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Nahost

Libanon im Feuer – und ohne Strategie

1. Juni 2026
Reinhard Schulze
Beaufort
Die Kreuzritterfestung Beaufort (Qal’at al-Shaqif) im Südlibanon, fotografiert am 31. Mai (AP/Ariel Schalit)

Der Krieg ist zurück. Seit Anfang März 2026 kämpfen Israel und die Hizbullah erneut, diesmal ausgelöst durch die Tötung des iranischen Revolutionsführers Ali Khamenei durch US-israelische Angriffe, auf die die Hizbullah mit Raketen und Drohnen auf Nordisrael antwortete. Israel wertete dies als Kriegsakt. Seitdem wurden nach libanesischen Angaben mehrere Tausend Menschen getötet, über eine Million vertrieben – und auch Zehntausende Israeli mussten ihre Wohnorte im Norden des Landes verlassen. 

Formal existiert eine im April vereinbarte Waffenruhe. Faktisch aber eskaliert ein Abnutzungskrieg. Es gibt keine klaren Fronten, nur ein Gewirr von dezentralen Stellungen und mobilen Einheiten. Am 1. Juni bombardierte die israelische Luftwaffe erneut Ziele in dem südlichen Vorortgürtel von Beirut, der Dahiyeh. Fast zeitgleich nahm die israelische Armee die Kreuzritterfestung Beaufort (Qal’at al-Shaqif) im Südlibanon ein und weitete damit ihre Bodenoffensive tief in libanesisches Territorium aus – es ist der weiteste Vorstoss Israels ins Nachbarland seit 26 Jahren. 

Die im 12. Jahrhundert erbaute Festung liegt in 700 Metern Höhe knapp nördlich des Flusses Litani und bietet einen weitreichenden Überblick über die umliegende Region. Das israelische Militär begründete die Aktion damit, dass die Hizbullah die Anlage als Stützpunkt genutzt und von dort aus Angriffe auf israelisches Territorium durchgeführt habe – unter anderem mit Raketenabschussrampen.

Symbolische Dimension

Die Einnahme Beauforts trägt eine starke historische und symbolische Dimension. Bereits 1982, im Ersten Libanonkrieg, hatten Soldaten der Golani-Brigade die Festung erobert – damals von der PLO –, wobei sechs israelische Soldaten und Dutzende palästinensische Kämpfer ihr Leben verloren. 44 Jahre später hissten Angehörige derselben Brigade erneut die israelische Flagge auf dem mittelalterlichen Gemäuer. Ein Armeesprecher bezeichnete die Burg als «Symbol der Arroganz» der Hizbullah; Ministerpräsident Netanjahu sprach von einer «dramatischen Wende» und kündigte die Errichtung dauerhafter Sicherheitszonen jenseits der israelischen Grenzen an.

Der Vorstoss über den Litani hinaus, der bislang als faktische Grenze des israelischen Operationsgebiets galt, erfolgt zu einem diplomatisch heiklen Zeitpunkt: Trotz eines seit dem 17. April formell geltenden Waffenstillstands und nur wenige Tage vor geplanten direkten Verhandlungen zwischen Israel und Libanon im US-Aussenministerium intensivierte Israel seine Militäraktionen. Die internationale Gemeinschaft reagierte besorgt – Frankreich beantragte eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats. Die Einnahme von Beaufort vereint damit militärische Logik, historisches Symbolgewicht und eine unmissverständliche politische Botschaft: Wer die Sicherheit Israels bedrohe, werde seine strategischen Positionen verlieren.

Fehlen einer politischen Strategie

Von der Burg Beaufort aus sind es nur noch knapp 80 Strassenkilometer bis Beirut. Die israelischen Bodentruppen sind im Südlibanon teils mehrere Kilometer, in einzelnen Berichten bis zu acht Kilometer, ins Landesinnere vorgedrungen; vereinzelt wird sogar von Operationen nördlich des Litani berichtet.

Was folgt daraus? Im besten Fall: militärischer Druck, der Hizbullah schwächt. Im schlechtesten Fall: dasselbe wie zuvor, nur blutiger. Denn das eigentliche Problem ist nicht das Fehlen militärischer Fähigkeiten auf israelischer Seite – es ist das Fehlen einer politischen Strategie.

Operative Erfolge ohne Richtung

Die Einnahme von Beaufort ist symbolisch bedeutsam. Die Festung bietet einen eindrucksvollen Überblick über Südlibanon und Nordisrael. Doch Symbolik ist keine Strategie. Die Hoffnung, dass sich eine Strategie durch operative Erfolge von selbst ergibt, gehört in das Repertoire autoritärer Machtpolitik – nicht in das eines demokratischen Staates, der nachhaltige Sicherheit anstrebt. 

Militärischer Druck kann eine politische Strategie niemals ersetzen. Selbst wenn Israel die Luft- und Bodenoperationen bis nach Beirut und darüber hinaus ausweitet, wird das Ziel einer dauerhaften Entwaffnung der Hizbullah auf diesem Wege nicht zu erreichen sein. Denn militärisch wäre die Hizbullah nur zu besiegen, wenn die israelischen Streitkräfte das ganze Land längerfristig besetzten – ein Szenario, das politisch absurd wäre und das Israel auf Dauer nicht stemmen könnte. Und selbst dann bliebe das Problem bestehen: Das Ziel, nachhaltig Sicherheit an Israels Nordgrenze zu schaffen, kann nicht dadurch erreicht werden, dass diese Grenze immer weiter nach Norden verschoben wird.

