Die dunklen Seiten der Empathie

Stephan Wehowsky's picture

Die dunklen Seiten der Empathie

Von Stephan Wehowsky, 23.03.2017

Kein Einfühlungsvermögen zu haben, gilt als Makel. Aber Fritz Breithaupt macht darauf aufmerksam, dass Empathie gefährlich ist.

Es ist einer der beliebtesten Kurzschlüsse der neueren Zeit: Wer sich in andere hineinzuversetzen vermag, wird alles zu ihrem Besten tun. Denn das Wohl des anderen ist Bestandteil des eigenen Wohlbefindens.

Spiegelneuronen

Die moderne Neurobiologie hat dafür ein zentrales Argument geliefert. Die Gehirne von höheren Säugetieren und Menschen verfügen über „Spiegelneuronen“, die ein unmittelbares Einfühlen in andere Lebewesen ermöglichen.

Einer der Protagonisten diese Gedankens im deutschsprachigen Raum ist Joachim Bauer, der diesem Thema mehrere Bücher gewidmet hat. Gemessen am amerikanischen Bestsellerautor Jeremy Rifkin ist Bauer aber ein Waisenknabe. Rifkin hat 2010 gleich ein neues Zeitalter ausgerufen, das Zeitalter der Empathie.

Professionelle Distanz

Der Literaturwissenschaftler Fritz Breithaupt, der an der Indiana Universität in Bloomington lehrt, bestreitet nicht, dass es Empathie gibt. Aber sie ist in seinen Augen durch und durch gefährlich. Um das zu erklären, führt er mehrere Perspektiven und Beobachtungen ein. Dabei kann er sich auf zahlreiche literarische Quellen stützen.

So hat Friedrich Nietzsche darauf aufmerksam gemacht, dass Empathie zur Unterwerfung unter die Mitmenschen führen kann. Denn aus lauter Empathie mangelt es an Abgrenzung, die für die Autonomie notwendig ist. Breithaupt führt darüber hinaus ganz praktische Beispiele an: So würden Ärzte und Chirurgen geradezu handlungsunfähig, wenn sie bei jedem Eingriff allzu sehr mit ihren Patienten mitleiden würden. Es braucht „professionelle Distanz“.

Spass an der Tagödie anderer

Empathie kann nicht nur lähmen, sondern sie kann auch dazu dienen, Menschen und Tiere zu quälen. Denn das Zufügen von Schmerzen kann Lust bereiten. Und die wird um so grösser, je genauer der Täter spürt, was sein Opfer erleidet. Ausführlich geht Breithaupt auf den Sadismus, aber auch an die Lust an der Bestrafung ein.

Überaus seltsam ist die Beliebtheit von Tragödien in der Literatur, auf der Bühne und im Film. Warum sind so viele Menschen bereit, sich das Unglück anderer vor Augen zu führen und durchaus auch mit ihnen zu leiden?

Breithaupt zitiert Edmund Burke: „Ich bin überzeugt, dass wir einen Grad an Vergnügen, und keinen kleinen, an dem wirklichen Unglück und dem Schmerz von anderen haben.“ Aber dafür gibt es eine Bedingung: „Es ist absolut notwendig, dass mein Leben ausserhalb von jeder konkreten Gefahr ist, bevor ich das Vergnügen an dem Leiden von realen oder imaginären anderen empfinden kann.“

Breithaupt erwähnt in diesem Zusammenhang das „sad movie paradox“: „Wir werden von traurigen Filmen emotional stark erregt und assoziieren diese Erregung mit ästhetischem Vergnügen und ästhetischer Qualität.“ Und wir wissen, dass das, was wir sehen, ein baldiges Ende findet: „Die Tragödie hat eine emotionale Rückfahrkarte.“

Helikopter-Eltern

Recht amüsant geht Fritz Breithaupt auch auf aktuelle soziale und politische Entwicklungen ein. So gibt es seit etwa 25 Jahren das Phänomen der „Helikopter-Eltern“. Wie Helikopter schweben sie über ihren Kindern und versuchen, sie von allen nur erdenklichen Lebensrisiken abzuschirmen. Steckt wirkliche Empathie dahinter? Breithaupt diagnostiziert in diesem Fall eine Art „Vampirismus“, weil die Eltern ihre Kinder dazu benutzen, eigene unerfüllte Träume zu erfüllen und sich dabei vor den von den Eltern imaginierten Gefahren zu schützen. Untersuchungen zeigen, dass solche Kinder ein unterdurchschnittliches Selbstbewusstsein entwickeln, später erwachsen werden und insgesamt anfälliger für Störungen sind.

Umgekehrt macht Breithaupt klar, dass der auch von Barack Obama beklagte Mangel an Empathie bei der heutigen Jugend schlicht und einfach darauf beruhen kann, dass junge Leute heutzutage andere Begriffe benutzen als früher und auch andere Assoziationen haben. Empathie ist eben auch kulturell geprägt und wandelt sich.

