Die Banalität des Barbarischen

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Die Banalität des Barbarischen

Von Eduard Kaeser, 14.05.2016

Die Barbarei verzeichnet Fortschritte. Sind wir dabei, sie, das Unerträgliche, zu ertragen lernen?

1750, mitten in einer Epoche des Aufblühens wissenschaftlich-technischer Rationalität, stellte die Akademie von Dijon die berühmt gewordene Frage „Ob die Erneuerung der Wissenschaft und Künste dazu beigetragen haben, die Sitten zu bessern“. Wir kennen die Geschichte. Ein gewisser Jean-Jacques Rousseau nahm die Frage zum Anlass einer radikalen Kritik der europäischen Zivilisation.

Eigentlich wäre es an der Zeit, über 250 Jahre danach die Frage erneut zu stellen. Das ganze 20. Jahrhundert schreit im Grunde nur eines heraus: Noch nie war so viel Barbarei! Und dies in einem Zeitalter, das wie nie zuvor wissenschaftliche Erkenntnisse und technische Durchbrüche feiern kann. Oder haben vielleicht wissenschaftlicher und technischer Fortschritt gar nicht so viel mit zivilisatorischem Fortschritt zu tun? Augenscheinlich verlaufen beide - und hier kann man direkt bei Rousseau ansetzen – mit einer auffallenden Phasenverschiebung. Der politisch-soziale Fortschritt hinkt dem wissenschaftlich-technischen hinterher. Zynischer ausgedrückt: Auch die Barbarei verzeichnet Fortschritte.

Nicht das Barbarische ist die Anomalie

Wir im Westen haben uns an eine Sicht gewöhnt, wonach die politische Entwicklung aller Völker universell auf das „höhere“ Ziel einer säkularen, liberalen und demokratischen Ordnung hinauslaufen würde. Kürzlich hat John Gray, emeritierter politischer Philosoph von der London School of Economy, diesen Fortschrittsmythos angesichts der neuen Barbarei des Daesch einer radikalskeptischen Behandlung unterzogen.[1] Und sein Fazit gibt zu denken: Der Dschihadismus ist kein Rückfall ins dunkle Mittelalter, sondern ein postmodernes Phänomen. Gray schreibt: „Zivilisation ist nicht der Endpunkt moderner Geschichte, sondern eine Reihe von Zwischenspielen in wiederkehrenden Spasmen der Barbarei. Die liberale Zivilisiertheit, die in den letzten paar Jahrhunderten in einigen westlichen Ländern geherrscht hat, trat langsam auf und sie hatte ihre Mühen gegen eine besondere Mischung aus Traditionen und Institutionen. Diese Lebensform erweist sich da, wo sie existiert, als prekär, und sie übt keinen starken Einfluss auf die Menschen aus.“

Die Banalität des Barbarischen

Das klingt wie ein Abgesang auf Liberalismus und Demokratie, und Gray ist bekannt für seine kulturpessimistischen und humanismuskritischen Etüden. Aber es geht ihm um etwas anderes. Er schlägt einen auf Anhieb überraschenden Paradigmenwechsel vor: Nicht das Barbarische ist die Anomalie, sondern die Zivilisiertheit. Besser wäre es, die liberal-demokratische Gesellschaft als das Unwahrscheinliche zu betrachten. Sie ist ein historischer Sonderfall, und deswegen metastabil, das heisst, verletzlich durch Störungen von der Art der Dschihadisten. Das wissen diese nur zu gut. Sie „beweisen“ ja mit ihren blutigen „Experimenten“ die Fragilität unserer Lebensform drastisch genug. Wie sie ihre Irrsinnsakte auch ideologisch verbrämen, sie demonstrieren vor allem eines: die Banalität des Barbarischen. Sie tragen die Barbarei in den Alltag von Flughäfen, Bahnhöfen, Geschäftsstrassen, Redaktionsbüros, Konzertsälen, Restaurants.

Die rationale Barbarei der Dschihadisten

Wir im Westen schauen mit Entsetzen auf die Gräueltaten und wir zeigen uns verstört und indigniert ob diesem Affront gegen die Zvilisiertheit, die doch eigentlich ein „Geschenk“ der menschlichen Fortentwicklung ist. Wir sehen niedrigste Atavismen aktiviert, die wir längst überwunden glaubten. Nur stellt sich das spätestens heute als ein fataler Irrtum heraus, in doppelter Hinsicht. Erstens, und das wissen wir nicht erst seit den islamistischen Terrorattacken, lassen sich Atavismen vorzüglich politisch instrumentalisieren; weil sie, zweitens, auch in uns Zivilisierten weiterleben, und wir sie nicht überwinden, sondern bestenfalls zügeln und verdrängen. Der Dschihadismus ist das Musterbeispiel moderner, fast möchte man sagen: rationaler Barbarei. Er setzt Atavismen als politisches Vehikel ein, er mobilisiert die instrumentelle Vernunft der Grausamkeit. Der Terrorist – das klingt vielleicht paradox – will nicht primär töten. Der Tod ist Mittel zum Zweck, und der Zweck lautet: Verbreitung von Angst und Orientierungslosigkeit.

