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Habermas auf Silizium

Die hybride Öffentlichkeit aus Mensch und Maschine

31. Mai 2026
Eduard Kaeser
Jürgen Habermas
Jürgen Habermas 2018 (Keystone/DPA/Arne Immanuel Bänsch)

Stellen Sie sich vor, Sie streiten mit Freunden und Bekannten über Migrationspolitik. Nach zwei Stunden sind Sie sich einig – nicht weil einer nachgegeben hat, sondern weil ein Computer Ihnen den Streit abgenommen hat. Genau das verspricht ein KI-System von DeepMind, einer Tochter des Technogiganten Alphabet Inc.

Die «Habermas-Maschine»

Ende 2024 veröffentlichte das Fachjournal «Science» einen Artikel mit dem Titel «KI verhilft den Menschen zum Konsens in der demokratischen Deliberation».[1] Ein Team von DeepMind stellte ein grosses Sprachmodell (Large Language Model) namens «Habermas-Maschine» vor. Es fungiert als Vermittler in Meinungsstreitigkeiten zwischen Gruppen.

Getestet wurde das Modell mit rund 5000 Probanden. Man gab ihm unterschiedliche Positionen zu kontroversen Themen wie Brexit, Einwanderung, Mindestlohn oder Klimawandel ein. Daraus generierte die KI sogenannte Gruppenaussagen, die von den Probanden bewertet wurden. Die Rückmeldungen wurden dem Modell erneut eingegeben, wodurch es lernte, Aussagen zu formulieren, denen eine Mehrheit zustimmen konnte. 

Das Paradox: KI soll KI-verursachte Probleme lösen

Jürgen Habermas verwahrte sich gegen die Verwendung seines Namens. Dabei erscheint sie eigentlich nicht weit hergeholt, hat doch gerade er die theoretischen Mittel zur Analyse der «verzerrten» Kommunikation geschaffen, wie sie heute in der zersplitterten digitalen Plattformöffentlichkeit herrscht – Antagonismus, Polarisierung, affektive Aufladung sind die Normalität. Daran wirkt auch die KI mit. Und nun soll ausgerechnet die KI ein durch sie mitverursachtes Problem lösen helfen. Das mutet paradox an. Aber in diesem Paradox zeigt sich das Symptom einer unaufhaltsam erscheinenden  Entwicklung, nämlich der Bildung einer hybriden Öffentlichkeit aus Mensch und Maschine. Was bedeutet das?

Die deliberative Struktur der  Öffentlichkeit

Öffentlichkeit war sozusagen das Lebensthema von Jürgen Habermas. Er sah in der Vernunft eine öffentliche Sache – eine «res publica». Sie realisiert sich im Austausch von Argumenten unter freien und gleichen Menschen. Man kann – zugegeben, etwas keck – Habermas’ Theorie der Kommunikation auf einen einzigen Satz eindampfen (die Theorie umfasst über 1000 Seiten): Wenn Menschen miteinander sprechen, müssen sie sich gegenseitig als ernsthafte Gesprächspartner anerkennen. 

Das ist nicht einfach eine explizite Forderung, sondern implizite Voraussetzung von Kommunikation überhaupt. Wir halten uns an gewisse stillschweigende Regeln. Ich behaupte etwas im Bewusstsein, dass meine Aussage wahr oder falsch sein kann. Ich orientiere mich an epistemischen Instanzen wie Faktentreue, bewährtem Wissen, logischer Konsistenz. Ich halte mich an unausgesprochene Normen des «richtigen» Gesprächs. Ich erwarte zum Beispiel, dass der Gesprächspartner primär auf meine Aussage, nicht auf mein Aussehen reagiert. Und ich lasse mich nicht von Motiven wie Täuschung oder Blossstellung des Gesprächspartners leiten. Solche Voraussetzungen tragen wir als sprechende Akteure immer schon in ein Gespräch hinein, wenn wir eine vernünftige Verständigung – «Deliberation» – zu erzielen suchen. 

Die Perspektive der ersten Person

Gewiss, man kann sich fragen, ob denn das einzige grundsätzliche Ziel der Kommunikation Verständigung sei. Unter Menschen wohlgemerkt. Und nun stellt sich die neue Frage, wie die Sprechsituation sich ändert, wenn man künstliche Diskursteilnehmer einbezieht. 

Nachdem man ihn 2025 über die Habermas-Maschine informiert hatte, antwortete der Philosoph, ein solches Programm sei unmöglich – und zwar nicht aus technischen, sondern aus philosophischen Gründen. Der zentrale Grund liege darin, dass die Maschine keine Perspektive der ersten Person kenne.[2] Sie strukturiert Argumente, macht versteckte Annahmen sichtbar, formuliert präzise Gegenpositionen, zeigt Fehlschlüsse auf – sie tut dies jedoch aus einer völlig entpersonalisierten Perspektive. Deliberation aber setzt Interesse, Betroffenheit, Verantwortung voraus. Sie kann nur von einer Person verkörpert werden. Selbst wenn nun eine Maschine in die Konsensfindung eingebunden wird, sind es letzten Endes Personen, die für ihre Entscheidungen eintreten müssen. 

