Die Grundwelle des Aufruhrs

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Die Grundwelle des Aufruhrs

Von Franz Derendinger, 06.06.2018

Die Bewegung von 1968 hat viele Gesichter. In ihr war die Gesellschaft angelegt, in der wir heute tatsächlich leben. – Ein grosses Tableau der folgenreichen Jahre.

Der Aufruhr von 1968 lässt sich definitiv nicht im Rahmen einfacher Kausalitätslinien erklären; es liegt ein breites Bündel von Ursachen vor, denen eine einheitliche Ausrichtung fehlt und die dennoch im Gesamt auf eine tiefgreifende gesellschaftliche Erschütterung hingewirkt haben: Da sind einmal der gestiegene Wohlstand und die dadurch aufgereizten Erwartungen der Jüngeren; diesen Ansprüchen wiederum stand die Prägung der Elterngeneration entgegen, eine Prägung, die im Übrigen auch die weitere Entfaltung der wirtschaftlichen Potentiale behinderte.

Da sind ferner die Aufwallungen in der adoleszenten Befindlichkeit, auf der anderen Seite die Marktmechanismen, welche sie aufnahmen, verwerteten und gerade dadurch verstärkten. Auch schon vor dem Sturm hatte es zudem eine ideelle Gegenwelt gegeben, Leitvorstellungen einer liberalen Moderne, welche vorwiegend bei Künstlern oder Intellektuellen zirkulierten und die zu einer gesellschaftskritischen Haltung anleiteten. Nicht zuletzt wurden die Gemüter durch zeitgeschichtliche Ereignisse bewegt – allem voran den Vietnamkrieg –, die sich punktuell als Kristallisationskerne des Protests anboten.

Sowenig sich ein einheitlicher Grund für das Beben findet, so wenig innere Einheit kam der Revolte selbst zu; die gestaltete sich eben keineswegs monolithisch, verfolgte keine eindeutigen Ziele, benutzte keine einheitlichen Ausdrucksmittel. Das war primär Bewegung, eine Welle eben mit ihren inneren Brechungen.

Natürlich, wenn wir spontan Erinnerungen Revue passieren lassen, so drängen sich zunächst Bilder eines gewaltsamen Protests in den Vordergrund, Bilder von grimmig-bärtigen Revoluzzern, die Fäuste und Transparente schwingen, auf denen nicht weniger gefordert wird als die Abschaffung des Systems. Aber das ist längst nicht alles, daneben gab es die Hippies, „All you need is love“ als Motto, Blumen im Haar und Romantik im Herzen, der Gewalt gänzlich abhold. Und da waren schliesslich, vom Medienspektakel, das 68 auch war, weitgehend aussen vor gelassen, die Heerscharen ganz normaler Kids, die nie an das grosse Ausbrechen dachten, aber sehr wohl die Symbole des Protests als Accessoires benutzten und ihnen gerade so Breitenwirkung, auf längere Frist sogar Akzeptanz verschafften.

Nicht zu vergessen ist schliesslich eine letzte Fraktion: die dezidierten Anti-68er unter den Jüngeren. Es mag befremden, auch die Reaktionäre der Revolution zurechnen zu wollen, doch in aller Regel wird die Reaktion von dem, was sie bekämpft, mehr geprägt als ihren Anhängern lieb ist. Auch in der Nachkriegsgeneration gab es natürlich Jugendliche, die sich mit den Werthaltungen der Eltern identifizierten, sie fühlten sich entsprechend von der ausufernden Anarchie abgestossen und wurden gerade deshalb auf das Gespenst der Revolution fixiert – bis auf den heutigen Tag. Diese Gruppe verbindet jedoch zweierlei mit dem verhassten 68: Zum einen lässt sich die fraglose Selbstverständlichkeit der alten bürgerlichen Werte auch durch engagierteste Missionsarbeit nicht wieder herstellen, zum andern haben sie die frechen Methoden der damaligen Protestler in der eigenen politischen Propaganda ziemlich ungeniert kopiert. Auch sie bringen den Geist, den die 68er freigesetzt haben, nicht mehr zurück in die Flasche, so sehr sie sich an diesem Projekt abarbeiten.

