Die falsche Adresse

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Die falsche Adresse

Von Klara Obermüller, 14.04.2019

Immer wieder setzen Katholikinnen und Katholiken ihre Hoffnung auf den Papst. Die jüngsten Verlautbarungen aus Rom zeigen einmal mehr, wie illusionär diese Hoffnungen sind.

Anfang April erschien in Zürcher Tageszeitungen ein Offener Brief an den Papst, in dem dieser um tatkräftige Hilfe bei der Aufarbeitung des weltweiten Missbrauchskandals in der katholischen Kirche gebeten wird. Unterzeichnet ist das Schreiben von Generalvikar Josef Annen sowie der Präsidentin des Synodalrates Franziska Driessen-Reding. Von einem Flächenbrand ist in dem Brief die Rede, von sich häufenden Kirchenaustritten und von der „Häresie des Klerikalismus“, die laut Papst Franziskus am Ursprung der sexualisierten Gewalt in der Kirche und ihrer Vertuschung stehen soll.

„Dramatisch“ wie am Vorabend der Reformation nennen die Verfasser die Lage der Kirche und erinnern den Papst mit Nachdruck daran, „dass der sexuelle Missbrauch sich nicht auf die Vergehen fehlgeleiteter Einzelpersonen reduzieren lässt“, sondern „in den Strukturen der katholischen Kirche begründet“ ist. Vom Oberhaupt dieser Kirche erwarten sie deshalb nicht weniger, als dass er für einen lebensnahen Umgang mit Sexualität, für Gewaltentrennung und synodale Mitverantwortung sowie für Kreativität bei der Lösung der brennenden Probleme sorge. Und ganz nebenbei auch für einen dem synodalen System gewogenen neuen Bischof von Chur, wie am Ende des Schreibens ganz kurz noch vermerkt wird.

Rom ist Teil des Problems und nicht dessen Lösung

Inhaltlich kann man den von den obersten Verantwortlichen der Zürcher Kantonalkirche erhobenen Forderungen nur zustimmen. Bloss, kommen sie auch am richtigen Ort an? Und setzen sie gar einen Prozess in Gange, wie die Unterzeichnenden es sich erhoffen? Ich fürchte, nein. Ich fürchte, der Brief ging an die falsche Adresse. Denn Rom ist Teil des Problems und nicht dessen Lösung.

Wie sehr dies der Fall ist, haben die Auslassungen Benedikts XVI. mit erschreckender Deutlichkeit gezeigt, die Ende letzter Woche publik geworden sind. Ganz so, als hätte es noch eines Beweises für die Uneinsichtigkeit und Reformunfähigkeit der römischen Zentrale bedurft, liess der einstige Präfekt der Glaubenskongregation und zurückgetretene Papst im „Bayerischen Klerusblatt“ einen Aufsatz veröffentlichen, dessen Titel „Die Kirche und der Skandal des sexuellen Missbrauchs“ aufhorchen liess.

Ratzingers bodenlose Unverschämtheit

Doch wer eine Klärung der tragischen Angelegenheit erwartet hatte, sah sich nicht nur enttäuscht, sondern musste mit Erschrecken die bodenlose Unverschämtheit der darin zum Ausdruck gebrachten Thesen zur Kenntnis nehmen. Nicht die Täter, nicht die Strukturen und schon gar nicht die Kirche als solche sieht Ratzinger in der Verantwortung, sondern die moderne Gesellschaft. Dort sitzen seiner Meinung nach die wahren Schuldigen, als da sind: der Sexualkundeunterricht in den Schulen, die sexuelle Befreiung der 68er Generation sowie der Zusammenbruch der Moraltheologie, „der die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte“.

Nun könnte man über derlei Unsinn einfach den Kopf schütteln und zur Tagesordnung übergehen, wenn da nicht der Verdacht im Raum stünde, dass der Aufsatz mehr ist als der Erguss eines verbohrten alten Mannes, der die Welt nicht mehr versteht, nämlich ein mit dem amtierenden Papst abgesprochener Versuch, der weltweiten Kritik an der katholischen Kirche entgegenzutreten.

