Die Bildsprache der Aborigines

Stephan Wehowsky's picture

Die Bildsprache der Aborigines

Von Stephan Wehowsky, 24.10.2019

Das Kunsthaus Zug zeigt Bilder der Aborigines aus der Zeit von 1998 bis 2008. Den Besucher erwartet ein wunderbares Spiel mit seinen Sehgewohnheiten.

Die Daten und Fakten zu dieser Ausstellung sind rasch zusammengetragen: Die etwa achtzig Werke von fünfzig Künstlerinnen und Künstlern gehören zur Privatsammlung des Zuger Ehepaares Pierre und Joëlle Clément. Auf einer Reise durch das Northern Territory Australiens sind sie auf die ersten Werke gestossen und liessen sich davon faszinieren.

Kunsthaus Zug_Dorothy Napangardi, Mina Mina mein Land, 2019, ProLitteris, Zürich
Kunsthaus Zug_Dorothy Napangardi, Mina Mina mein Land, 2019, ProLitteris, Zürich

Interessant ist nun, dass sich der Beginn dieser Malerei ziemlich klar datieren lässt. Denn im Jahr 1971 reiste der australische Kunstvermittler Geofrey Bardon in die Reservate um Alice Springs, in die man die Ureinwohner Australiens angesiedelt hatte. Er brachte Malutensilien mit und animierte die Aborigines zu ihrem Gebrauch. Der Erfolg war gross. Schon nach kurzer Zeit wurden internationale Kunstexperten darauf aufmerksam, und es kam zu ersten Ausstellungen.

Im Jahr 2005/06 zeigte das Museum Tinguely in Basel eine Auswahl der Werke. Die Ausstellung in Zug ist umfassender und hat zudem die Besonderheit, dass sie im Rahmen dieser Präsentation eine umfangreiche Einzelausstellung von Emily Mame Kngwarreye (1910–1996) bietet. Kunstexperten ist Emily Mame Kngwarreye ein Begriff, denn sie ist unter anderem bei den Biennalen in Venedig 1997 und 2015 vertreten gewesen.

Kunsthaus Zug_Emily Kame Kngwarreye, Untiteld, 1996, 2019, ProLitteris, Zürich
Kunsthaus Zug_Emily Kame Kngwarreye, Untiteld, 1996, 2019, ProLitteris, Zürich

Das alles sind erstaunliche und imponierende Fakten. Wie aber wirken die Bilder auf den Betrachter? Meist handelt es sich in der Ausstellung um Grossformate. Man sieht zum Teil sehr fein ausgearbeitete und streng symmetrische Muster, dann wieder angedeutete Pflanzen und Landschaften, die entfernt an naive Malerei erinnern. Es dominieren Erdfarben, aber es gibt auch Blau und Lila. Schon auf den ersten Blick zeigt sich der spezielle kulturelle Zusammenhang der Werke.

Die Bilder wirken fremd und dann doch wieder auf eigenartige Weise vertraut. Man versteht, dass sie in kurzer Zeit weltweit auf Interesse stiessen. Aber es braucht eine Weile, bis sich der wichtigste Effekt beim Betrachten einstellt. Es ist wie eine Art Meditation. Wenn man aufgehört hat, zu analysieren und zu definieren, entfalten die Bilder ihre eigentliche Wirkung. Sie lässt sich schwer definieren. In den Begleittexten ist vom „rituellen mythischen Hintergrund“ und einer „Dreamtime“ die Rede, was auch immer das sein mag. Überzeugend ist jedenfalls die starke unmittelbare Wirkung, die einem die Bilder schon nach kurzer Zeit vertraut werden lässt. Sie sind buchstäblich berührend.

Kunsthaus Zug, Dorfstrasse 27, 6301 Zug, kunsthauszug.ch
Die Ausstellung dauert bis 12. Januar 2020. Dazu gibt es einen reich bebilderten Katalog.

Kommentare

Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.

"...was auch immer das sein mag." Dabei dürfte es sich um die in die Bilder eingewobenen und imprägnierten Informationen und Emotionen der Künstler_innen handeln, was beim Stillwerden der analytischen Gedanken und des Geisteslärm der Betrachter in ihren Bewusstsein auftauchen kann.

((Herzlichen Dank für den Hinweis. Zu berichtigen ist der Schlusstermin der Ausstellung: 12.1.2020 (nicht 2010).))

SRF Archiv

Newsletter kostenlos abonnieren