Ikonen der ersten Stunde

Beginnen wir mit den Anfängen, den allerersten Ikonen der Jugendkultur: Da ist natürlich Elvis, der mit Haartolle, engen Jeans und leicht geplustertem Lumber stilprägend wurde, wobei er vor allem mit seinem Hüftgewackel Hysterie auslöste – nicht nur bei den Teeniegirls übrigens, sondern auch bei vielen selbsternannten Hütern der Moral, die hinter solcher Freizügigkeit der Bewegung kommunistische Umtriebe witterten. Elvis’ zentrale Botschaft zielte in der Tat auf die Befreiung des Körpers aus einer verordneten Steifheit; damit sprach er ohne Zweifel die aufquellende Sinnlichkeit von Teenagern an, doch mit Politik hatte er nichts am Hut und war sich auch kaum der sozialpolitischen Dimension bewusst, welche die Aufnahme schwarzer Musik in seinen Sound tatsächlich hatte. Elvis brach zwar mit bestimmten Regeln des damaligen Anstands, mit Vorgaben des Ansichhaltens, die der sexuellen Ausschweifung vorbeugen sollten; aber er selbst verstand sich keineswegs als Protestler und blieb persönlich der Bindung an seine Herkunft in geradezu tragischer Weise verhaftet.

Der damalige Pegelstand des jugendlichen Aufbegehrens spiegelt sich auch in einem Film, der etwa zur gleichen Zeit wie Elvis Furore und dabei James Dean zur Ikone machte: „Rebel without a cause“ (1955) von Nicolas Ray. Hier steht ein Teenager im Mittelpunkt, dem das Ende einer behüteten Kindheit ziemlich zusetzt. Erschwert wird seine Lage durch die familiären Verhältnisse, primär durch den schwachen Vater, der als männliches Rollenvorbild nicht taugt; hinzu kommt der Umstand, dass er sich nach einem Umzug der Familie in einer neuen Peergroup Anerkennung verschaffen muss. Das geht nur über Mutproben, welche in den Augen von Erwachsenen als völlig sinnlose Abenteuer erscheinen: über einen Messerkampf etwa und schliesslich über das fatale „chickenrace“, bei dem Jims Kontrahent sein Leben verliert.

Nicolas Ray hat in diesen Film alle Ingredienzien der juvenilen Übergangszeit gepackt: die Verwirrung des Jugendlichen, der nach einer neuen Identität suchen muss, den Druck durch ein ängstlich-überbehütendes Elternhaus, das keine Orientierung mehr bietet, zuletzt die Gruppe Gleichaltriger, vor der man bestehen muss, um eine Partnerin oder einen Partner zu finden. Dabei nimmt der Film konsequent Partei für die Jugendlichen, hat denen den Rücken gestärkt und damit gewiss frechere Formen im Umgang mit den Erwachsenen lanciert. Aber der Protest bleibt weitgehend in der Familie; er erstreckt sich noch kaum auf gesellschaftliche Autoritäten. So ist beispielsweise der Kommissar, der Jim nach einer Festnahme wegen Trunkenheit vernimmt, als sympathisches Gegenmodell zum schwachen Vater gezeichnet.

Die Jugendkultur der Fünfziger unterstützt die Teens bei ihrer Abnabelung, ermutigt sie, ihre Bedürfnisse gegen elterliche Verbote durchzusetzen, und hat so sicher eine gewisse Unbotmässigkeit befördert; die mag konservativen Lehrern oder Lehrmeistern gelegentlich aufgestossen sein, aber eine fundamentale Verweigerung wie später in den Sixties war das noch nicht. Selbstverständlich gab es Radikaleres auch damals schon: die Beatniks etwa, Jack Kerouac, der in „On the Road“ (1957), das ziellose Herumstromern und ein Leben hart an der Kante verherrlicht; aber das bleibt vorerst Subkultur im wörtlichen Sinne und findet bezeichnenderweise erst im folgenden Jahrzehnt breitere Beachtung, als der Hang schon wesentlich weiter ins Rutschen geraten war.