Dummdreist auf den Kopf gestellt

In der Tat weisen die Argumentationslinien der beiden Päpste eklatante Ähnlichkeiten auf. Beide versuchen sie Schuld von der Kirche zu nehmen, indem sie auf die sexuelle Gewalt in allen Bereichen der menschlichen Gesellschaft verweisen. Beide sehen sie im Missbrauchskandal ein Wirken des Teufels. Und für beide ist es letztlich die „Abwesenheit Gottes“, die der Verbreitung der Pädophilie in den eigenen Reihen Vorschub leistete. Eine Erklärung, warum gerade höchste geistliche Würdenträger besonders von dieser Abwesenheit Gottes betroffen sein sollten, bleiben sie beide schuldig.

Für all jene, die ihre, die katholische Kirche noch immer lieben und sich in ihr für sie engagieren, war bereits die wenig einsichtige Rede des amtierenden Papstes zum Abschluss des sogenannten Missbrauchgipfels eine herbe Enttäuschung gewesen. Nun setzt der emeritierte Papst noch eins drauf und macht die Hoffnung auf von Rom ausgehende Reformen vollends zunichte. Wer das Opfer-Täter-Schema derart dummdreist auf den Kopf stellt, wie Benedikt XVI. es soeben getan hat, ist zu Einsicht und Umkehr schlicht nicht fähig. Und so ist zu befürchten, dass auch der Appell der Zürcher Kantonalkirche ins Leere läuft und ebenso ungehört verhallt wie all die andern Offenen Briefe, die in letzter Zeit von überall her an den Papst gerichtet worden sind.

Noch ist der Name des neuen Churer Bischofs nicht bekannt, und so bleibt für die Zürcher und alle andern Katholiken der Diözese ein letztes Fünkchen Hoffnung übrig. Sollte auch dieses zum Erlöschen gebracht werden, sieht es düster aus im Hause des Herrn.

Kommentare

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Irgendwie tut mir der Papst leid, der - oder wenn's eine Päpstin wäre, die - doch einen unmöglichen Job hat. Schon der Anspruch: Stellvertreter/in Gottes. Täusch ich mich, dass der Katholizismus als einzige Religion überhaupt einen solch skurrilen Anspruch erhebt?
Und dann soll ein Chef aus den eigenen Reihen eine verklemmte, mit falschen Anreizen ausgestaltete Institution (inklusiv strukturelle Diskriminierung von Frauen) ausmisten? Kann er doch gar nicht, ohne die Institution in Frage zu stellen. Da geht wohl die Angst um in der Hierarchie, dass sie den institutionellen Boden verliert..

Rom sei die falsche Adresse für den offenen Brief der Zürcher Katholik*innen, ist ganz und gar nicht hilfreich. Solche Kritik ist leichter geäussert als zu sagen, wer denn der richtige Adressat wäre, weshalb Klara Obermüller - nicht zum ersten Mal - es bei der Kritik belässt und so leider den Verfassern des richtigen Briefes einen Bärendienst erweist, wenn nicht gar in den Rückenfällt. Schade!

Eine absolut zutreffende Analyse: Die römisch-katholische Kirche hat bisher mehrmals bewiesen, dass sie reform-unfähig ist. Als weiteres Beweisstück dazu lese man das Interview mit dem Deutschen Kardinal Ludwig Müller, dem abgesetzten Chef der Glaubenskongregation/Inquisition:

http://kath.net/news/67624

Die Internet-Homepage kath.net gehört in einen Verbund Erz-Konservativer Katholiken, die sich als besonders Rom-treu ausgeben, aber natürlich nur, solange der Chef nach ihrem Gusto ist. Zudem pflegen sie enge Verbindungen in die Pius-Bruderschaft mit ihrem Holocaust-Leugner. Vor einigen Jahren pflegten sie enge Kontakte mit der mittlerweile vom deutschen Verfassungsschutz verbotenen Homepage Kreuz.net, welche ihrerseits starke Verbindungen in die Rechtsextreme Neo-Nazi Szene hatte.

Dass Papst Franziskus in diesem Umfeld eine 'mission-impossible' übernommen hat, zeugt m.E. von seiner Integrität und seinem Willen, als Nachfolger Jesu zu leben. Dass ein einzelner Mensch, auch an höchster Stelle, die überaus vielen und ernsthaften Baustellen dieses im Zerfall begriffenen Welt-Konzerns zu lösen vermag, halte ich für sehr unwahrscheinlich, angesichts der Stärke der lebensfeindlichen, auf Macht, Prunk, Sex und Unterdrückung fixierten, kranken und verbitterten alten Männer in dieser Kirche.

