Die autofreie Millionenstadt

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Die autofreie Millionenstadt

Von Joerg Thalmann, Brüssel - 23.09.2013

Wieder einmal der dritte Sonntag im September. Kein motorisierter Verkehr von 09.00 Uhr bis 19.00 Uhr.

Den autofreien Sonntag haben vor etwa 15 Jahren die Italiener erfunden, ich glaube es war Mailand. Brüssel hat schnell und massiv reagiert: Die ganze Region der europäischen Hauptstadt, 340 Quadratkilometer vom Zentrum bis an die 15 Kilometer entfernten Waldränder und darüber hinaus, sind von 9 Uhr morgens bis 7 Uhr abends von allem motorisierten Verkehr befreit. Brüssel ist seit einem Jahrzehnt einmal im Jahr die grösste autofreie Stadt Europas. Das können die Brüsseler wie niemand sonst: Massendemonstrationen von Hunderttausenden, 1985 pazifistisch gegen die Raketenaufrüstung der Nato, in den Neunzigerjahren der Weisse Marsch gegen den Kindermörder Dutroux, und heute die zehn Stunden ohne Autos auf ihren sämtlichen Strassen.

Reminiszenz: Die Schalter von Schaarbeek

0830: Im Tram 5 Stationen bis zum „Carrefour Général Meiser“, in den asymmetrisch sechs Strassen münden. Vor 30 Jahren standen hier 2000 aus ganz Brüssel zusammengertrommelte Polizisten zwei Stunden lang stumm und gewaltlos 3000 flämischen Demonstranten gegenüber. Die Flamen wollten „Schaarbeek erobern“, die Brüsseler Gemeinde, deren antiflämischer Bürgermeister es gewagt hatte, von seinen zehn Gemeindeschaltern nur noch zwei für Flamen zu reservieren und seine Beamten an den acht anderen nur noch französisch sprechen zu lassen! Der „Meiser“ ist die Flandern zugewandte Grenze von Schaarbeek. Sehr belgische Lösung, der Sprachenstreit hat seit hundert Jahren nie einen Toten gefordert. Die Führer der Flamen handeln mit dem Polizeichef heimlich einen Deal aus: Die Demoinstranten dürfen 50 Meter über den Meiser nach Schaarbeek hinein vorrücken und kehren mit dem Siegesruf „Wir haben Schaarbeek erobert!“ nach Flandern in ihre Kneipen zurück.

Am „Général Meiser“

0840: Einige Blaulichter in der Ferne. 0850: Ein Polizist kommt per Moto und verschiebt die Schranke ein bisschen, welche, man sieht nicht warum, die rechte Bahn des Ringboulevards absperrt, die einzige von allen sechs. Er tut sonst nichts. Die Autos werden rarer. 0900: Nichts passiert. Immer noch einige Autos, haben sie Ausnahmebewilligungen? 0905: Auf einem Abschleppwagen fährt ein Privatauto über den Platz. Nach einer Viertelstunde noch eines. Dann keine mehr.

Am „Montgomery“

Im Tram zurück zum „Rond-Point Montgomery“. Der britische Feldmarschall zog im Herbst 1944 an der Spitze seiner Armee in das von den Deutschen geräumte Brüssel ein. Ob er überhaupt je auf diesem Platz war, weiss ich nicht, aber hier steht er drei Meter hoch in Erz gegossen in seiner typischen Pose: Hochauf, die Hände auf dem Rücken, die Beine gespreizt, seinen Soldaten direkt in die Augen schauend und auf dem Kopf leicht schräg die Uniformmütze.

Letztes Jahr gab es hier um 9 Uhr eine Invasion von Velos und allen möglichen motorfreien Fahrzeugen: Trottinetts, Tandems, Rollschuhe, Rollbretter, Liegevelos, von Eltern auf Rollschuhen gestossene Kinderwagen, ein Hochrad aus dem 19.Jahrhundert... Diesmal noch um 9Uhr20 nur Velos und viel

weniger. Weil letztes Jahr die Sonne schien und sie sich heute hinter den Wolken versteckt? Zum Anfang vor allem Eltern, Väter und Mütter, gefolgt und quirlig überholt von Fünfjährigen, die stolz und schnell die Pedalen ihres Minivelos treten. Der autofreie Sonntag wird wieder ein grosses Familienfest.

Um 0925 die ersten Rollschuhe, um 0940 das erste Trottinett, zu Fuss gestossen. 0955 das erste Rollbrett, ein Junger lässt sich am Rucksack

seines Freundes hängend ziehen. Jetzt eine Gruppe von zwanzig Joggern, und dann eine Rollbrettbande. Der erste Kinderwagen. Auf dem Trottoir! Und immer wieder Veloclubs, zwanzig oder mehr in ihren Clubleibchen, alle schnell wie an einem TourdeFrance-Training.

Motor verboten!

Alles was einen Motor hat ist verboten, auch Töffs und die kleinsten Mopeds. Erlaubt ist einzig der öffentliche Verkehr, die Trams und Linienbusse, heute gratis, und auch die Touristenbusse, die den Fremden eine autofreie Millionenstadt zeigen; sowie Ärzte, Taxis (der einträglichste Tag im Jahr) und Private, die aus irgendwelchen Gründen eine Ausnahmebewilligung ergattert haben. Und natürlich die Polizeiwagen, die überall mit Blaulicht für Ordnung sorgen. Alle anderen müssen die Höchstgeschwindigkeit von 30 Kilometer pro Stunde beachten, man darf natürlich nicht mit 100 durch die Massen von Velos fahren.