Wenn wir die Protestformen der ersten Stunde betrachten, die Selbstinszenierung der „Halbstarken“, so geht es dabei eigentlich primär darum, sich Genüsse anzueignen, die bis dahin den Erwachsenen vorbehalten waren. Knutschen oder Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit, das Herumbrausen mit mehr oder weniger schwer motorisierten Zweirädern. Damit machten die Jungen klar, dass sie den Kinderschuhen sowie der damit verbundenen Bevormundung entwachsen waren, und meldeten sich an auf der Bühne des Konsums. Das konnten sie sich auch leisten, weil sie mit wesentlich fetteren Taschengeldern oder Lehrlingslöhnen gepolstert waren als seinerzeit ihre Eltern. Dieses Verhalten mochte als Anmassung erscheinen und hat die auf Anpassung bedachte breitere Öffentlichkeit sicher aufgeschreckt, eine gesellschaftskritische Dimension jedoch hatte es noch kaum.

Jukebox des Widerstandes

In den Sechzigern dann wurde die Popmusik zum entscheidenden Transportmedium für den Jugendprotest. Dabei setzt die Beatlemania den Auftakt, eine Hysteriewelle, die aus heutiger Sicht nicht leicht zu erklären ist, denn eigentlich waren die „Fab Four“ doch ziemlich propere, brave Jungs, die in ihren Anfängen vom Händchenhalten sangen und überhaupt von der ersten Liebe. „I am happy just to dance with you“ (A hard Days Night, 1964) – das ist noch sehr weit von der Frage entfernt, welche die Beatles wenige Jahre später auf ihrem „Weissen Album“ (1968) stellen sollten: warum wir es nämlich nicht auf der Strasse miteinander treiben. Wahrscheinlich riss der blosse Umstand die Kids aus den Socken, dass da Ihresgleichen im Rampenlicht standen, voller Selbstbewusstsein, Kreativität und Lebensfreude, zudem mit dem kleinen Unterschied ausgestattet, den ein paar wenige Zentimeter Haar ausmachen.

Aber dabei blieb es ja nicht lange: Nicht nur die Haare legten zu, auch der Sound wurde rasch wilder und die Texte gingen auf breiter Front zum Angriff auf bürgerliche Moralvorstellungen über. Nimmt man Songtitel oder Refrains aus der Mitte der sechziger Jahre, so spiegelt sich praktisch die ganze Themenpalette der Revolte in der Musik, die ihr den Takt schlug. Rock'n Roll bildete sowieso das Rückgrat, aber da war auch der direkte, ungeschminkte Anspruch auf sexuelle Befriedigung, der im Lager der Wohlanständigen Empörung aufschäumen liess. Um den Hit „Let's spend the night together“ in der Ed Sullivan-Show vortragen zu dürfen, bekamen die Stones die Auflage, den obszönen Text abzumildern (Let's spend some time together), was Mick Jagger dann auch unter Augenrollen tat.

Nicht viel später liess Jim Morrison auf der Bühne die Hosen runter, und Jimi Hendrix performte eine symbolische Masturbation. Dann die Drogen: Auf „Blonde on Blonde“ (1966) forderte Bob Dylan ebenso ultimativ wie humorlos: „Everybody must get stoned“; die Beatles gingen es ein Jahr später etwas verspielter an, indem sie psychedelisch ihre Lucy an einen Himmel voller Diamanten versetzten, und wieder die Stones beschworen die sanfte Hand von „Sister Morphine“. Die Doors schliesslich brachten das Tiefenprogramm mit einem Songtitel von 1967 auf den Punkt: „Break on through to the other side!“ – Ausbrechen aus dem Mief, weg mit Zweckdenken und kleinbürgerlicher Selbstkontrolle; eine Jugend, die materiell schon alles hat, fordert mehr Leben.

