Die jüdische Gemeinde Frankreichs - bedingungslos für Israel

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Die jüdische Gemeinde Frankreichs - bedingungslos für Israel

Von Hans Woller, 14.02.2011

In Frankreich lebt, mit rund 600 000 Mitgliedern, die grösste jüdische Gemeinde Europas. Im Laufe des letzten Jahrzehnts hat sie sich immer mehr zu einer bedingungslosen Unterstützerin Israels gewandelt. Dies bleibt im französischen Alltag und in den gesellschaftlichen Diskussionen nicht ohne Auswirkungen – auch, was die Haltung des einen und der anderen zu den Ereignissen in Tunesien und Ägypten angeht.

„In Paris schweigt die Intelligentsia“ - so überschrieb die Abendzeitung ‚Le Monde‘ letzte Woche einen Artikel auf ihrer dritten Seite. Der Autor versuchte herauszufinden, wie das ohrenbetäubende Schweigen der französischen Vorzeigeintellektuellen zu den Ereignissen in Tunesien und Ägypten zu erklären sei - die absolute Diskretion dieser besonders im Ausland immer noch ernst genommenen Medienstars. Sie sind sonst stets bereit, Freiheit und Demokratie, oft mit gehörigem Pathos, gegen die Tyrannei zu verteidigen. Allerdings nur, wenn es um Freiheit und Demokratie in Osteuropa oder im Iran, in Burma oder in China geht.

Höllische Angst vor dem Islamismus

Seit Mitte Dezember hat es ihnen aber beim Blick über das Mittelmeer ganz offensichtlich die Sprache verschlagen. Der Autor des Le Monde-Artikels liess gleich zu Anfang einen Soziologen und einen Philosophen zu Wort kommen, um durchblicken zu lassen, was er, der Autor selbst, sagen wollte. „ Dieses Schweigen“, so wird der Soziologe Remy Rieffel zitiert, „ist nicht normal. Aber es erklärt sich aus der Tatsache, dass die Ereignisse in Tunesien und Ägypten für viele unserer Intellektuellen unangenehm sind.

„Unangenehm?" Der Philosoph und Essayist Regis Debray, vor Jahrzehnten vorübergehend Weggefährte von Che Guevara, wurde ein wenig deutlicher: „Was kann man von Leuten erwarten, die ihre Ferien in ihren Riads in Marrakech verbringen oder in Luxushotels in Tunesien oder Ägypten? Sie sind wie gelähmt , weil sie eine höllische Angst vor dem Islamismus haben und weil sie nicht wissen, was sie von Volksbewegungen halten sollen, die früher oder später ein Risiko darstellen, weil sie sich gegen Israel wenden könnten.“

Schutz Israels vor jeder öffentlichen Kritik

In der Tat war etwa die erste, knappe Reaktion des Philosophen Alain Finkielkraut zu den Ereignissen in Ägypten ausschliesslich von der Sorge um die Konsequenzen für Israel bestimmt, wobei er ganz nebenbei anmerkte, dass die Ägypter nicht wirklich die Demokratie im Blut hätten und deswegen nicht so recht wüssten, was damit anfangen, es sei denn, das Schlimmste aus der Sicht Israels.

Der Schutz Israels allgemein und der Schutz des jüdischen Staates vor jeder öffentlichen Kritik in Frankreich hat im Denken und Handeln etwa der beiden medialen Philosophen Bernard-Henri Levy und Alain Finkielkraut mittlerweile seit Jahren oberste Priorität.

Dies bekam nun auch Frankreichs derzeit berühmtester, alter Mann zu spüren, der 93jährige Stéphane Hessel, von dessem kleinen Bändchen mit dem Titel „Empört Euch“ in Frankreich eine Million Exemplare verkauft wurden.

Die halbe jüdische Gemeinde fällt über Stephan Hessel her

Stéphane Hessel hat in diesem mittlerweile weltbekannten Text zwei Seiten der Situation im Gaza-Streifen gewidmet, über die er gründlich empört ist. Bei dieser Gelegenheit hat er Gaza "ein Gefängnis unter freiem Himmel" genannt . Das haben schon viele vor ihm so gesagt, auch Juden aus der Diaspora und, letzten Sommer, der britische Premier, David Cameron. Da Stéphane Hessel aber gleichzeitig auch noch die internationale Boykottbewegung israelischer Produkte aus den besetzten Gebieten unterstützt, hat er sich nicht nur den Zorn von Bernard Henri Levy und Alain Finkielkraut zugezogen, sondern man hat den Eindruck, die halbe jüdische Gemeinde Frankreichs fällt über ihn her.

