Die halbe Wahrheit

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Die halbe Wahrheit

Von Martin Kreutzberg, 07.05.2018

„Wir Ostdeutschen haben uns unsere Freiheit selbst erkämpft“, so einer der Slogans, mit dem gegenwärtig von rechtskonservativer Seite in Deutschland an die Gefühle der Menschen in Sachsen oder Mecklenburg appelliert wird.

Mit grossem Erfolg, wie man spätestens seit der letzten Bundestagswahl weiss. Nun wird niemand den Mut und das Engagement jener Menschen negieren, die im Herbst 1989 in der DDR zu Tausenden auf die Strasse gingen und ihrem Staat den letzten Stoss versetzten.

Doch das ist eben nur die halbe Wahrheit. Denn die Menschen in der DDR trafen mit ihren Protesten im Herbst 1989 auf einen Staat, der vor dem Ruin stand. Seine staatlich gelenkte Wirtschaft mit ihren Fünf- und Siebenjahresplänen erwies sich mehr und mehr als unfähig.

Graue Tristesse

Für den Unterhalt des „antifaschistischen Schutzwalls“, der Mauer, für „medizinisch unterstützende Massnahmen“ im Leistungssport oder Grossparaden vor dem Palast der Republik reichte es zwar noch, aber ansonsten war der desolate Zustand des Landes, sein Niedergang überall zu sehen: Der Prenzlauer Berg in Ost-Berlin, eine einzige graue Tristesse, übertroffen nur noch von den bröckelnden Häuserfassaden in den sächsischen Kleinstädten.

Und er war zu riechen: das Flüsschen Pleisse in Leipzig eine stinkende, blubbernde Kloake, in Böhlen und Bitterfeld konnte die Wäsche zum Trocknen nicht mehr im Freien aufgehängt werden, weil sie innerhalb kurzer Zeit sonst schwarz geworden wäre, die Luft kaum noch zu atmen, verpestet von den Emissionen der Zweitaktmotoren und der Brikettfabriken …

Das Niveau prämonetären Tauschhandels

1989 war die DDR praktisch insolvent. Dabei hatte man alles versucht: sich bis über beide Ohren bei westlichen Banken verschuldet, Menschen gegen harte Währung verkauft, Häftlinge in den Zuchthäusern für internationale Firmen arbeiten lassen, alles, was nicht niet- und nagelfest war, verhökert – Antiquitäten und selbst die Pflastersteine der alten Alleen –, in Zürich die Firma „Palatinus“ gegründet, über die DDR-Bürger gegen Westgeld all das kaufen konnten, was für die „Aluchips“, wie Bevölkerung die eigene Währung despektierlich nannte, in ihrem Land kaum erhältlich war …

Jedoch, trotz aller Mühe: Es reichte hinten und vorne nicht. Und als der grosse Bruder Sowjetunion dann Rohstoffe nur noch zu Weltmarktpreisen zu liefern begann, stand die DDR-Wirtschaft – nicht konkurrenzfähig auf dem Weltmarkt und auf das Niveau prämonetären Tauschhandels herabgesunken – kurz vor dem Kollaps. Nun schmolz die Autorität des Staates von Monat zu Monat wie Butter in der Sonne.

Demütigung

Nur gut zehn Jahre vorher hatte die Staatsmacht auf die „Bitte“ vieler Künstler, die Ausbürgerung von Wolf Biermann „zu überdenken“ noch mit der üblichen Härte reagieren können: Die Prominenten unter ihnen wurden ermahnt oder wie die Schauspieler Armin Müller-Stahl oder Manfred Krug zur Ausreise gedrängt, die anderen erhielten Berufsverbote oder Haftstrafen. Ende der achtziger Jahre dagegen waren „Partei und Regierung“ der DDR zu solchen Reaktionen schlicht nicht mehr in der Lage.

Augenscheinlich wurde das am 1. Oktober 1989, als der erste Zug mit den Botschaftsflüchtlingen aus Prag durch Dresden nach Hof in Bayern fuhr. Eine Demütigung. Spätestens nun war klar, dass der Staat DDR am Ende war. Jetzt nahmen die Proteste der Menschen in Leipzig, Berlin oder Plauen Massencharakter an und gaben der taumelnden DDR den Rest.

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