Unglaublich, was sich in der Rock- und Popmusik ab 66 an individuellen Stilen entwickelte, was die Musiker auf einmal mit ihren Instrumenten anstellten und was sie an technischen wie künstlerischen Innovationen einbrachten. Hatte es am Beginn des Jahrzehnts ein paar hervorstechende Leitbands gegeben, so war die Musikszene an seinem Ende von einer un- überschaubaren Vielheit geprägt. Und in dieser Pluralität spiegelten sich natürlich auch die gegenläufigen Tendenzen der Revolte: „Born to be wild“ (Steppenwolf) und „San Francisco“ (Scott McKenzie), beides Welthits von 1967 – aber hier aggressive männliche Selbstbehaup- tung, die mit „Schwermetalldonner“ auf sich aufmerksam machen will, dort Menschen, die sich im sanften Rhythmus wiegen, um universelle Einheit zu finden.

Auch in der sozialen Realität neigten die einen mehr dem gewaltsamen Protest, die anderen stärker einer Abkehr nach innen zu, gingen die einen auf die Strasse, während sich die andern in die Beschaulichkeit ländlicher Kommunen zurückzogen und dem Hanfanbau widmeten. Tatsächlich spielte auf dem Feld der Musik auch die Ouvertüre zu jener endlosen Differenzierung der Protest-Szenen, welche schliesslich die Wirklichkeit bestimmte und so die Bewegung versanden liess. In der Tat hatte sich der Jugendprotest nie ausschliesslich am Feindbild des Spiessertums abgearbeitet; seit den Anfängen waren diverse Unterströmungen in gegenseitige Absetzung verstrickt. Die Strassenkämpfe zwischen Rockern und Mods in England sind legendär, und für einen Teen um 1964 konnte die Entscheidung ob Beatles oder Rolling Stones die Qualität einer schicksalhaften Glaubensfrage annehmen, an der schon mal eine Freundschaft zerbrach.

Zwischen Dada und Diamat – der politische Protest

Der ausdrücklich politische Protest, der 68 die historische Signatur gab, füllt eigentlich nur eine kurze Phase; er beginnt etwa 1966 und entzündet sich je nach Land an unterschiedlichen Umständen: in Deutschland und Frankreich an Hochschulreformen, welche die Studierenden als repressiv empfanden; in den USA spielte von allem Anfang an der Vietnamkrieg eine entscheidende Rolle. Innert bloss zwei Jahren schaukelte sich die Bewegung dann hoch, bis zu jenen Eruptionen von 1968, die an einigen Hotspots fast schon bürgerkriegsartige Züge annahmen; danach ebbte der medienwirksame Strassenprotest ziemlich rasch wieder ab. Und wenn auch in den Siebzigern an verschiedenen Fronten immer wieder alternativer Widerstand aufflackerte, das blieb stets regional begrenzt und erreichte deshalb nie mehr die geballte Wucht vom Sommer 68.

Dabei trug jener Aufstand ganz unterschiedliche Gesichter: Eins davon war die Kommune I, die Anfang 67 im Umfeld der Westberliner APO (Aussenparlamentarische Opposition) ge- gründet wurde. Hier taten sich Leute wie Rainer Langhans oder Fritz Teufel zusammen, auch Uschi Obermaier gehörte zeitweise dazu, die näheren Umgang mit diversen Rolling Stones pflegte; das Ziel war ausdrücklich, die beengte bürgerliche Kleinfamilie mit einem fortschritt- lichen Gegenmodell zu konfrontieren. So galt das Private jetzt als politisch und serieller Sex wurde in den Status einer politischen Praxis erhoben; nach aussen ging es darum, das Spies- sertum zu provozieren, nach innen sollten die eigenen konservativen Bindungsreflexe ab- trainiert werden.

