. König. Unter ihm fand die Volksabstimmung statt: Monarchie oder Republik.

Papst Pius XII. erklärte, die Priester hätten die Aufgabe, den Gläubigen ihre «Pflichten als Wähler» zu erklären. Es war klar, was damit gemeint war: Die Bürgerinnen und Bürger sollten für die Monarchie und gegen die Republik stimmen. Schnell wurden Ängste geschürt. Die Republik würde die alte Ordnung erschüttern und den Weg für den Kommunismus ebnen, hiess es. Die «Democrazia Cristiana», die stärkste bürgerliche Bewegung, wurde verteufelt.

Umberto II. wurde auf Wahlkampftournee geschickt. Da und dort wurde er begeistert empfangen. An manchen Orten allerdings, zum Beispiel in Venedig, wurde er ausgepfiffen.

In Palermo rief Kardinal Ernesto Ruffini dem König zu: «Zeigen Sie offen Ihren Glauben, dann werden Sie Erfolg haben, denn die Mehrheit der Bevölkerung ist katholisch.» Und der Turiner Kardinal Maurilio Fossati sagte: «Ich sage allen, bei der Wahl geht es darum: Krone oder Togliatti.» Palmiro Togliatti war der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens.

Marie José, die rebellische Königin

Das Problem war: Eine katholische Einheitsfront gab es nicht. Die Democrazia Cristiana unter Alcide De Gasperi war eine durch und durch katholische Partei – und sprach sich, anders als der Vatikan, für die Republik, für die Demokratie aus.

Und welch eine Schande für die Monarchisten: Ausgerechnet  die Frau von König Umbero, die ausa Belgien stammende schöne Königin Marie José (in Italien musste sie sich Maria nennen), gab bekannt, sie werde bei der Abstimmung über die Monarchie leer einlegen, also nicht für die Monarchie stimmen. Die lebensfreudige Marie war wenig begeistert von ihrem spröden Mann. Ihre Sympathien für die Republik waren längst bekannt. Schon früh hatte sie Kontakte zu den Antifaschisten und den Westmächten aufgenommen – was das Königshaus in Rage versetzte.

Marie José
Marie José (PD)

Der König, Umberto II., wurde immer pessimistischer. Ob es überhaupt noch Sinn mache, die Volksabstimmung durchzuführen, fragte er seine Nächsten. Es könne doch nicht sein, sagte er einem Vertrauten, dass ausgerechnet er der Totengräber des über tausendjährigen Königshauses Savoyen sein werde. Und dennoch: Er bereitete schon seine Flucht vor.

54,3 Prozent für die Republik

Dann kam dieser 2. Juni 1946. Millionen Wählerinnen und Wähler strömten zu den Urnen. Sonst geschah nichts an diesem Tag. Pietro Nenni, der spätere Vorsitzende der Sozialistischen Partei Italiens und Aussenminister, las ein Buch von Arthur Koestler. «Ein historischer Tag kann auch ein langweiliger Tag sein», sagte er.

Am Tag danach, am 3. Juni, tröpfelten die Ergebnisse herein. 54,3 Prozent der Stimmenden votierten für die Abschaffung der Monarchie und für die Republik. Die Wahlbeteiligung lag bei über 89 Prozent. Die Frauen, die erstmals wählen konnten, gingen in überwältigender Zahl an die Urnen.

Marie José stimmt für einen Sozialisten

Innerhalb des Landes tat sich ein tiefer Nord-Süd-Graben auf. Vor allem der Norden stimmte für die Abschaffung der Monarchie. Der Süden hingegen, inklusive der Inseln Sardinien und Sizilien, wollte die Monarchie beibehalten. Rom hatte sich knapp mit 51 Prozent und Neapel deutlich mit 78 Prozent für die Monarchie ausgesprochen.

Gleichzeitig mit der Abstimmung über die Abschaffung der Monarchie wurde eine verfassungsgebende Versammlung gewählt. Und was für ein Affront! Königin Marie José hatte angekündigt, sie würde für einen Sozialisten stimmen: für Giuseppe Saragat, den späteren Staatspräsidenten. Die Ehe zwischen König und Königin schien definitiv zerbrochen.

Democrazia Cristiana, Sozialisten, Kommunisten

Bei der Wahl zur verfassungsgebenden Versammlung wurde die Democrazia Cristiana (DC) mit 35,2 Prozent der Stimmen stärkste Partei. Ihre fast 50-jährige Dominanz wurde dann in den Neunzigerjahren von Berlusconis Forza Italia abgelöst. Zweitstärkste Partei wurden die Sozialisten mit 20,7 Prozent, gefolgt von den Kommunisten mit 18,8 Prozent. Die «Unione Democratica Nazionale» (UND), ein Bündnis rechtsliberaler und monarchistischer Parteien, kam auf 6,8 Prozent der Stimmen.