Hessels Vater, der Schriftsteller Franz Hessel, war Jude gewesen, Hessel selbst ein halbes Jahrhundert mit einer aus Russland stammenden Jüdin verheiratet.

Trotzdem musste er sich jetzt von Alain Finkielkraut quasi des Antisemitismus bezichtigen lassen. Andere namhafte Journalisten oder Wissenschaftler aus der jüdischen Gemeinde Frankreichs gingen sogar noch deutlich weiter - so weit, Hessels Vergangenheit als Widerstandkämpfer in Zweifel zu ziehen.

Sie strichen heraus, dass er als politischer und nicht als jüdischer Häftling im KZ Buchenwald war und suggerierten so, er habe, dank seiner Deutschkenntnisse in Buchenwald die Rolle eines Kapos gehabt und deswegen überlebt.

Kein Aufschrei gegen so viel empörende Unappetitlichkeit

Pierre Andre Taguieff, Philosoph und Historiker, immerhin Direktor am Nationalen Wissenschaftlichen Forschungszentrum (CNRS), verstieg sich sogar dazu zu schreiben, man müsse „den Kopf der giftigen Schlange Hessel zertreten“. Das Erstaunlichste, ja Erschreckende bei so viel empörender Unappetitlichkeit: es gab hinterher keinen Aufschrei der Entrüstung, kaum Protest im Land gegen so viel Unflätiges.

Nur weil da in Frankreich mit der Person des Stéphane Hessel eine Art moralische Autorität aufgestanden ist, die nebenbei auch noch ein paar Wahrheiten über Israels Umgang mit den Palästinensern sagt, zieht die jüdische Gemeinde im Land alle Register und versucht, mit fast allen Mittel, das Monument Stéphane Hessel vom Sockel zu stürzen.

Stephane Hessel wird zensiert

Dazu leistet der "Repräsentative Rat der jüdischen Institutionen Frankreichs" (CRIF) einen entscheidenden und nicht sehr rühmlichen Beitrag. Diese Institution hat sich in den letzten 10 Jahren zu einem unbedingten und unkritischen Sprachrohr Israels in Frankreich verwandelt.

Es gab Zeiten, unter dem hochgeschätzten, langjährigen Präsidenten des CRIF, Theo Klein, da wurde in dieser Institution über die Palästinenserfrage noch kontrovers diskutiert. Nicht jeder, der eine abweichende Meinung hatte, wurde automatisch, wie das heute der Fall ist, auch und gerade von international bekannten Persönlichkeiten wie Serge Klarsfeld oder Claude Lanzmann, als Feind Israels, ja als Feind der Juden an den Pranger gestellt.

Nun hat es dieser „Repräsentative Rat der jüdischen Institutionen Frankreichs“ gar geschafft, Stéphane Hessel das Wort zu verbieten und brüstet sich auch noch damit. Der Rat feiern diesen klaren Verstoss gegen das Grundrecht der Rede- und Versammlungsfreiheit öffentlich als Sieg.

Unkritisches In-Schutz-Nemen Israels

Der Druck des CRIF reichte aus, damit die Hochschulministerin die Direktorin der Elitehochschule Ecole Normale Sup, Monique Canto-Sperber, anwies, eine Diskussionsveranstaltung zu verbieten, bei der Stephane Hessel – der 1937 selbst an dieser Universität studiert hatte - und einige andere über die Zustände in Gaza informieren wollten.

In der Leserzuschrift einer Tageszeitung erinnerte jemand daran, dass an dieser Ecole Normale Sup sogar während des Algerienkriegs Konferenzen abgehalten werden konnten, bei denen die Teilnehmer auf dem Podium damals zum Teil ganz offen für die Unabhängigkeit Algeriens eintraten. 50 Jahre später kann am selben Ort eine simple Podiumsdiskussion zur Situation im Gazastreifen aus angeblichen Sicherheitsgründen nicht stattfinden.

Ein derartiges, bedingungsloses und unkritisches In-Schutz-Nehmen Israels durch die jüdischen Institutionen hierzulande, unterstützt von französischen Regierungskreisen, ist für das Zusammenleben der Menschen in Frankreich aber nicht ganz unproblematisch, ja es sorgt sogar für reichlich Sprengstoff.