Überhaupt hatten die Kommunarden etwas gegen Absicherungen jeder Art; sie legten es darauf an, ganz im Augenblick zu leben und wurden damit zu Initianten der Sponti-Bewegung. Ein Markenzeichen bildeten auch groteske Inszenierungen, Happenings mit realsatirischem Charakter, welche Polizeikräfte oder Behörden aus der Fassung brachten und dadurch alt aussehen liessen. Bürgerliche Vernunft wird durch Nonsens ausgehebelt, staatliche Autorität durch dadaistische Veralberung untergraben; Bierernst auf der einen Seite, auf der anderen eine Entfesselung von Spass und Lust, die den Gegner ins Leere laufen lässt und buchstäblich sprachlos macht. Allerdings trieben es diese Spass-Aktivisten durchaus auch an die Grenze – zum Teil darüber hinaus: Die Aufforderung, aus Solidarität mit Vietnam mitten am Tag ein Kaufhaus anzuzünden, war nicht wirklich geschmackssicher, und der Rechtsstaat konnte das verständlicherweise nicht lustig finden.

Die Kommunarden waren jedoch die Paradiesvögel in der Studentenbewegung; denn dort gab es viele ernstere Gemüter, die sich mit flapsigem Blödsinn und freier Liebe nicht wirklich wohlfühlten. Selbst Rudi Dutschke zog sich von der experimentellen Wohngemeinschaft zu- rück, nachdem er mal sein Gretchen hatte; freier Partnertausch war da keine Option mehr. Bei diesem pointiert intellektuellen Teil der Studentenschaft formierte sich der Widerstand auf seriösere Weise, nämlich, wie es sich für Gebildete gehört, über die Mittel des Verstan- des: Kritische Analyse der politisch-ökonomischen Verhältnisse war angesagt, und als Werk- zeugkasten dafür diente das Werk von Karl Marx bzw. dessen Weiterentwicklung im dialek- tischen Materialismus (Diamat).

In dieser Perspektive stellt die kapitalistische Gesellschaft eine Ausbeutergesellschaft dar; die entrechteten Massen verelenden darin immer mehr und werden sich schliesslich erheben, um ein sozialistisches Reich der Freiheit zu errichten. Diese „Analyse“ zielte 1968 allerdings gründlich an der sozialen Wirklichkeit der Industrieländer vorbei, wo ein wohlfahrtsstaatlich moderierter Kapitalismus das Elend gerade beseitigt und die Marxsche Prophezeiung damit gegenstandslos gemacht hatte. Der Grossteil der Menschen – die so genannte schweigende Mehrheit – hatte sich in ihrem Wirtschaftswunder behaglich eingerichtet und fühlte sich von den Revolutionsphantasien einer kleinen Elite befremdet, ja abgestossen.

Nur im Pariser Mai 68 ergab sich kurz die Perspektive einer breiten Linksfront, als sich die Gewerkschaften mit den demonstrierenden Studenten solidarisierten; da roch es nach Um- sturz. General De Gaulle hatte sich jedenfalls schon in eine Garnison in Baden-Baden abge- setzt. Aber dieses Bündnis zerbrach schnell wieder über den gegensätzlichen Interessen, die Massen verliefen sich, die revolutionäre Euphorie machte einer Katerstimmung Platz. Und darin gedieh ein völlig surreales Theater; denn nun zerfleischte sich die linke Studentenschaft über der Frage nach der wahren Marx-Nachfolge: War Lenin der massgebliche Prophet, oder doch eher Trotzki? Stalin kam weniger in Frage, auch Che Guevara nicht, weil von ihm schlicht zu wenig Theoretisches vorlag, dafür aber Ho Chi Minh und natürlich Mao, der mit seiner Kulturrevolution gerade millionenfachen Tod über die eigene Bevölkerung gebracht hatte.

