Die Börsenwelt im Aufruhr

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Die Börsenwelt im Aufruhr

Von Jacob Zgraggen, 10.09.2020

Die Börsenkurse der US-Technologiewerte haben im Jahr 2020 bis Ende August einen unerhörten Wertzuwachs erlebt. Der Börsenwert von Tesla steigerte sich um 500 Prozent, Amazon um 87, Apple um 76 und Facebook um 43 Prozent.

Die Tesla-Aktien erreichten Ende August einen Börsenwert von 464 Milliarden Dollar.

Weder der phänomenale Anstieg der Tesla-Aktie noch deren Wertverlust anfangs September haben mit den Verkaufszahlen von Elektro-Autos zu tun, sondern mit der Laune der Anleger, die unabhängig ist von Bilanzwert und Ertrag. Bei Tesla wird der Wertverlust unter anderem auf die Nichtaufnahme in den Börsenindex S&P 500 zurückgeführt. Sozusagen aus technischen Gründen. Nur schon die Erwartung, in Börsenindexe aufgenommen zu werden, lässt Kurse in die Höhe schiessen, enttäuschte Erwartungen lässt sie wieder tauchen.

Hedgefonds als Anleger

Welche Anleger haben die Aktienkurse bis Ende August in den USA und auch in Europa in die Höhe getrieben? Die europäischen Aktien reiten heute noch als Wurmfortsatz weitgehend auf den Wellen der US-Börsen und folgen diesen.

Die Treiber für die Börsenhausse waren vor allem Hedgefonds. Dazu gehören auch grosse Banken, deren Anlageverhalten sich kaum von dem der Hedgefonds unterscheidet. Ein faktischer Hedgefonds ist das japanische Konglomerat Softbank, auch „Nasdaq Whale“ genannt. Softbank hat über Optionen und andere Derivate viele Milliarden Dollars in US-amerikanische Aktien investiert und damit das Börsenfieber mit spekulativen Geschäften verstärkt.

Technologiefirmen grösser als das BIP von Staaten

Im Juni 2020 hatten Amazon, Apple, Facebook Höchstwerte erzielt und wiesen einen kombinierten Börsenwert von 5’000 Milliarden Dollar auf. Dieser Wert ist fast siebenmal grösser als das Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz von CHF 700 Milliarden. Die Hightech-Firmen sind eine Weltmacht. 

Ein Grund für den Anstieg der Technologiewerte ist die COVID-19-Pandemie. Die Cloud-Dienstleistungen und die Fernwartung bewahrte die Techno-Riesen vor dem Börseneinbruch Anfang März und unterstützten ihr Börsenwachstum während dem Lockdown.

Dieses bizarre Börsentreiben wirft grundsätzliche Fragen auf, zur Marktpsychologie, zu den Gewinnern und Verlierern, zu gesellschaftlichen Themen. Schon immer war die Börse von aleatorischen Momenten geprägt. Massenpsychologie und Emotionen spielten immer eine grosse Rolle. Die Coronakrise hat zusätzlich Unsicherheit in den Börsenhandel gebracht.

Algorithmen lenken den Handel

Der Handel selber und die dahinter stehenden Akteure versuchen das Denken der Anleger zu antizipieren, aber auch zu manipulieren. Raffinierte Handelssysteme profitieren von Algorithmen, welche in Nanosekunden Tendenzen erkennen und ausnützen. Die bisherigen Studien zum Hochfrequenzhandel sind dürftig und rar. Die englische  Aufsichtsbehörde Financial Conduct Authority hat Anfang 2020 eine Studie publiziert, die anhand von konkreten Zahlen zeigt, dass der Hochfrequenzhandel dank Frontrunning eine Arbitrage-Steuer abschöpft, welche allerdings nicht an den Staat geht, sondern an die privaten Betreiber der entsprechenden Algorithmen-Software.

Der Handel selber wickelt sich in 5 bis 10 Mikrosekunden ab oder in weniger als einem Zehntausendstel der Zeit, die es für einen Wimpernschlag braucht. Normalanleger aus Fleisch und Blut, aber auch Pensionskassen und sogar kleinere Banken haben sich mit diesen Eingriffen ins Marktgeschehen abzufinden. Wie sollen sie sich gegen die sich bereichernden Zwischenhändler zur Wehr setzen? Einmal mehr scheint es, staatliche Aufsichtsbehörden haben weder Mittel, Wissen, Zeit noch ausreichende Arbeitskräfte, um hinter die technologischen Geheimnisse zu blicken, welche die digitale Revolution für sich behält. Der Hochfrequenzhandel ist Teil der digitalen Umwälzungen.