Ein Handbuch der Barbarei

Ganz dieser Logik folgt ein einflussreiches Handbuch des Terrorismus, geschrieben von einem gewissen Abu Bakr Naji, einem Chefdenker der Al Qaida: „Die Verwaltung der Barbarei“, 2006 auf Englisch erschienen („The Management of Salvagery“). Wie schon der Titel sagt, handelt es sich unter anderem um ein Manual der systematisch eingesetzten Grausamkeiten zum Aufbau eines islamischen Staates. In der trockenen Sprache eines wissenschaftlichen Traktats erläutert der Autor die „logischen“ Schritte einer strategisch erzeugten Barbarei, auf die ein theokratisches Regime schliesslich ordnend aufbaut. Ausdrücklich werden Terrorakte, die uns in der letzten Zeit tief erschütterten, als Unterhöhlungstaktiken der zivilen Ordnung geschildert. Und als ob den Vordenkern der Unmenschlichkeit ihre Ideen insgeheim doch nicht ganz geheuer erschienen, bedienen sie sich der typischen Euphemismen der Menschenschänderei: So wie Folterknechte der CIA von „verbesserten Verhörtechniken“ sprechen, so bezeichnet Naji Terrorakte als „qualitative Operationen“ zum Zweck der „Vexation und Exhaustion“ – also des Quälens und Erschöpfens - der anvisierten Zivilbevölkerung.

Dabei ist auch wichtig, dass der Gebrauch der Gewalt darauf abzielt, den Feind auf die barbarische Ebene herabzuziehen. Der Dschihadist zwingt ihm seine Kriegsmittel auf. Nichts ist ihm lieber als der Gegenschlag, dem er mit weiterer Vergeltung antwortet. Das ist die nihilistische Todesschlaufe, die im Übrigen nichts mit dem Islam zu tun hat. So schreibt Naji: „Wer sich am Dschihad beteiligt, weiss, dass er nichts anderes bedeutet als Gewalt, Rohheit, Terrorismus, Schrecken und Massaker – ich spreche über den Dschihad und den Kampf und nicht über den Islam, und man sollte beide nicht verwechseln. (Im Weiteren) kann der Dschihad nicht mit Sanftheit fortgesetzt werden (..), denn Sanftheit ist ein Merkmal des Scheiterns jeglicher dschihadistischer Aktion.“

Barbar ist, wer an Barbaren glaubt

Der Barbar: das ist der Andere, Fremde, nicht zu „uns“ Gehörende; im alten Griechenland derjenige, der nicht oder schlecht Griechisch sprach. Eine solche Charakterisierung zieht fast notgedrungen eine Diskriminierung nach sich, und diesen pejorativen Bedeutungshof hat der Begriff bis ins 20. Jahrhundert behalten. Alles nur denkbar „Wilde“ ist dem Barbaren zugeschrieben und zugemutet worden: öffentliches Kopulieren, Kannibalismus, Patrophagie (Verzehr der eigenen Verwandten), Schändung des feindlichen Leichnams, grausame Folter, blutige Vergeltung. Allein schon diese paar Etikettierungen weisen allerdings darauf hin, dass der Barbar wohl eher als geeignete Projektionsfläche für Ängste, Hassgefühle und Vorurteile hinhalten musste. Montaigne weist in seinem Essay „Über die Menschenfresser“ darauf hin. Im 20. Jahrhundert war es ein Enthnologe wie Claude Lévy-Strauss, welcher den Begriff des Barbars als eine eurozentrische Schablone entlarvte, in die man mit kolonialem Dünkel alles Andersartige, Nicht-Europäische presste. In seiner „Strukturalen Anthropologie“ las Lévy-Strauss dem Westen die Leviten: Barbar sei, wer an Barbaren glaube. Es handle sich also beim Barbaren notwendig um einen relativen Begriff, der über den, der ihn verwendet, ebensoviel aussage wie über den, auf den er angewendet wird. Und aus diesem Grund müsse der Unterschied zwischen Zivilisiertheit und Barbarei aufgehoben werden.