Je weniger der Sozialismus eine reale Option darstellte, desto erbitterter stritt die Szene über den dogmatisch korrekten Weg zu seiner Einführung. Darüber kam es zu einer heillosen Zersplitterung, und schliesslich kehrten die meisten in ihre bürgerlichen Biographien zurück. Einige wenige allerdings kamen von der Dauererregung zweier heisser Sommer nicht mehr herunter; sie verloren sich im roten Terrorismus der siebziger Jahre.

All you need is love

Die politisierte Studentenschaft träumte vom sozialistischen Umsturz, hatte also nicht weniger im Sinn als die äussere Welt von Grund auf umzukrempeln. In einem anderen grossen Wirbel innerhalb der Bewegung zielte man in eine ganz andere Richtung, und das, obwohl sich die Grundorientierung mit derjenigen der Studenten deckte: Auch die Hippies begehrten auf gegen die bürgerliche Lebensweise mit ihren Standardisierungen und Normalitätszwängen; auch sie waren letztlich unterwegs auf die „andere Seite“, zu einem Ort, wo es nicht mehr primär um messbare Leistung und bezifferbaren Erfolg gehen sollte.

Doch die Veränderung, die den Blumenkindern vorschwebte, betraf nicht so sehr das Aussen, sondern seelische Innenräume. Den Geist vor allem galt es zu transformieren, weniger die gesellschaftlichen Zustände; dementsprechend war Bewusstseinserweiterung das Thema, nicht die Verstaatlichung von Produktionsmitteln. Den Hippies ging es darum, die „Türen der Wahrnehmung“ (Aldous Huxley) aufzustossen, d. h. die Setzkästchen des Verstandes zu sprengen, welche die Sicht auf das Wirkliche beengen; in den so geweiteten Fokus gehörte auch eine gesteigerte Sensitivität gegenüber Gefühlen, die unterm Anpassungs- und Leistungszwang verschüttet bleiben mussten.

Auf dem Weg zu dieser Erfahrungsoffenheit halfen sicher halluzinogene Substanzen, aber auch östliche Meditation und nicht zuletzt die empfindsame Nähe zur Natur und zu anderen Menschen. So experimentierte auch die Hippie-Szene mit Sozialformen, wie sie in der Kommune I praktiziert wurden, denn das Ziel war hier, der Verfügung von Menschen über Menschen ein Ende zu setzen. „All you need is Love“; die leitende Utopie besteht in der authentischen Begegnung, einer Begegnung zwischen Individuen, die sich frei von Masken und Rollenzwängen spontan aus dem Augenblick heraus ergibt.

Logisch, dass die Hippies Kerouac entdeckten, ebenso Hesses „Steppenwolf“, die Geschichte eines Solitärs, den die Enge bürgerlicher Lebensverhältnisse fast erstickt, bis er ausbricht und sich dem „magischen Theater“ öffnet, einer Welt jenseits des Realitätsprinzips. Natürlich waren auch bei den Blumenkindern die Ansprüche naiv bzw. überzogen, und nicht anders als im Umfeld der Protestlinken führte die dramatisch inszenierte Distanznahme zu Übertreibungen, die einzelne durchaus ins Schlingern brachten. Nicht jede drogeninduzierte Bewusstseinserweiterung lässt sich komplikationsfrei rückgängig machen, nicht jeder biographische Bruch wieder kitten; einige trieb es auch hier über die rote Linie. Doch eines ist der Hippie-Bewegung zugute zu halten – genauso im Übrigen derjenigen der Studenten: Diese Szenen lieferten den Jüngeren Themen und Symbole, mit denen sie sich gegen die ältere Generation abgrenzen konnten; darüber hinaus boten sie emotionale Heimat sowie sozialen Rückhalt in einer schwierigen Phase der Identitätsfindung.

