Die Aufklärer und ihre Neger

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Die Aufklärer und ihre Neger

Von Eduard Kaeser, 18.07.2020

Meisterdenker wie Hume und Kant werden wegen rassistischer Äusserungen angeprangert. Eine aufklärerische Antwort müsste die eigenen unaufgeklärten Reste kritisch angehen.

Im aufgeregten Klima von „Black Lives Matter“ kriegt nun auch die europäische Aufklärung ihr Fett ab. In Deutschland geraten der Meisterphilosoph Kant und sein „Rassismus“ ins Kreuzfeuer kritischer Kommentatoren. Sollen wir nun auch ihn vom Sockel stossen? Werfen wir einen kurzen Blick auf die historische Szene.

Die Differenz zwischen den Menschen war im 18. Jahrhundert zunehmend Nährstoff für europäische Überheblichkeit. Der Kosmopolitismus dieser Zeit erzeugte beides: den unbändigen Erkenntnisdrang, vom Anderen zu lernen, und zugleich ein Bedürfnis, das Eigene doch als etwas ganz Besonderes in all dem Gelernten neu zu „entdecken“. Hiezu diente einmal die Idee einer Universalgeschichte des menschlichen Fortschritts, die vor allem der Selbstbeglückwünschung Europas diente, in Wissenschaft, Technik, Wirtschaft und Politik sozusagen den Kulminationspunkt menschlicher Entwicklung erreicht zu haben. Dann aber musste die Differenz zwischen den Menschen auch wissenschaftlich abgesichert, das heisst, als naturgegebenes Faktum verbucht werden. Dieses stellte sich sehr schnell als eine Hierarchie der Rassen, als eine „Stufenleiter der Humanität“ heraus, wie der Göttinger Professor für Weltweisheit, Christoph Meiners, dies nannte.

David Hume

Meiners ist kein Einzelfall. Die Unverfrorenheit, mit der die führenden Köpfe der Aufklärung – Hume, Kant, Montesquieu, Voltaire – Ignoranz, Dünkel und Spekulation zu einem „objektiven“ Rassismus verrührten, gibt Anlass zur Vermutung, hier habe sich das Eigene, das „Weisse“ und „Europäische“, bewusst am Bild des (imaginären) Andern als Identitätshelfer aufgerichtet. Der grosse Skeptiker David Hume, zeitweiliger Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt und dadurch mit der Kolonialpolitik wohl vertraut, schreibt zum Beispiel: 

„Ich bin geneigt zu glauben, dass die Neger und überhaupt alle sonstigen Arten von Menschen (…) von Natur aus minderwertiger als die Weissen sind. Weder gab es je ein zivilisiertes Volk noch auch nur einen im Handeln oder Denken bedeutsamen Einzelnen von anderer als weisser Hautfarbe. Unter den übrigen gibt es weder findige Fabrikanten, noch Kunstfertigkeiten, noch Wissenschaften (…). Solch einheitliche und gleichbleibende Differenz könnte nicht in so vielen Ländern und Zeitaltern vorkommen, wenn nicht die Natur einen ursprünglichen Unterschied zwischen diesen Rassen von Menschen geschaffen hätte.“

Hume erwähnte zum Beispiel einen Jamaikaner als „fähigen Mann von Gelehrsamkeit“, der wie „ein Papagei“ bewundert werde, nur weil er ein paar Brocken Englisch spreche. Beim „Papageien“ handelte es sich um Francis Williams, der in Cambridge studiert hatte und als Lyriker bekannt wurde.

