Die Cavatina der Aldimira

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Die Cavatina der Aldimira

Von Iso Camartin, 20.11.2016

Unter einer Cavatina verstand man im 18. Jahrhundert noch eine auf das liedhafte Element reduzierte schlichte Arie ohne Rezitativ, bei der in der Regel auf der Bühne nur eine Person gegenwärtig war.

Das Wort – vom lateinisch-italienischen „cavare“ abgeleitet mit der Bedeutung herausziehen oder aushöhlen – signalisiert deshalb,  dass eine Cavatina aus dem Handlungsgeschehen wie herausgehoben ist und für sich steht. Im 19. Jahrhundert, zumal bei Rossini, wurde das Wort allmählich gleichbedeutend mit „Arie ohne Rezitatativ“.

Deshalb spricht man bei Rossini gern von „Figaros Cavatina“ oder von „Rosinas Cavatina“ aus seiner bekanntesten Oper „Il barbiere di Siviglia“ – und meint damit nichts anderes als die Solo-Arien der beiden. Und das Rezitativ, das der Cavatina vorausgeht, nennt Rossini meistens „scena“. Sie gehören also zusammen, die „Szene“, auf welche dann die Cavatina folgt.

Rezyklieren bis es stimmt

Auch heute in Vergessenheit geratene Opern von Rossini (er komponierte in etwa 20 Jahren 39 Bühnenwerke!) enthalten Cavatinen der ganz und gar bezaubernden Art. Zu seinen missglückten Projekten in Venedig, vor seiner Übersiedlung nach Neapel im Jahr 1815,  gehört die Oper „Sigismondo“.  Die Oper hätte den Auftakt zur Karnevalssaison bilden sollen. Die Kritiker gingen vor allem auf den Librettisten Giuseppe Foppa los, wussten sie doch, dass Rossini, der inzwischen als Zweiundzwanzigjähriger durch Opern wie „Tancredi“ oder „L’italiana in Algeri“ in der Opernszene als Jungstar galt, keine schlechte Musik komponierte.

Rossini liess sich durch den Misserfolg nicht verdriessen. Wer heute seinen selten aufgeführten und eingespielten „Sigismondo“ hört, erkennt eine ganze Reihe von Musikstücken wieder, weil diese in anderen wiederum sehr erfolgreichen späteren Opern ebenso auftauchen. So etwa in „Il barbiere di Siviglia“ oder in „La Cenerentola“.

Das Verfahren der Wiederverwendung von Stücken aus früheren Werken war damals üblich. Glückliche eigene melodische Einfälle zitieren und in neuen Geschichten wieder verwenden ist weder Diebstahl noch Plagiat, sondern geschicktes Feilen an einer besseren Stimmigkeit. So hat Rossini für die Ouvertüre von „Sigismondo“ Material aus seiner früheren Buffo-Oper „Il Turco in Italia“ benützt. Später hat er die Ouvertüre seines erfolglosen „Sigismondo“ wiederum seinem „Otello“ vorausgehen lassen. Niemand hat daran Anstoss genommen. Was gut ist, bleibt gut, ja es wird im passenderen Kontext allenfalls noch besser!

Die verstossene Ehefrau

Der Stoff von „Sigismondo“ war seit dem Mittelalter und bis tief in die Romantik hinein hochbeliebt. Wir begegnen ihm am häufigsten unter dem Namen „Genoveva“, die von ihrem Ehemann von Bett und Schloss vertrieben wird, weil ein Nebenbuhler sie der Untreue und des Liebesverrats anklagt. In unserem Fall ist es Aldimira, die Ehefrau des polnischen Königs Sigismondo, Tochter des böhmischen Königs Ulderico, die dieses Verbrechens für schuldig gesprochen wird.