Konsumkids: Resonanzkörper der Gegenkultur

Und diese Funktion erfüllte die Bewegung sogar für eine grosse Schar derer, die ihr gar nicht wirklich angehörten, weil sie nämlich den radikalen Anspruch nicht teilten. Gemeint sind die Konsumkids, die einfach dem Trend folgten, welche Signale – eventuell auch den Habitus des Protests – übernahmen, einfach um „in“ zu sein. Sie verfolgten keine antibürgerliche Vision, hatten nicht die Absicht, aus dem konfektionierten Lebensplan auszuchecken, in den sie bereits eingespurt waren. Allerdings standen auch sie vor der Aufgabe, sich von den eigenen Eltern abzunabeln, und dabei konnte ein Pilzkopf, ein Mini, in konservativeren Milieus sogar schon eine Jeans helfen. In den Hardcore-Szenen sah man auf diese Nachahmer und Nachläufer herunter; für die Medien blieben sie unter der Wahrnehmungsschwelle, weil sie eben kaum zu spektakulären Aktionen neigten.

Und dennoch kommt ihnen eine entscheidende Bedeutung zu im Prozess, in dem sich die DNA von 68 langsam ins Genom der Gesellschaft einschreibt. Sie sorgen – neben den Me- dien natürlich – für die räumliche Verbreitung des aufmüpfigen Gedankenguts; denn ihr Vorkommen konzentriert sich nicht auf die Hotspots des Protests, viele von ihnen leben abseits, in Kleinstädten oder gar auf dem Land und entfalten da quasi die Wirkung von Plakatsäulen. Sie transformieren gerade durch ihre modisch-moderate Inszenierung die Ausschläge der Gegenkultur auf ein allgemeinverträgliches Mass und bereiten so deren Leitideen den Weg in die bürgerliche Mittelschicht. Nicht zuletzt bleiben sie ihrerseits vom Spiel mit diesen Ideen nicht unberührt; halb bewusst, halb unbewusst übernehmen sie vieles davon selbst und setzen es pragmatisch – d. h. frei von doktrinärem Eifer – im eigenen Leben um.

Im Grunde wirken die Konsumkids wie ein Resonanzkasten des Protests; sie geben dessen schrillen Tönen eine gewisse Wärme, vor allem aber Volumen, mit dem Effekt, dass man sie schliesslich weit über die engeren Szenen hinaus vernimmt. Es gehört zu den Paradoxien von 68, dass gerade die Unechten, die blassen Klone der Bewegung, wesentlich zur Verbreitung eines Ideenguts beitrugen, das unter dem absoluten Anspruch auf Authentizität angetreten war.

Im Wirbel der Widersprüche

Die Konfrontation von 68 folgt einem verzwickten Muster; sie lässt sich keinesfalls reduzieren auf den Gegensatz zwischen Jung und Alt oder auf die simple Kollision einer systemkritischen mit einer systemtreuen Partei: Da prallten nicht einfach Indianer mit der Kavallerie zusammen, d. h. klar unterscheidbare Kontrahenten, die eine sichtbare Frontlinie trennt. Natürlich haben wir auf der einen Seite spontanes jugendliches Aufbegehren, auf der anderen defensive Reflexe, die der rigiden Prägung der Vorkriegsgeneration geschuldet waren. Doch das Bürgertum bildete keinen geschlossenen Abwehrblock, Ideologie und Praxis deckten sich oft nicht; so nahmen beispielweise wirtschaftliche Verwertungsprozesse Anstösse aus den Jugendszenen auf und verstärkten sie entscheidend.