Merkels „falsche Empathie“

Mit besonderer Lust geht Fritz Breithaupt auf zwei Politiker ein: Angela Merkel und Donald Trump. Bei Merkel untersucht er, wie sie zu ihrer Parole, „Wir schaffen das!“, gekommen ist. Dazu ruft er die Szene mit dem libanesischen Mädchen in Erinnerung, dem Merkel vor laufenden Kameras erklärte, dass es nicht in Deutschland bleiben könne. Deutschland könne nicht jeden aufnehmen.

Das löste bekanntlich heftigste Kritik aus; Merkel sei emotionslos. Merkel reagierte darauf, wie Breithaupt schreibt, seit September 2015 mit „falscher Empathie“, die auf „ihrem Streben nach Anerkennung“ beruht. Damit riss sie zwar viele mit, aber es gibt auch grosse Zweifel. Breithaupt resümiert: „Falsche Empathie ist eine mächtige Droge.“

Das Baby der Politik

Trump und seine Anhänger analysiert er in zwei Stufen: Als erstes ist da eine emotional bedingte Parteinahme, die offenbar ein ganz tief verankerter Reflex im Menschen ist: „Es scheint keine vollkommen abwegige Vermutung, dass Parteinahme die primäre und evolutionär ältere Struktur ist, der die Entwicklung moralischer Intuition schlicht nachfolgt.“

Entsprechend kann Trump tun und lassen, was er will, seine Parteigänger werden dadurch nicht beirrt: „Parteinahme, Identifikation und In-Schutz-Nehmen sind hier ein Amalgam eingegangen. Er ist zum grossen Baby der Politik geworden.“

Fritz Breithaupt, Die dunklen Seiten der Empathie, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2196, Suhrkamp Verlag Berlin 2017

Kommentare

Die Redaktion von Journal21 behält sich vor, Kommentare gekürzt oder nicht zu publizieren. Dies gilt vor allem für unsachliche und themenfremde Beiträge sowie für Kommentare, die ehrverletzend oder rassistisch sind oder anderweitig geltendes Recht verletzen. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

Ja, da versucht einer, sich wichtig zu machen und sein Buch zu verkaufen. Und das Schlagwort "Empathie ist gefährlich" ist gut geeignet zu provozieren und damit die Aufmerksamkeit von Journalisten und Zeitungslesern zu bekommen. Geschenkt. –– Laut Wikipedia bezeichnet Empathie "die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen." Und das ist der springende Punkt: es geht um eine FÄHIGKEIT und nicht um ein VERHALTEN. Und nur, weil ich in der Lage bin, mich in andere hineinzuführen, muss ich sie ja nicht zwangsweise quälen oder meine Autonomie aufgeben. Wir können JEDE Fähigkeit zum Guten und zum Schlechten nutzen, aber die Fähigkeit entzieht sich jeder moralischen Bewertung.

Empathie ist halt ein sehr undifferenzierter Steuerungsmechanismus. Schade. Sonst könnte man alle Probleme mit einem Oxytozin-Nasenspray lösen.
Das würde aber nur einen Tsunami an Ethnozentrismus / Vetterliwirtschaft / frère et cochon - Orientierung auslösen. Wie Populismus aber eher rein limbisch als MIT Grosshirnrinde.
Jede (distributive) Gerechtigkeit wäre definitiv abgeschaltet.
MfG
Werner T. Meyer

Meines Erachtens hat Empathie auch mit Liebe zu tun. Sich in einen anderen Menschen hinein zu fühlen und versuchen zu verstehen, was ihn bewegt, umtreibt und belastet, scheint mir für das Menschsein unabdingbar zu sein. Einfühlungsvermögen ist eine Eigenschaft, die uns vermutlich von anderen Wesen (Tiere) unterscheidet. Weil wir aber bewusst wahrnehmen können, laufen wir Gefahr, Empathie zu missbrauchen. Es stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, ob echte Empathie bedingungslos zu sein hat oder sich auch mit einer konsumorientierten Haltung schadlos halten kann? Etwa in dem Sinne: Wenn ich mich dir mit all deinen Facetten annehme, erwarte ich von dir Gleiches. Die vom Autor genannten Beispiele, wie jenes der Helikopter-Eltern, scheinen mir mit Empathie im eigentlichen Sinne nicht sehr viel zu tun zu haben. Versuche von Eltern ihre Kinder von jeglichen Lebensrisiken abzuschotten, hat wohl weniger mit Empathie zu tun als mit Projektionen der Eltern, die darüber bestimmen, was für ihre Kinder gut zu sein hat. Ob nun Empathie durch und durch gefährlich sei, wie das Breithaupt offenbar schreibt, wage ich zu bezweifeln. Eine differenziertere Betrachtungsweise scheint mir tauglicher zu sein.

Herrlich, vor rund 60 Jahren hat Max Frisch in seinem Stück: Biedermann und die Brandstifter aufgezeigt, wohin Empathie führen kann. Geschieht jetzt unablässig in Westeuropa, diesmal nicht wegen den damals bedrohlichen Sowjetgewaltigen. Aus politischer Korrektheit enthalten wir uns einer Vermutung.

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren