Die Ephrussis und ihr Hase mit den Bernsteinaugen

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Die Ephrussis und ihr Hase mit den Bernsteinaugen

Von Claudia Kühner, 27.11.2019

Eine Ausstellung des jüdischen Museums in Wien widmet sich der bewegten Familiengeschichte der Ephrussis, die Edmund de Waal in seinem Bestseller-Buch erzählt.*

2011 erschien ein Buch über das Schicksal der jüdischen Familie Ephrussi mit dem merkwürdigen Titel «Der Hase mit den Bernsteinaugen», das sogleich ein Weltbestseller wurde. Dabei ist sein Autor, der 1964 in England geborene Edmund de Waal, von Hause aus kein Schriftsteller, sondern ein international renommierter Professor für Keramik in London. Doch eine hochgradige Schreib-Begabung dazu.

Odessa, Wien, Paris, London, Tokio bis Meggen 

Was er zu Papier brachte, ist die Geschichte seiner Familie. Ihre Wurzeln hat sie in Odessa, wo sie im 19. Jahrhundert mit Getreidehandel zu Wohlstand und Ruhm gelangte, aber ihren Sitz bald nach Wien und nach Paris verlegte und ins Bankgeschäft einstieg – wenngleich nicht ganz so erfolgreich wie die Rothschilds. New York, die Slowakei, Tokio und das London unserer Tage hiessen die weiteren Stationen, oft genug Fluchtpunkt und Exilort. Auch Meggen, wo die Ephrussis von überall her einst zur Sommerfrische zusammenfanden, gehört in dieses internationale Tableau.

De Waals Weg zu dieser Geschichte löst das Rätsel des Buchtitels. Bei diesem Hasen handelte es sich um eine kleine japanische Netsuke-Figur aus Elfenbein aus der Sammlung, die Charles Ephrussi im 19. Jahrhundert in Paris begonnen hatte und die weitervererbt wurde nach Wien, später nach Tokio und schliesslich heute im Besitz von Edmund de Waal ist. Entlang ihrer Spur und der vielen Besitzerwechsel erzählt de Waal das Schicksal seiner Familie.

Jüdisches Grossbürgertum

Ihr nun widmet das Jüdische Museum in Wien eine Ausstellung. Im gehaltreichen Katalog sind es vor allem Wissenschaftler wie Kunst-, Wirtschafts- oder Zeithistoriker, die de Waals Erzählung mit einer Fülle von Informationen und Einordnungen ergänzen. 

In vielerlei Hinsicht waren die Ephrussis prototypisch für das jüdische Grossbürgertum (in Paris die «haute juiverie» genannt), das seine Mittel auch für weitverzweigte kulturelle Engagements, Sammelleidenschaften und Förderung der Künste nutzte. Die erste bedeutende dieser Gestalten war Charles Ephrussi (1849 in Odessa, bis 1905 in Paris). Dank des Reichtums seines Bankier-Bruders konnte er sich frei seinen Neigungen hingeben und wurde zum veritablen Kunsthistoriker, Sammler und Mäzen.

Vorbild für Prousts Swann?

Marcel Proust, so geht die Legende, soll sich Charles Ephrussi als Vorbild für die Figur des Swann genommen haben. Er verkehrte in den Malerkreisen von damals und wurde gleichwohl immer wieder Opfer von deren Antisemitismus. Stellvertretend seien Auguste Renoir und  Edgar Degas genannt, aber auch die Brüder Goncourt. Das alles gipfelte später in der Affäre Dreyfus.

Ein anderer Zweig der Familie hatte sich in Wien niedergelassen und gehörte dort ebenso zu den wohlhabenden, meist jüdischen Kunstkennern, ohne deren Leidenschaft und Sachverstand die künstlerische Moderne nie hätte reüssieren können. Blieb die alte Aristokratie in ihren angestaubten Innenstadtpalais auch dem Kunstgeschmack der Welt von gestern verhaftet, baute sich die neue Oberschicht prachtvolle neue Palais an der Ringstrasse, ausgestattet mit allen technischen Neuerungen und Finessen und zeitgenössischen Möbeln wie Kunst.

Nach Österreichs „Anschluss“

So auch die Ephrussis, in deren Palais am Schottenring heute die Casino Austria ihren Sitz hat. Im Zentrum dieses Teils der Ausstellung steht Viktor Ephrussi (1860–1945), der von Charles die Netsuke zur Hochzeit geschenkt bekam und ähnlich wie jener den Künstlern und vor allem Schriftstellern weit näher stand als der Bank. Arthur Schnitzler und das Café Griensteidl – das war seine Welt.

Wien, wo sie sich schon 1857 niedergelassen hatten, wurde auch der Schauplatz des letzten Kapitels dieser Familie nach dem „Anschluss“ von 1938 auf dem Kontinent. Man musste fliehen, erst in die Slowakei, von dort weiter nach England. Und die Nazis raubten den zurückgelassenen Besitz. Die Netsuke jedoch wurden gerettet und gelangten schliesslich in die Hand von Viktors Sohn Ignaz, der sich in Tokio niederliess. Mühsam nur kam die Rückerstattung nach dem Krieg in Gang. Umso bemerkenswerter, dass de Waal nun die Ausstellung in Wien nach Kräften förderte. Der Gang ins Jüdische Museum ist deshalb ein Muss für jeden Wien-Besucher, der sich für die Welt dieser grossen jüdischen Familien interessiert, die so unendlich viel getan hatten für die Allgemeinheit. 

Bis 8. März 2020, Jüdisches Museum, Dorotheergasse. *Das obige Bild zeigt Edmund de Waal mit der Netsuke-Sammlung

 

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