Die kompetenten Wirtschaftsbücher

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Die kompetenten Wirtschaftsbücher

Von Urs Meier, 11.05.2015

Weshalb ist «kompetente Bücher» ein unsinniger Ausdruck, wenn es doch «kluge Bücher» gibt?

Mit einem Inserat wirbt der Buchverlag der NZZ «für kompetente Wirtschaftsbücher». Da ist sprachlich etwas schiefgegangen. Aber weshalb?

Man kann von wichtigen, interessanten, guten, ja durchaus auch von klugen Büchern reden. Im letzteren Fall durchdringt die Klugheit der Autorin den Inhalt und macht das Werk zu einem «klugen Buch». Wer sich so ausdrückt, weiss allerdings um den rhetorischen Wechsel der Ebenen, den er da unter der Hand mit etwas Taschenspielerei vollzieht. Es ist ja nicht das gebundene Stapelchen Papier, dem er da Klugheit zuschreibt, sondern er meint das Buch als Medium des geistigen Austausches und mithin als Begegnung mit den Gedanken einer klugen Person.

Wird in dieser rhetorischen Konstruktion «klug» durch «kompetent» ersetzt, so stürzt die Spielerei ab. Kompetenz meint die Befähigung oder Ermächtigung zu einem Handeln. Verfasser ökonomischer Literatur sollen selbstverständlich über Fachkompetenzen verfügen. Was sie in ihren Büchern niederlegen, ist aber nicht «Kompetenz» im oben umschriebenen Sinn. Fachbücher vermitteln lediglich Grundlagen, die den Lesern zum Erwerb oder zur Erweiterung persönlicher Fachkompetenzen verhelfen sollen.

Das kompetente Wirtschaftsbuch erinnert an Robert Musils «Mann ohne Eigenschaften». Im 13. Kapitel des Riesenwerks stolpert Ulrich, der Held des Romans, über den Ausdruck «das geniale Rennpferd». In Ulrich reift die Erkenntnis, dass in einer Zeit, die das Geniale derart banalisiert, er wohl oder übel ein Mann ohne Eigenschaften ist. Es ist zu befürchten, dass angesichts inflationären Gebrauchs des Kompetenzbegriffs man sich heute klugerweise als Mann ohne Kompetenz bezeichnen sollte.

Schwieriges Wort, "Kompetenz".

Grundsätzlich wird es mit 3 Bedeutungen relevant verwendet, die alle ebenfalls Homonyme haben ... in allen Sprachen.

Eines ist klar: "Kompetenz" ist immer ein menschliches Attribut, welches z.T. auch auf Institutionen übertragbar ist, zumindest in Bedeutungen 1 und 2.
Bücher können - als Gegenstand - keine Kompetenz haben.
Und "klug" können Bücher auch nicht sein ... höchstens "klug" geschrieben. Davon gibt es aber so wunderbar viele ...

Bücher als "kompetent" zu deklarieren ist sicher nur ein Auswuchs mehr, der durch Medien-Krankheiten hervorgerufenen Verflachung von Ausdrucksfähigkeit ... und damit unausweichlich ... vom Denkvermögen derer die lesen und schreiben.

Also ... was verflachte zuerst? Die Medienlandschaft, oder die Wesen die sie gedankenlos herstellen bzw. konsumieren? Ist es überhaupt das Ziel von Medien "klug" zu sein ... andere gar erst klug zu machen? Hingegen ... das von vielen Autoren schon!

Sagen Sie allen den Kampf an, die Medien, Internet und deren Kraken geistige Eigenschaften zusprechen.
Nennen sie Autoren, nicht Verteilungswege.
Das macht die Kompetenz von menschlichen Gesellschaften aus ... in allen 3 Bedeutungen.

Deshalb: danke Urs Meier!

Anlage:
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Ein Auszug aus unserer Übersetzungs-Datenbank:
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DE 1.Befugnis
ES 1. atribución
IT 1. competenza
EN 1. authority
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DE 2. Zuständigkeit
ES 2. incumbencia
IT 2. spettanza
EN 2. competence
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DE 3. sachliche/mentale Fähigkeiten/Fertigkeiten
ES 3. competencia , capacidad
IT 3.conoscenze, capabilitá
EN 4. competence, capability

Bravo, gut argumentiert!

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