Die Fusswaschung

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Die Fusswaschung

Von Bernard Imhasly, 11.03.2019

Heute beginnt in Indien der Wahlkampf. Doch Narendra Modi macht bereits seit Monaten Wahlversprechen. Im Werben um Stimmen bricht er sogar Kastentabus.

Nirgendwo auf der Welt – mit Ausnahme der Schweiz – wird so oft abgestimmt wie in Indien. Eine robuste Wahlkommission wacht darüber, dass Politiker ihre staatlichen Institutionen nicht für Wahlkampagnen ihrer Partei einsetzen. Während des offiziellen Wahlkampfs dürfen sie auch keine neuen Programme ankündigen, die als Stimmenköder verstanden werden können.

Wahlversprechen

Was heisst dies in den Zeiten von Narendra Modi? Er lässt die Wahl erst im letzten Augenblick ausschreiben, so dass für die eigentliche Wahlkampagne nur ein Monat übrigbleibt. Am Sonntag trat der Code of Conduct mit seinen zahlreichen Restriktionen in Kraft, am 12. April öffnen die ersten Urnen.

Zuvor galt Business as usual, und es regnete Wahlversprechen. Kein Tag verging, da nicht irgendeine Brücke eingeweiht, ein neues Gesetz für Mutterschutz angekündigt, den Bauern versprochen wurde, dass sie Düngemittel-Rabatte erhalten, den Geschäftsleuten, dass sie günstige Abschreibungen vornehmen können, den Lehrern, dass sie Lohnerhöhungen erwarten dürfen, Häfen wurden eröffnet, Paketzentren, Bahnhöfe, Brücken, U-Bahnen, Schullabors.

Laut NDTV nahm der Premierminister in den letzten beiden Monaten an 186 Eröffnungen teil. Ein neues nationales Filmarchiv? Der PM hat es eingeweiht! Ein neuer Eisenbahn-Terminal in Bombay? Über der Ankündigung prangt das lächelnde Gesicht des PM. Eine neue Munitionsfabrik – der PM legt den Grundstein. Mindestens einmal jeden Tag fand eine politische Veranstaltung statt, und das Lästermaul NaMo stellte sicher, dass seine Invektiven auf der Titelseite landen.

Unbeliebte BJP

Der Terrorangriff am 14. Februar in Kaschmir kam gerade rechtzeitig. Warum gelingen Pakistan und den Terrorgruppen solche Attentate? Weil die Opposition geschlafen hat, weil ihre Parlamentskritik den Verteidigungswillen untergräbt, weil sie mit den Politikern aus dem Nachbarland auf allen Hochzeiten tanzt.

Gibt es überhaupt eine Partei namens BJP, gibt es Fachminister, Parteibonzen? Nur wenn es die Not erfordert, etwa, wenn jemand einspringen muss, wenn Modis fliegendes Büro den letzten Event des Tages doch nicht geschafft hat.

Die Erklärung ist einfach: Lokalwahlen, die vor kurzem stattfanden, und Meinungsumfragen zeigen, dass die BJP unpopulär ist, im Gegensatz zu ihrem Zugpferd, dessen nationale Beliebtheit weiterhin gross ist. Nur das hastige Herumhecheln von einem Kameratermin zum nächsten macht stutzig – traut Modi am Ende seiner eigenen Popularität nicht mehr?

Die Kumbh Mela in Allahabad

Dank göttlicher Fügung fiel auch die Kumbh Mela in Allahabad diesmal auf die Vorwahlperiode. Die über sechzig Millionen Besucher aus allen Regionen Indiens konnten in ihre Dörfer zurückkehren mit Erinnerungen und Bildern, die der Hindu-Partei zugute kommen würden.

Rechtzeitig hatte die Provinzregierung dafür gesorgt, dass der muslimische Name der Stadt neben dem Zusammenfluss von Ganges, Jamuna und dem mythischen Saraswati verschwand: Allahabad wurde in Prayagraj umgetauft. Unterkunft, Abfallentsorgung, Transport und Sicherheit waren diesmal so vorbildlich geplant, dass ausländische Besucher das übliche Gemisch von Dreck, Chaos und religiöser Inbrunst geradezu vermissten.

Selbstverständlich liess sich der Premierminister dieses Wahlkampfgeschenk nicht entgehen. Die zahllosen Pilger bildeten dabei nur den farbintensiven Hintergrund für eine mediale Inszenierung, die auf den Millionen Bildflächen – Handy, TV, Plakatflächen – zu voller Wirkung gelangen würde.

Frommer Premier

Das erste Video zeigte den Premierminister beim abendlichen Arati-Gebet. Beim Schall von Muschelhörnern und Glockengeläute schwang er den brennenden Leuchter. Am folgenden Morgen flimmerte ein Premierminister durch die Sozialen Medien, der voll gekleidet im trüben Wasser stand, darin eintauchte und seine Hände zum Gebet faltete. „Had the good fortune of taking a holy dip at the #Kumbh“, hiess es unter seinem Video-Tweet. „Prayed for the well-being of 1300 Million Indians“.

Narendra Modi ist der erste Premierminister Indiens, der mit der ganzen Autorität seines Amts eine derart religiös und symbolisch aufgeladene Zeremonie durchführte. Er versteht sich nicht mehr als Repräsentant eines säkularen Landes, der jede religiöse Gestik vermeidet, um andersgläubige Bürger nicht zu verschrecken. Dieses Land – seine Flüsse, Tempel, Städte, Berge und Ebenen – ist Punyabhumi, geweihte Erde.

