Die Eiterbeule ist geplatzt

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Die Eiterbeule ist geplatzt

Von Jakob Juchler, 16.05.2019

Ein auf Youtube aufgeschalteter Film zeigt das Schicksal von drei Missbrauchsopfern und bewegt ganz Polen.

Der Journalist und Filmemacher Tomasz Sekielski stellte seinen Film „Aber sage es niemandem“ am letzten Samstag auf Youtube. Der Film wurde ein absoluter Publikumsrenner. In nur vier Tagen klickten ihn 15 Millionen an. In den Medien wurde er zum unbestrittenen Thema Nummer eins und löste eine breite Diskussion aus. Es gab auch kaum einen wichtigen Politiker, der sich nicht dazu äusserte.

Blase geplatzt

Der eindrückliche, über Crowdfunding finanzierte Film brachte explosionsartig ein schwelendes Problem an die breite Öffentlichkeit. Obwohl das Thema Missbrauch insgesamt in der katholischen Kirche immer mehr an Brisanz gewann, fand es in Polen lange Zeit wenig Beachtung. Es gab nur wenige aufgedeckte Fälle und noch weniger Verurteilungen.

Die mächtige, überwiegend konservative Kirchenhierarchie hielt das Thema unter dem Deckel und sprach von bedauerlichen Einzelfällen. Bei über 30’000 Priestern war es allerdings absehbar, dass hier ein gewaltiges Skandalpotential vorhanden war. Eine Aufarbeitung war jedoch nicht gefragt. Es ging nur darum. das Ansehen der Kirche zu schützen.

Obwohl die katholische Kirche in Polen immer noch sehr präsent ist, hat sie doch im Laufe der rasanten Modernisierung des Landes etwas an Einfluss verloren (Journal 21, 25.7.2016: Wie katholisch ist Polen wirklich?). Die Säkularisierung nimmt langsam, aber sicher zu. Offiziell gehören zwar immer noch über 90 Prozent der Bevölkerung der katholischen Kirche an, rund 80 Prozent bezeichnen sich auch als gläubig und fast 40 Prozent gehen am Sonntag in die Kirche. 

Aber viele Polen und Polinnen sind – gerade in den grösseren Städten – der Kirche und ihrem Personal gegenüber kritisch eingestellt. Das zeigte sich auch schon vergangenen Herbst, als der die Kirchenhierachie kritisierende Spielfilm „Klerus“ von Millionen Zuschauern besucht wurde.

Eine Vorreiterrolle im Aufdecken von Missbrauchsfällen spielte eine Initiative von unten. Die Organisation „Fürchtet euch nicht“ sammelte Informationen über Missbrauchsfälle und veröffentlichte die Ergebnisse im Netz. Es kamen so immerhin gegen 250 Fälle zusammen. Sie suchte auch mit der Kirchenhierarchie das Gespräch, fand aber wenig Gehör.

Die Kirche ihrerseits versuchte, eine Strategie der Schadensbegrenzung zu fahren. Sie liess einen Bericht verfassen, der das Problem anerkannte, aber nichts wirklich Neues ans Tageslicht brachte. Pädophilie wurde verurteilt, zusätzliche Massnahmen zu deren Bekämpfung in der Kirche wurden angekündigt. Der harmlose Bericht wurde auch im März an einer Pressekonferenz der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Echo in den Medien war gering und fiel weitgehend kritisch aus. 

Reaktion der Kirche

Der Film von Sekielski und seine enorme Resonanz setzt die Kirche nun aber unter gewaltigen Druck. Der Film war schon längere Zeit angekündigt worden und es war absehbar, dass er grosse Emotionen und Diskussionen auslösen würde.

Die höchsten Würdenträger, der Primas von Polen sowie der Vorsitzende der Bischofskonferenz, wählten eine Vorwärtsstrategie. Sie reagierten unerwartet schnell und positiv. In ihren Verlautbarungen bekundeten sie ihre Betroffenheit, entschuldigten sich bei den Opfern und dankten dem Regisseur für seinen Film. 

Sekielski zeigte sich überrascht, hatte er sich doch für seinen Film vergeblich um Stellungnahmen der Würdenträger bemüht. Er habe auch viele positive Reaktionen von einfachen Priestern bekommen, die sich nun mehr zutrauten und eine umfassende Aufarbeitung des Problems verlangten. Gerade die Bischöfe, welche Fälle vertuscht oder Priester einfach versetzt hatten, müssten nun ebenfalls zur Verantwortung gezogen werden. 