Gegen körperliche, psychische und genitale Übergriffe können sich Betroffene nur selber wehren! Dazu braucht es eine interessierte Gesellschaft und die Wörter dazu! Das schreibe ich aus schwuler Erfahrung.
Diese müssen die Eltern liefern! Dr. Jeanne Stephani-Cherbuliez: Dem Geschlecht sein Recht. Gedanken einer Mutter und Ärztin über sexuelle Aufklärung und Erziehung, Müller Rüschlikon, 1947 - Sie hat damals schon betrübt festgestellt, dass diese allgemein unfähig dazu sind!

Heutzutage wuerde so eine Organisation wahrscheinlich verboten werden, oder der Ueberwachung unterstellt, wenn sie neu auftauchen wuerde. Denn sie versucht eine Parallelgesellschaft mit eigenen Gesetzen, welche unsere Verfassung nicht respektiert, zu installieren. Diese Organisation verweigert Frauen die gleichen Rechte, und maennlichen Exponenten werden verfassungsmaessig zugesagte Rechte verweigert.

Ausgezeichnet, auf den Punkt gebracht.

Treffend, liebe Frau Obermüller, treffend.

Liebe Frau Obermüller
Man ist sich ja gewohnt von Ihnen klare und selbstsichere Worte zu lesen. Da haben Sie auch in diesem Artikel keine Ausnahme gemacht.
Der Missbrauch ist (auch für die Katholische Kirche) ein grosses Problem. Und meine kleine Antwort auf Ihre Überlegungen ist nicht geeignet alle Ursachen und einfache Lösungen zu präsentieren.

Dennoch halte ich es für wenig zielführend, vor allem den aktuellen Papst noch seine Vorgänger für die Problematik verantwortlich zu machen. Es sei nur daran erinnert, dass Papst Benedikt mehrere Hundert Kleriker (man hört von 800) abberufen und vom Stand der Kleriker ausgeschlossen hat, weil sie im Missbrauch aktiv involviert waren.
Es ist bestimmt richtig, dass die Kirche einen gewissen Menschentypus stärker anzieht - die Aussicht mit Jugendlichen zu arbeiten, mag für gewisse zukünftige Kleriker interessant tönen.

Doch bitte beachten Sie auch die Fakten. Insgesamt sind 3 bis 4% der Kleriker in Missbrauchsfragen verwickelt (das ist weniger als die Hälfte des Prozentsatzes ausserhalb der Kirche) - jeder Missbrauch ist einer zuviel und jeder ist ein Vergehen an Opfern. Doch setzen Sie doch bitte nicht einfach die Institution Kirche mit den Tätern gleich. Damit würden Sie es sich zu einfach machen.

Auch wenn es sein mag, dass die Kirche gewisse Leute stärker anzieht als andere, so ist die von ihnen als "Krankes System" taxierte Kirche bezüglich Missbrauch nicht ein geschlossenes gleichgeschaltetes System. Es sind (trotz der hohen Zahl) immer Einzeltäter, die Missbrauch begehen - allenfalls Einzeltäter, die sich in der Institution Kirche verstecken können;: allenfalls Einzeltäter, die in der Vergangenheit auch mehr als üblich Schutz genossen haben. Ist nicht unmöglich anzunehmen.

Doch weder der Papst noch massiv strengere Gesetze machen ein Verbrechen ungeschehen - und weder der Papst noch neue, strengere Gesetze verhindern Missbrauch so, dass die Nulltoleranz gelebt würde. Weder in der Kirche noch in der Gesellschaft.

Ursachen für den Missbrauch gibt es sehr viele - von der allfällig nachlässigen Auswahl von Kandidaten über krankhafte Disposition zu Überforderung und Isolation etc. gibt es sehr viele Ursachenbündel.
Das Entscheidende ist immer noch, dass Täter als Individuen handeln - sie handeln keineswegs im Auftrag der Kirche sondern eben im Gegenteil: sie verachten die Lehre und gute Praxis der Kirche (aus welchen Gründen auch immer, leider).