**Sarkozy, der Freund Israels

Niemand kann übersehen, dass es mehr als 5 Millionen Franzosen gibt - Franzosen und nicht Ausländer - die nord- oder schwarzafrikanischer Abstammung sind. Diese haben auch mitbekommen, dass Frankreichs Politik im Nahostkonflikt sich seit der Machtübernahme durch Nicolas Sarkozy deutlich geändert hat. Frankreichs Präsident lässt keine Gelegenheit aus, sich als Freund Israels zu präsentieren. In Frankreich selbst nimmt er, entgegen der Gewohnheiten seiner Vorgänger, zum Beispiel regelmässig am alljährlichen, feierlichen Gala-Diner des oben genannten CRIF statt. Dieses Jahr hat er dort sogar eine Rede gehalten.

Es ist nicht abzustreiten, dass das Zusammenleben zwischen französischen Juden und Franzosen nordafrikanischer Abstammung in den letzten zwei Jahrzehnten problematischer geworden ist; die Spannungen haben zugenommen.

Seit der ersten Intifada ist der Nahostkonflikt ganz eindeutig nach Frankreich hereingeschwappt, und die Zahl antisemitischer Gewalttaten und Delikte ist beträchtlich gestiegen. Dieser Antisemitismus ist im wesentlichen in Frankreichs Vorstadtghettos mit überwiegend muslimischer Bevölkerung beheimatet.

Kein Holocaust-Unterricht in Vorstadt-Schulen

In vielen Schulen dieser Vorstädte sind zum Beispiel keine Klassenfahrten in ehemalige Konzentrationslager mehr möglich wegen provozierendem, unflätigen Verhalten vieler Schüler vor Ort. Schlimmer noch: es gibt in den Vorstadtghettos Lehrer, die verzichten darauf, das Thema Holocaust im Unterricht überhaupt zu behandeln, weil es angesichts des Klimas in der Klasse sinnlos wäre oder sie einfach Angst haben.

Diese erschreckenden Tatsachen nur theatralisch anzuprangern, wie dies z.B. der Philosoph Alain Finkielkraut nun seit Jahren tut, hilft nicht wirklich weiter. Zumal wenn man die Frage schlicht nicht zulässt, ob Israels jahrzehntelange, kompromisslose Politik gegenüber den Palästinensern und die bedingungslose Solidarität der jüdischen Gemeinde Frankreichs mit dieser Politik, nicht auch Gründe sein könnten für derartige Entwicklungen

Man war schockiert, als man jüngst auf der Strasse und danach in einer Metro-Station kurz hintereinander hörte, wie jeweils zwei französische Jugendliche nordafrikanischer Abstammung ganz offen und ungeniert von "dreckigen Juden" sprachen.

Man war aber auch konsterniert, wie Textilhändler im jüdischen Viertel von Paris an der Theke eines Bistrots sich geradezu höhnisch lustig machten über die internationale Empörung nach der israelischen Militäraktion gegen die Solidaritätsboote für Gaza. Die sollen sich nicht so anstellen, war da zu hören. Die neun Toten? Eine Quantité négligeable. Und dies wurde gesagt im Brustton der Gewissheit, dass man, ob im Nahen Osten oder hier in Frankreich, zu den Stärkeren gehört.

Diesen Herren an der Bistrot-Theke war in den letzten Jahren mit Sicherheit nicht entgangen, dass Frankreichs Präsident, der deklarierte Freund Israels, es ohne mit der Wimper zu zucken wiederholt zugelassen hat, dass französisches Botschafts- und Konsulatspersonal von israelischen Grenzposten am Gaza Streifen mutwillig bis zu 48 Stunden lang festgehalten und schlecht behandelt wurde. Frankreich hat deswegen nicht einmal offiziell protestiert oder gar den israelischen Botschafter in Paris einberufen...

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Das schmerzhafte Berühren alter nicht verheilter Wunden tut immer noch vielen weh. Die langsam aussterbende Generation des Schreckens reagiert neuralgisch auf jedes herantasten. Die lange zur Verfügung stehende Zeit die Problematik vernünftig anzugehen wurde verpasst. Jetzt steht man wieder Unsicherheiten und Bedrohungen gegenüber die diesen alten berechtigten Ängsten zum Auftrieb verleiht. Das ist nun sicher nicht die Zeit um sich in Vorwürfen und "man hätte halt" zu balgen. Existenzielle Bedrohungen können nur durch eindeutiges unzweifelhaftes Zusammenhalten in Schach gehalten werden. Die neuen Entwicklungen die kürzlich ihren Anfang nahmen müssen zuerst analysiert und auf Bedrohung geprüft werden. Das was Europäer den Juden in der Vergangenheit angetan haben, erklärt unzweifelhaft ihren Wunsch nach absoluter Solidarität.....die wir unbedingt geben sollten. Den Umgang mit den in der Vergangenheit schwerst Traumatisierten müssen wir noch lernen. Das macht Monsieur Sarkozy richtig.

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