Wenn das Tool zum «Handelnden» wird

Das ist der klassische Einwand, der die kommunikative Souveränität dem Menschen vorbehält. Aber was, wenn das Tool Eigenschaften eines «Handelnden» annimmt? Computerwissenschaftler sprechen heute ganz selbstverständlich von KI-Systemen als künstlichen «Agenten». Die Sprechweise ist doppeldeutig. Einerseits meint sie einfach autonom operierende Systeme. Andererseits aber verbindet sie damit die Idee, dass KI-Systeme eine Art Eigeninitiative entwickeln können: Sie planen, wählen aus, antizipieren und scheinen so etwas wie Überzeugungen oder Absichten zu haben. Beim Menschen würden wir solche Fähigkeiten einer Innenwelt – einer Erste-Person-Perspektive – zurechnen.

Entwickelt die Maschine etwas Vergleichbares? Sie befindet sich heute auf einem kognitiven Niveau, auf der man ihr spezifische – wenn nicht unbedingt humane – Intelligenz zuschreibt. Kommuni­kative Prozesse finden nicht mehr ausschliesslich zwischen Menschen statt, sondern werden zunehmend von nichtmenschlichen Akteuren mitstrukturiert. Sie bevölkern als artifizielle Spezies das menschliche Diskursuniversum. 

«Elektronische Personalität»

Wird also das Tool mündig? Selbst wenn wir KI-Systemen nicht die vollwertige Diskursteilnahme zugestehen mögen, so lässt sich die Tatsache nicht leugnen, dass sie in vielen Bereichen zumindest als funktionale Gesprächspartner akzeptiert sind. Und das bedeutet, dass sie weder in die Kategorie der Person noch in jene der blossen Maschine fallen. Sie sind etwas «zwischendrin»: «Als-ob-Personen». Das ist nicht Science-Fiction. Das Europäische Parlament diskutiert die Frage der «elektronischen Personalität» seit 2017.[3]

Hybride Öffentlichkeit entsteht dort, wo nichtpersonale Systeme kommunikative Rollen von Personen übernehmen. Muss man also avancierten KI-Agenten eine «Als-ob-Perspektive» der ersten Person zuschreiben? Würde das bedeuten, dass man ihr Verhalten als eine Form von Handeln verstehen müsste, und nicht bloss als eine Simulation von Handeln? Wenn das Instrument zur Handlungsfähigkeit erwacht, dürfen wir es dann noch unbesonnen instrumentalisieren? Um diese Fragen des Zwitterstatus’ kommt keine Theorie der hybriden Öffentlichkeit herum. Und sie werden sich uns immer dringlicher stellen.

Die KI-Systeme kolonisieren die Lebenswelt

Die Habermas-Maschine ist sozusagen der Prototyp einer Entwicklungsreihe, an deren Ende das intelligente Artefakt nicht mehr bloss als Werkzeug des Diskurses auftritt, sondern den Anspruch erhebt, selbst Gesprächspartner zu sein. 

Je «autonomer» die Maschine auftritt, desto dringlicher stellt sich deshalb die Frage nach der menschlichen Autonomie in der hybriden Öffentlichkeit. Sie erweist sich als prekär. Habermas sprach vom neuen Lernen der «Autoren­rolle» neben der «Konsumentenrolle». Das ist fürwahr eine gewaltige Aufgabe, angesichts der Tatsache, dass KI-Systeme schon heute in den Medien, in Wissenschaft, Kunst und Politik nicht mehr wegzudenken sind. Und das heisst: Die grossen Techno-Konzerne definieren die ökonomische, politische und kulturelle Realität. 

Mit Habermas über Habermas hinausdenken

Wie Habermas sagen würde: Die KI-Systeme kolonisieren zusehends die Lebenswelt, indem sie ihren «Lebensstil» durchsetzen. In den Augen nicht weniger Techno-Ideologen findet ohnehin eine Blickumkehr statt. Sie fragen gar nicht erst, ob Computer Diskursteilnehmer werden können, sie stufen einfach den Menschen zum «informationsverarbeitenden Fleischcomputer» herab, um hier einen prominenten Maulhelden – Elon Musk – zu zitieren.[4]

Wie es scheint, muss der Mensch gerade im Umgang mit den «gängelnden» smarten Maschinen seine Mündigkeit wiedergewinnen. Ein neues kantisches Projekt. Ob und wie das gelingt, ist offen. Aber es gilt auf jeden Fall, mit Habermas über Habermas hinaus zu denken. 

[1] https://www.science.org/doi/10.1126/science.adq2852 

[2] https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/habermas-als-ki-chatbot-kein-konsens-auf-knopfdruck-accg-200649130.html 

[3] https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/A-8-2017-0005_EN.html 

[4] https://www.zeit.de/digital/2026-05/anna-verena-nosthoff-kybernetik-gehirn-elon-musk

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