Gewalt hilft nicht Israel, sondern der Hizbullah

Schlimmer noch: Jeder israelische Angriff steigert den Legitimitätsanspruch der Hizbullah. Die Organisation hat sich einen Parastaat geschaffen, der seine Daseinsberechtigung daraus bezieht, sich als Speerspitze und Schutzschirm gegen ein aggressives Israel zu definieren – die schiitische Gemeinschaft nationalistisch umdeutend und dies mit einer messianischen Heilsidee verbindend. Sozialen Rückhalt generiert die Hizbullah durch Solidaritätsnetzwerke, die jetzt wieder Tausende von Menschen aus dem Süden auffangen. 

Dieses Muster ähnelt der Strategie der Hamas – nur erheblich grösser skaliert und eingebettet in das noch umfassendere Kalkül des iranischen Regimes. Die Priorisierung operativer militärischer Gewalt über politische Strategien hilft daher nicht Israel, sondern der Hizbullah. Und diese reagiert asymmetrisch vor allem mit Angriffen durch Glasfaserdrohnen, die eine absolute Resistenz gegen elektronische Abwehrmaßnahmen aufweisen. Vereinzelt kommen Kurzstreckenraketen und Panzerabwehrwaffen zum Einsatz.

Die libanesische Seite: historischer Schritt, fragiles Fundament

Inmitten des erneuten Krieges vollzieht die libanesische Regierung einen bemerkenswerten Schritt: Sie hat die militärischen Aktivitäten der Hizbullah im März offiziell als illegal bezeichnet und erklärt, allein der Staat dürfe über Krieg und Frieden entscheiden. Es ist der schärfste politische Schritt Beiruts gegen die Organisation seit deren Gründung – und er eröffnet erstmals die Möglichkeit direkter Gespräche zwischen Israel und der libanesischen Regierung über Sicherheitsfragen.

Doch wie fest ist dieses Fundament? Die Hizbullah ist auf der politischen Ebene heute tatsächlich relativ isoliert. Ihr langjähriger christlicher Verbündeter, die Freie Patriotische Bewegung, hat sich für die Entwaffnung ausgesprochen. Auch die armenische Tashnak-Partei hat ihre Haltung geändert. Die Libanesischen Streitkräfte unter Samir Geagea und die Kataeb-Partei treten für direkte Verhandlungen mit Israel ein – nicht als Kapitulation, sondern als Werkzeug staatlicher Souveränität. Und Walid Jumblatt von der Progressiven Sozialistischen Partei übergab symbolträchtig die eigenen Parteiwaffen an die Armee.

Gestärkte schiitische Gemeindschaft

Gleichzeitig bleibt das Lager der Amal-Bewegung rhetorisch auf Hizbullahs Seite – und zwar aus handfesten Machtgründen. Amal repräsentiert jene schiitischen Gemeinschaften des Südens, die sich dem älteren, konservativen Patronagesystem zugehörig fühlen. Sie wird versuchen, ihre Machtposition aus der sozialen Erbmasse eines zerbröckelnden Hizbullah-Parastaats auszubauen. 

Die jüngere Hizbullah hingegen ist das Produkt der sozialen Dynamik, die durch die kriegsbedingte Migration von schiitischen Bewohnern des Südens in Richtung Beirat ausgelöst wurde. Hizbullah kennt aber auch eine interne Konkurrenz: die Fraktionen im Bekaa-Tal, die mehrheitlich den Anschluss der Hizbullah an den Kosmos des iranischen Transnationalismus nicht mit vollzogen. Die israelischen Angriffe im Bekaa-Tal haben dazu geführt, dass diese dissidente Fraktion der Hizbullah deutlich an Rückhalt verloren hat. Hinzu kommt, dass der Konflikt zwar die politische Unterstützung für die Hizbullah geschwächt hat, zugleich aber eine schiitische Gemeinschaftsidentität stärkt – ein Novum in der libanesischen Gesellschaft, das langfristig neue politische Dynamiken erzeugen dürfte.

Was eine politische Strategie leisten müsste

Eine tragfähige Strategie – sei es israelischer-, sei es westlicher- oder libanesischerseits – müsste an mehreren Punkten gleichzeitig ansetzen. Zunächst ginge es darum, die Hizbullah nicht nur militärisch zu lähmen, sondern sie politisch zu delegitimieren, ideologisch zu entwaffnen und ihre Parastaatlichkeit zu zerstören. Das setzt voraus, den Schulterschluss mit der libanesischen Regierung zu suchen und eine politisch-soziale Alternative für die schiitische Bevölkerung in Südlibanon, im Beiruter Vorortgürtel und im Bekaa-Tal zu schaffen. Parallel dazu müsste intermediär ein effektives Sicherheitsregime an der israelisch-libanesischen Grenze aufgebaut werden – nicht durch israelische Besatzung, sondern durch die Stärkung der libanesischen Armee und internationaler Mechanismen.

Stattdessen greift Israel zu dem, was es kann: Luftangriffe, Bodentruppen, Präzisionsschläge gegen Kommandeure. Und die Hizbullah tut, was sie immer getan hat: Sie lockt die israelische Armee so tief wie möglich ins Land hinein, um das Versagen des libanesischen Staates sichtbar zu machen und die eigene Notwendigkeit zu unterstreichen. Es ist eine Strategie, die auf israelische Mitarbeit angewiesen ist – und die Israel ihr bisher zuverlässig gewährt.

Der Krieg im Libanon ist kein unlösbares Problem. Aber er ist ein Problem, das sich durch Bomben allein nicht lösen lässt. Solange auf israelischer Seite operative Gewalt die politische Strategie ersetzt, bleibt jeder militärische Erfolg vorübergehend – und stärkt mittelfristig genau jene Kräfte, die er zu bezwingen vorgibt.

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