„Die Jihadisten werden in Mosul sterben“

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„Die Jihadisten werden in Mosul sterben“

Von Arnold Hottinger, 14.03.2017

Das Schlimmste bei der Eroberung der nordikrakischen Stadt steht noch bevor. Die syrische IS-Hochburg Raqqa ist eingekesselt.

Irakische Truppen haben mit amerikanischer Unterstützung seit Anfang März einen Drittel der westlichen Stadtteile von Mosul erobert. Dies bestätigen sowohl irakische als auch amerikanische Quellen. Die östlichen Stadtteile jenseits des Tigris waren schon Ende Januar eingenommen worden. Doch die Innenstadt, die auf der Westseite liegt, befindet sich noch immer in den Händen des „Islamischen Staats“ (IS).

Ihre Einnahme gilt als der schwierigste Teil der Belagerung, weil in den engen Gassen der Altstadt keine gepanzerten Fahrzeuge zirkulieren können und weil dort um jedes Haus und um jede Strasse gekämpft werden muss. Die IS-Kämpfer beschiessen die Angreifer aus Häusern und von Hausdächern aus. Überall werden Sprengfallen gelegt, in Autos werden Bomben gezündet, und Drohnen werfen über den irakischen Angreifern explodierende Handgranaten ab. Aus unterirdischen Gängen, die der IS angelegt hat, tauchen die Kämpfer plötzlich auf und fallen den angreifenden Irakern in den Rücken.

Sorgen um die Zivilbevölkerung

Man schätzt, dass sich noch immer bis zu 600‘000 Zivilpersonen in den vom IS gehaltenen Stadtteilen befinden. Die Zahl der Flüchtlinge wächst, allein in der letzten Woche sollen 45‘000 in jene Teile der Stadt geflohen sein, in denen noch nicht gekämpft wird. Doch der Eindruck herrscht vor, dass die zivilen Bewohner der Stadt ihre Wohnungen erst verlassen, wenn sie durch das Vorrücken der Front bis zu ihren Wohnungen hin dazu gedrängt werden. Zudem zwingt der IS die Zivilbewohner in ihren Häusern auszuharren, als Schutzschild gegen Luftangriffe und Artilleriebeschuss.

Viele Bewohner flüchten auch deshalb nicht, weil die Flucht grosse Risiken in sich trägt. Zudem wissen die Zivilisten, dass sie nach gelungenem Ausbrechen aus der Stadt in überfüllte Lager in der Wüste gedrängt werden, dorthin, wo die Versorgung mit Nahrung und Wasser nur spärlich ist – und dies alles mit ungewissen Aussichten, die eigenen Wohnstätten je wieder zu sehen.

„Sie werden in Mosul sterben“

In der Altstadt von Mosul sollen sich nur noch einige tausend IS-Verteidiger verschanzt haben. Sie sind völlig von der Aussenwelt abgeschnitten, wie der Koordinator der amerikanischen Hilfsaktionen, Brett Mc Gurk, erklärte. Ziel der Amerikaner sei es, sagte er, dass die Umzingelung der Stadt dicht bleibe, so dass die IS-Kämpfer Mosul nicht mehr verlassen könnten. „Sie werden in Mosul sterben, denn sie sind dort eingeschlossen“, erklärte er.

Das Problem ist, wie kann man vermeiden, dass auch Tausende Zivilisten ebenfalls sterben. Abu Bakr al-Baghdadi, der Anführer des „Islamischen Staats“ ist es laut amerikanischen Angaben gelungen, Mosul rechtzeitig zu verlassen, anscheinend in Richtung Tell Afar. Heute ist die Strasse dorthin nicht mehr offen.

Karte: Journal21.ch/stepmap.de
Karte: Journal21.ch/stepmap.de

Weiträumige Isolierung von Raqqa

Die gleiche Belagerungstaktik wie im irakischen Mosul wird auch in Raqqa angewandt, der syrischen Hauptstadt des IS. Doch die dortige Offensive ist noch weniger weit gediehen. Die Angreifer sind erst dabei, die Stadt weiträumig zu umzingeln und sie zu isolieren. Die letzte grosse Ausfallstrasse aus Raqqa, die nach Süden in die Nachbarprovinz von Deir az-Zor führte, ist seit einigen Tagen abgeriegelt.

Die Provinz Deir az-Zor befindet sich fast völlig in den Händen des IS. Nur die gleichnamige Hauptstadt der Provinz ist geteilt. Die umzingelte syrische Armee hält seit Jahren den dortigen Flughafen und anliegende Teile der Stadt. Die syrischen Soldaten können einzig aus der Luft versorgt werden. Der IS hat mehrmals versucht, die Positionen der Armee einzunehmen, jedoch ohne Erfolg. Die eigene und die russische Luftwaffe kommen den syrischen Truppen zu Hilfe, wenn der IS versucht, sie vom Flughafen zu vertreiben.

US-Unterstützung für die Kurden

Die Bodentruppen, die sich im Vormarsch auf Raqqa befinden, werden offiziell als die SDF bezeichnet (für: „Syrische Demokratische Kräfte“). Diese von Kurden dominierten Milizen bestehen aus syrisch-kurdischen Kämpfern der YPG („Volksverteidigungseinheiten“) und arabischen Hilfstruppen, die von den YPG-Mannschaften ausgebildet wurden. Die Amerikaner unterstützen sie, nicht nur aus der Luft, sondern auch mit einigen Artillerieeinheiten der „Marines“ am Boden. Dies sind die ersten amerikanischen Bodentruppen, die in Syrien zum Einsatz kommen.