Die Fusswaschung

Modi liess noch ein drittes Video verbreiten. Auch diese inszenierte Geste war als billiger Stimmenfang angelegt – oder konnte so gelesen werden. Aber sie war gleichzeitig so neu und gewagt, dass man sie auch revolutionär nennen könnte.

Der kurze Clip zeigt den Premierminister in einem hell ausgeleuchteten leeren Raum. Er sitzt auf einem Schemel, im Kreis um ihn fünf ärmlich gekleidete Leute, alle barfuss, eine Schüssel unter den Füssen. Die Szene findet in völligem Schweigen statt.

Modi nimmt einen Metallkrug zur Hand, giesst dem ersten Mann Wasser über die Füsse. Mit der rechten Hand wäscht er sie. Dasselbe tut er mit den anderen vier. Dann legt er den Kessel weg, reibt jedem mit einem Handtuch die Füsse trocken.

Für Christen ist es eine bekannte Demutsgeste, sie evoziert die Fusswaschung Jesu beim Letzten Abendmahl. Katholiken denken an den Gründonnerstag-Brauch, wenn ein Würdenträger – oder der Papst selbst – vor einfachen Leuten niederkniet, wie Franziskus dies letztes Jahr vor Häftlingen tat.

Das Kasten-Tabu

Beeindruckend wie diese Geste für Christen sein mag, lässt sie kaum erahnen, dass das Video den meisten Hindus beinahe die Sprache verschlug. Denn was ihr Landesvater hier tat, war viel mehr als nur eine Demutsgeste.

Es war eine schwere Verletzung eines Kasten-Tabus, das beinahe so alt ist wie die indische Zivilisation, ein Verbot, das deren sozialen Kosmos zementiert. Dessen Nichtbeachtung war ein Angriff auf die Grundfeste des Kastendenkens, das auf dem Ein- oder Ausschluss sozialer Gruppen basiert, gemäss ihrer Reinheit oder rituellen Verschmutzung.

Am stärksten „befleckt“ sind jene Gruppen, die die Ausscheidungen des menschlichen Körpers entsorgen. Es sind nicht einfach Dalits, sondern die unterste Kaste unter den Dalits (auch diese praktizieren ja oft (Unter)kasten-Diskriminierung).

Strenggenommen haben sie nicht einmal einen Namen, sind also sozial nicht existent und werden als „unsichtbar“ eingestuft. Die Architektur indischer Häuser ist darauf ausgelegt, dass sich die Wege zwischen ihnen und Kasten-Hindus nicht kreuzen.

Bis heute haben Toiletten selbst in kleinen indischen Wohnungen zwei Türen, mit einem separaten Zugang für „diese Leute“. Klassische Traktate schreiben vor, wie man sich rituell wieder reinigen muss, wenn es zu Blickaustausch, Schattenwurf oder gar Berührung gekommen ist.

Selbsterniedrigung

Selbst die Ächtung dieser Praxis durch die Verfassung hat wenig bewirkt, um dieses Stigma zu beseitigen. Und nun kommt Indiens mächtigster Mann daher, ein Repräsentant gerade dieser traditionellen Werte. Er sitzt auf einem niedrigeren Stuhl als diese „Sanitation Workers“, berührt dazu noch den dreckigsten Teil ihrer Anatomie (denn die Füsse kommen mit jedem Dreck in Berührung).

Als wollte er diese Selbsterniedrigung noch verstärken, wäscht Modi einer fünfköpfigen Gruppe die Füsse – zwei von ihnen sind Frauen. Kein indischer Mann berührt einer Frau die Füsse, es sei denn (so der Politologe Peter d’Souza in einer Analyse dieser Szene im Newsportal Scroll.in) es handle sich um eine religiöse Respektsperson oder ein älteres Familienmitglied.

Ein Tabu lebt davon, dass es ohne Ausnahme gilt. Ist es einmal gebrochen, verliert es den Nimbus seiner Unüberwindbarkeit. Dasselbe gilt für das Motiv: Modi mag durchaus nur an die Wählerstimmen der Dalits gedacht haben, als er sich zu diesem Schritt entschloss. Doch einmal getan und durch eine Nachrichtenagentur verbreitet, lässt er sich nicht mehr ungeschehen machen.

Mehr als blosses Wahlkalkül

Ich bezweifle, dass Modi nur aus Wahlkalkül so weit ging. Kastentabus sind Hindus so tief in Fleisch und Blut übergegangen, dass die Geste Modi physische Überwindung gekostet haben dürfte. Er musste damit rechnen, dass diese Bekundung von Selbsterniedrigung Millionen seiner Anhänger physisch ebenso nahegehen würde.

Modi, der Retter der Hindu-Kultur – nun plötzlich deren Totengräber? Ich glaube nicht. Viele Hindus, namentlich Brahmanen, denen solche Kastentabus buchstäblich in Fleisch und Blut übergegangen sind, schämen sich heute dafür. Sie wünschen sich eine Veränderung dieser unmenschlichen – im Endeffekt rassistischen – Einstellung, auch wenn sie es selber nicht fertigbringen, über diesen Schatten zu springen.

Es könnte also durchaus geschehen, dass Modi mit seiner ausserordentlichen Demutsgeste viele Dalit-Stimmen gewinnen wird. Er kann vielleicht auch mit der Dankbarkeit vieler Hindus rechnen, weil er ihnen den Mut gibt, diesen Lady Macbeth-Flecken der indischen Kastengesellschaft endlich auszubrennen.

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