Und wo blieben die Mussolini-Sympathisanten, die es noch immer zu Hunderttausenden, wenn nicht zu Millionen gab? Einige stimmten für die Partei «L’Uomo qualunque» (etwa: «Irgendwer»). Die Bewegung existierte nur kurze Zeit. Im gleichen Jahr, im Dezember 1946, wurde dann der neofaschistische «Movimento Sociale Italiano» (MSI) gegründet. Erster Parteisekretär war Giorgio Almirante, dem Ministerpräsidentin Giorgia Meloni letzte Woche ein Kränzchen wand – was nicht überall gut ankam.


Das Ende des über tausenjährigen Hauses Savoyen

Haus Savoyen

Mit der Abstimmung und den Wahlen vor 80 Jahren hörte das über tausendjährige Königshaus Savoyen auf zu existieren. Es hatte sich im Laufe der Jahrhunderte von einer kleinen Grafschaft südlich des Genfersees (die heutigen Departemente Savoie und Haute-Savoie) zu einer europäischen Macht entwickelt. Die savoyische Dynastie war zwar nicht so mächtig wie jene der Habsburger, der Bourbonen oder der Hohenzollern. Für Italien aber hatte sie herausragende Bedeutung.

Im Mittelalter kontrollierte das Haus Savoyen auch weite Gebiete in der Waadt, im Unterwallis und in Genf. Nur die Eroberung der Stadt Genf misslang. Nachdem die Savoyer 1712 kurze Zeit Sizilien kontrollierten, setzten sie sich ab 1720 in Sardinien fest. Daneben gehörten weite Teile Nordwestitaliens zum Herrschaftsgebiet der Savoyer: das Piemont, das Aostatal, Nizza und Ligurien. Das riesige, verzweigte Imperium nannte sich «Königreich Sardinien». Hauptstadt war Turin.

Die Einigung Italiens

Die grösste historische Bedeutung erlangten die Savoyer (auch Savoyarden genannt) im 19. Jahrhundert. Ihnen gelang es 1861, also vor 165 Jahren, Italien zu einigen und zu einem Nationalstaat zu formen. Dies gelang mit diplomatischem Geschick und politischem und militärischem Druck – und dank der Hilfe von Napoleon III. Hauptfiguren im Einigungsprozess waren Camillo Benso Cavour, der erste Ministerpräsident des geeinten Italiens (der nur Französisch, aber nicht Italienisch sprach), Viktor Emanuel II., der bisherige König des Königreichs Sardinien, und Giuseppe Garibaldi, der hartnäckige italienische Freiheitskämpfer und die Galionsfigur des «Risorgimento». 

Vittorio Emanuele II. wurde dann auch erster König des vereinten Italien.

Vittorio Emanuele II.
«Der Vater» der italienischen Nation: Vittorio Emanuele II (PD)

Zusammenarbeit mit den Faschisten

Eine unrühmliche Rolle spielte das Königshaus Savoyen dann während des Faschismus. Vittorio Emanuele III. unterwarf sich Mussolini und wurde zu dessen Handlanger. Der König hiess jahrelang die faschistische, rassistische, antisemitische Politik des Duce gut. Erst als 1943 die Alliierten vor Rom standen, wechselte Vittorio Emanuele seine Weste. Am 29. Juli 1943 entliess er Mussolini und versuchte so zu retten, was noch zu retten war. Doch es war nichts mehr zu retten.

Vittorio Emanuele III.
König Vittorio Emanuele III. (der Vater von Umberto II.) (PD)

Am 9. Mai 1946 dankte König Vittorio Emanuele III. ab und machte seinem Sohn Umberto II. Platz. Umbertos Frau, Marie José, war nun Königin – für 44 Tage nur. Da ihre Amtszeit vor allem in den Monat Mai fiel, wird sie «Mai-Königin» genannt.

Flucht nach Portugal und nach Genf

Ebenso blamabel war der Untergang des Hauses Savoyen. Nachdem die Italienerinnen und Italiener sich mit 54 Prozent für die Abschaffung der Monarchie ausgesprochen hatten, herrschte im Königshaus Panik.

Das Ergebnis verpflichtete die Mitglieder des Königshauses, Italien innerhalb von 14 Tagen zu verlassen. Umberto und Marie José zogen nach Portugal, nach Cascais. Doch schon bald trennte sich das Paar. Der letzte italienische König blieb in Portugal – und die letzte italienische Königin zog via Mexiko ins Schloss Merlinge bei Genf, einem 50 Hektar grossen Anwesen, das sich im Besitz des italienischen Königshauses befand. Die neue republikanische Verfassung verbot es den männlichen Mitgliedern des Hauses Savoyen, italienischen Boden zu betreten. Umberto II. erkannte die Republik nicht an und hoffte noch lange, dass Italien wieder eine Monarchie werden würde. Er starb 1983.