Die zweifellos vielen Bischöfe und Priester, die dem Film vor allem eine „antiklerikale“ Stossrichtung attestieren, haben sich bis jetzt allerdings in der Öffentlichkeit zurückgehalten. Schlagzeilen lieferte nur der besonders konservative Erzbischof von Danzig. Er meinte, er habe nicht die Zeit, um irgend so was anzuschauen. Er gab auch keine Antwort auf die Frage, ob er denn nicht gewusst habe, dass einer seiner Priester sich des Kindesmissbrauchs schuldig gemacht habe. Dieser Priester ist eine prominente Person, er war unter anderem Beichtvater von Lech Walesa. 

Der Priester hatte sich auch in einer Konfrontation mit dem Opfer, die mit versteckter Kamera gefilmt wurde, besonders mies verhalten. Das sei ja mehr scherzhaft gemeint gewesen, meinte er beispielsweise. Das Opfer, heute ein gestandener Familienvater, sagte in einem Interview, wie schwierig das Ganze für ihn gewesen sei. Er sei jetzt aber sehr froh, er habe nur positive Reaktionen bekommen, auch von seiner Familie, die zuvor nicht eingeweiht war. 

Dies zeigt drastisch auf, wieso bisher nicht mehr Fälle an die Öffentlichkeit gelangt sind. Eine Kultur der Scham und des Verdrängens ist im Umfeld der mächtigen Kirche besonders ausgeprägt. Zudem dürften auch staatliche Stellen lieber nicht so genau hingeschaut haben.

Politische Folgen

Momentan läuft der Wahlkampf für die EU-Parlamentswahlen vom 26. Mai auf Hochtouren. Schon am Wochenende nahmen viele Politiker in Veranstaltungen auf den Film Bezug. 

Heikel scheint die Situation für die herrschende rechtskonservative PiS (Recht und Gerechtigkeit). Einerseits steht die PiS der Kirche sehr nahe, bezeichnet den katholischen Glauben sogar als wesentlichen Pfeiler der polnischen Kultur und Nation. Anderseits gibt man sich als Garant der Sicherheit, als knallharten Bekämpfer von Verbrechen, als Partei, die auf das einfache Volk hört. Obwohl es zu Beginn auch PiS-Politiker gab, die den Film negativ bewerteten, sind bekannte Politiker, wie Präsident Andrzej Duda und Premierminister Tadeusz Mazowiecki, der positiven Einschätzung des Primas von Polen gefolgt. 

Auch der Big Boss, Parteichef Kaczynski, signalisierte Nulltoleranz gegenüber Pädophilie. Und die PiS ging sogar in die „Offensive“. Die Regierung stellte schon am Dienstag eine Gesetzesverschärfung vor, die drakonische Haftstrafen und die Abschaffung der Verjährung vorsieht. Damit versuchte sie ähnlichen Forderungen der grössten Oppositionspartei, der PO (Bürgerverständigung), den Wind aus den Segeln zu nehmen. Bereits einen Tag später lag die Vorlage dem Parlament vor und wurde dort heftig diskutiert.

Es ist anzunehmen, dass die PiS kaum Einbussen in der Wählergunst erleiden wird. Sie kann sich einmal mehr als Macher-Partei verkaufen, die nicht nur spricht, sondern auch handelt. Somit dürfte sie ihren sich immer deutlicher abzeichnenden Vorsprung vor der breiten Oppositionskoalition, der europäischen Koalition, kaum verlieren. Zulegen könnte allerdings die neue linksliberale Partei Wiosna (Frühling), die auch klare kirchenkritische Positionen verfolgt. Dazu gehören eine Trennung von Kirche und Staat oder die Abschaffung von Steuerprivilegien des Klerus (Journal 21, 5.3. 2019).

Wie geht es weiter?

Der Film hat wie eine Bombe eingeschlagen. Bereits sind neue Fälle an die Öffentlichkeit gelangt. Auch Staatsanwaltschaften haben Untersuchungen eingeleitet. Das Thema Kindesmissbrauch und generell sexueller Missbrauch in der polnischen Kirche wird nicht einfach wieder von der Tagesordnung verschwinden. 

Regisseur Sekielski fordert wie viele andere eine unabhängige Untersuchungskommission. Es ist auch möglich, dass Rom interveniert und eine externe Untersuchung anordnet. Die Organisation „Fürchtet euch nicht“ hat die Berufung einer zivilgesellschaftlichen Kommission angekündigt. Gespannt darf man auch sein, was der ständige Bischofsrat nächste Woche beschliessen wird. 

Die Euterbeule ist geplatzt. Das Ansehen und die Stellung der Kirche dürfte weiter geschwächt werden. Nur eine – allerdings nicht besonders wahrscheinliche – gründliche Aufarbeitung und die Durchführung überfälliger Reformen könnten eine Gegenbewegung einleiten.

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