In den USA wurde bekannt, dass Trump vom Pentagon Pläne angefordert hat, die dazu dienen sollen, den Kampf gegen den Terrorismus in Syrien und im Irak zu beschleunigen. Doch wie diese Pläne aussehen könnten, ist noch nicht bekannt. Unklar ist auch, ob und in welcher Form Trump sie annehmen und eventuell realisieren wird. Der gegenwärtige Einsatz der amerikanischen Bodentruppen in beiden Ländern erfolgt noch im Rahmen der von Obama gesetzten Grenzen und Sondererlaubnisse für vorübergehende Ausnahmefälle.

Kampf um das syrische Membidsch

Auch nahe der syrischen Stadt Membidsch (auch Manbij und ähnlich geschrieben) ist amerikanisches Bodenpersonal im Einsatz. Amerikanische Panzer, Panzerfahrzeuge und gepanzerte Mannschaftswagen mit amerikanischer Flagge patrouillieren dort. Sie sollen laut amerikanischen Angaben dafür sorgen, dass die von den Türken eingesetzten und unterstützten Einheiten der FSA („Freie Syrische Armee“) nicht mit den von den syrischen Kurden unterstützten SDF (Syrischen Demokratischen Kräften) zusammenstossen, „sondern statt dessen gegen den IS kämpfen“.

Die von Erdoğan als „Euphrat Schild“ bezeichnete Offensive hatte zunächst die Stadt al-Bab zum Ziel. Nach ihrer Eroberung will sich nun Erdoğan Membidsch bemächtigen. Doch die Stadt wird von einer Verteidigungsjunta beherrscht, die gelobt hat, sie werde die Türken und ihre Verbündeten die Stirn bieten.

Membidsch, dem IS entrissen

Die Verteidigungsjunta dürfte aus Kämpfern der Syrisch Demokratischen Kräfte SDF bestehen, die von den kurdischen GPY ausgebildet und eingesetzt wurden, bevor diese Membidsch verliessen. Die Kurden und ihre arabischen Hilfskräfte der SDF hatten die Stadt im vergangenen September mit Hilfe der amerikanischen Luftwaffe in schweren Kämpfen dem IS entrissen. Die kurdischen YPG haben sich über den Euphrat nach Osten zurückgezogen.

Für die Türkei sind die YPG gleichzusetzen mit der PKK, gegen welche Ankara einen bitteren Krieg führt. Die SDF ihrerseits gelten den Türken nur als eine Verkleidung der YPG. Alle drei sind für Ankara „Terroristen“, gleich verdammenswert wie der IS. Doch die YPG und ihre Schöpfung, die SDF, sind für die Amerikaner die entscheidenden Verbündeten gegen den IS. Sie liefern die Truppen, die mit amerikanischer Unterstützung gegen Raqqa vorgehen. Ohne sie gäbe es keine Offensive auf Raqqa.

Ankara allerdings erklärt sich bereit, die Führung der Offensive gegen Raqqa zu übernehmen – vorausgesetzt allerdings, dass die syrischen Kurden und deren Freunde, die SDF, ausscheiden. Es ist unwahrscheinlich, dass die USA dem zustimmen. Doch weil Trump in Washington regiert, kann man es nicht ganz ausschliessen. Offenbar muss er in Bezug auf den syrischen und den irakischen Krieg seine Positionen noch definieren – falls er sich überhaupt je eindeutig festlegen sollte.

Russland setzt Grenzen

Bei der Membidsch-Frage befinden sich die Russen in einem Dilemma. Präsident Asad, ihr Partner und Schützling, hat sich klar gegen die Präsenz türkischer Truppen auf syrischem Territorium gestellt. Doch anderseits arbeitet Russland mit der Türkei zusammen, und zwar, wie es heisst, „für einen Waffenstillstand und für Frieden in Syrien“. Zunehmend dehnt sich die russisch-türkische Zusammenarbeit auch auf wirtschaftliche und politische Bereiche aus. Soeben wurde in Moskau bestätigt, dass Erdoğan und Putin ihre früheren Differenzen „endgültig“ bereinigt und beseitigt hätten.

Man kann annehmen, dass beide Partner beschlossen haben, in jenen Bereichen, in denen sie nicht wirklich übereinstimmen, die Dinge auf sich beruhen zu lassen. Dazu gehört Membidsch und seine pro-kurdische Verteidigungsjunta.

Russland hat darauf hingewirkt, dass an der türkischen Front die syrische Armee eine eigene Zone eingerichtet hat, die sie jetzt kontrolliert. Damit wird Membidsch von einem türkischen Angriff abgeschirmt. Damit auch hat Russland klargemacht, wo es die Grenzen der türkischen „Euphrat Schild“-Offensive sieht.

Kommentare

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Syrien und Irak kurz: Der Staatszerfall ist die einzige Lösung. Ein Kurdenstaat, ein Staat für Sunniten, ein Staat für Schiiten. Nach diesen Blutbädern hat Multikulti dort nicht die geringste Chance.

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