Die „goldenen Berge“ des Altai

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Die „goldenen Berge“ des Altai

Von Georg Gerster, 06.09.2016

Das Altaigebirge krümmt sich 2500 Kilometer lang durch Zentralasien. Sein östlicher Ausläufer trennt die Äussere Mongolei von den Wüsteneien der Taklamakan und der Gobi in China; sein Westteil, der 600 Kilometer lange Russische Altai, markiert auf weite Strecken die Grenze zwischen Sibirien, das heisst der Russischen Föderation, und Kasachstan, am östlichen Ende auch diejenige mit China und der Mongolei. Wer diesem Gebirgszug zu einem goldenen Schimmer verhalf, und mit welcher Begründung, ist unbekannt; der Vergolder kann sich jedenfalls kaum auf die paar Goldvorkommen, Goldseifen und Goldadern, herausreden. Zum Welterbe zählen drei eng begrenzte Abschnitte dieser Grosslandschaft, alle in der Föderationsrepublik Altai gelegen: der weiträumigste um den Telezker-See, nach dem Baikalsee Sibiriens bedeutendster Süsswasserspeicher; der zweite auf den höchsten Gipfel des Gebirges, den Belukha (4506 m.ü.M.), fokussiert; der dritte und kleinste mit dem Ukok-Hochtal als Hauptattraktion. Die dem Schutz der Menschheit anvertrauten Gebiete im Russischen Altai addieren sich zu einer Gesamtfläche von l6146 Quadratkilomtern. Mit 1499 Gletschern und mehr als 3500 Seen ist der Russische Altai ein überreiches Wasserschloss. Auf unserem Bild entwässert das Belukha-Massiv in den Katun, einen Quellfluss des Kreuzworträtselstroms Ob. Die drei Schutzgebiete allein liefern nahezu ein Drittel von Westsibiriens Wasser. Die pflanzengeographische Differenzierung nach Höhenstufen ist in Zentralsibirien nirgendwo eindrücklicher, modellhafter ausgebildet. Auf Steppe folgt Waldsteppe, auf diese Mischwald, darüber beenden subalpine und alpine Pflanzengesellschaften die Sequenz. Aufsteigend erlebt der Wanderer diese Zonierung zunächst als smaragdgrünes Hügelland und dann als Mittelgebirge, an dessen Hängen und Flanken die Taiga, der sibirische Nadelwald, mit einer Beimischung von Birken emporschwappt; Tannen, Fichten und Föhren unten, darüber Lärchen und noch höher Arven, die hier Zedern heissen; zuletzt über dem Lieblichen das Harsche: das vergletscherte Hochgebirge. Schon möglich, dass beim Vergleich mit anderen Hochgebirgen der Alten Welt, mit den Alpen etwa, dem Kaukasus, dem Pamir oder dem chinesischen Himmhelsgebirge, der Altai sich zweitplaciert, solange es ausschliesslich um spektakuläre Schönheit oder geologische Besonderheit geht. Seinen Welterbestratus begründet einmal der pflanzliche und tierische Artenreichtum, eine wahre Auslegeordnung montaner Artenvielfalt, dann die Bedeutung als Ursprungszentrum für das nordasiatische Florengebiet ebenso wie als Refugium für einige vom Aussterben bedrohte Arten, etwa den Schneeleoparden oder den Argali, ein wildes Kreishornschaf. Die Naturnähe des Altai verhilft ihm zu weiteren Pluspunkten. Hinsichtlich Biodiversität steht der Telzker See in Zentralasien lediglich an dritter Stelle, aber kein anderer See ist unberührter. Die Gefährdung durch menschliche Aktivitäten ist (vorläufig noch) grenzwertig. Es gibt in den Altai-Schutzgebieten wenige Dauersiedler. Der Tourismus hat verhältnismässig sanft eingesetzt: Wanderer waten noch durch Wiesen, die von Edelweiss schimmern, als wären sie schneebedeckt. Der Auftrieb von Vieh durch mongolische Nomaden ist begrenzt und soll weiter eingeschränkt werden. Gelegentlich fällt nach einem Raketenstart in Kasachstan die Booster-Erststufe auf den Altai. Raumfahrtmüll – schön wär’s, wenn es bei solchem Müll bliebe... Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Altai auch archäologisch ins Gerede. Ein skythisches Reitervolk hatte hier seine Noblen mit deren Lieblingspferden im Dauerfrostboden beigesetzt. Seit den achtziger Jahren untersuchen russische Archäologen im Ukok-Tal diese Hügelgräber (Kurgane). Bei der systematischen Aufarbeitung eines unerwarteten und unverhofften geschichtlichen Erbes – auf kasachischem Gebiet graben auch deutsche und französische Forscher – wurden bisher annähernd 300 Kurgane geöffnet. Mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds konnte, mit der Jahrring- und C-14-Methode, diese skythische Grabkultur in den Zeitraum von 350 bis 240 v. Chr. datiert werden. Ein Jahrhundert lang erlaubte offenbar die Milde des Klimas die Nutzung dieser abweisenden Gebirgsregion als Siedlungs- und Begräbnisplatz sowie, das belegen Grabbeigaben aus China und Persien, als Durchgangsraum für den Fernhandel. Es wird kaum erstaunen, wenn auf der Liste des Welterbes der Altai bald einmal von den Naturdenkmälern in die Kategorie der Kulturlandschaften wechseln wird. – Jahr des Flugbilds: 1993 (Copyright: Georg Gerster/Keystone)
Das Gebirgsland in Südsibirien, das der Atlas schlicht als Altai kennt, kam 1998 bei der Auszeichnung als Welterbe zu goldenem Glamour. Altai soll mongolisch „die goldenen Berge“ bedeuten. Wie auch immer, ein Naturjuwel sind sie allemal.