Sozialistische Ideen verbreiten sich in den USA

Warum verbreiten sich sozialistische Ideen neuerdings in den USA mit Windgeschwindigkeit? Seit jeher waren sich Demokraten und Republikaner einig, es gibt nur ein Wirtschaftssystem, nämlich das kapitalistische. Die Demokraten sind im Wahlkampf 2020 auf dem besten Weg, sozialistischen Ideen die Türen zu öffnen.

Angesichts des grossen Heeres an Wählern, die weder Aktien haben noch wissen, was eine moderne Börse ist, kann es nicht verwundern, dass sich antikapitalistische Parolen in den Medien verbreiten. Die Besitzlosen mucken auf. Und die Besitzenden wundern sich, was in den
Zentralbanken und auf den Weltbörsen so alles abläuft.

Überforderter Mensch?

Wenn der Mensch nicht versteht, was abläuft, versucht er sich selber ein Bild zu machen. Die entstehenden Bilder sind unkontrollierbar, ausser vielleicht in einer orwellschen Welt. Werden diese Bilder kollektiviert und kanalisiert, können sich Bewegungen bilden, die sich um staatliche Gebote und Verbote eher nicht kümmern.

Ist es wirklich so überraschend, dass ein Ausdruck die Runde macht, welcher vor 20 Jahren für viele Menschen undenkbar war, heute aber weltberühmt ist, nämlich Fake-News. Dieser wird zwar Donald Trump zugeschrieben. Aber ein einzelner Mensch bringt das alleine nicht fertig. Die Zeit muss dafür bereit sein. Fake-News beginnen sich in vielen Lebenslagen einzunisten. Digitalisierung, Globalisierung, zerfallende soziale Systeme sowie beliebige Wertvorstellungen spielen möglicherweise eine grössere Rolle, als wir vermuten und wahrnehmen.

Kommentare

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Diese explodierenden Börsenkurse kann man auch als eine neue Form von Inflation sehen, die dadurch zustande kommt, dass die Zentralbanken die Märkte seit der Finanzkrise mit unendlich viel zinslosem Geld füttern.
Alle haben erwartet, dass sich diese Geldflut irgendwann in den Verbraucherpreisen zeigen wird, aber offenbar sind die globalisierten Märkte derart ausgereizt, dass die Firmen lieber Rationalisieren, als zu investieren oder die Preise zu erhöhen und weil dies den Anlegern gefällt, geht die Geldflut dorthin, wo sich das Geld schon immer wohl gefühlt hat, an die Börsen.
Hedgefonds und Hochfrequenzhandel tun dort ihr übriges, um die künstlich geschaffene Geldblase der Nationalbanken zusätzlich aufzublasen, was eigentlich nichts anderes ist als eine Inflation, nur dass dahinter der Irrglaube steckt, dass die erhöhten Preise für Aktien wie früher den Erfolg einer Firmen darstellt.
Im Grunde gibt es momentan mehr Geld, als dass es in sinnvolle Projekte investiert werden könnte und so fliesst das ganze Geld nicht mal wirklich in die gesättigte Wirtschaft, sondern nimmt über börsenquotierte Unternehmen nur den Umweg in die Taschen derer, die eh schon genug besitzen.
Keine Ahnung, wie lange diese Umverteilung noch funktionieren wird, aber in meinen Augen könnte es gut sein, dass uns diese Börseninflation, ohne jeglichen Bezug zur Realwirtschaft, urplötzlich mit einem riesigen Knall um die Ohren fliegt?

Ein absoluter Spitzenkommentar von Dr. Zgraggen, welcher dem Normalbürger die Augen für diese bizarre Finanzwelt und die bedenkliche Entwicklung in der Gesellschaft im Allgemeinen öffnet. Keine schöne neue Welt ist zu erwarten.

Bizzar, ja. Und es zeigt, oder gibt eine Ahnung davon, wie weit künftig Maschinen den Menschen möglicherweise noch völlig aushebeln könnten. Welche Schlussfolgerungen ziehen wir daraus für künftige Gesellschaftsmodelle?

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