Immanuel Kant

Kant pflichtet Hume völlig bei: 

„Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege. Herr Hume fordert jedermann auf, ein einziges Beyspiel anzuführen, da ein Neger Talente gewiesen habe, und behauptet: dass unter den hunderttausenden von Schwarzen, die aus ihren Ländern anderwärts verführt werden, obgleich deren sehr viele auch in Freyheit gesetzt würden, dennoch nicht ein einziger jemals gefunden worden, der entweder in Kunst oder Wissenschaft, oder irgend einer andern rühmlichen Eigenschaft etwas grosses vorgestellt habe.“ 

Pikanterweise entging Kant offenbar oder verschwieg er, dass an den Universitäten Halle, Wittenberg und Jena ein schwarzer Philosophieprofessor lehrte: Anton Wilhelm Amo. Ein Vertreter aufklärerischen Gedankensguts – horribile dictu! –, der eine Dissertation geschrieben hatte mit dem Titel „Über die Kunst, nüchtern und präzise zu philosophieren“, sowie eine Abhandlung „Über die Rechtsstellung der Mohren in Europa“.

Voltaire und Montesqiueu

Bei Voltaire, der sich selbst zum Vorkämpfer der Menschenrechte und Feind der Diskriminierung stilisierte, zeigt sich eine ähnliche Form von – wie man sie nennen könnte – aufklärerischer Scheinheiligkeit. Zwar empört er sich gegen die Unterdrückung und Ausbeutung der Schwarzen:

„Wir sagen, dass sie Menschen sind wie wir, dass sie von einem Gott, der für sie starb, erlöst werden, und wir halten sie wie Lasttiere zur Arbeit an; man ernährt sie schlechter als diese. Wollen sie fliehen, so hackt man ihnen ein Bein ab. Und bei all dem wagen wir, von Menschenrechten zu sprechen.“

Aber ist diese anklägerische Pose mit rhetorischem Geschick einmal aufgebaut, hält Voltaire mit seinem Rassismus nicht hinter dem Berg:

„Die Rasse der Neger ist eine von der unsrigen völlig verschiedenen Menschenart (…). Man kann sagen, dass ihre Intelligenz nicht einfach andersgeartet ist als die unsrige; sie ist ihr weit unterlegen.“

Montesquieu sieht sich in ein moralisches Dilemma verstrickt: Entweder versklaven wir andere Menschen und sind schlechte Christen – oder wir bleiben gute Christen, indem wir Sklaven zu Nicht-Menschen erklären. Eine elegante Rabulistik:

„Es ist unmöglich, sich vorzustellen, dass diese Leute Menschen seien, denn wenn wir sie für Menschen hielten, müsste man anfangen zu glauben, dass wir selbst keine Christenmenschen seien.“

Enzyklopädische Stereotypisierung

Die amerikanische Erstausgabe der Encyclopedia Brittanica 1798 verfestigte das Stereotyp: 

„In der Pigmentierung der Neger begegnen wir verschiedenen Nuancen; doch alle unterscheiden sich auf dieselbe Weise von den anderen Menschen in allen Gesichtszügen. Runde Wangen, hohe Jochbeine, leicht erhöhte Stirn, kurze, breite und flache Nase, dicke Lippen, kleine Ohren, Hässlichkeit und unregelmäßige Züge charakterisieren ihr Aussehen. Die Negerfrauen haben sehr ausladende Hüften und sehr dicke Gesässbacken, die ihnen die Form eines Sattels verleihen. Die bekanntesten Laster scheinen das Schicksal dieser unglücklichen Rasse zu sein; man sagt, dass Müssiggang, Verrat, Rachsucht, Grausamkeit, Schamlosigkeit, Diebstahl, Lüge, unflätige Rede, Zügellosigkeit, Engstirnigkeit und Ausschweifung die Prinzipien des Naturgesetzes ausgelöscht und die Mahnungen des Gewissens zum Schweigen gebracht haben. Jedes Mitgefühl ist ihnen fremd, und sie stellen ein schreckliches Beispiel für die Verderbtheit des Menschen dar, wenn er sich selbst überlassen bleibt.“

Rezidiv der Vor-Aufklärung

Ich erwähne diese Beispiele nicht, um die Aufklärung zu diskreditieren, sondern um zu betonen, dass sie eigentlich immer vom Rezidiv der Vor-Aufklärung bedroht ist. Das haben uns schon Adorno und Horkheimer mit ihrer „Dialektik der Aufklärung“ in die Köpfe gehämmert.