Das  Altaigebirge krümmt sich 2'500 Kilometer lang durch Zentralasien. Sein östlicher Ausläufer trennt die Äussere Mongolei von den Wüsteneien der Taklamakan und der Gobi in China; sein Westteil, der 600 Kilometer lange Russische Altai, markiert auf weite Strecken die Grenze zwischen Sibirien, das heisst der Russischen Föderation, und Kasachstan, am östlichen Ende auch diejenige mit China und der Mongolei. Wer diesem Gebirgszug zu einem goldenen Schimmer verhalf, und mit welcher Begründung, ist unbekannt; der Vergolder kann sich jedenfalls kaum auf die paar Goldvorkommen, Goldseifen und Goldadern, herausreden. Zum Welterbe zählen drei eng begrenzte Abschnitte dieser Grosslandschaft, alle in der Föderationsrepublik Altai gelegen: der weiträumigste um den Telezker-See, nach dem Baikalsee Sibiriens bedeutendster Süsswasserspeicher; der zweite auf den höchsten Gipfel des Gebirges, den Belukha (4'506 m. ü. M.), fokussiert; der dritte und kleinste mit dem Ukok-Hochtal als Hauptattraktion. Die dem Schutz der Menschheit anvertrauten Gebiete im Russischen Altai addieren sich zu einer Gesamtfläche von 169'146 Quadratkilometern.

Mit 1'499 Gletschern und mehr als 3'500 Seen ist der Russische Altai ein überreiches Wasserschloss. Auf unserem Bild entwässert das Belukha-Massiv in den Katun, einen Quellfluss des Kreuzworträtselstroms Ob. Die drei Schutzgebiete allein liefern nahezu ein Drittel von Westsibiriens Wasser. Die pflanzengeographische Differenzierung nach Höhenstufen ist in Zentralsibirien nirgendwo eindrücklicher, modellhafter ausgebildet. Auf Steppe folgt Waldsteppe, auf diese Mischwald, darüber beenden subalpine und alpine Pflanzengesellschaften die Sequenz. Aufsteigend erlebt der Wanderer diese Zonierung zunächst als smaragdgrünes Hügelland und dann als Mittelgebirge, an dessen Hängen und Flanken die Taiga, der sibirische Nadelwald, mit einer Beimischung von Birken emporschwappt; Tannen, Fichten und Föhren unten, darüber Lärchen und noch höher Arven, die hier Zedern heissen; zuletzt über dem Lieblichen das Harsche: das vergletscherte Hochgebirge.

Schon möglich, dass beim Vergleich mit anderen Hochgebirgen der Alten Welt, mit den Alpen etwa, dem Kaukasus, dem Pamir oder dem chinesischen Himmelsgebirge, der Altai sich zweitplaciert, solange es ausschliesslich um spektakuläre Schönheit oder geologische Besonderheit geht. Seinen Welterbestatus begründet einmal der pflanzliche und tierische Artenreichtum, eine wahre Auslegeordnung montaner Artenvielfalt, dann die Bedeutung als Ursprungszentrum  für das nordasiatische Florengebiet ebenso wie als Refugium für einige vom Aussterben bedrohte Arten, etwa den Schneeleoparden oder den Argali, ein wildes Kreishornschaf. Die Naturnähe des Altai verhilft ihm zu weiteren Pluspunkten. Hinsichtlich Biodiversität steht der Telzker See in Zentralasien lediglich an dritter Stelle, aber kein anderer See ist unberührter. Die Gefährdung durch menschliche Aktivitäten ist (vorläufig noch) grenzwertig. Es gibt in den Altai-Schutzgebieten wenige Dauersiedler. Der Tourismus hat verhältnismässig sanft eingesetzt: Wanderer waten noch durch Wiesen, die von Edelweiss schimmern, als wären sie schneebedeckt. Der Auftrieb von Vieh durch mongolische Nomaden ist begrenzt und soll weiter eingeschränkt werden. Gelegentlich fällt nach einem Raketenstart in Kasachstan die Booster-Erststufe auf den Altai. Raumfahrtmüll – schön wär’s, wenn es bei solchem Müll bliebe ...

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Altai auch archäologisch ins Gerede. Ein skythisches Reitervolk hatte hier seine Noblen mit deren Lieblingspferden im Dauerfrostboden beigesetzt. Seit den achtziger Jahren untersuchen russische Archäologen im Ukok-Tal diese Hügelgräber (Kurgane). Bei der systematischen Aufarbeitung eines unerwarteten und unverhofften geschichtlichen Erbes – auf  kasachischem Gebiet graben auch deutsche und französische Forscher – wurden bisher annähernd 300 Kurgane geöffnet. Mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds konnte, mit der Jahrring- und C-14-Methode, diese skythische Grabkultur in den Zeitraum von 350 bis 240 v. Chr. datiert werden. Ein Jahrhundert lang erlaubte offenbar die Milde des Klimas die Nutzung dieser abweisenden Gebirgsregion als Siedlungs- und Begräbnisplatz sowie, das belegen Grabbeigaben aus China und Persien, als Durchgangsraum für den Fernhandel. Es wird kaum erstaunen, wenn auf der Liste des Welterbes der Altai bald einmal von den Naturdenkmälern in die Kategorie der Kulturlandschaften wechseln wird. – Jahr des Flugbilds: 1993 (Copyright: Georg Gerster/Keystone)

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Ein grosses Dankeschön an Sie!

Vergänglichkeit in Zeitlupe, in keinem Verhältnis zu dem seiner Betrachter/innen. Hochinteressante Vielfalt und sehr informativ beschrieben. Gesamthaft, ausserordentliche Qualität! Nochmals ein Dankeschön. … cathari

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