Das taten im Übrigen auch die Medien, welche den Krawall als Futter nutzten; sie mochten die Chaoten in expliziten Kommentaren verurteilen, doch letztlich verschafften sie ihnen Präsenz. Auf der anderen Seite stand eben so wenig eine geschlossene Truppe; es gab keinen generellen Jugendaufstand: Die Hardcore-Aktivisten bildeten im Grunde kleine Minderheiten, die allerdings spektakulär auftraten und deshalb in der Berichterstattung massiv überrepräsentiert wurden. Doch viele Jugendliche standen völlig abseits, einige wendeten sich sogar ausdrücklich und engagiert gegen die Anarchie, und dann gab es noch einen beträchtlichen Zug von Mitläufern, welche auch Aufmüpfigkeit signalisierten, die mit Schlaghosen daherkamen, mit langen Haaren, eventuell sogar einem Che Guevara-Knopf auf der Brust. Sie wollten auf sich aufmerksam machen, sich abheben von der grauen Masse, vielleicht die Eltern schocken; Revolutionäre waren sie gewiss nicht. Und dennoch halfen sie mit, die grosse Umwertung voranzutreiben. Der Frontverlauf war also alles andere als klar: Die Indianer hatten heimliche Sympathisanten bei der Kavallerie, zudem auch eine Menge von Unterstützern contre coeur; dafür lief in ihrem eigenen Trupp viel geschminktes Volk mit, das wiederum den Haufen grösser scheinen liess, als er war.

Die Bewegung verwirbelte die Positionen gründlich, das machte sie in sich vielgestaltig, so vielgestaltig wie die gesellschaftlichen Zustände, in die sie mündete. Mag die Welle aber auch in sich gebrochen gewesen sein, letztlich kreiste alles um ein zentrales Set von Einstellungen bzw. Werten; dieses Set bildet quasi das Auge des Orkans, an dessen Zugrichtung sich wiederum die Bahn des Zeitgeistes ablesen lässt: Da ist einmal die deutliche Absage an Tradition, an Autorität und Hierarchie; die nicht weniger bedeutet als den fundamentalen Bruch mit einer patriarchal geprägten Vergangenheit; in Korrespondenz dazu steht die Ausrichtung auf ein Neues, das sich nur über den kühnen Sprung ins Ungewisse gewinnen lässt.

Vor allem jedoch wird nun der Teil entschieden vor das Ganze gesetzt, das Besondere vor das Allgemeine, der bunte Vogel vor die graue Maus. Die Wertematrix von 68 misst primär dem Bedeutung zu, was einmalig, originell und damit unvergleichlich ist; Wiederholbares, Eingeschliffenes dagegen wertet sie ab, ebenso die Sicherheiten, die man sich vom Gewohnten verspricht. Damit weist sie den Weg in die „Gesellschaft der Singularitäten“ (Andreas Reckwitz), in der wir heute tatsächlich leben. Das ist eine Gesellschaft, die individuelle Abweichung schätzt, statt sie zu sanktionieren, welche die Einzelnen überdies zur offenen Entwicklung auffordert, nicht mehr zur Anpassung an herkömmliche Muster; gewünscht sind hier flexible Menschen (Richard Sennett), „people in motion“ eben, um es mit Scott McKenzie zu sagen. Pech einfach für jene, denen es an Elastizität und Risikofreude mangelt.

Aus der Sicht engagierter Aktivisten dürfte die Jugendrevolte gescheitert sein, denn die radikalen Visionen haben sich nicht erfüllt, im Gegenteil, das System konnte sich behaupten und den Protest absorbieren. Wählen wir einen distanzierteren historischen Gesichtspunkt, so sieht es allerdings anders aus: Unter dieser Perspektive haben sich die Grundvorstellungen, die den Aufstand antrieben, letztlich durchgesetzt; die Phase des schrillen Aufbegehrens dagegen stellt sich bloss als Zündsatz dar, der hochgehen musste, um das Alte zu sprengen und der neuen Wertematrix den Weg in die Gesellschaft zu bahnen.

Dieser Artikel ist der zweite einer Dreierserie von Franz Derendinger über 1968. Der erste erschien am 4. Juni, der dritte folgt am 7. Juni.

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