Erbärmliches Ende

Eine schmierige Rolle spielte Umbertos Sohn (auch er hiess Vittorio Emanuele). Er konnte den Untergang des Königreichs noch immer nicht verdauen. Obschon die Monarchie abgeschafft war, gebärdete er sich – von Genf aus – als König Italiens. Seine Anhänger nannten ihn Vittorio Emanuele IV. Den grössten Teil seines Lebens verbrachte er in einem vornehmen Anwesen in Vésenaz bei Genf.

2002 kehrte er mit seiner Familie nach Italien zurück und verklagte den italienischen Staat auf Schadenersatz. Er forderte 260 Millionen Euro als Wiedergutmachung für begangenes Unrecht. Ferner verlangte er die Rückgabe aller beschlagnahmten Güter. Italien lachte ihn nur aus. Der Staat wies darauf hin, dass es eigentlich an Italien wäre, das Haus Savoyen einzuklagen – wegen seiner schändlichen Rolle während des Faschismus.

Vittorio Emanuele
König war er nie: Vittorio Emanuele, der Sohn von Umberto II.

Ausbeutung von Prostituierten

Vittorio Emanuele war Mitglied der Geheimloge P2 von Licio Gelli und sass wegen Korruption, Fälschung und Ausbeutung von Prostituierten im Casino Campione in Haft. Im Sommer 2006 wurde er festgenommen. Neben der Ausbeutung von Prostituierten wurden ihm schmutzige Spielbankgeschäfte und Geldwäscherei vorgeworfen. In Varenna am Comersee wurde er «wie ein Bandit verhaftet» (so sein Sohn). Mit einem Fiat Punto wurde der Blaublütige durch ganz Italien ins Gefängnis ins südliche Potenza gebracht. Ein Fiat Punto für den Sohn des letzten italienischen Königs! Er starb am 3. Februar 2024 in Genf.

Sein 1972 geborener Sohn Filiberto tummelte sich zunächst im Jetset-Milieu und umgab sich mit Spielbankgrössen und Mafia-Anhängern. Er betrieb mit anderen ein teures Restaurant in der Genfer Altstadt mit dem etwas arroganten Namen «Il Quirinale». Filiberto trat in Werbespots und Tanzshows auf – und am Schlagerfestival von Sanremo. Das Lied, das er präsentierte, hatte er selbst komponiert und getextet. Titel: «Italia, amore mio». Am 25. September 2003 heiratete er in Rom die französische Schauspielerin Clotilde Courau, mit der er zwei Töchter hat. 2009 scheiterte sein Versuch, ins Europaparlament einzuziehen.

Filiberto
Filiberto beim Begräbnis seines Vaters im Februar 2025 vor dem Dom in Turin (Foto: Keystone/AP/LaPresse/Fabio Ferrari)

In der Zwischenzeit beruhigte sich Filiberto. Inzwischen ist er als Hedgefonds-Manager tätig. Vor fünf Jahren hat er erstmals die Verantwortung des Königshauses für das übernommen, was seine Vorfahren während des Faschismus den Juden angetan hatten. In einem offenen Brief an die italienischen Juden nennt er das Rassengesetz «ein inakzeptables Dokument», das «einen unauslöschlichen Schatten auf meine Familie» geworfen hat und das noch immer «eine offene Wunde für ganz Italien» ist. Und dann der Satz: Er bitte die Juden «feierlich und offiziell um Vergebung».

Filiberto trägt jetzt den Titel «Herzog von Savoyen». Er ist offiziell das Oberhaupt des (verblichenen) savoyischen Königshauses. In Italien nimmt das kaum jemand zur Kenntnis. Monarchisten gibt es nur noch einige Tausend; sie haben keinerlei Einfluss, weder politisch noch wirtschaftlich. «God save the Queen» hiess es in England. In Italien heisst es seit langem: «Gott beschütze uns vor den Monarchisten».

Das Haus Savoyen

Vittorio Emanuele II. (Viktor Emanuel II.), 1820-1878 (Unter ihm fand die Vereinigung Italiens statt.

Umberto I., 1844-1900. Er wurde in Monza bei einer Kundgebung in einer offenen Kutsche von einem Anarchisten erschossen.

Vittorio Emanuele III., 1869-1947. Er unterwarf sich Mussolini.

Umberto II., 1904-1983. Er war 44 Tage König, seine Frau war Marie José, die frühere belgische Prinzessin.

Vittorio Emanuele, 1937-2024. Er war nie König, führte sich aber als solcher auf und und liess  sich Vittorio Emanuele IV. nennen. Er starb im Februar 2024 in Genf.

Filiberto, geboren 1972. Sohn von Vittorio Emanuele; er lebt vorwiegend bei Genf.

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