Dem Kosmopolitismus und Universalismus erwächst heute eine Gegnerschaft, die implizit oder explizit auf gegenaufklärerische Argumente oder voraufklärerische Instinkte abstellt. Krude nationale Eigeninteressen fordern den Kosmoplitismus heraus, und der fröhliche Multikulturalismus zerfällt in abgeschotteten „identitären“ Kulturalismus. Wir werden einander fremd und fremder. Ziemlich paradox mutet ja an, wie das Internet eine informationelle Nähe der Menschen ermöglicht, gleichzeitig aber zu Netz-Tribalismus, Meinungsverklumpung und Faktenblindheit führt – eine neue selbstverschuldete Unmündigkeit. Kant stünden heute die Haare zu Berge. 

Kants Projekt im 21. Jahrhundert

Kants Ansatz zu einer kosmopolitischen Zivilisiertheit verrät einen unentschuldbaren blinden Fleck, in Sätzen wie „Die Menschheit ist in ihrer Vollkommenheit in der Race der Weissen“, oder „Der Neger kann discipliniert und cultiviert, niemals aber echt civilisiert werden“, oder „Alle Racen werden ausgerottet werden, nur nicht die der Weissen“.

Man mag Kants Bild der „Negers“, „Eskimos“ oder „Inder“ aus den kolonialistischen Zeitumständen erklären. Man mag seine Anthropologie als eurozentrisch kritisieren. Aber aus der rassistischen Befangenheit der Philosphen des 18. Jahrhunderts können wir durchaus etwas über unsere Befangenheiten im 21. Jahrhundert lernen. Wir können an Kants Projekt weiterarbeiten: an einer Zivilisiertheit, die den Stammesmenschen in uns bändigt, das lokale Wir-Gefühl übersteigt. Dieses Gefühl tendiert zur ideologisch nutzbaren Herdenwärme. Es muss täglich zivilisiert werden. Man mag daran zweifeln, dass uns ein universeller Wertekanon oder ein „Welt-Ethos“ leiten kann. Aber wer streitet ab, dass in der Kakophonie unzähliger lokaler Stimmen Töne zu vernehmen sind, die alle hören und verstehen können? Der Universalismus beginnt ganz unten – bei dir und mir.

Die letzte Ausgabe von „Die Anstalt“ (ZDF) angesehen.

Thema:“Rassismus“.

Erschrocken über die Tatsache, dass Kant, Marx und auch Han-
nah Ahrendt böse rassistische Äußerungen von sich gegeben
haben über die Minderwertigkeit afrikanischer Völker.

Doch sind wir jetzt bessere Menschen, wenn wir mit dem Zeige-
finger auf bekannte Figuren der Historie zeigen?

Zeigen wir damit nicht auch von uns weg?

Mal ehrlich: Wir könnten sachlich die wirklich schlimmen Äuße-
rungen von Menschen der Vergangenheit verorten und - luftho-
lend - feststellen, dass wir hier im Jetzt und Morgen wirklich frei
von Ressentiments gegen anders wirkende, anders lebende
Mitmenschen sind.

Dem ist nicht so - Ressentiments sind so tief in uns verankert,
dass wir sie zwar kognitiv in den emotionalen Untergrund schie-
ben können, doch wie Faulgase blasenartig Sedimente verlas-
sen stoßen sich Vorurteile und Verurteile ständig den Weg in
unser täglich Handeln frei, wo sie wahrlich kleinseelig Spuren
hinterlassen, die nicht mal eben mit einem „Entschuldigen sie
bitte“ korrigiert werden können.

Gemerkt?

Den Bruch im Text?

Auch ich schreibe von mir weg, obwohl ich von mir schrieb, mei-
nen Schrecken schilderte - dass Prinzip „die anderen machen
das“ schiebt sich als Schutzschild vor das Ego, was gerne im
energiesparenden Selbstbild verharrt, nicht gestört werden will.