Wider den Relativismus

Solch postmodernem Relativismus ist heute vehement zu widersprechen. Im dschihadistischen Syndikat des Verbrechens nimmt eine Barbarei Gestalt an, die sich als eine solche verstanden wissen will, was wir Europäer auch darüber glauben mögen. Der Dschihadist trägt stolz das Etikett, das ihm angeheftet wird. Die Banalität des Barbarischen zu akzeptieren bedeutet also ganz konkret, der unliebsamen Wahrheit ins Auge zu sehen, dass es die Barbarei im absoluten Sinne gibt. Wenn es nur einen richtigen Glauben gibt, wie Fundamentalisten behaupten (und nicht nur islamistische), dann gibt es auch nur einen richtigen Typus des Gläubigen, sprich: Menschen. Andere sind abartig, ungläubig eben: kuffar. So einfach ist das, und es bestürzt in einem derart hochentwickelten Zeitalter der Multikulturalität zu sehen, wie leicht und schnell offenbar eine solche Sicht Fuss fassen kann.

Die Kernaussage des Barbaren ist von permanenter Bedrohlichkeit. Sie lautet: Der Barbar ist immer der andere, der Vertreter einer anderen Lebensform, Kultur, Religion, Rasse, Sexualität. Und für ihn gelten nicht die Normen und Gesetze der zivilierten Menschen. Längst hat uns die Psychologie in zahlreichen Experimenten gelehrt, dass eine solche Neigung in uns allen existiert, und dass es zu einer der bedeutendesten Errungenschaften der Zivilisation gehört, diese Neigung im Zaum zu halten, obwohl sie stets im Untergrund lauert und unter geeigneten Bedingungen hervorbricht. Die Barbarei, die uns heute im Dschihadismus provoziert und bedroht, manifestiert einfach diese Tatsache ungeschminkt und sie stellt die Gefährdung einer zivilen Existenzgrundlage dar, die wir eben erst seit drei Jahrhunderten aufgebaut haben; einer Existenzgrundlage nota bene, die wir dem Sumpfgebiet des Frühmenschentums abgetrotzt haben.

Die Aufklärung der Postmoderne

„Ja, wir sind Barbaren,“ bekannte der Kirchenvater Clemens von Alexandria. Und er verstand dies als Ehrbezeichnung. Es ist offenbar schwierig, und es braucht psychische und intellektuelle Anschubenergien, den Fremden als einen Menschen „wie unseresgleichen“ zu behandeln. Der Appell der Aufklärung beinhaltet den Imperativ einer solchen Selbstüberwindung. Es fiel nota bene selbst den Aufklärern oft schwer, ihn zu befolgen. Der Barbar in uns widersetzt sich ihm. Ihm müsste ein „Gegen-Dschihad“ gelten, der ihn zum ungebetenen Begleiter unserer selbst macht, damit man sich mit ihm auseinandersetzen, ihm widersprechen kann. Der Historiker Eric Hobsbawn bezeichnete in seinem Essay „Barbarei: eine Gebrauchsanleitung“ als schlimmste Gefahr des heutigen Zeitalters, dass wir das Unerträgliche – die Barbarei – zu ertragen lernen. Soweit sollten wir es nicht kommen lassen. Die alte Aufklärung war ein Kampf gegen die Vormundschaft von Kirche und absoluter Herrschaft. Die neue Aufklärung müsste ein Kampf gegen die Banalität des Barbarischen sein.

[1]      http://www.laphamsquarterly.org/disaster/anomaly-barbarism

Kommentare

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Tönt sehr klug und gebildet. Merci. Der Terrorismus wurde jedoch mit und seit 9/11 von den westlichen Geheimdiensten und entsprechend erpressten und korrumpierten islamischen Staaten und Ethnien, im Dienste der multinationalen Konzerne, der Banken und des militärisch-industriellen Komplexes aufgebaut und gefördert. Damit wurde ein profitabler, nie endender Krieg geschaffen, mit dem zudem die Weltbevölkerung permanent traumatisiert, unterdrückt und geschwächt werden kann, so dass sie nicht mehr darüber hinaus und dahinter sehen kann und sich nicht gegen die zunehmende Totalüberwachung, Beschneidung aller Rechte und gnadenlose Ausbeutung der Ressourcen der Erde durch eine reiche, weisse Elite wehren kann. Die Grausamkeiten und "Barbarei" (auch Breivik, Holmes und von Sirhan Sirhan bis zum Rupperswiler) sind auf Verstandesmanipulationen, Gehirnwäsche, künstliche Telepathie und Hypnose mittels Elektronik auf Distanz; "Mind Control" - Remote Neural Monitoring zurückzuführen. Muslime grüssen sich ansonsten mit "Frieden sei mit Dir" und nicht mit "lasst uns Terror machen und in einen bestialischen Krieg ziehen, den wir nie gewinnen können." Und sonst leiden sie unter besagter fremdinduzierter Gehirnwäsche oder sind ganz banale Söldner und bezahlte Auftragsmörder.

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