Alle Tunnels und Viadukte sind gesperrt, auch für die Velos. Schade! Die früheren Jahre habe ich viertelstundenlang quer über den Tunnelausgängen auf die fröhlich wiederauftauchenden Velobanden hinuntergeschaut. Überhaupt sind nach den ersten Jahren nicht nur für die Autos Einschränkungen verfügt worden. Wie einmalig war das vor zehn Jahren, als Kutschen, Pferdefuhrwerke und Bauernkarren die Gassen der Innenstadt ins Mittelalter zurückversetzten! Als den Montgomery noch Reiter umkreisten! Ich glaube mich an eine Meldung zu erinnern, diese Verbote hätten aus Sicherheitsgründen erlassen werden müssen. Wahrscheinlich hat es Zusammenstösse zwischen Velofahrern und Pferden gegeben, vielleicht einen schweren Unfall.

1030: Kaffeepause gegenüber im Hotel Montgomery. 1130: Zurück auf dem Platz, diesem herrlichen 10 Meter breiten Grasrondell mit den 7 Meter hoch spritzenden Fontänen, Kinder spielen Verstecken zwischen den Sträuchern. Quel changement! Die vier ihn umkreisenden Autospuren sind voll von unzähligen Velofahrern, ein sich permanent ringelndes Ballett vor meinen Augen. Viele kleine Kinder auf dem Velo-Rücksitz oder in Wägelchen nachgezogen, mit Ballönchen und Fähnchen drüber. Immer mehr Veloclubs. Gegenüber verkauft ein Snack unter einem Zeltdach Pommes-frites und Waffeln. Und, was sehe ich jetzt? Vier Pferde! Vier Reiterinnen füttern unter der Monty-Statue ihre Tiere. Pferde sind wieder erlaubt oder waren gar nie verboten.

An die Grenze zu Flandern

Im Taxi 15 Kilometer an den Rand der autofreien Stadt, ins Fressdorf Jezus-Ejk! Brüssel gehört heute wirklich den Velos, wir fahren im Schneckentempo hinterher. „Jesus-Eiche“, so genannt  nach einer alten Legende, ist durch einen grossen Wald eine Stunde Fussmarsch von den letzten Brüsseler Häusern entfernt - und immer noch autofrei. Jezus-Ejk liegt auf den Meter genau an der Grenze zwischen den Regionen „Bruxelles-Capitale“ und Vlaanderen. Brüssel, Flandern und Wallonien sind politisch autonome Regionen, sie kämpfen endlos um ihre Kompetenzen, völlig asymmetrisch: Die Flamen wollen dem Zentralstaat immer mehr Kompetenzen entreissen, zwei starke Parteien mit zusammen gegen 40 Prozent Wähleranteil wollen ein unabhängiges Flandern und die Spaltung Belgiens; die Wallonen verteidigen diesen Staat, der ihnen mit Subventionen über ihre wirtschaftlichen Schwächen hinweghilft, mit Zähnen und Klauen; den 90 Prozent Brüsseler Französischsprachigen und seinen 10 Prozent Flamen (und 200000 Ausländern, wovon 50000 EU-Funktionären) gelingt es, ohne Sprachenstreit friedlich dazwischen hinzuleben. Belgien, dieser 1830 von den Grossmächten zur Unabhängigkeit verdammte Staat, taumelt unentschieden dahin wie ein Ehepaar, das sich nicht zwischen Scheidung und weiterem Zusammenleben entscheiden kann.

Im Fressdorf!

In Brüssel gibt es Restaurant-Klumpen, zwischen denen niemand mehr wohnt, alle Touristen kennen das Îlôt sacré in der Altstadt. So auch 15 Kilometer entfernt am Stadtrand in Jezus-Ejk: Von 20 Häusern sind 17 gute bis sehr gute Restaurants. Einen Sprachenstreit gibt es auch hier nicht, Flamen schätzen ihre Küche nicht weniger als die Brusselaars. In Jezus-Ejk mündet die Autobahn von Basel über Strassburg und Luxemburg in die Hauptstadt Europas. Heute dürfen die Autos noch einen halben Kilometer ins Brüsseler Grundgebiet hineinfahren, müssen dann aber auf dem äusseren Ring der Brüsseler Grenze entlang die Stadt weiträumig umfahren.

Der schlimmste Moment des Jahres

Zurück im Bus, um 19 Uhr wieder am Montgomery in Erwartung des schlimmsten Moments des Jahres: Wie sich Autos und Töffs innert Minuten wie zähnefletschende Wölfe wieder auf den Platz stürzen. Es trifft mich diesmal weniger stark als früher, habe ich mich daran gewöhnt oder sind sie mässiger geworden? Ja, nach drei Minuten ist der Montgomery wieder voll Autos wie 364 Tage im Jahr. Aber sie mischen sich noch eine Stunde lang friedlich mit den den Platz gemütlich verlassenden Velos, die Autos sind langsam und vorsichtig.

 

Ich habe ja auch eines.

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