Unser Bösewicht ist hier Ladislao, der erste Minister und Berater des Königs, der ein Auge auf dessen Frau geworfen hat, unerhört blieb und sie deshalb des Ehebruchs bezichtigt. Auch unsere Aldimira wird wie Genoveva nicht umgebracht, sondern lebt unter anderem Namen bei einem wohlwollenden Eremiten in einem böhmischen Wald. Das Drama ist als Geschichte einer allmählichen Wiedererkennung der Wahrheit angelegt. Durch das geschehene Unrecht leben nämlich alle die betroffenen Figuren – Ehemann, Vater, der abgewiesene Liebhaber – in Blindheit und in einer Welt des Wahns, bis am Ende die Unschuld ans Licht kommt und eine Wiedergutmachung sich abzeichnet.

Da es dem Librettisten wie dem Komponisten um eine Art von innerer Reinigung und um den erst allmählich sich einstellenden Prozess der Schuldeinsicht ging, vermisste das auf dramatisches Handlungsgeschehen versessene venezianische Publikum Höhepunkte, Peripetien und Überraschungen und fand die Oper bloss „zum Gähnen langweilig“, obwohl diese musikalisch reich an Kühnheiten und an raffinierten szenischen Konstellationen ist. Es würden sich in beiden Akten etliche Szenen und Ensembles eignen, um Rossinis frische und freche musikalische Fantasie nachzuweisen.

Trauer und Virtuosität

Als grandiose Opernkunst muss man die Cavatina der Aldimira aus dem 1. Akt bezeichnen, um die es uns hier geht. Schon die instrumentale Einleitung mit den beiden Paaren von Pikkoloflöte und Englischhorn über gezupften Streichinstrumenten lässt uns aufhorchen. Aldimira preist zuerst die wohltuende Einsamkeit des Ortes, an dem sie lebt. Ihre Seele sucht hier Ruhe und Frieden, doch dies will ihr nicht gelingen, denn das Unrecht, das ihr angetan wurde, lässt sich nicht vergessen. Nur ein einziger Mensch könnte ihr wieder das Lebensglück zurück bringen, ihr Ehemann, der das ihr zugefügte Unrecht einsehen würde und sie den Seelenfrieden wieder finden liesse.

Nach dieser szenischen Einleitung folgt die Cavatina mit einem lyrischen ersten Teil: „Oggetto amabile“: Der immer noch geliebte Mann soll erfahren, dass seine Ehefrau ihm nach wie vor treu ist und dass sie ohne ihn nicht leben will und kann. Der zweite Teil der Cavatina, beginnend mit den Worten „Diletta imagine del mio consorte – Geliebtes Bild meines Schicksalsgenossen“ ist die dramatische Beschwörung einer neuen Nähe und Liebe zum Partner, der seit der Verbannung der eigenen Ehefrau von Wahn und Gewissensqualen zermürbt wird.

Neuproduktion am Rossini Opera Festival

Rossini verlangt hier von der Sängerin für diese Cavatina einerseits Empfindungsgerechtigkeit und Pathosfähigkeit, andererseits aber ebenso eine Kehlengeläufigkeit und Koloraturfähigkeit, die in der Geschichte der Gesangskunst zum Markenzeichen Rossinis wurde. Nur wirklich grosse Sängerinnen verstehen, diese Elemente allesamt so zu entfalten, dass die Zuhörer verwundert und wie betört ihr zuhören. Diese Frau, so empfinden wir beim Hören dieses Stückes Musik, hat das Glück, das sie für sich und ihren Mann ersehnt, erlitten und verdient.

Im Jahr 2010 hat es beim Rossini Opera Festival in Pesaro endlich eine neue Produktion von „Sigismondo“ mit den Kräften des Teatro Comunale di Bologna gegeben, die später auch als DVD-Aufzeichnung erschienen ist. Sie wird dem Genie Rossinis endlich gerecht durch eine originelle Inszenierung – das Geschehen findet in einer Nervenheilanstalt statt –, vor allem jedoch durch ein hervorragendes Sängerensemble, einen brillanten Chor und ein in vielen Farben leuchtendes Orchester unter der Leitung des Dirigenten Michele Mariotti. Endlich kann man „Sigismondo“ in einer überzeugenden Realisierung nacherleben. Aus dieser Produktion stammt auch unsere Cavatina der Aldimira, einfühlsam und virtuos gesungen von Olga Peretyatko.

https://www.youtube.com/watch?v=Vc6IiH-hzMc

 

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