Nun kann ich mich nicht als ausgesprochenen Rassisten be-
schreiben, doch die Tendenz, aus Situationen des Unmuts in
die Richtung zu denken, diese Tendenz ist so tief implementiert
wie der doppelseitige Tinnitus, der sich laut sein Gehör ver-
schafft.

Und immer, wenns gerade mal wieder übermäßig pfeift, erinnert
mich der Ton an die lautlosen Wesenszüge, die anderen und
mir nicht so zuträglich sind, einer ständigen Bearbeitung bedür-
fen.

Ich wünsche nicht anderen Menschen explizit einen Tinnitus,
um sich daran zu erinnern, selbst einer Erneuerung im Wege zu
stehen; unser menschliches Abstraktionsvermögen sollte in der
Lage sein, für sich das Gelesene entsprechend zu verwerten.

Die Ironie besteht ja bei Kant darin, dass er nicht nur diese unsäglichen Definitionen von sich gegeben hat, sondern dass die Kriterien, nach denen wir heute Rassismus benennen und verurteilen, auch wenn uns das nicht bewusst ist, eben auch aus seiner Philosophie stammen. Man kann sogar mit seiner kritischen Philosophie recht gut erläutern, wie beides zusammengeht ('der natürliche Hang zum Bösen' betrifft eben auch Kant). Die Grundlage des kategorischen Imperativs, der 'Gemeinsinn' der Kritik der Urteilskraft etc., ohne diese Gedanken ist jedenfalls der vernünftige Mensch und der moderne Humanismus kaum zu denken.

Ein zusätzlicher Hinweis ist vielleicht noch erlaubt. In den letzten Jahren gab es immer wieder Diskussionen über Fragen, wann das Leben beginne, die Würde des Fötus etc. In all diesen Diskussionen kam und kommt es immer wieder zu biologischen Definitionen des Menschen. Besonders die katholische Kirche hat sich dankbar mit der Genetik verbündet, da sie sich mit der göttlichen Seele des Menschen gut assoziieren lässt - auch wenn es sich da um sehr verschiedene Konzepte handelt. Berührungsangst gegenüber solchen Nützlichkeiten hatte die Kirche ja noch nie.
Nun lässt sich aber aus der Biologie so etwas wie Menschenrechte, gleiche Rechte für alle etc. nicht ableiten - und auch der Hinweis, es gebe gar keine Menschenrassen, mag biologisch gesehen stimmen, ist aber letztlich irrelevant und im Übrigen den Rassisten auch schnuppe. Biologisch sind nämlich dennoch alle Menschen untereinander verschieden – die DNA lässt grüssen. Die Biologie hat jedenfalls ein sehr hohes Missbrauchspotential in Fragen des Rassismus, und es ist kein Zufall, dass viele deskriptive Begründungen aus der biologischen Verhaltenslehre stammen – "wir sind eben von Natur aus so".

Der Mensch lässt sich nur von seiner Intelligenz (= seiner Möglichkeit und Fähigkeit zu urteilen) her bestimmen, und es ist nicht einmal sicher – auch für Kant! – ob er die einzige Intelligenz ist. Vorurteile - zu denen auch der Rassismus gehört - haben wir jedenfalls alle. Bekämpfen kann man sie vor allem mit dem Blick auf die eigenen, also mit der Reflexion, die im Mittelpunkt von Kants Philosophie steht. Er jedenfalls hat nie gewünscht, dass man ihm einfach glaubt, und der Wunsch nach fehlerfreien Vorbildern wäre entsprechend auch zu reflektieren.

Bei den Arabern, Indern, Chinesen gibt es keine Aufregung (undeutsch, Haip)wegen der rassistischen Weissen in USA, Europa, der Schweiz. Sie wissen,. wie mit Gästen aus Afrika umzugehen: Sie zu ihrem Nutzen einzusetzen. Ich weiss, keine politisch korrekte Meinungsäusserung.

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