Die Geschichte des eigenen Ich

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Die Geschichte des eigenen Ich

Von Stephan Wehowsky, 26.03.2020

Über grosse Gaben zu verfügen, ist das eine. Sie zu nutzen, das andere. Dieter Imboden erzählt sein Leben.

Im ersten Kapitel unter der Überschrift, „Das grosse Rätsel“, stellt Dieter Imboden eine Frage, die den Leser sofort in seinen Bann zieht. Er erinnert sich noch sehr lebhaft an seine frühe Kindheit. Nur zu gut riecht, sieht und fühlt er seine damalige noch recht begrenzte Umwelt. Er kann sich sogar in seinen kindlichen Körper zurückversetzen, der anders als der gegenwärtige des älteren Herrn noch nicht jene Verschleissspuren aufweist, die er jetzt täglich fühlen muss. Das sind zwei ganz verschiedene Imbodens, aber so verschieden sind sie nun auch wieder nicht. Im frühen Imboden war der spätere angelegt, und der alte Imboden lebt nach wie vor im jungen.

Wiederkehrende Themen

Die Entwicklung des Ich, die Imboden im Auge hat, wird nicht nur durch die lineare Abfolge von Ereignissen geprägt. Vielmehr verfügt das Ich über einen Gestaltungswillen, der aus dem ihm „Zugefallenen“ Funken schlägt. Aber wie ist dieser Wille entstanden? Wie kam Dieter Imboden dazu, die Bälle aufzufangen, die ihm das Leben zuwarf? Und was wäre geschehen, wenn ihm durch kleine Änderungen der Konstellationen ganz andere Bälle zugeworfen worden wären?

Das sind die Fragen, die Dieter Imboden an sein Leben stellt. Deswegen ist seine Autobiographie nicht einfach linear, auch wenn sie klar einer Chronologie folgt. Aber ihm kommt es mehr auf die Verzweigungen oder „Knäuel“, wie er schreibt, an. Diese Knäuel bestehen aus wiederkehrenden Themen, die sein Leben bestimmt haben.

Weichenstellungen

Detailliert geht Imboden in dieser Untersuchung seines eigenen Lebens auf seine Familiengeschichte ein. Sein Vater war ein bedeutender Jurist, dessen berufliche Wege die Familie zum Umzug von Küsnacht bei Zürich nach Basel zwang. Unversehens fand sich der junge Dieter aus seiner vertrauten schulischen Umgebung herausgerissen und musste sich in Basel ganz neu orientieren. Das war wegen des Dialekts besonders heikel. Dazu kam, dass der Lebensstil in Basel mit den dort spezifischen Anstandsregeln auch für seine Mutter gewöhnungsbedürftig war. Mit seinem Erzähltalent gelingen Imboden amüsante Schilderungen.

Nach und nach musste Dieter Imboden für seinen weiteren Lebensweg Weichen stellen. Schon früh hatte er ein starkes Interesse für Literatur und eine grosse Leidenschaft für das Schreiben. Aber noch grösser war sein Interesse für Mathematik und für die Naturwissenschaften. An einer Stelle schreibt er, dass ihn die doch eher passive Existenz als Literat oder Geisteswissenschaftler zuletzt nicht angezogen hat.

Beruf und Familie

Also begann er seine Studien in Mathematik und Physik, zunächst an der Freien Universität Berlin, dann in Basel. Die Stationen seiner wissenschaftlichen Karriere sind beeindruckend. 1971 wurde er in Basel mit einer Arbeit über theoretische Festkörperphysik promoviert. Dann folgte eine Weichenstellung, die Dieter Imboden zu einem führenden Umweltwissenschaftler machen sollte: 1971 wurde er Mitarbeiter an der Eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz. Es ist folgerichtig, dass sich Imboden 1982 mit einer Arbeit über die mathematische Modellierung von Umweltsystemen habilitierte. 1988 schliesslich wurde er an der ETH Zürich ordentlicher Professor für Umweltphysik. Wiederholt hielt er sich zu Forschungsaufenthalten in den USA auf.

Wieder und wieder betont Imboden, wie wichtig ihm die Familie und insbesondere die Ehe mit Sibyl Eckert ist, die er 1968 heiratete. Die beiden haben eine Tochter und einen Sohn. Ein weiteres wichtiges Element in seinem Leben ist sein Binnenschiff, mit dem er in der ersten Hälfte seines Sabbaticals von 1997 und 1998 die Kanäle Frankreichs befuhr. Auch später war er wieder und wieder zu ausgedehnten Touren auf den Kanälen Europas unterwegs. Darüber hat Imboden zahlreiche Berichte im Journal21.ch verfassst.

Auch nach seiner Emeritierung im Jahr 2008 hat sich Dieter Imboden auf diversen Feldern politisch und wissenschaftlich engagiert. Bis heute ist er ein gefragter Gutachter im In- und Ausland.

Sein Lebensbericht enthält weit mehr als diese Stationen. Er befasst sich mit ganz unterschiedlichen Facetten, etwa mit der Frage, was ihm die Musik bedeutet. Und er gewährt Einblicke in manche Themen, die ihn als Wissenschaftler, aber eben auch als engagierten Bürger umgetrieben haben, etwa sein Eintreten für die 2000-Watt-Gesellschaft.

Dieter Imboden bilanziert ein reiches und gelungenes Leben. Er tut dies in Bescheidenheit, denn er weiss, dass ihm vieles „zugefallen“ ist. Aber er verstand es auch, diese Chancen zu ergreifen und etwas aus ihnen zu machen.

Dieter Imboden: Zugefallen. Ein Leben zwischen Menschen, Wissenschaft und Umwelt. Zytglogge Verlag, 2020, 238 Seiten, ca. 32 CHF.

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