Auch wenn es sich um einige Prozent von Klerikern handelt - und jeder Fall ist betrüblich - so geht es wohl nicht an, ein Labeling vorzunehmen und Kleriker insgesamt (zusammen mit dem Papst) für alles verantwortlich zu machen. Es gibt sie, die Verantwortung für den Nächsten, den Mitbruder, und es braucht die notwendige Korrektur und Bestrafung, auch Vorsorge; doch ist es nicht die Institution Kirche, welche zum Missbrauch aufruft und ihn fördert.
Nochmals: es gibt bestimmt auch institutionelle Probleme diesbezüglich, die wahrgenommen, angeschaut und korrigiert werden müssen, doch Ihr pauschales Urteil scheint mir so nicht gerechtfertigt zu sein.
MIt besten Grüssen
M. Muff

Das Problem liegt schon im System, genauer in der verqueren Sexualmoral, verbunden mit der hierarchisch aufgebauten Macht der Kleriker und der Nichtumsetzung des II. Vatikanischen Konzils mit der Mündigkeit der Laien und dass diese zusammen mit den Klerikern die Kirche sind. Hier muss angesetzt werden, weshalb Papst Franziskus der richtige Adressat ist und er es ist, der die Hoffnung weckt, dass er sich gegen die vielfältigen Hindernisse der ultrakonservativen Fraktion in der Kurie, die auch unlautere Mittel nicht scheut, durchsetzen kann.

Guten Abend Herr Nay

Danke für Ihren Kommentar.
Auch in meiner Sicht stimme ich mit Ihren Feststellungen überein: Das II. Vatikanische Konzil ist nur halbherzig umgesetzt.
Vielleicht ist dennoch sinnvoll zu überlegen, ob Ihr Hinweis auf fehlende "Mündigkeit der Laien" in der Schweiz tatsächlich zutrifft. Es gibt meiner Meinung kaum ein anderes Land in dem Laien und Kleriker in Zusammenarbeit sich um die Menschen und um die Anliegen der Kirche kümmern. In den meisten mir bekannten Ländern wird gerarde die Hierarchie deutlich mehr akzentuiert als in unserer sehr demokratisch strukturierten Schweiz.
Auf internationalem Parkett würde ich Ihre Wahrnemung auch unterstützen können.
Was verstehen Sie unter "verquere Sexualmoral"? Welche Sexualmoral sprechen Sie an - die lehramtliche, die akademisch durchdachte und differenziert präsentierte Lehre oder allenfalls die allgemein "bekannte" Sexualmoral der Kirche - jene, die wir zu kennen meinen?
Wir stimmen ebenfalls überein darin, dass Papst Franziskus einen enormen persönlichen und institutionellen Einsatz zeigt um einen leider verbohrten Klerikalismus offen zu legen, zu kritisieren und auch zu demontieren. Er hat anlässlich der Weihnachtsansprache schon mehrfach aussergewöhnlich scharfe Worte gebraucht. Genau aus diesem Grund kann ich Ihrem Kommentar vom 15.4. um 12:00 Uhr auch gut zustimmen.
Sie wünschen sich von der Autorin Frau Klara Obermüller eine Würdigung und Kritik, welche sich sich nicht mit oberflächlichen Themen allein begnügt. Hoffen wir auf Fortschritte in dieser Sache.
Sehr geehrter Herr Nay - Ihre Überlungen sind im Prinzip bestimmt korrekt. IM Alltag ist es scheinbar viel schiwieriger als in den meisten Ländern.
Beste Grüsse
M. Muff

Lieber Herr, oder liebe Frau Muff

leider beten Sie nur die alten und falschen Argumente und die faulen Entschuldigungen der alten, kranken, lernunfähigen, auf Macht, Prunk, Sex und Unterdrückung fixierten Kleriker-Gilde nach.

Diese ist ohne weiteres bereit, die wirklichen Opfer (nicht nur die missbrauchte Kinder!) auf dem Altar einer (verlogenen) heiligen, reinen Kirche zu verbrennen, um den Schein zu wahren.

Immerhin versucht Papst Franziskus - mit einer kopernikanischen Wende - die Aufmerksamkeit und das Mitleid auf die eigentlichen Opfer zu wenden und nicht, wie es in einer Ungeheuerlichkeit sondergleichen der wohl senil gewordene Vorgänger-Papst Benedikt tut, nämlich die Kirche als Opfer der 68er Bewegung, der Aufklärung in der Schule, etc. weinerlich zu sehen.

Ratzinger hat etwas gemacht, was verdankenswert ist: er hat gemerkt, dass er seinen Job nicht mehr schaffte, UND TRAT ZURÜCK. CHAPEAU !

MfG
Werner T. Meyer

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